Neu im Kino/Filmkritik: Genrefilme aus Deutschland: „Freies Land“ von Christian Alvart

Januar 11, 2020

Ostdeutschland, 1992: Die beiden Kriminalpolizisten Patrick Stein (Trystan Pütter) und Markus Bach (Felix Kramer) suchen zwei spurlos verschwundene, an der Schwelle zum Erwachsensein stehenden Schwestern. Sind sie nur von zu Hause abgehauen oder wurden sie ermordet?

Stein ist jung, offensichtlich ein Paragraphenreiter, kommt aus dem Westen und telefoniert ständig mit seiner hochschwangeren Frau, die von seinem Einsatz im Osten nicht begeistert ist. Auch er möchte so schnell wie möglich wieder zurück in seine Heimat.

Bach war schon in der DDR Ermittler. Seine Methoden und sein Verhalten scheinen direkt aus dem Hollywood-Drehbuch für den Hardboiled-Detective der alten Schule zu stammen: saufen, vögeln, Verdächtige einschüchtern und schlagen – und vielleicht auch noch Beweise manipulieren. Bei ihren Ermittlungen in der einsamen ostdeutschen Marschlandschaft entdecken die beiden gegensätzlichen Polizisten schnell, dass schon zu DDR-Zeiten Mädchen aus dem Dorf spurlos verschwanden.

In dem Moment wird aus dem Thriller eine Gesellschaftsanalyse, die auch danach fragt, was von der DDR im neuen Deutschland überlebte.

Aus dieser Idee wird allerdings wenig gemacht. Christian Alvart, einer der wenigen deutschen Regisseure, der gerne und zuverlässig für das Kino gelungene Genrefilme (wie „Antikörper“, „Pandorum“, „Banklady“ und „Abgeschnitten“) inszeniert, erzählt in „Freies Land“ eine Geschichte, die Krimifans bereits aus „Mörderland – La Isla Mínima“ (La Isla Mínima, Spanien 2014) kennen. Alvart kopiert den Film fast Einstellung für Einstellung. Nur dass bei ihm aus den satten spanischen Farben ein braungraues deutsches Einerlei wird. Neben den Farben gehen bei der Verlegung der Geschichte von Spanien nach Deutschland alle gesellschaftlichen und politischen Hintergründe verloren.

Alberto Rodriguez‘ Thriller entwickelt seine Wirkung zu einem nicht unerheblichen Teil aus dem Wissen um die Erbschaften der Franco-Diktatur und dem die gesamte Gesellschaft beherrschenden Katholizismus mit seinen Moralvorstellungen.

Dagegen ist die weitgehend säkularisierte DDR nur ein kümmerlicher Ersatz. In dem vereinigten Deutschland gibt es dann DDR-Nostalgie, von Westlern entlassene Arbeiter und einen austauschbaren Krimiplot, für den Alvart sich eine halbe Stunde mehr Zeit nimmt als Rodriguez ohne dabei mehr in die Tiefe zu gehen. So wirkt „Freies Land“ oft unerträglich langatmig. Denn gerade der nackte Thrillerplot ist schon in „Möderland – La Isla Minima“ nicht besonders aufregend. Er dient vor allem als ein Vehikel für eine vielfältige Gesellschaftsanalyse, die auch danach fragt, wie mit den Erbschaften einer Diktatur umgegangen werden soll.

Vielleicht wäre „Freies Land“ besser geworden, wenn Alvart die Geschichte nicht in das Jahr 1992 sondern in das Jahr 1952 verlegt hätte. Dann hätte ein junger Polizist (wahlweise aus West- oder Ostdeutschland) sich mit den Hinterlassenschaften der Nazi-Zeit hätte beschäftigen müssen. Oder wenn Alvart einfach eine neue Geschichte erfunden hätte, anstatt eine bekannte Geschichte in einer anderen Kulisse noch einmal zu erzählen.

Freies Land (Deutschland 2020)

Regie: Christian Alvart

Drehbuch: Christian Alvart, Sigfried Kamml

mit Felix Kramer, Trystan Pütter, Nora Waldstätten, Ben Hartmann, Ludwig Simon, Uwe Dag Berlin, Leonard Kunz, Michael Specht, Marc Limpach, Alva Schäfer, Nurit Hirschfeld, Alexander Radszun, Marius Marx

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Freies Land“

Moviepilot über „Freies Land“

Meine Besprechung von Christian Alvarts „Banklady“ (Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Christian Alvarts „Halbe Brüder“ (Deutschland 2015)

Meine Besprechung von Christian Alvarts „Steig. Nicht. Aus!“ (Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Christian Alvarts Sebastian-Fitzek/Michael-Tsokos-Verfilmung „Abgeschnitten“ (Deutschland 2018)


TV-Tipp für den 15. Dezember: Ein Kind wird gesucht

Dezember 15, 2017

Arte, 20.15

Ein Kind wird gesucht (Deutschland 2017)

Regie: Urs Egger

Drehbuch: Katja Röder, Fred Breinersdorfer

3. September 2010: in der Nähe von Grefrath (Nordrhein-Westfalen) verschwindet der zehnjährige Mirco spurlos. Die Polizei beginnt mit der Suche, die nicht Tage oder Wochen, sondern Monate dauert.

Der Krimi basiert auf einem wahren Fall. Das Drehbuch ist von Katja Röder und Fred Breinersdorfer, der schon öfter wahre Kriminalfälle zu packenden Krimis verarbeitete. Und das steigert die Erwartungen.

Mit Heino Ferch, Silke Bodenbender, Johann von Bülow, Felix Kramer

Hinweise

Arte über „Ein Kind wird gesucht“

Wikipedia über „Ein Kind wird gesucht“

Homepage von Fred Breinersdorfer


Neu im Kino/Filmkritik: Männer „Zwischen Welten“

März 28, 2014

Wie gerne würde ich „Zwischen Welten“, den neuen Film von Feo Aladag loben. Ihr vorheriger Film „Die Fremde“ hatte zwar Storyprobleme, vor allem das plötzliche Ende und das unentschlossene Agieren der Protagonistin gefielen mir nicht, aber er bot einen guten Einblick in das Leben einer jungen Türkin, die versuchte zwischen der deutschen und der türkischen Kultur ihren Weg zu finden.
In „Zwischen Welten“ geht es um den Culture Clash zwischen deutschen Soldaten, die in Afghanistan die „Freiheit am Hindukusch“ verteidigen und der dortigen Bevölkerung.
Jesper meldet sich für einen weiteren Afghanistan-Einsatz zurück. Er soll mit seiner Truppe ein Dorf gegen den wachsenden Einfluss der Taliban schützen. Um sich mit den Einheimischen zu verständigen, ist er auf die Hilfe von Tarik, einem jungen Dolmetscher, angewiesen. Tarik und seine Schwester schweben allerdings in großer Gefahr, weil er aufgrund seiner Arbeit als Verräter gilt.
Das ehrliche Bemühen, etwas über den Auslandseinsatz der Bundeswehr und Afghanistan zu erzählen, kann Aladag nicht abgesprochen werden. Sie drehte vor Ort. Mit Einheimischen. Sie wollte nicht nur die Perspektive der Soldaten, sondern auch der Einheimischen und der Frauen zeigen. Sie wollte auch zeigen, dass es in den Städten (gedreht wurde in Kunduz und Mazar-i-Sharif) ein ganz normales Leben gibt – und diese Einblicke in den afghanischen Alltag sind auch die stärksten Szenen des Films.
Aber eine schlüssige Geschichte fand sie nicht und so reiht sie eine undramatische Szene an die nächste. Die Handlungsmotive bleiben größtenteils im Dunkeln. Die Beziehung zwischen Jesper und Tarik wirkt immer wie eine Drehbuchbehauptung. Die Männer von Jespers Einheit bleiben austauschbar. Auch über Jesper erfahren wir eigentlich nichts.
Diese mangelhafte Charakterisierung fällt besonders stark auf, wenn man sie mit der Einführung der Charaktere in „Lone Survivor“ vergleicht. In dem Film wurden die Protagonisten innerhalb weniger Minuten zu dreidimensionalen Charakteren, deren Tod uns Nahe ging. In „Zwischen Welten“ ist das, wenn Menschen sterben oder verletzt werden, nicht der Fall.
Am Ende des deshalb langweiligen, thesenhaften und didaktisch ausgewogenen Films bleibt das Gefühl, dass uns etwas wichtiges gesagt werden sollte. Aber wir haben keine Ahnung was – und da hilft auch kein Dreh vor Ort mit Einheimischen.

Zwischen Welten - Plakat

Zwischen Welten (Deutschland 2014)
Regie: Feo Aladag
Drehbuch: Feo Aladag
mit Ronald Zehrfeld, Mohsin Ahmady, Saida Barmaki, Abdul Salam Yosofzai, Felix Kramer, Burghart Klaußner
Länge: 103 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Zwischen Welten“
Moviepilot über „Zwischen Welten“
Wikipedia über „Zwischen Welten“


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