Neu im Kino/Filmkritik: „Supervized – Helden bleiben Helden“, auch im Altersheim

Dezember 13, 2019

Was geschieht wenn Superhelden alt werden? Sie landen, jedenfalls in Steve Barrons Komödie „Supervized – Helden bleiben Helden“, im Altersheim. Das ist nachvollziehbar. Denn bei allen Superkräften, die Superhelden haben, gehört das Besiegen der eigenen, natürlichen Sterblichkeit nicht dazu. Und sie sind notorische Einzelgänger. Sie haben vielleicht einen Sidekick, aber normalerweise keine Familie und keine Kinder. Finanziell sind sie entweder superreich oder Geld ist kein Thema. Da können die letzten Tage problemlos in einem noblen Altersheim verbracht werden.

Das irische Altersheim Dunmanor ist so ein herrschaftliches Anwesen. Es liegt idyllisch im Wald. Wenn dort die Bewohner ihre verbleibenden Superkräfte irrtümlich oder gedankenlos einsetzen, wird wenig zerstört. Dazwischen pflegen „Maximum Justice“ Ray, „Shimmy“ Ted, „Total Thunder“ Ted und „Moonlight“ Madera, wie normale Menschen, ihre alten Freund-, Feind- und Liebschaften, während sie über das Essen meckern.

Als „Rainbow Warrior“ Jerry stirbt, beobachtet Ray einige Dinge, die ihn zu dem Schluss kommen lassen, dass es eine Verschwörung gegen sie gibt. Zusammen mit den anderen Superhelden will er die Übeltäter bekämpfen. Allerdings muss er seine Freunde zuerst überzeugen, dass diese Verschwörung keine Spinnerei eines alten Mannes, der nicht mehr gebraucht wird, ist. Und er muss gegen die Gebrechlichkeiten des Alters ankämpfen.

Supervized“ hat eine wundervolle Idee. Auch die Besetzung ist durchaus beachtlich. Beau Bridges, Tom Berenger und Louis Gossett Jr. gehören zwar nicht zur Hollywood-A-Liga, aber sie sind verdiente Schauspieler. Und einer der Drehbuchautoren ist John Niven. Er ist bekannt als scharfzüngiger und skandalfreudiger Autor. Ich sage nur „Kill your friends“, „Gott bewahre“ und „Straight White Male“. Sein böser und respektloser Humor könnte dem Superheldengenre etliche neue Facetten abgewinnen. Im Film findet sich nichts davon. Die Witze sind platt. Eine Satire muss mit der Lupe gesucht werden. Und der kreative Input scheint sich mit der Idee „wie wäre es, wenn wir altersschwache Superhelden im Altersheim zeigen“ erschöpft zu haben.

Aus der Idee wurde nämlich keine Geschichte entwickelt. Es gibt einige der üblichen Pippi-Kacka-Alzheimer-Witze, die sich über alte Menschen anbieten und die hier erstaunlich lieblos und mit einem erstaunlich schlechtem Timing präsentiert werden. Es gibt einige nette Szenen, wie eine Präsentation der Superhelden auf dem Wochenmarkt. Am Ende gibt es dann den Kampf der Superhelden gegen den Bösewicht.

Steve Barron inszenierte die Geschichte in einer grottenschlechten, sehr billig aussehenden Videooptik, wie man es vielleicht von einem Debütfilm erwartet. Oder einem hoffnungslos unterbudgetiertem und ohne irgendeine künstlerische Ambition gedrehtem Alterswerk. In diesem Fall trifft dann letzteres zu. Barron ist nämlich ein alter Hase. Für die Miniserie „Merlin“ (u. a. mit Sam Neill, Helena Bonham Carter, John Gielgud und Rutger Hauer) wurde er für den Primetime-Emmy nominiert. Er inszenierte unzählige Musikvideos, u. a. „A-Ha: Take on Me“, „Dire Straits: Money for Nothing“, „ZZ Top: Rough Boy“ und „David Bowie: Underground“. Gerade von einem altgedientem Musikvideo-Regisseur hätte man ein visuell einfallsreicheres und überzeugenderes Werk erwarten können.

So verschenkt „Supervized“ seine interessante Prämisse zugunsten eines vollkommen missratenen Films.

Supervized – Helden bleiben Helden (Supervized, Irland/Großbritannien 2019)

Regie: Steve Barron

Drehbuch: Andy Briggs, John Niven, Roger Drew (zusätzliche Dialoge), Ed Dyson (zusätzliche Dialoge)

mit Tom Berenger, Beau Bridges, Fionnua Flanagan, Louis Gossett Jr., Fiona Glascott, Elya Baskin, Hiran Abeysekera

Länge: 87 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Supervized“

Metacritic über „Supervized“

Rotten Tomatoes über „Supervized“

 


TV-Tipp für den 29. Juli: Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten

Juli 28, 2019

ARD, 20.15

Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten (Brooklyn, Irland/Großbritannien/Kanada 2015)

Regie: John Crowley

Drehbuch: Nick Hornby

LV: Colm Tóibín: Brooklyn, 2009 (Brooklyn)

Irland, frühe fünfziger Jahre: die junge, introvertierte Eilis Lacy (Saoirse Ronan, u. a. Oscar-, Golden-Globe- und Bafta-nominiert) wandert auf der Suche nach einem besseren Leben nach New York aus. In Brooklyn hat sie innerhalb der irischen Gemeinschaft zunächst Heimweh, lernt aber die neue Welt und einen Mann kennen.

Zuerst einmal ein dickes Lob an die Programmverantwortlichen, die „Brooklyn“ als TV-Premiere zur Hauptsendezeit bringen.

Und jetzt zum Film: Sehr schönes, genau beobachtetes Liebesdrama über eine Frau zwischen zwei Welten und Männern.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Saoirse Ronan, Domhnall Gleeson, Emory Cohen, Jim Broadbent, Julie Walters, Jane Brennan, Fiona Glascott, Eileen O’Higgins, Brid Brennan, Emily Beth Rickards, Eve Macklin, Nora-Jane Noone, Jessica Paré

Wiederholung: Dienstag, 30. Juli, 02.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Moviepilot über „Brooklyn“
Metacritic über „Brooklyn“
Rotten Tomatoes über „Brooklyn“
Wikipedia über „Brooklyn“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von John Crowleys „Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten“ (Brooklyn, Irland/Großbritannien/Kanada 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Saoirse Ronan ist in „Brooklyn“

Januar 22, 2016

Irland, fünfziger Jahre. Keine Gegend, in der man unbedingt leben möchte. Immerhin ist es die tiefste Provinz, in der jeder jeden kennt und alles über einen weiß und es wenig Arbeit gibt. Also entschließt sich die junge, introvertierte Eilis Lacy (Saoirse Ronan), angestoßen von ihrer Schwester, das heimatliche Dorf Enniscorthy, ihre Mutter und ihre Schwester, zu verlassen und in den USA ihr Glück zu versuchen. Über den irischstämmigen Geistlichen Father Flood (Jim Broadbent) hat sie in Brooklyn ein Zimmer in dem Haus von Mrs. Kehoe (Julie Walters) und eine Anstellung als Verkäuferin in einem Kaufhaus bekommen. Dennoch hat sie Heimweh, bis sie den jungen, charmanten italienischen Klempner Tony Fiorello (Emory Cohen) kennen lernt.
Doch dann stirbt ihre Schwester und muss sie zurück nach Enniscorthy und plötzlich scheint in ihrer alten Heimat alles Bestens zu laufen: sie erhält eine Büroarbeit und der umschwärmte Rugby-Spieler Jim Farrell (Domhnall Gleeson) interessiert sich für sie.
Wenn man „Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten“, der unter anderem für den Oscar als bester Film des Jahres nominiert ist, so zusammenfasst, dann klingt es nach einer banalen Liebesgeschichte und man könnte nicht mehr daneben liegen. Denn John Crowley erzählt, nach einem Drehbuch von Nick Hornby, eine Auswanderergeschichte, bei der nicht, wie gewohnt, ein Mann, sondern eine Frau im Mittelpunkt steht. Allein das verleiht „Brooklyn“, wie der vor wenigen Wochen bei uns gestarteten Patricia-Highsmith-Verfilmung „Carol“ (über eine lesbische Liebe in den Fünfzigern in New York), schon eine besondere Note. Und wie „Carol“ ist „Brooklyn“ in erster Linie ein feinfühliges Charakterporträt einer Frau, die ihren Weg finden muss. Die sich zwischen zwei Welten und damit verbundenen Lebensentwürfen entscheiden muss. Soll sie wieder zurück in das dörfliche und beengte Enniscorthy oder doch wieder zurück in das großstädtische und weltoffene New York? Obwohl sie einmal betont, sie wohne nicht in New York, sondern in Brooklyn und auch hier gibt es Grenzen, Vorurteile und die Suche nach dem Traummann. Mrs. Kehoe führt ihre Pension, in der nur junge, alleinstehende Frauen wohnen, mit strenger Hand und sie hat immer eine eindeutige Meinung. Vor allem bei den gemeinsamen Abendessen. Die einzelnen Ethnien, im Film die Iren und die Italiener, bleiben untereinander. So ist Eilis erstaunt, dass sie auf einer irischen Feier einen Italiener kennen lernt. Vor dem Abendessen bei Tonys Familie wird sie auf das Essen von italienischem Essen vorbereitet und das Abendessen verläuft zunächst, dank gegenseitiger Vorurteile und Rücksichtnahmen, in äußerst gedrückter Stimmung.
John Crowley setzte Nick Hornbys präzises Oscar-nominiertes Drehbuch formidabel und wohltuend unaufgeregt um. „Brooklyn“ wirkt in seiner langsamen, sich auf die Menschen und ihr Leben einlassenden Erzählweise als sähe man einen Film aus den Fünfzigern, der auch eine kleine, fast schon ethnographische Gesellschaftsanalyse ist.
Getragen wird der Film von Saoirse Ronan, die hier eine sehr introvertierte Person spielt, die immer wenig bis nichts von sich verrät und allen, weil sie ungern im Mittelpunkt steht, höflich-reserviert begegnet. Und trotzdem interessiert man sich für sie. Das brachte ihr, neben etlichen weiteren Nominierungen und Preisen, eine Oscar-Nominierung als beste Schauspielerin ein.
„Brooklyn“ ist ein ruhiger, schöner, sehr introvertiertes Drama, das, wie „Carol“ etwas Geduld verlangt, weil auf die üblichen Mittel der Emotionalisierung, was bei einem Liebesdrama natürlich Kitsch in großen Portionen ist, verzichtet wird.

Brooklyn - Plakat

Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten (Brooklyn, Irland/Großbritannien/Kanada 2015)
Regie: John Crowley
Drehbuch: Nick Hornby
LV: Colm Tóibín: Brooklyn, 2009 (Brooklyn)
mit Saoirse Ronan, Domhnall Gleeson, Emory Cohen, Jim Broadbent, Julie Walters, Jane Brennan, Fiona Glascott, Eileen O’Higgins, Brid Brennan, Emily Beth Rickards, Eve Macklin, Nora-Jane Noone, Jessica Paré
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Brooklyn“
Metacritic über „Brooklyn“
Rotten Tomatoes über „Brooklyn“
Wikipedia über „Brooklyn“ (deutsch, englisch)


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