Neu im Kino/Filmkritik: Über Michael Kliers „Idioten der Familie“

September 14, 2019

Weil Heli (Jördis Triebel), die jahrelang auf ihre jüngere Schwester aufpasste, als Malerin noch einmal künstlerisch durchstarten will, soll Ginnie (Lilith Stangenberg) in ein Heim. Bis jetzt lebte die geistig schwer behinderte sechsundzwanzigjährige Ginnie im Haus der verstorbenen Eltern.

Wenige Tage vor diesem für Ginnie entscheidenden Ortswechsel sind ihre Brüder Frederik (Kai Scheve), Tommie (Hanno Koffler) und Bruno (Florian Stetter) noch einmal für ein Wochenende in ihr Elternhaus gekommen.

In diesem Moment beginnt Michael Kliers neuer Film „Idioten der Familie“. Nur langsam erschließt sich der von mir eingangs geschilderte Grund für diese Familienzusammenkunft, in der die Geschwister noch einmal darüber sprechen, ob sie bezüglich Ginnie die richtige Entscheidung getroffen haben. Dabei wird der Wechsel in die Behinderten-Wohngruppe so dramatisiert, als ob sie ihre Schwester danach nicht mehr sehen können. Das ist natürlich Unfug. Sowieso ist Ginnies Umzug nur der austauschbare Grund für das Geschwistertreffen. Ginnie irrlichtert durch den Film, während ihre Geschwister allesamt um sich selbst kreisen und ihre Lebenslügen pflegen. Die Egozentriker entfachen jetzt einen Sturm im Wasserglas. Nach dem Wochenende werden vor allem die Brüder schnell wieder in ihr Leben ohne ihre behinderte Schwester zurückkehren und sie in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren wahrscheinlich genauso oft besuchen, wie sie es in den vergangenen Wochen, Monaten und Jahren getan haben.

Das fast ausschließlich in dem Haus und Garten spielende Drama wirkt mehr wie eine improvisierte Probe an einem Wochenende im Haus eines Freundes als wie ein richtiger Film. Denn aus den einzelnen Szenen ergibt sich keine richtige Geschichte, sondern nur eine Abfolge verschieden befremdlicher Episoden, in denen die Geschwister sich lieben und hassen, auf die Nerven gehen, versöhnen und auch sexuell belästigen. Schon lange vor dem Abspann sinkt jegliche Sympathie und Interesse an den verkorksen Figuren und ihrem bildungsbürgerlich zelebriertem Selbstmitleid auf Null.

Erschwerend kommt die Zeichnung von Ginnie hinzu, die nur als „Wir spielen eine Behinderte“-Schauspielübung ihre Berechtigung hat.

Michael Klier inszenierte „Überall ist es besser, wo wir nicht sind“, „Ostkreuz“, „Heidi M.“ (sein heute wohl bekanntester Film) und „Farland“. Außerdem ist er einer der Drehbuchautoren von Dominik Grafs „Der Rote Kakadu“.

Idioten der Familie (Deutschland 2018)

Regie: Michael Klier

Drehbuch: Michael Klier, Karin Aström

mit Lilith Stangenberg, Jördies Triebel, Hanno Koffler, Florian Stetter, Kai Scheve

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Idioten der Familie“

Moviepilot über „Idioten der Familie“

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Petting statt Pershing“, damals, in der Provinz

September 5, 2019

1983: Helmut Schmidt beginnt gerade seine Karriere als Mitherausgeber der „Zeit“, Helmut Kohl beschwört die geistig-moralische Wende und in den Reihenhaussiedlungen der Provinz werden langsam, sehr langsam, also wirklich sehr langsam die Gedanken der Hippies von freier Liebe, Drogen und Frieden aufgenommen. „Petting statt Pershing“ war ein damals bekannter Slogan – und ist jetzt der Titel der neuen Komödie von Petra Lüschow. In den vergangenen Jahren schrieb sie die Drehbücher für „Nachbeben“ „Tannöd“, „Tatort: Schmutziger Donnerstag“ und den von ihr inszenierten Kurzfilm „Der kleine Nazi“. „Petting statt Pershing“ ist ihr Spielfilmdebüt, das auch auf eigenen Erinnerungen basiert und irgendwo in der westdeutschen Provinz, eher in Nord- als Süddeutschland (und nach den Autokennzeichen in Hessen im Landkreis Groß-Gerau), spielt.

Im Mittelpunkt steht die siebzehnjährige Ursula Mayer, die intelligent, aber noch Jungfrau ist. Das möchte sie unbedingt ändern. Die Erfahrungen mit Gleichaltrigen sind allerdings desaströs. Als neues Objekt der Begierde bietet sich der neue Lehrer Siegfried Grimm an. Er ist als linksalternativer, verständnisvoller und kluger Lehrer das Gegenteil der alten Lehrer, die noch den Krieg erlebten und Kadavergehorsam für eine Tugend halten. Außerdem soll der auf einem Bauernhof in einer Kommune lebende Lehrer bei der Wahl seiner Sexpartnerinnen sehr offen zu sein. Er soll noch nie „Nein“ gesagt haben.

Während Ursula sich an Grimm heranpirscht, springt dieser mit seinen Mitbewohnerinnen, Ursulas Mutter und Ursulas Sportlehrerin ins Bett oder ins Gebüsch. Auch Ursulas Vater, der biedere Dorfdoktor, ist einem Seitensprung nicht abgeneigt. Und Ursulas Großvater, ein Weltkrieg-II-Veteran, steckt immer noch in der Vergangenheit fest. Der neue Feind ist der Öko-Bauernhof.

Das sind eigentlich genug Konflikte für eine Provinzkomödie, die einen Blick auf einen filmisch bislang wenig aufgearbeiteten Teil der bundesdeutschen Geschichte wirft. Trotzdem will der Film nicht begeistern. Er ist eine Komödie ohne Witz. Vieles wird bei dem mild verklärenden Blick in die eigene Vergangenheit zwar angesprochen, aber nicht weiter vertieft oder zugespitzt zu einer Vision über die damalige Zeit und das Erwachsenwerden in den Achtzigern. Dafür wäre eine Haltung zur Vergangenheit und auch zur Geschichte nötig.

In „Petting statt Pershing“ wird allerdings alles gezeigt, ohne dass jemals jemand verurteilt oder in einem Gag herabgesetzt wird. Bei der augenfällig übergewichtigen Ursula ist es schön, dass es keine Witze über Dicke gibt und sie auch keine Frustessen-Szene hat. Eher schon wird ihre Intelligenz bezweifelt. Lehrer Grimm ist vor allem ein netter Hallodri. Gegenüber keiner seiner Sexpartnerinnen hat er irgendwelche weitergehenden Ansprüche. Für ihn ist die Ideologie der freien Liebe die Entschuldigung, Sex zu haben, ohne sich emotional engagieren zu müssen und ohne dafür bezahlen zu müssen. Mit ihm und den anderen im Film auftauchenden Männern hätte Lüschow über männliche Besitzansprüche, wie sie Macht über Frauen ausüben und wie Frauen sich dagegen wehren erzählen können. Das tut sie höchst halbherzig, während die frühen achtziger Jahre vor allem eine beliebig austauschbare Kulisse für einige Liebesgeschichten sind, die nie das Niveau von echten Liebeswirren erreichen.

Wie es besser geht zeigen, um nur einige neuere europäische Filme zu nennen, „Die wilde Zeit“, „Die göttliche Ordnung“ und „La belle saison – Eine Sommerliebe“, die alle in den siebziger Jahren spielen und Geschichten von einem Aufbruch erzählen. Das wäre auch in „Petting statt Pershing“ möglich gewesen.

Stattdessen gibt es unwitzigen Provinzklamauk über fremdgehende Männer und Frauen, etwas Coming of Age, ein, zwei Witze über die damals noch lebenden Nazis, mehr oder weniger passendes, oft beliebig wirkendes Zeitkolorit (so lief „Donnerlippchen“ zwischen 1986 und 1988 im TV) und viele verpasste Chancen.

Petting statt Pershing (Deutschland 2018)

Regie: Petra Lüschow

Drehbuch: Petra Lüschow

mit Anna Hornstein, Florian Stetter, Christina Große, Thorsten Merten, Hermann Beyer, Britta Hammelstein, Leon Ulrich, Barbara Phillip

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

frühere Titel waren „Es ist aus, Helmut“ und „Ursula Mayer gegen den Rest der Welt“

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Petting statt Pershing“

Moviepilot über „Petting statt Pershing“

 


TV-Tipp für den 3. Juni: Die geliebten Schwestern

Juni 3, 2017

ARD, 20.15

Die geliebten Schwestern (Deutschland/Österreich 2013/2014)

Regie: Dominik Graf

Drehbuch: Dominik Graf

Dominik Grafs wunderschöner Film über die Beziehung von Friedrich Schiller zu den Schwestern Charlotte und Caroline von Lengefeld.

Alles weitere in meiner ausführlichen Besprechung.

Das Erste zeigt die gut dreistündige Berlinale-Fassung.

mit Hannah Herzsprung, Florian Stetter, Henriette Confurius, Claudia Messner, Ronald Zehrfeld, Maja Maranow, Anne Schäfer, Andreas Pietschmann, Michael Wittenborn

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Die geliebten Schwestern“

Moviepilot über „Die geliebten Schwestern“

Wikipedia über Friedrich Schiller

Berlinale über „Die geliebten Schwestern“ (leider gibt es von der Pressekonferenz nur noch Ausschnitte) (und beim RBB sind die Pressekonferenzen inzwischen auch offline)

Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“

Meine Besprechung der von Dominik Graf inszenierten TV-Serie  „Im Angesicht des Verbrechens“

Meine Besprechung von Johannes F. Sieverts Interviewbuch „Dominik Graf – Im Angesicht des Verbrechens: Fernseharbeit am Beispiel einer Serie“

Meine Besprechung von Chris Wahl/Jesko Jockenhövel/Marco Abel/Michael Wedel (Hrsg.) “Im Angesicht des Fernsehens – Der Filmemacher Dominik Graf”

Meine Besprechung von Dominik Grafs “Die geliebten Schwestern” (Deutschland/Österreich 2013/2014)

Dominik Graf in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 22. Juni: Die geliebten Schwestern

Juni 22, 2016

Arte, 20.15

Die geliebten Schwestern (Deutschland/Österreich 2013/2014)

Regie: Dominik Graf

Drehbuch: Dominik Graf

Dominik Grafs wunderschöner Film über die Beziehung von Friedrich Schiller zu den Schwestern Charlotte und Caroline von Lengefeld.

Alles weitere in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Hannah Herzsprung, Florian Stetter, Henriette Confurius, Claudia Messner, Ronald Zehrfeld, Maja Maranow, Anne Schäfer, Andreas Pietschmann, Michael Wittenborn

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Die geliebten Schwestern“

Moviepilot über „Die geliebten Schwestern“

Wikipedia über Friedrich Schiller

Berlinale über „Die geliebten Schwestern“ (leider gibt es von der Pressekonferenz nur noch Ausschnitte) (und beim RBB sind die Pressekonferenzen inzwischen auch offline)

Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“

Meine Besprechung der von Dominik Graf inszenierten TV-Serie  „Im Angesicht des Verbrechens“

Meine Besprechung von Johannes F. Sieverts Interviewbuch „Dominik Graf – Im Angesicht des Verbrechens: Fernseharbeit am Beispiel einer Serie“

Meine Besprechung von Chris Wahl/Jesko Jockenhövel/Marco Abel/Michael Wedel (Hrsg.) “Im Angesicht des Fernsehens – Der Filmemacher Dominik Graf”

Meine Besprechung von Dominik Grafs “Die geliebten Schwestern” (Deutschland/Österreich 2013/2014)

Dominik Graf in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 23. April: Die reichen Leichen. Ein Starnbergkrimi

April 23, 2016

BR, 22.00
Die reichen Leichen – Ein Starnbergkrimi (Deutschland 2014, Regie: Dominik Graf)
Drehbuch: Sathyan Ramesh
Erster Arbeitstag für Polizeimeisteranwärterin Fink am Starnberger See und gleich gibt es eine Leiche, die aussieht wie der schon lange verstorbene König Ludwig II.
Heimatkrimi, Graf-Style. Das ist dann Meilenweit von den üblichen „Soko Kitzbühel“-Erzeugnissen entfernt.
mit Annina Hellenthal, Andreas Giebel, Florian Stetter, Hannes Jaenicke, Ulrike C. Tscharre, Alicia von Rittberg, Martin Feifel, Eisi Gulp, Beatrice Richter, Saski Vester
Hinweise

Filmportal über “Die reichen Leichen”

Die Zeit spricht mit Dominik Graf über “Die reichen Leichen” (17. Oktober 2014)

Critic über “Die reichen Leichen”

Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“

Meine Besprechung der von Dominik Graf inszenierten TV-Serie  „Im Angesicht des Verbrechens“

Meine Besprechung von Johannes F. Sieverts Interviewbuch „Dominik Graf – Im Angesicht des Verbrechens: Fernseharbeit am Beispiel einer Serie“

Meine Besprechung von Chris Wahl/Jesko Jockenhövel/Marco Abel/Michael Wedel (Hrsg.) “Im Angesicht des Fernsehens – Der Filmemacher Dominik Graf”

Meine Besprechung von Dominik Grafs “Die geliebten Schwestern” (Deutschland/Österreich 2013/2014)

Dominik Graf in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 3. Mai: Die reichen Leichen – Ein Starnbergkrimi

Mai 3, 2015

Eins Festival, 20.15
Die reichen Leichen – Ein Starnbergkrimi (Deutschland 2014, Regie: Dominik Graf)
Drehbuch: Sathyan Ramesh
Erster Arbeitstag für Polizeimeisteranwärterin Fink am Starnberger See und gleich gibt es eine Leiche, die aussieht wie der schon lange verstorbene König Ludwig II.
Heimatkrimi, Graf-Style. Das ist dann Meilenweit von den üblichen „Soko Kitzbühel“-Erzeugnissen entfernt.
mit Annina Hellenthal, Andreas Giebel, Florian Stetter, Hannes Jaenicke, Ulrike C. Tscharre, Alicia von Rittberg, Martin Feifel, Eisi Gulp, Beatrice Richter, Saski Vester
Wiederholung: Donnerstag, 7. Mai, 01.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Filmportal über „Die reichen Leichen“

Die Zeit spricht mit Dominik Graf über „Die reichen Leichen“ (17. Oktober 2014)

Critic über „Die reichen Leichen“

Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“

Meine Besprechung der von Dominik Graf inszenierten TV-Serie  „Im Angesicht des Verbrechens“

Meine Besprechung von Johannes F. Sieverts Interviewbuch „Dominik Graf – Im Angesicht des Verbrechens: Fernseharbeit am Beispiel einer Serie“

Meine Besprechung von Chris Wahl/Jesko Jockenhövel/Marco Abel/Michael Wedel (Hrsg.) “Im Angesicht des Fernsehens – Der Filmemacher Dominik Graf”

Meine Besprechung von Dominik Grafs “Die geliebten Schwestern” (Deutschland/Österreich 2013/2014)

Dominik Graf in der Kriminalakte

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Die geliebten Schwestern“ und der bekannte Dichter

August 1, 2014

Fast zehn Jahre sind seit Dominik Grafs letztem Kinofilm „Der rote Kakadu“ vergangen. In dem Film erzählte er von Jugendlichen in der DDR kurz vor dem Bau der Mauer und ihrer Liebe zum Rock’n’Roll. Seitdem drehte er eifrig für das Fernsehen, vor allem Krimis, die nie nach Fernsehen aussahen, wurde von der Kritik abgefeiert und auch mit einigen Büchern geehrt, die seine Bedeutung und Ausnahmestellung im deutschen Film unterstreichen.

Er drehte auch das historische Drama „Das Gelübde“ (2007) über Clemens Brentano und 2001 die in die Gegenwart verlegte Henry-James-Verfilmung „Die Freunde der Freunde“ (mit Matthias Schweighöfer in der Hauptrolle, als er noch kein Star war). Beide Filme zeigten, dass Graf sich nicht nur auf den Straßen der Großstadt wohlfühlt und wenn man beide Filme kennt, ist sein neuer Film „Die geliebten Schwestern“, der schon auf der Berlinale von der Kritik abgefeiert wurde, gar nicht so überraschend.

Ins Kino kommt jetzt eine 139-minütige Fassung. Auf der Berlinale lief eine 170-minütige Fassung und später im Fernsehen soll eine 190-minütige Fassung laufen, die dann wohl einige Probleme nicht mehr hat, die die jetzige Kinofassung hat. Denn wie in das Biopic „Carlos – Der Schakal“ zerfastert „Die geliebten Schwetern“ im letzten Drittel. Graf sagt zwar, dass die drei Fassungen sich nur in ihrem Erzählrhythmus unterscheiden. Trotzdem hatte ich den Eindruck, dass gegen Ende herzhafter zur Schere gegriffen und der anfängliche Erzählfluss grob gestört wurde. Jedenfalls war da so bei „Carlos, der Schakal“, und seitdem ich die TV-Fassung kenne, ist das im Kino ungeliebte letzte Drittel der beste Teil des Biopics.

Graf, der für seinen neuesten Film auch das Drehbuch schrieb, erzählt eine Dreiecksgeschichte, eine Liebesgeschichte zwischen einem Mann und zwei Frauen, sozusagen „’Jules & Jim‘ umgekehrt“, und weil der Mann Friedrich Schiller ist, spielt der Film in der Vergangenheit.

1788 lernt der Dichter (Florian Stetter), der durch sein Theaterstück „Die Räuber“ bekannt ist, in Weimar zufällig Charlotte von Lengefeld (Henriette Confurius) kennen. Charlotte ist bei ihrer Tante, der unglücklich verliebten Frau von Stein (Maja Maranow), um zu einer Hofdame erzogen zu werden und einen finanziell gut ausgestatteten Mann zu finden. Der mittellose Friedrich Schiller ist es nicht, aber Charlotte kann mit dem höfischen Leben nichts anfangen und nachdem sie von ihrem letzten Verehrer sitzen gelassen wurde, ist sie auch zu Tode betrübt. Ihr gelingt es noch nicht einmal einen vermögenden Dummkopf von ihren Vorzügen zu überzeugen.

Da findet ihre etwas ältere und schon unglücklich verheiratete Schwester Caroline von Beulwitz (Hannah Herzsprung) in Charlottes Schreibtisch einen Brief von Friedrich, beantwortet ihn und lädt den Dichter ein, den Sommer in Rudolfstadt an der Saale bei ihnen auf dem Familienanwesen zu verbringen.

Friedrich nimmt die Einladung an und, weil die drei sich prächtig verstehen, erleben sie einen wundervollen Sommer voll unschuldiger Liebe und verschlüsselter Briefe, die sie munter untereinander austauschen.

In diesen Momenten hat der Film die Unschuld und Beschwingtheit, die auch Francois Truffauts „Jules & Jim“ in den ersten Minuten hat und unter den historischen Kostümen geht es überhaupt nicht muffig zu. Graf erzählt eine unglaubliche, aber historisch verbürgte Liebesgeschichte, aus einer Zeit, als Liebesheiraten kaum vorkamen, weil Vernunftehen normal waren. Heiraten waren finanzielle Abkommen, die im Fall der Familie von Lengefeld dazu dienen sollten, das Überleben des Hofes zu sichern. Das konnte ein mittelloser Dichter natürlich nicht leisten.

Aber nach dem Sommer geht das Leben weiter. Nach dem Sommer der Unschuld, heiratet Friedrich Charlotte, er wird Professor in Weimar, sie bekommen mehrere Kinder, während Caroline als Autorin bekannt wird, sie treffen sich in diesen Jahren immer wieder unter vierschiedenen, nicht immer glücklichen Umständen und nie empfinden sie dabei die Lebensfreude und Unschuld des Sommers von 1788, wo Friedrich Schiller auch Johann Wolfgang von Goethe begegnete. Der Film wird episodischer und rast durch die Jahre ohne jemals wieder die Faszination und Ruhe des ersten gemeinsamen Sommers zu haben. Es wird halt, fast schon protokollarisch im gefürchteten Biopic-Stil, das weitere Leben von Friedrich, Charlotte und Caroline abgehandelt.

Natürlich ist „Die geliebten Schwestern“ sehenswert und viel besser als viele andere deutsche Filme. Aber in der Kinofassung ist es auch nicht Grafs bestes Werk, sondern eher Stückwerk, Teil eines größeren Ganzen, das wir erst irgendwann, wenn im Fernsehen die dreistündige Fassung läuft, wirklich beurteilen können.

Die geliebten Schwestern - Plakat

 

Die geliebten Schwestern (Deutschland/Österreich 2013/2014)

Regie: Dominik Graf

Drehbuch: Dominik Graf

mit Hannah Herzsprung, Florian Stetter, Henriette Confurius, Claudia Messner, Ronald Zehrfeld, Maja Maranow, Anne Schäfer, Andreas Pietschmann, Michael Wittenborn

Länge: 139 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Die geliebten Schwestern“

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Wikipedia über Friedrich Schiller

Berlinale über „Die geliebten Schwestern“ (leider gibt es von der Pressekonferenz nur noch Ausschnitte) (und beim RBB sind die Pressekonferenzen inzwischen auch offline)

Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“

Meine Besprechung der von Dominik Graf inszenierten TV-Serie  „Im Angesicht des Verbrechens“

Meine Besprechung von Johannes F. Sieverts Interviewbuch „Dominik Graf – Im Angesicht des Verbrechens: Fernseharbeit am Beispiel einer Serie“

Meine Besprechung von Chris Wahl/Jesko Jockenhövel/Marco Abel/Michael Wedel (Hrsg.) “Im Angesicht des Fernsehens – Der Filmemacher Dominik Graf”

Dominik Graf in der Kriminalakte


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