Neu im Kino/Filmkritik und zwei Buchhinweise: Das Steampunk-Abenteuer „Mortal Engines: Krieg der Städte“

Dezember 15, 2018

Die Menschen haben es geschafft: innerhalb weniger Minuten zerstörten sie in gut hundert Jahren die Welt, wie wir sie kennen. Danach fiel die Menschheit auf eine frühere technische Entwicklungsstufe zurück. Jahrhunderte nach dem Sechzig-Minuten-Krieg ist die Erde immer noch eine Ödnis. Städte bewegen sich über die Erdoberfläche. Kleine Städte werden von größeren Städten gefressen. London ist, jedenfalls von den Städten, die in Christian Rivers‘ Verfilmung des Fantasy-Jugendbuchs „Mortal Engines: Krieg der Städte“, zu sehen sind, die größte Stadt.

In dieser Steampunk-Welt will Hester Shaw (Hera Hilmer) Thaddeus Valentine (Hugo Weaving) töten. Valentine ist der führende Archäologe Londons, ein Abenteurer, der ungekrönte Herrscher Londons, der die riesige Stadt zu neuer, ungeahnter Größe führen will, und der Mörder von Hester Shaws Mutter. Als Valentine sie ermordete, verletzte er Hester im Gesicht. Seitdem ist sie entstellt. Oft verbirgt sie ihr Gesicht hinter einem roten Schal. Im Film hat sie eine Narbe, im Roman ist ihr Gesicht eine Fratze des Schreckens. Über viele Jahre suchte sie Valentine.

Als sie ihn in London töten will, verhindert der junge Hilfshistoriker Tom Natsworthy (Robert Sheehan) die Tat. Hester kann durch einen Abfallschacht aus London flüchten. Davor sagt sie Tom, er solle Valentine fragen, warum er ihre Mutter umbrachte. Tom tut es und wird von Valentine in den Schacht gestoßen.

Beide überleben den Sturz in die Großen Jagdgründe. So wird die Gegend genannt, in der London gerade auf der Suche nach Städtenahrung ist. Hester möchte immer noch Valentine töten. Tom, der als Stadtkind keine fünf Minuten in der Einöde überleben würde, schließt sich ihr an.

Valentine, der seine letzten Zweifel an Hesters Tod ausräumen will, schickt Shrike (Stephen Lang) hinter ihr her. Shrike ist eine Menschmaschine (vulgo Untoter oder Wiedererweckter), der aus zunächst noch unbekannten Gründen, Hester unbedingt töten will.

Außerdem verfolgt Valentine ein geheimes Projekt. Aus Artefakten aus der Vergangenheit der Menschheit will er eine Waffe herstellen, die ihm unbegrenzte Macht verleihen könnten.

Bevor Valentine diese Waffe aus der Vergangenheit erstmals einsetzt, vergeht viel Filmzeit, in der Hester und Tom sich näher kommen und viele Abenteuer erleben.

Christian Rivers inszenierte diese Geschichte mit viel CGI als Abenteuergeschichte für junge Zuschauer. Er ist ein jahrzehntelanger Mitarbeiter von „Herr der Ringe“-Regisseur Peter Jackson, der „Mortal Engines: Krieg der Städte“ zunächst selbst inszenieren wollte. Er drehte dann die drei „Der Hobbit“-Filme und produzierte diesen Fantasyfilm.

Der Roman von Philip Reeve ist ein Jugendbuch. „Mortal Engines: Krieg der Städte“ erhielt den Nestlé Smarties Book Prize in der Alterskategorie 9 – 11 Jahre; – und das kann als empfohlenes Lesealter genommen werden. Im Buch sind Hester und Tom fünfzehn Jahre alt. Im dem Roman nicht sklavisch folgendem Film sind sie fünf Jahre älter. Das ist vor allem kommerziellen Erwägungen geschuldet. Davon abgesehen spricht „Mortal Engines: Krieg der Städte“ von seiner gesamten Machart vorpubertäre Jugendliche an, die ein bildgewaltiges Science-Fiction/Fantasy-Abenteuer erleben wollen. Sie werden sich auch nicht an der simplen Und-dann-Dramaturgie stören, die auf ein Finale bei der im Osten in den Bergen liegenden Großstadt Shan Guo zuschlurft.

Ältere Zuschauer werden sich daran stören und die Zeit bis dahin mit Vergleichen zu anderen Filmen vertreiben. Vor allem die „Krieg der Sterne“-Filme werden als reichlich gefüllter Fundus an Bildern, Ideen (so gibt es einen Moment, in dem bei der Pressevorführung der gesamte Saal am liebsten den einen legendären Satz aus „Das Imperium schlägt zurück“ gesagt hätte), Geräten und Flugzeugen. Wenn nicht gerade „Star Wars“ als Ideengeber benutzt wird, geht es munter durch Filme wie „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ (der Stummfilm, mit Max Schreck als Graf Dracula, der in Shrike seinen Wiedergänger gefunden hat) und „V wie Vendetta“. In ein, zwei Sätzen wird auch ein Kampf zwischen Traktionisten und Anti-Traktionisten (bzw. fahrenden, alles verschlingenden Städtern und ihren Gegnern) angesprochen. Politisch interessierte Zuschauer können diese Sätze, die Handlungsorte und den Ort des Finales politisch interpretieren. Aber den Konflikt muss man noch nicht einmal im Ansatz verstehen, um die Filmgeschichte zu verstehen. Am Ende will Valentine einfach nur eine Stadt zerstören, weil er es kann und er sein neues Spielzeug ausprobieren will.

Für Philip Reeve war sein Romandebüt „Mortal Engines: Krieg der Städte“ der Auftakt zu einer Tetralogie und ergänzender Geschichten aus dieser von ihm erfundenen Fantasywelt der fahrenden Städte. Damit haben die Filmemacher genug Material für weitere Filme, die auch erkennbar geplant sind. Denn einige Szenen und groß eingeführte Figuren sind für die Geschichte dieses Films unwichtig. Aber sie könnten in den späteren Filmen wichtiger werden. Die Filmgeschichte selbst ist dagegen vollkommen in sich abgeschlossen. Das gilt auch für das Filmende, das keine eindeutigen Hinweise auf den nächsten „Mortal Engines“-Film enthält. Nachdem in den letzten Jahren einige Blockbuster nur die nächsten Filme vorbereiten sollten, die dann doch nicht gedreht wurden, ist das Ende ein erfreulicher Gegenentwurf.

Ob man „Mortal Engines: Krieg der Städte“ jetzt für einen gelungenen Steampunk-Abenteuerfilm oder für ein schamloses Plündern anderer Filme hält, hängt stark von der Erwartung und dem Standpunkt ab. Als Zwölfjähriger wäre „Mortal Engines: Krieg der Städte“ wahrscheinlich mein „Star Wars“ und damit der beste Film aller Zeiten. So ist er ein „Star Wars“-Rip-Off, das einfach nur, noch einmal, alte und uralte Ideen und Bilder in glänzender Optik präsentiert. Das ist dann alles zu sehr Altbekanntes in neuer Verpackung mit flachen Figuren in einer schlecht entwickelter Filmgeschichte, die sich nicht an Erwachsene, sondern an Kinder richtet.

Auf der großen Leinwand sehen die durch die Matschlandschaft fahrenden Steampunk-Städte allerdings grandios aus. Auch wenn die Idee, dass eine Millionenstadt wie London quer durch Old Europe Richtung Osten fährt und alles verschlingt, was ihr in den Weg kommt, vollkommen idiotisch ist.

Mortal Engines: Krieg der Städte (Mortal Engines, USA/Neuseeland 2018)

Regie: Christian Rivers

Drehbuch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson

LV: Philip Reeve: Mortal Engines, 2001 (Großstadtjagd; Mortal Engines: Krieg der Städte)

mit Hera Hilmar, Robert Sheehan, Hugo Weaving, Jihae, Ronan Raftery, Leila George, Patrick Malahide, Stephen Lang

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage – und was nach dem Abspann geschah

Wer nicht bis zum nächsten Film warten will, kann schon jetzt lesen, wie die Geschichte von Hester Shaw und Tom Natsworthy weitergeht; – wenn die Macher sich an die Romangeschichte halten.

Pünktlich zum Filmstart veröffentlichte der Fischer Verlag die ersten beiden „Mortal Engines“-Romane. Die nächsten „Mortal Engines“-Romane „Der Grüne Sturm“ und „Die verlorene Stadt“ folgen im Februar und Mai 2019. Die Romane richten sich an ein junges Publikum und erhielten in Großbritannien mehrere Kinder- und Jugendbuchpreise.

Und jedes Wort über „Jagd durchs Eis“ würde viel über „Krieg der Städte“ verraten. Daher schreibe ich jetzt nichts über die weiteren Abenteuer von Hester und Tom in der Welt der „Mortal Engines“.

Philip Reeve: Mortal Engines: Krieg der Städte

(übersetzt von Nadine Püschel und Gesine Schröder)

Fischer Verlag/TOR, 2018

336 Seiten

12 Euro

Originalausgabe

Mortal Engines

Scholastic Ltd., 2001

Deutsche Erstausgabe

Großstadtjagd

(übersetzt von Anja Hansen-Schmidt)

Beltz & Gelberg, 2003

Zweite deutsche Ausgabe

Mortal Engines: Krieg der Städte

Ravensburger Buchverlag, 2008

Philip Reeve: Mortal Engines: Jagd durchs Eis

(übersetzt von Nadine Püschel und Gesine Schröder)

Fischer Verlag/TOR, 2018

368 Seiten

12 Euro

Originalausgabe

Predator’s Gold

Scholastic Ltd., 2003

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Mortal Engines: Krieg der Städte“

Metacritic über „Mortal Engines: Krieg der Städte“

Rotten Tomatoes über „Mortal Engines: Krieg der Städte“

Wikipedia über „Mortal Engines: Krieg der Städte“ (deutsch, englisch)

Homepage von Philip Reeve


Neu im Kino/Filmkritik: Peter Jacksons „Der Hobbit – Smaugs Einöde“ erzählt die weiteren Abenteuer von Bilbo

Dezember 12, 2013

 

Die Tolkien-, „Herr der Ringe“- und „Der Hobbit“-Fans haben sicher schon ihre Kinokarte für „Der Hobbit – Smaugs Einöde“ gelöst und nichts, was ich sage, wird sie von einem Besuch abhalten.

Die überzeugten Verächter von J. R. R. Tolkien, „Herr der Ringe“, „Der Hobbit“ und allem, wo „Fantasy“ draufsteht, werden sich auch den Mittelteil von Peter Jacksons dreiteiliger „Der Hobbit“-Verfilmung nicht ansehen.

Aber wie sieht es für die Anderen aus?

Nun, „Smaugs Einöde“ erzählt die Geschichte des ersten „Der Hobbit“-Films „Eine unerwartete Reise“ weiter und in einem Jahr gibt es mit „Hin und zurück“ den wieder gut dreistündigen Abschluss von Peter Jacksons episch langer Verfilmung eines ziemlich dünnen Buches. Eigentlich hat man das Kinderbuch schneller gelesen als gesehen.

Jedenfalls sind jetzt Bilbo Beutlin, Thorin Eichenschild, ihre zwölf Zwergenfreunde und der Zauberer Gandalf auf dem Weg. Sie wollen das Zwergenreich Erebor befreien. In „Smaugs Einöde“ müssen sie durch den Düsterwald, kämpfen gegen riesige Spinnen, werden von den Waldelben gefangen genommen, können dank Bilbo und des ihn unsichtbar machenden Rings flüchten, indem sie sich in Weinfässern durch einen reißenden Fluss treiben lassen, werden vom Fährmann Bard über den See nach Seestadt gefahren und gehen in den Einsamen Berg, um dort den Arkenstein zu holen. Dabei müssen sie gegen den titelgebenden Drachen Smaug, der in dem Berg in einer riesigen, gut gefüllten Schatzkammer lebt, kämpfen.

Das ist so ungefähr die den Tolkien-Fans bekannte Geschichte des gut dreistündigen Films, der im wesentlichen eine Abfolge von Action-Setpieces ist, die einerseits atemberaubend anzusehen sind, andererseits aber auch mit der Zeit langweilen. Denn sie dehnen sich endlos. Es gibt zuerst eine, dann zwei, dann eine gefühlte Hundertschaft riesiger Spinnen, die von den kampferprobten Elben Tauriel und Legolas getötet werden. Es gibt dann noch eine und noch eine und noch eine weitere Flussmündung. Es tauchen Hundertschaften von Orks auf, die Bilbo und seine Freunde umbringen wollen und von den kampferprobten Elben Tauriel und Legolas getötet werden. Gern auch mal enthauptet, aber immer unblutig. Und im Einsamen Berg dauert der Kampf zwischen Smaug und Bilbo verdammt lang. Dann kommen die anderen Zwerge hinzu und es dauert noch länger und der halbe Berg wird zerstört, ehe der Film mit einem Cliffhanger endet, der ganz klar auf ein Publikum zielt, das den ersten Teil kennt und den dritten Teil sehen will.

Denn als Einzelwerk ist „Smaugs Einöde“ nur ein Showcase für die Tricktechniker und für die Qualität von 3D, auch wenn der 3D-Effekt in den ersten Minuten, wenn Gandalf und Thorin Eichenschild sich in einer Gaststätte unterhalten, eher an einen Scherenschnitt erinnern. Aber später entfalten die Bilder auf der großen Leinwand ihre ganze Pracht und, auch wenn sie immer an bekannte Bildwelten anknüpfen, überwältigen sie.

Auch der im ersten Teil kritisierte Eindruck, dass der mit 48 Einzelbildern pro Sekunde aufgenommene Film immer wieder wie eine billige Nachmittags-TV-Sendung wirke, ist nicht vorhanden. Die echten und die am Computer entstandenen Sets wirken atemberaubend realistisch.

Die Schauspieler sind gut. Dafür sind die Dialoge eher lausig. Halt der übliche Schwurbel, den man aus Mittelalter- und Fantasy-Filmen kennt.

Und damit kommen wir zur Eingangsfrage zurück: Lohnt sich „Smaugs Einöde“ für Menschen, die einfach nur einen guten Film sehen wollen?

Nein, denn unter dem Actionfeuerwerk geht jede Charakterentwicklung zugrunde. Wir erfahren in den Actionszenen auch eigentlich nichts über die Charaktere (denn: Action ist Handlung! Handlungen enthüllen den Charakter!), ihre Motivation und was das Ziel der Reise ist. Hier gibt es nur bunt zusammengewürfelte Reiseerlebnisse.

Auch das große Finale im dritten „Der Hobbit“-Film wird nicht vorbereitet. So bleibt unklar, warum die Orks Bilbo und seine Gefährten so hartnäckig verfolgen; warum die beiden Elben sich als unbeteiligte Gruppe so sehr in den Kampf zwischen den Zwergen und den Orks einmischen; welche Rolle Bard im dritten „Der Hobbit“-Film haben könnte. Über ihn erfahren wir nur, dass er ein Seemann und Vater ist und Ärger mit dem Bürgermeister hat. Wir wissen auch nicht wo Gandalf, der Bilbo und seine Schar am Filmanfang für eine andere, wichtige Aufgabe verließ, gefangen gehalten wird und ob und wie seine Gefangenschaft die Ereignisse im dritten Teil beeinflussen könnte.

Das sind natürlich alles Fragen, auf die die „Hobbit“-Fans die Antwort kennen, aber in einem Film sollte die Vorlage filmgerecht aufbereitet werden und natürlich sollten auch Späteinsteiger die nötigen Informationen im Film erhalten (was leidlich funktioniert) und es sollten im zweiten Akt alle nötigen Informationen für den Höhepunkt gegeben werden. Denn die Aufgabe von „Smaugs Einöde“ ist nur, „Hin und zurück“ vorzubereiten.

Der Hobbit – Smaugs Einöde“ ist ein Film für die zahlreichen „Der Hobbit“-/“Herr der Ringe“-Fans, die den ersten Film gesehen haben und den dritten Film sehen werden.

Der Hobbit - Smaugs Einöde - Plakat

Der Hobbit – Smaugs Einöde (The Hobbit: The Desolation of Smaug, USA 2013)

Regie: Peter Jackson

Drehbuch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson, Guillermo del Toro

LV: J. R. R. Tolkien: The Hobbit, 1937 (Kleiner Hobbit und der große Zauberer, Der kleine Hobbit, Der Hobbit oder Hin und zurück)

mit Martin Freeman, Ian McKellen, Richard Armitage, Benedict Cumberbatch, Evangeline Lilly, Lee Pace, Luke Evans, Ken Stott, James Nesbitt, Orlando Bloom, Stephen Fry, Mikael Perbrandt

Länge: 161 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Der Hobbit – Smaugs Einöde“

Moviepilot über „Der Hobbit – Smaugs Einöde“

Metacritic über „Der Hobbit – Smaugs Einöde“

Rotten Tomatoes über „Der Hobbit – Smaugs Einöde“

Wikipedia über „Der Hobbit – Smaugs Einöde“ (deutsch, englisch)

Homepage von J. R. R. Tolkien

Homepage der deutschen Tolkien-Gesellschaft

Freeman? Cumberbatch?


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