Neu im Kino/Filmkritiken: „Die Spur“ führt „Alte Jungs“ zum „Das Leuchten der Erinnerung“

Januar 4, 2018

Auch wenn die Kinobesucher in den letzten Jahren im Durchschnitt immer älter wurden, sind immer noch fast vierzig Prozent der Kinobesucher unter dreißig Jahre. Immer noch kann bei ihnen das große Geld verdient werden und die Älteren, die Dreißig- bis Fünfzigjährigen (wieder gut vierzig Prozent) gehen dann auch in die Filme. Vielleicht weil ein, zwei Schauspieler dabei sind, die man seit frühester Jugend bewundert. Beispiele finden sich in jedem Superheldenfilm. Vielleicht weil es ein Kinderfilm ist, den man sich mit seinen Kindern ansieht.

Trotzdem gibt es immer mehr Filme, die sich explizit an ein älteres Publikum richten. Und damit meine ich nicht Vierzig- oder Fünfzig-Plus, sondern Sechzig- oder, wenn man dann noch rüstig ist, Siebzig-Plus. In den Filmen steht das Leben rüstiger und nicht mehr so rüstiger Rentner im Mittelpunkt. Mit Schauspielern, deren Sturm- und Drangjahre schon einige Jahre zurückliegen.

Diese Woche starten gleich drei sehenswerte Filme in unseren Kinos, die abgesehen von ihren, ähem, älteren Protagonisten kaum unterschiedlicher sein könnten. „Die Spur“ ist ein Kriminalfilm aus Osteuropa. „Das Leuchten der Erinnerung“ ein US-Roadmovie mit Starbesetzung. Und „Alte Jungs“ eine Komödie aus Luxemburg.

In „Alte Jungs“ beschließen vier Männer zwischen 65 und 84 Jahren, nachdem sie es sich endgültig im Altersheim verscherzt haben, ein Haus zu mieten und dort ein richtig progressives Altersheim für sich und alle anderen Alt-68er einzurichten. Ein Haus, das ihnen die gewohnten Freiheiten gibt, in dem sie nicht bevormundet werden und aus dem sie nicht herausgeworfen werden können.

Das ist der mit viel Schnaps entstandene Plan, für den sie Mitstreiter suchen, ein Anwesen finden und Geld beschaffen müssen. Auch im benachbarten Luxemburg ist das ein Plan, der leichter gedacht, als ausgeführt ist. Vor allem weil die finanziellen Möglichkeiten der alten Jungs begrenzt sind, die Kinder (sofern vorhanden) keine große Hilfe sind und sie nicht den Weg von Lina Braake gehen wollen

Mit seinen ersten Spielfilmen „Troublemaker“ und „A Wopbobaloobop a Lopbamboom“ wurde der luxemburger Regisseur Andy Bausch, der Filme über seine Heimat drehte, auch bei uns bekannt. Danach drehte er Krimis für das deutsche Fernsehen (u. a. „Die Männer vom K3“, „Doppelter Einsatz“, „Balko“), Dokumentarfilme und jetzt „Alte Jungs“.

Es ist eine, dem Alter der Protagonisten entsprechend, ziemlich gemütlich erzählte, sympathische Komödie, in der die meisten Charaktere eine gesunde Abneigung gegen Gesetze und Regeln haben.

Am Ende verwirklichen sich ihre Pläne für ihren letzten Aufenthaltsort (also den vor der letzten Ruhestätte) anders, als sie es planen.

Das Leuchten der Erinnerung“ ist dann Starkino. Immerhin wurden die Hauptrollen mit Helen Mirren und Donald Sutherland mehr als prominent besetzt. Er spielt einen zunehmend dementen, pensionierten Literaturprofessor. Sie seine patente, unheilbar an Krebs erkrankte Frau. Als letzte große Reise plant sie eine Fahrt quer durch die USA zu den Orten, an denen sie früher waren oder schon immer hin wollten. Das Ziel ihrer Reise ist das Haus von Ernest Hemingway in Key West, Florida.

Eines Tages setzt sie ihn, ohne ihren Kindern etwas zu sagen, in Wellesley, Massachusetts, in den (im Original) titelgebenden „Leisure Seeker“ hinter das Steuer. Denn sie kann nicht fahren, aber die Landkarte lesen und sie behält bei dieser Reise in den Süden immer den Überblick. Sie kennt auch jede seiner Marotten und hilft ihm immer wieder, wenn er sich nicht erinnern kann oder vom richtigen Weg abkommt.

Paolo Virzi („Die süße Gier“, „Die Überglücklichen“) inszenierte ein herziges Roadmovie, sozusagen ein „Easy Rider“ für die Silver Ager, das uns einmal quer durch die USA führt, garniert mit Humor, etwas Drama, Sentiment und Erinnerungen. Da kommt alles so herzig zusammen, dass man auch die eine Szene verzeiht, in der der von Sutherland gespielte links-liberale, immer die Demokraten wählende Lehrer, bei einer Wahlkampfveranstaltung, plötzlich zum Trump-Fan mutiert.

Eine andere Art von Schauspielerkino präsentiert Agnieszka Holland in ihrem neuen Spielfilm „Die Spur“, den sie mit ihrer Tochter Kasia Adamik als Co-Regisseurin drehte.

Holland arbeitete zuletzt viel in den USA, wo sie Folgen für TV-Serien wie „House of Cards“, „The Killing“, „Treme“, „The Wire“ und „Cold Case“ und die Miniserie „Rosemary’s Baby“ inszenierte. Cineasten mit einem funktionierendem Langzeitgedächtnis erinnern sich an ihre frühen Spielfilme wie „Eine alleinstehende Frau“, „Bittere Ernte“ (Oscar-nominiert), „Hitlerjunge Salomon“ (Oscar- und Bafta-nominiert, Golden-Globe-Gewinner) und „Der geheime Garten“. Davor war die Polin Regieassistentin von Krzysztof Zanussi und Andrzej Wajda. Und sie schrieb, oft mit Co-Autoren, Drehbücher. Für Wajda schrieb sie unter anderem „Eine Liebe für Deutschland“, „Danton“ und „Korczak“. Für Krzysztof Kieślowskis „Drei Farben: Blau“ und „Drei Farben: Weiß“. Da lohnt sich ein tiefes Eintauchen in die Filmarchive oder Arte präsentiert einmal eine Agnieszka-Holland-Reihe.

Bis dahin kann man sich ihren neuen Film „Die Spur“ ansehen. Er spielt in einem Bergdorf an der polnisch-tschechischen Grenze. Janina Duszejko (Agnieszka Mandat) ist eine pensionierte Bauingenieurin, die allein mit ihren Hunden in einem einsam gelegenem Haus lebt, zum Zeitvertreib Kindern in der Dorfschule Englischunterricht gibt und sich mit Gott und der Welt anlegt. Denn für sie sind Tiere gleichberechtigte Lebewesen. Die Jagd, vor allem wenn die Jäger außerhalb der Jagdsaison Wild schießen, lehnt sie vehement ab. Ihre zahlreichen, erfolglosen Anzeigen bei der Polizei belegen das. Denn die Polizei, der Bürgermeister und auch der Pfarrer halten die Jagd für ein Teil der polnischen Kultur und natürlichen Ordnung.

Als mehrere Jäger bei Jagdunfällen sterben, stellt sich die Frage, ob es Unfälle oder Morde waren. Oder, immerhin inszeniert Holland die polnischen Wälder als traumverlorene, dunkle Landschaft voller Schatten. In der Dämmerung (vulgo: Jagdzeit) verblassen die Farben, die Konturen und damit die Gewissheiten des helllichten Tages. In dieser düster-romantischen Atmosphäre erscheint es auch möglich, dass die Tiere sich an den Jägern rächen.

Auf den ersten Blick ist „Die Spur“ mit seiner Suche nach dem Mörder ein Kriminalfilm. Aber Holland vernachlässigt immer wieder die Mördersuche zugunsten eines eindrucksvollen Porträts ihrer Protagonistin Janina Duszejko und der immer noch archaischen Welt, in der sie lebt. Sie ist die von Kindern geliebte Kräuterhexe und Rebellin gegen die mächtigen Erwachsenen. Die Erwachsenen fürchten und ignorieren sie wegen ihres moralischen Rigorismus. Sie ist die Schreckschraube, die sich von niemandem etwas sagen lässt und keine Probleme damit hat, die halbe Ortschaft, die sehr gut mit, für und durch die Jagd lebt, zum Feind zu haben.

Für Holland ist „Die Spur“ „ein anarchistisch feministischer Ökothriller mit Elementen einer schwarzen Komödie.“

2017 erhielt die starke Charakter- und Milieustudie auf der Berlinale den Alfred-Bauer-Preis. Inzwischen reichte Polen „Die Spur“ als Polens Kandidat für den Oscar als bester fremdsprachiger Film ein. Ihr vorheriger Film „In Darkness“ (2011) war 2012 in der entsprechenden Kategorie für den Oscar nominiert.

Alte Jungs (Rusty Boys, Luxemburg 2017)

Regie: Andy Bausch

Drehbuch: Andy Bausch, Frank Feitler

mit André Jung, Marco Lorenzini, Pol Greisch, Fernand Fox, Josiane Peiffer, Monique Reuter, Myriam Muller, Pitt Simon, Marie Jung

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Alte Jungs“

Wikipedia über „Alte Jungs“

Das Leuchten der Erinnerung (The Leisure Seeker, USA 2017)

Regie: Paolo Virzi

Drehbuch: Stephen Amidon, Francesca Archibugi, Francesco Piccolo, Paolo Virzi

LV: Michael Zadoorian: The Leisure Seeker, 2009 (Das Leuchten der Erinnerung)

mit Helen Mirren, Donald Sutherland, Christian McKay, Janel Moloney, Dana Ivey, Dick Gregory

Länge: 113 Minuten

FSK: ab 12 Jahre (puh, keine Ahnung warum nicht ab 6 oder 0 Jahre)

Hinweise

Deutche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Das Leuchten der Erinnerung“

Metacritic über „Das Leuchten der Erinnerung“

Rotten Tomatoes über „Das Leuchten der Erinnerung“

Wikipedia über „Das Leuchten der Erinnerung“ (deutsch, englisch)

Die Spur (Pokot, Polen/Deutschland/Tschechische Republik/Schweden/Slowakische Republik 2017)

Regie: Agnieszka Holland (in Zusammenarbeit mit Kasia Adamik)

Drehbuch: Olga Tokarczuk, Agnieszka Holland

LV: Olga Tokarczuk: Prowadź swój pług przez kości umarłych. 2009 (Der Gesang der Fledermäuse)

mit Agnieszka Mandat, Wiktor Zboborowski, Miroslav Krobot, Jakub Gierszal, Patricia Volny, Borys Szyc

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Die Spur“

Moviepilot über „Die Spur“

Rotten Tomatoes über „Die Spur“

Wikipedia über „Die Spur“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Die Spur“

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Neu im Kino/Filmkritik: „Mia Madre“, der neue Film von Nanni Moretti

November 19, 2015

Es beginnt mit einem zünftigem Arbeiteraufstand. Gemeinsam, revolutionäre Parolen skandierend, marschieren die Arbeiter gegen die Polizei, die verschlossenen Werktore und den Kapitalismus. Das ist bestes italienisches Siebziger-Jahre-Agitpropkino und Kino ist es auch. Denn schnell unterbricht Margherita (Margherita Buy) den Kampf für ein Gespräch mit ihrem Kameramann.
Margherita ist eine erfolgreiche Regisseurin, die sich gerade von ihrem Freund getrennt hat und ihre flügge werdende Tochter, die einen Führerschein für wichtiger als eine gute Lateinnote hält, lebt bei ihrem Vater. Neben den Dreharbeiten für ihr Arbeiterdrama, – einer der Filme, die heute nicht mehr gemacht werden -, kümmert sie sich auch, wenn sie die Zeit dafür findet, um ihre im Krankenhaus im Sterben liegende Mutter Ada (Giulia Lazzarini). Ihr Bruder Giovanni (Nanni Moretti, eine Legende des italienischen Kinos) kümmert sich vor allem liebevoll um Ada, die, als frühere Lehrerin, immer noch alle mit ihrem enzyklopädischem Wissen beeindruckt. Er scheint auch, nach seiner Kündigung, mit sich und seinem Leben im Reinen zu sein, während Margherita von Selbstzweifeln geplagt ist. Sie steht im Mittelpunkt von „Mia Madre“.
Ihre Selbstzweifel sind die von Nanni Moretti. Immerhin verarbeitet er seit Jahrzehnten in seinen Filmen auch immer persönliche Erlebnisse, oft stellte er sich, seine Gefühle, seine politischen Ansichten und seine Zweifel in den Mittelpunkt seiner Filme, in denen er die Wünsche, Sehnsüchte und Zweifel des linken Bürgertums reflektierte. Auch „Mia Madre“ ist so ein persönlicher Film, der deshalb auch als inoffizielles Making-of zu seinem vorherigen Film „Habemus Papam – Ein Papst büxt aus“ (2011) gesehen werden kann. So hatte Moretti damals Probleme mit Michel Piccoli, dem großen Star des Films, und während des Drehs starb seine Mutter, die ebenfalls eine Lateinlehrerin war.
Es ist, auch wegen des Themas, ein sehr humorfreier, fast schon depressiver Film. Ganz im Gegensatz zu dem verspielten „Liebes Tagebuch“, mit dem er vor über zwanzig Jahren in Deutschland endlich bekannt wurde.
Allerdings funktioniert die Balance aus Szenen von den anstrengenden Dreharbeiten (inclusive der Zweifel, ob ihr relevanter Film wirklich relevant ist), übereilten Krankenhausbesuchen, Gesprächen mit der Tochter, Erinnerungen und Träumen, vor allem realistische Alpträume (wie ihre unter Wasser stehenden Wohnung) nicht wirklich. Was auch daran liegt, dass die Szenen von den Drehbarbeiten mit dem großen US-Star Barry Huggins (John Turturro) etwas zu sehr auf Klamauk angelegt sind. Andererseits reflektiert eben diese leichte Unausgewogenheit zwischen den verschiedene Anforderungen mit denen Margherita kämpft, auch ihre Selbstzweifel und ihr vor allem durch das Sterben ihrer Mutter aus dem Gleichgewicht geratenes Leben.
Die für Margherita und uns am Filmende kommende große Enthüllung über ihre Mutter ist dann auch zu unvermittelt, um wirklich zu überzeugen. Es wirkt eher wie ein schlecht platzierter Taschenspielertrick.
Das gesagt, ist „Mia Madre“ natürlich ein Film, der seine Figuren mit großer Sympathie betrachtet und der sich fragt, wie man zwischen Beruf und Privatleben eine Balance findet, sich verändert und wie man mit dem Sterben seiner Eltern umgeht. Denn das Leben ist nicht perfekt. Und da wäre ein perfekter Film auch die falsche Antwort, weshalb „Mia Madre“ dann vielleicht gerade deswegen perfekt ist.
Auch ohne Vespa.

Mia Madre - Plakat

Mia Madre (Mia Madre, Italien/Frankreich 2015)
Regie: Nanni Moretti
Drehbuch: Nanni Moretti, Francesco Piccolo, Valia Santella (nach einem Treatment von Gaia Manzini, Nanni Moretti, Valia Santella und Chiara Valerio)
mit Margherita Buy, John Turturro, Giulia Lazzarini, Nanni Moretti, Beatrice Mancini, Stefano Abbati
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Mia Madre“
Moviepilot über „Mia Madre“
Metacritic über „Mia Madre“
Rotten Tomatoes über „Mia Madre“
Wikipedia über „Mia Madre“ (englisch, italienisch)


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