Neu im Kino/Filmkritik: Familientradition – Auch „Victor Frankenstein“ erschafft ein Monster

Mai 12, 2016

Die Geschichte von Doktor Frankenstein und seinem Monster dürfte bekannt sein. Im 19. Jahrhundert experimentiert der Doktor mit Leichenteilen, aus denen er ein lebendiges Wesen erschaffen will. Mit Blitzen, Strom und elektrischer Energie als Hilfsmittel. In einer stürmischen Nacht gelingt es ihm. Aber seine Kreatur, das „Monster“, verursacht Probleme.

Marry Shelleys Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ erschien 1818. Seitdem gab es zahlreiche, mehr oder weniger werkferne Verfilmungen, von denen James Whales „Frankenstein“ (USA 1931) und seine Fortsetzung „Frankensteins Braut“ (USA 1935) die bekanntesten sind und alle weiteren Verfilmungen beeinflussten. Das von Boris Karloff verkörperte Monster wurde ein fester Teil der Popkultur.

Jetzt legt Paul McGuigan, nach einem Drehbuch von Max Landis, seine Version von Frankenstein vor, die auch eine Neuinterpretation und ein Spiel mit den bekannten Elementen in einem anderen Umfeld ist. McGuigan inszenierte „Gangster Nr. 1“, „Lucky Number Slevin“ und mehrere „Sherlock“-Filme. Der Stil der „Sherlock“-Filme und der beiden Sherlock-Holmes-Filme von Guy Ritchie beeinflusste überdeutlich „Victor Frankenstein – Genie und Wahnsinn“. Max Landis ist ein Tausendsassa, der gerne bekannte Geschichten und Genretopoi mit vielen Anspielungen neu interpretiert. Zuletzt im Kino als Autor der Actionkomödie „American Ultra“. Nicht immer, wie jetzt bei „Victor Frankenstein“, überzeugt das Ergebnis.

In dem Film ist Victor Frankenstein (James McAvoy), ein Bruder von Henry Frankenstein (dem Doktor aus dem 1931er „Frankenstein“). Er lebt als Medizinstudent in einem viktorianischen Steampunk-London in einem mitten in der Stadt gelegenem Anwesen, in dem er seine Experimente mit, zunächst, Tieren durchführt.

Als er den Zirkus besucht, entdeckt er Igor (Daniel Radcliffe), einen buckligen Clown, der allerdings hyperintelligent ist und aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird. Jedenfalls größtenteils. Frankenstein befreit ihn in einer atemberaubenden Aktion, in der Action Hirn ersetzt. McGuigan inszeniert das, als müsse er „Sherlock“ im viktorianischen London inszenieren. Und James McAvoy spielt Victor Frankenstein als bewerbe er sich für „Sherlock“. Aber vielleicht müssen Intelligenzbestien heute ganz einfach wie Sherlock Holmes sein.

Frankensteins Experimente werden von dem tiefgläubigen Polizeiinspektor Roderick Turpin (Andrew Scott – jaja, der Moriarty aus „Sherlock“) kritisch beäugt.

Nachdem sich Frankensteins Experimente mit Tieren in London immer schwieriger gestalten, geht es im dritten Akt von „Viktor Frankenstein“ an die Küste in eine einsam gelegene Burg. Dort wird, unterstützt durch seinen Kommilitonen Finnegan (Freddie Fox), der als adliger Spross stinkreich und einflussreich ist, das Monster geschaffen – und ich war, während die Geschichte jetzt immer mehr Züge einer Alan-Moore-Geschichte hat, erleichtert, dass die Macher doch noch das lange erwartete Monster präsentieren und „Victor Frankenstein“ nicht nur der Prolog für den nächsten Film ist, in dem der Doktor dann sein menschenähnliches Monster erschafft.

Das ist aber auch eines der Probleme von „Victor Frankenstein“. Die Geschichte plätschert viel zu lange vor sich hin, während sie einige Elemente neu interpretiert und Frankenstein und Igor zu einem Buddy-Duo werden. Das wirkt viel zu oft wie eine fehlgeleitete Episode von „Sherlock“; mit Igor als Dr. Watson und, nun ja, Inspektor Turpin als Inspektor Lestrade. Wenn dann, weit in der zweiten Hälfte des Films, mit dem Auftauchen von Finnegan und seinem Vater als eigennütziger Förderer von Frankensteins Experimenten eine potentiell interessante Verschwörungsgeschichte angedeutet wird, ist die Zeit um.

Victor Frankenstein“ ist trotz vieler Ideen und einer auf dem Papier nicht uninteressanten Neuinterpretation der bekannten Geschichte, letztendlich weder ein guter, noch ein schlechter, sondern ein gänzlich uninteressanter Film.

Viktor Frankenstein - Plakat

Victor Frankenstein – Genie und Wahnsinn (Victor Frankenstein, USA 2015)

Regie: Paul McGuigan

Drehbuch: Max Landis

mit James McAvoy, Daniel Radcliffe, Jessica Brown Findlay, Andres Scott, Charles Dance, Freddie Fox, Guillaume Delaunay, Mark Gatiss (jaja, auch bekannt aus „Sherlock“)

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Victor Frankenstein“

Metacritic über „Victor Frankenstein“

Rotten Tomatoes über „Victor Frankenstein“

Wikipedia über „Victor Frankenstein“ (deutsch, englisch)

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Neu im Kino/Filmkritik: „The Riot Club“ ist nicht vorbildlich

Oktober 11, 2014

Auch wenn in der lauschigen, ehrwürdigen Universitätsstadt Oxford (152.000 Einwohner, 20.000 Studenten), wie wir aus „Inspector Morse“ und „Lewis – Der Oxford Krimi“ wissen, emsig im Universitätsmilieu gemordet wird, zeigt „The Riot Club“ ein Bild der Studentenkultur, das wir so noch nicht gesehen haben.
Der – erfundene – Riot Club ist eine Dining Society, ein elitärer Club, in dem sorgfältig ausgewählte Mitglieder sich zum Jahresabschluss zu einem exklusiven und kostspieligem Abendessen treffen. Mitglied wird man, indem man von anderen Mitgliedern eingeladen wird und die Aufnahmeprüfungen besteht; wobei die Existenz dieser Clubs bekannt, aber ihr Innenleben ein gut gehütetes Geheimnis ist. Jeder hat schon einmal von ihnen gehört, aber niemand spricht darüber. Jeder weiß, dass Premierminister David Cameron und Londons Bürgermeister Boris Johnson zur gleichen Zeit Mitglied im „Bullington Club“ waren, der für seine Exzesse bekannt-berüchtigt ist.
In ihrem Theaterstück „Posh“ poträtiert Laura Wade einen fiktiven Club, der allerdings an den „Bullington Club“ erinnert. Ihr erfolgreiches Theaterstück verarbeitete sie zu einem Drehbuch, das jetzt von Lone Scherfig (Italienisch für Anfänger, An Education) als „The Riot Club“ verfilmt wurde. Der titelgebende Club besteht aus Mitgliedern der englischen Oberschicht, die ein Haufen vergnügungssüchtiger Snobs sind, deren Leben aus Drogenkonsum, Sex und pubertärem Gehabe besteht und die Glauben, sich mit ihrem Geld alles kaufen zu können. Dass diese Elite nicht besonders vorteilhaft wegkommt, wäre untertrieben.
Für das diesjährige Festessen muss, weil der Riot Club aus zehn Mitgliedern besteht, der Clubpräsident zwei neue Mitglieder aufnehmen. Die erste Hälfte des Films zeigt das Leben der Studenten in Oxford und wie der bodenständig-normale Studienanfänger Miles und Alistair, dessen großer Bruder bereits Präsident des Clubs war, Mitglieder des Clubs werden.
In der zweiten Hälfte wird dann mit kühler Präzision die alljährliche Völlerei des Clubs und die ihr innewohnende destruktive Dynamik gezeigt. Denn das Programm des Abends besteht in Essen und Trinken bis zum Umkippen. Die Zerstörung des Inventars ist ein läßlicher Nebenaspekt, der am nächsten Tag ohne mit der Wimper zu zucken finanziell beglichen wird. Spaß haben kostet halt Geld. Und für die Dinge, die nicht sofort mit Geld geregelt werden können, gibt es ja gute Anwälte und Beziehungen, die sie nach diesem Abendessen brauchen werden.
„The Riot Club“ zeigt, trotz satirischer Zuspitzungen und einer wenig subtilen Darstellung der Klassengesellschaft (die edle Arbeiterklasse hier, die dekadenten Reichen da), wie eine Klasse sich an der Macht hält und damit ein marodes System konserviert. Denn das einzig elitäre an dem Riot Club ist der von ihren unhinterfragte Glaube an die eigene Überlegenheit.

The Riot Club - Plakat

The Riot Club (The Riot Club; Posh, Großbritannien 2014)
Regie: Lone Scherfig
Drehbuch: Laura Wade
LV: Laura Wade: Posh, 2010 (Theaterstück)
mit Sam Claflin, Max Irons, Douglas Booth, Sam Reid, Ben Schnetzer, Jack Farthing, Matthew Beard, Freddie Fox, Josh O’Connor, Olly Alexander, Jessica Brown Findlay, Holliday Grainger, Natalie Dormer
Länge: 107 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Riot Club“
Moviepilot über „The Riot Club“
Metacritic über „The Riot Club“
Rotten Tomatoes über „The Riot Club“
Wikipedia über „The Riot Club“


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