TV-Tipp für den 25. April: Der Staat gegen Fritz Bauer

April 25, 2018

Arte, 20.15

Der Staat gegen Fritz Bauer (Deutschland 2015)

Regie: Lars Kraume

Drehbuch: Lars Kraume, Olivier Guez

Generalstaatsanwalt Fritz Bauer möchte im Nachkriegsdeutschland den Nazi-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann vor Gericht bringen.

Spannende Geschichtsstunde

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Burghart Klaußner, Ronald Zehrfeld, Sebastian Blomberg, Jörg Schüttauf, Lilith Stangenberg, Götz Schubert, Michael Schenk

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Film-Zeit über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Moviepilot über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Wikipedia über „Der Staat gegen Fritz Bauer“

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (Deutschland 2015), mein Interview mit Lars Kraume zum Film und die DVD-Besprechung

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Familienfest“ (Deutschland 2015)

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Das schweigende Klassenzimmer“ (Deutschland 2018)


TV-Tipp für den 30. März: Im Labyrinth des Schweigens

März 30, 2018

ZDF, 22.50

Im Labyrinth des Schweigens (Deutschland 2014)

Regie: Giulio Ricciarelli

Drehbuch: Elisabeth Bartel, Giulio Ricciarelli

Die spannend wie ein Polit-Thriller erzählte Vorgeschichte zum Auschwitz-Prozess, der von 1963 bis 1967 unter großer öffentlicher Anteilnahme in Frankfurt am Main vor Gericht verhandelt wurde.

In dem Film versucht ein junger Staatsanwalt, unter der Aufsicht von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, in jahrelanger mühseliger Kleinarbeit die nötigen Beweise für eine Anklage gegen die Täter in dem Konzentrationslager Auschwitz zu bekommen, während in Deutschland gerade das Wirtschaftswunder und das kollektive Vergessen gefeiert wurden.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung der heutigen TV-Premiere.

mit Alexander Fehling, André Szymanski, Friederike Becht, Gert Voss, Johannes Krisch, Hansi Jochmann, Johann von Bülow, Robert Hunger-Bühler, Lukas Miko, Lisa Martinek

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Im Labyrinth des Schweigens“
Film-Zeit über „Im Labyrinth des Schweigens“
Moviepilot über „Im Labyrinth des Schweigens“
Wikipedia über „Im Labyrinth des Schweigens“ (deutsch, englisch)
taz: Interview mit Ex-Staatsanwalt Gerhard Wiese (einer der Ankläger im Auschwitz-Prozess und eines der Vorbilder für Johann Radmann) über die historischen Hintergründe (6. November 2014)

Meine Besprechung von Giulio Ricciarellis „Im Labyrinth des Schweigens“ (Deutschland 2014)


TV-Tipp für den 7. Mai: Fritz Bauer – Tod auf Raten

Mai 7, 2016

Phoenix, 22.30

Fritz Bauer – Tod auf Raten (Deutschland 2010, Regie: Ilona Ziok)

Drehbuch: Ilona Ziok

Sehr gelungene Doku über Fritz Bauer, sein Leben, seine Ansichten und seine Taten. Der Jurist, Freidenker und Humanist engagierte sich nach dem zweiten Weltkrieg für den Aufbau der Demokratie und für die Aufklärung der NS-Verbrechen. Als Generalstaatsanwalt initiierte er die Auschwitzprozesse, verfolgte Euthanasie-Täter und trug zur Ergreifung von Adolf Eichmann bei. Am 1. Juli 1968 starb er unter rätselhaften Umständen.

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über Fritz Bauer

 


DVD-Kritik: „Der Staat gegen Fritz Bauer“ – guter Film, gute DVD?

März 23, 2016

Zum Filmstart schrieb ich im Rahmen einer Doppelbesprechung der Lars-Kraume-Filme „Familienfest“ und „Der Staat gegen Fritz Bauer“, die zeitgleich im Kino anliefen:

In dem Biopic „Der Staat gegen Fritz Bauer“ konzentrieren Kraume und sein Co-Drehbuchautor Oliver Guez sich auf Bauers Rolle bei der Ergreifung des SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann 1960 in Argentinien. Der Film beginnt 1957, als der hessische Generalstaatsanwalt Bauer einen glaubwürdigen Hinweis auf den Verbleib von Eichmann in Südamerika erhält. Weil er den deutschen Ermittlungsbehörden, die immer wieder seine Ermittlungen gegen Nazi-Verbrecher sabotieren, misstraut, entschließt er sich, Kontakt mit den israelischen Behörden aufzunehmen. Der Mossad soll Eichmann verhaften und dann nach Deutschland ausliefern, so Bauers Plan. Damit der funktioniert, darf niemand etwas davon erfahren. Denn juristisch handelt es sich um Landesverrat und viele warten nur darauf, dass sie Bauer bei einem Fehler erwischen.

Währenddessen wird der junge Staatsanwalt Karl Angermann sein Vertrauter. Angermann ist einer von Bauers Untergebenen, der ihn wegen eines Verfahrens gegen einen Strichjungen um Rat fragt. Dem Angeklagten wird wegen wechselseitiger Onanie ein Verstoß gegen den von den Nationalsozialisten verschärften § 175 Strafgesetzbuch vorgeworfen. Homosexuelle Handlungen werden regelmäßig mit einem längeren Gefängnisaufenthalt bestraft. Bauer weist den jungen Staatsanwalt auf das „Valentin-Urteil“ von 1951 hin, bei dem zwei Homosexuelle nur zu einer geringen Geldstrafe verurteilt wurden. Nachdem beide zueinander Vertrauen gefasst haben, bezieht Bauer Angermann in seine Suche nach weiteren, vom Mossad geforderten Beweisen über den Aufenthaltsort Eichmanns ein.

Diese Geschichte erzählt Kraume weitgehend in Dialogen, vielen Innenaufnahmen und stimmig ausgestattet. So entsteht schon auf der visuellen Ebene ein Gefühl für die damalige Zeit, in der die Bundesrepublik sich (noch) nicht mit dem Dritten Reich und den personellen, ideologischen und juristischen Kontinuitäten beschäftigen wollte. In diesem Umfeld ist Fritz Bauer ein einsamer Rufer in der Wüste, der nur wenige Unterstützer hat und auf die jungen Deutschen hofft. Diese Hoffnung drückt er auch in der TV-Sendung „Heute Abend Kellerklub“ aus. Im Film wird sie nachgestellt, obwohl der Auftritt erst Jahre später, im Dezember 1964, war.

Das ist eine der wenigen Freiheiten, die sich Kraume nimmt und die ich, im Gegensatz zu einigen Fritz-Bauer-Kennern, für dramaturgisch gerechtfertigt und nachvollziehbar halte (hier mehr zu dieser Diskussion). Die anderen Freiheiten beziehen sich vor allem auf Punkte in Bauers Biographie und die Erfindung von Karl Angermann, der sich mit seiner bislang verheimlichten Homosexualität auseinandersetzen muss. Noch 1957 bestätigte das Bundesverfassungsgericht die Verfassungsmäßigkeit des § 175 Strafgesetzbuch. Zwischen 1950 und 1957 wurden über 17.000 Männer wegen „Unzucht“ verurteilt. In den nächsten Jahren erreichte die Verfolgung Homosexueller in Deutschland ihren Höhepunkt. 1957 gab es über 3400 Verurteilungen, 1958 fast 3500, 1959 über 3800 und 1960 über 3400. In den folgenden Jahren nahm die Zahl der Verurteilungen langsam ab. 1969 und 1973 wurde der Straftatbestand zwar reformiert, aber erst 1994 ganz aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Heute ist das einst strafbare Handeln, das bei den Betroffenen auch zu einem entsprechendem Verhalten führte, nicht nur straffrei, sondern auch gesellschaftlich akzeptiert.

Auch wenn der Film Bauer nicht als praktizierenden Homosexuellen, sondern als einen sexuell enthaltsam und allein lebenden Mann zeigt, wird die aufgrund der Forschungslage nicht eindeutig belegte Homosexualität Bauers als Fakt gezeigt. Er musste sie verheimlichen, um als Generalstaatsanwalt seine selbstgewählte Mission zu verfolgen. Denn das SPD-Mitglied war, was im Film ausführlich gezeigt wird, aufgrund seiner Biographie als Flüchtling und Jude und aufgrund seiner Überzeugung, dass Deutschland sich seiner Vergangenheit stellen muss, schon vielfältigen Anfeindungen ausgesetzt. Seine Gegner suchten nur nach Punkten, mit denen sie seine Arbeit sabotieren und seinen Ruf ruinieren konnten.

Im Zentrum des Films steht allerdings eine zweite, heute wieder aktuelle Frage: Was man als Einzelner tun soll, wenn der Staat unrecht handelt oder Unrecht verschweigt. Das zeigen der „Geheimnisverrat“ von Edward Snowden und die inzwischen eingestellten Ermittlungen gegen Netzpolitik.org wegen Landesverrats.

 

Zum Filmstart unterhielt ich mich mit Lars Kraume über seinen Film. Das Interview könnt ihr hier nachlesen.

Seit dem Kinostart sahen sich über 250.000 Menschen den Film im Kino an, was angesichts des Themas ein richtiger Erfolg ist. Er erhielt auch mehrere Preise, unter anderem dem Publikumspreis in Locarno, den Filmpreis der Kino-Gilde, den Preis der Deutschen Filmkritik und den Hessischen Film- und Kinopreis als bester Film, und ist für den Deutschen Filmpreis nominiert.

Die DVD punktet, neben dem Film (von dem ich auch nach wiederholtem Ansehen immer noch begeistert bin), mit seinem Bonusmaterial, das aus einem Making of, Interviews mit Lars Kraume, Burghart Klaußner und Ronald Zehrfeld, einigen geschnittenen Szenen und einem Audiokommentar von Lars Kraume und Burkhart Klaußner, den sie vier Monate nach dem Kinostart und damit kurz vor der DVD-Veröffentlichung aufnahmen. Daher gehen sie auch auf die Reaktionen zum Film und den Fragen, die sie in verschiedenen Publikumsgesprächen beantworteten, ein. Letztendlich konzentriert sich dieser überaus informative und kurzweilige Audiokommentar auf den historischen Hintergrund, die historisch verbürgten Fakten, die strittigen Fragen und die geringen fiktionalen Anteile des Films. Burghart Klaußner (Jahrgang 1949) kann auch aus seiner Biographie schöpfen, was den Audiokommentar noch interessanter macht.

Es ist in erster Linie ein historisch-kritischer Kommentar, den man so nicht von den Machern, die sich ja oft auf Anekdoten zu den Dreharbeiten beschränken, sondern eher von einem Historiker erwartet hätte.

Das restliche Bonusmaterial beschäftigt sich dann, wie erwartet, mit dem Film. Das ist durchaus interessant, aber bei weitem nicht so interessant wie der Audiokommentar.

Der Staat gegen Fritz Bauer - DVD - Blu-ray

Der Staat gegen Fritz Bauer (Deutschland 2015)

Regie: Lars Kraume

Drehbuch: Lars Kraume, Olivier Guez

mit Burghart Klaussner, Ronald Zehrfeld, Sebastian Blomberg, Jörg Schüttauf, Lilith Stangenberg, Götz Schubert, Michael Schenk

DVD

Alamode Film

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Audiokommentar, Making of, Interviews, Deleted Scenes, Trailer, Wendecover (insgesamt vierzig Minuten)

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
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Filmportal über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Film-Zeit über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Moviepilot über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Wikipedia über „Der Staat gegen Fritz Bauer“

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (Deutschland 2015) und mein Interview mit Lars Kraume zum Film


Verlosung: Wer will „Der Staat gegen Fritz Bauer“?

März 7, 2016

Es wird mal wieder Zeit für eine kleine Verlosung. Die letzte war ja – mea culpa – vor Ewigkeiten und jetzt gab es mit der Blu-ray von „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (Alamode Film) ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte.
Lars Kraume erzählt in seinem mit mehreren Preisen ausgezeichneten Film, wie in den späten fünfziger Jahren, mitten im Wirtschaftswunderdeutschland, der Generalstaatsanwalt Fritz Bauer alles versuchte, um Nazis vor Gericht zu bringen. Dazu gehört auch der ehemalige SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, der sich in Südamerika versteckt. Weil die deutschen Behörden, die seine Arbeit so gut es geht sabotieren, kein Interesse an Eichmann haben, kontaktiert Bauer den israelischen Geheimdienst.
„Der Staat gegen Fritz Bauer“ erzählt nah an den wahren Ereignissen diese Geschichte, die als aufwühlendes Politdrama, als Geschichtsstunde und als Thriller funktioniert (hier meine ausführliche Besprechung).
Die Blu-ray (und DVD) erscheint am 11. März. Das umfangreiche Bonusmaterial besteht aus einen Audiokommentar, einem Making of, Interviews, Deleted Scenes und einer Audiodeskription.

Die Verlosung endet am Donnerstag, den 10. März um Mitternacht (also um 23.59 Uhr).
In den Betreff müsst ihr „Verlosung Der Staat gegen Fritz Bauer“ schreiben und in der Mail an info@axelbussmer.de muss eine deutsche Postadresse stehen.
Der Staat gegen Fritz Bauer - DVD - Blu-ray
Der Staat gegen Fritz Bauer (Deutschland 2015)
Regie: Lars Kraume
Drehbuch: Lars Kraume, Olivier Guez
mit Burghart Klaussner, Ronald Zehrfeld, Sebastian Blomberg, Jörg Schüttauf, Lilith Stangenberg, Götz Schubert, Michael Schenk
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
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Wikipedia über „Der Staat gegen Fritz Bauer“


Neu im Kino/Filmkritik: Über die Lars-Kraume-Filme „Familienfest“ und „Der Staat gegen Fritz Bauer“

Oktober 20, 2015

Es geschieht selten, dass von einem Regisseur fast zeitgleich zwei Filme in unseren Kinos anlaufen. Das liegt dann nicht nur an der Produktivität des Regisseurs, sondern auch oft ganz einfach an den Planungen des Verleihs. Bei „Familienfest“, der am Donnerstag anlief, war es auch noch eine erfolgreich verlaufene Premiere beim Münchner Filmfest, die dem TV-Film eine Kinoauswertung bescherrte. In dem hochkarätig besetztem Ensemblestück geht es um ein titelgebendes Familienfest. Der geachtete Klassik-Pianist Hannes Westhoff wird siebzig und seine Frau hat die ganze Familie, inclusive der Ex-Frau, zu der Feier eingeladen. Sie kommen. Jeder hat mindestens ein Problempaket zu tragen und, wie es sich für ein Drama gehört, wird während des Abendessens ordentlich schmutzige Wäsche gewaschen.
Das hat natürlich seine Momente, aber es versprüht auch immer den Charme des TV-Films der Woche. Die Dramaturgie, die Bilder, die weitgehende Beschränkung auf Innen-Sets (eigentlich spielt der gesamte Film wie ein Theaterstück in einer überschaubaren Villa) und die Konflikte, die vor allem den Erfordernissen einer 90-Minuten-Filmdramaturgie gehorchen. Die Ex-Frau ist eine Schnapsdrossel. Der eine Sohn muss mal wieder pleite sein, der zweite schwul (was für den konservativen Vater eine Todsünde ist) und der dritte muss todsterbenskrank sein, seine Krankheit in sich hineinfressen und geschliffene nihilistische Sentenzen deklamieren. Und alle drei sehnen sich immer noch, wie kleine Kinder, nach der uneingeschränkten Liebe ihres Vaters.
Deshalb kommen sie zum Geburtstag des uncharismatischen Ekels, das bei der Erziehung seiner Kinder komplett versagte. Das ist, wenn man die unplausible Prämisse akzeptiert, dass alle freiwillig zum Geburtstag des verhassten Ekels kommen, als Abrechnung mit dem Kultur-Bürgertum unterhaltsam in den vorgegebenen Bahnen.

Ganz anders und ungleich gelungener ist „Der Staat gegen Fritz Bauer“, der zwar auch viel in Innenräumen spielt, aber nie dieses überwältigende TV-Flair von „Familienfest“ hat.
In dem Biopic konzentrieren Kraume und sein Co-Drehbuchautor Oliver Guez sich auf Bauers Rolle bei der Ergreifung des SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann 1960 in Argentinien. Der Film beginnt 1957, als der hessische Generalstaatsanwalt Bauer einen glaubwürdigen Hinweis auf den Verbleib von Eichmann in Südamerika erhält. Weil er den deutschen Ermittlungsbehörden, die immer wieder seine Ermittlungen gegen Nazi-Verbrecher sabotieren, misstraut, entschließt er sich, Kontakt mit den israelischen Behörden aufzunehmen. Der Mossad soll Eichmann verhaften und dann nach Deutschland ausliefern, so Bauers Plan. Damit der funktioniert, darf niemand etwas davon erfahren. Denn juristisch handelt es sich um Landesverrat und viele warten nur darauf, dass sie Bauer bei einem Fehler erwischen.
Währenddessen wird der junge Staatsanwalt Karl Angermann sein Vertrauter. Angermann ist einer von Bauers Untergebenen, der ihn wegen eines Verfahrens gegen einen Strichjungen um Rat fragt. Dem Angeklagten wird wegen wechselseitiger Onanie ein Verstoß gegen den von den Nationalsozialisten verschärften § 175 Strafgesetzbuch vorgeworfen. Homosexuelle Handlungen werden regelmäßig mit einem längeren Gefängnisaufenthalt bestraft. Bauer weist den jungen Staatsanwalt auf das „Valentin-Urteil“ von 1951 hin, bei dem zwei Homosexuelle nur zu einer geringen Geldstrafe verurteilt wurden. Nachdem beide zueinander Vertrauen gefasst haben, bezieht Bauer Angermann in seine Suche nach weiteren, vom Mossad geforderten Beweisen über den Aufenthaltsort Eichmanns ein.
Diese Geschichte erzählt Kraume weitgehend in Dialogen, vielen Innenaufnahmen und stimmig ausgestattet. So entsteht schon auf der visuellen Ebene ein Gefühl für die damalige Zeit, in der die Bundesrepublik sich (noch) nicht mit dem Dritten Reich und den personellen, ideologischen und juristischen Kontinuitäten beschäftigen wollte. In diesem Umfeld ist Fritz Bauer ein einsamer Rufer in der Wüste, der nur wenige Unterstützer hat und auf die jungen Deutschen hofft. Diese Hoffnung drückt er auch in der TV-Sendung „Heute Abend Kellerklub“ aus. Im Film wird sie nachgestellt, obwohl der Auftritt erst Jahre später, im Dezember 1964, war.
Das ist eine der wenigen Freiheiten, die sich Kraume nimmt und die ich, im Gegensatz zu einigen Fritz-Bauer-Kennern, für dramaturgisch gerechtfertigt und nachvollziehbar halte (hier mehr zu dieser Diskussion). Die anderen Freiheiten beziehen sich vor allem auf Punkte in Bauers Biographie und die Erfindung von Karl Angermann, der sich mit seiner bislang verheimlichten Homosexualität auseinandersetzen muss. Noch 1957 bestätigte das Bundesverfassungsgericht die Verfassungsmäßigkeit des § 175 Strafgesetzbuch. Zwischen 1950 und 1957 wurden über 17.000 Männer wegen „Unzucht“ verurteilt. In den nächsten Jahren erreichte die Verfolgung Homosexueller in Deutschland ihren Höhepunkt. 1957 gab es über 3400 Verurteilungen, 1958 fast 3500, 1959 über 3800 und 1960 über 3400. In den folgenden Jahren nahm die Zahl der Verurteilungen langsam ab. 1969 und 1973 wurde der Straftatbestand zwar reformiert, aber erst 1994 ganz aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Heute ist das einst strafbare Handeln, das bei den Betroffenen auch zu einem entsprechendem Verhalten führte, nicht nur straffrei, sondern auch gesellschaftlich akzeptiert.
Auch wenn der Film Bauer nicht als praktizierenden Homosexuellen, sondern als einen sexuell enthaltsam und allein lebenden Mann zeigt, wird die aufgrund der Forschungslage nicht eindeutig belegte Homosexualität Bauers als Fakt gezeigt. Er musste sie verheimlichen, um als Generalstaatsanwalt seine selbstgewählte Mission zu verfolgen. Denn das SPD-Mitglied war, was im Film ausführlich gezeigt wird, aufgrund seiner Biographie als Flüchtling und Jude und aufgrund seiner Überzeugung, dass Deutschland sich seiner Vergangenheit stellen muss, schon vielfältigen Anfeindungen ausgesetzt. Seine Gegner suchten nur nach Punkten, mit denen sie seine Arbeit sabotieren und seinen Ruf ruinieren konnten.
Im Zentrum des Films steht allerdings eine zweite, heute wieder aktuelle Frage: Was man als Einzelner tun soll, wenn der Staat unrecht handelt oder Unrecht verschweigt. Das zeigen der „Geheimnisverrat“ von Edward Snowden und die inzwischen eingestellten Ermittlungen gegen Netzpolitik.org wegen Landesverrats.
Vor dem Filmstart habe ich mich für die „vorgänge – Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik“ mit Lars Kraume über den Film und die strittigen Punkte unterhalten. Das Interview und meine etwas ausführlichere Besprechung gibt es hier.

Familienfest - Plakat

Familienfest (Deutschland 2015)
Regie: Lars Kraume
Drehbuch: Andrea Stoll
mit Günther Maria Halmer, Hannelore Elsner, Michaela May, Lars Eidinger, Jördis Triebel, Barnaby Metschurat, Marc Hosemann, Nele Mueller-Stöfen, Daniel Kraus
Länge: 95 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
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Filmportal über „Familienfest“
Film-Zeit über „Familienfest“
Moviepilot über „Familienfest“

Der Staat gegen Fritz Bauer - Plakat
Der Staat gegen Fritz Bauer (Deutschland 2015)
Regie: Lars Kraume
Drehbuch: Lars Kraume, Olivier Guez
mit Burghart Klaussner, Ronald Zehrfeld, Sebastian Blomberg, Jörg Schüttauf, Lilith Stangenberg, Götz Schubert, Michael Schenk
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
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Filmportal über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Film-Zeit über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Moviepilot über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Wikipedia über „Der Staat gegen Fritz Bauer“


Neu im Kino/Filmkritik: Ein Staatsanwalt ermittelt „Im Labyrinth des Schweigens“

November 6, 2014

Am 20. Dezember 1963 begann im Frankfurter Rathaus, dem Römer, der Auschwitz-Prozess, der erstmals vor einem deutschen Gericht die Verbrechen in den Konzentrationslagern thematisierte. Der Prozess war ein nationales Ereignis, das auch zu einem Bewusstseinswandel bei den Deutschen beitrug.
Vor dem Prozessbeginn mussten Staatsanwälte jahrelang in mühseliger Kleinarbeit die Beweise für die Anklage sammeln und entscheiden, wenn sie anklagen. Da wurden, weil es keine deutschlandweite Datenbank mit allen Einwohnern gab und die Behörden mauerten, schon einmal alle deutschen Telefonbücher besorgt und in mühseliger Kleinarbeit auf der Suche nach Namen durchgeblättert. Und damit auch kein Täter gewarnt wurde, geschah das unter größter Geheimhaltung.
Diese Geschichte, die in der Wirklichkeit untrennbar mit Generalstaatsanwalt Fritz Bauer verbunden ist, erzählt Giulio Ricciarelli in „Im Labyrinth des Schweigens“ in einer stimmigen Balance zwischen Fakten und Fiktion, wobei der größte Schritt weg von der Realität der erfundene Protagonist Johann Radmann (Alexander Fehling) ist. Er ist ein junger Jurist, der sich gerade seine ersten Sporen als Staatsanwalt verdient, indem er engagiert, aber unterfordert Verkehrdelikte zur Anklage bringt, an das Recht glaubt und der noch nie etwas von den Verbrechen, die in Auschwitz geschahen, gehört hat, weil man fünfzehn Jahre nach Kriegsende nicht darüber sprach. Damals wollte man nur vergessen. Radmann soll, nachdem er Bauer, einige vielversprechende Ermittlungsansätze vorgelegt hat, die Beweise für eine Anklage sammeln. Dabei werden, auch weil er erfährt, dass sein im Krieg verschollener Vater ein NSDAP-Mitglied war, seine Überzeugungen auf eine harte Probe gestellt. Angetrieben wird er bei seiner Suche von dem „Frankfurter Rundschau“-Journalisten Thomas Gnielka (den es ebenfalls gab) und dessen Dokumente die Initialzündung für den Auschwitz-Prozess waren. Behindert wird er von Kollegen, Polizisten und einer Gesellschaft, die nicht über die zwölfjährige Nazi-Diktatur reden, sondern diese Jahre aus ihrer Erinnerung streichen wollen.
Ricciarellis Debütspielfilm gehört zu den seltenen Glücksfällen im deutschen Kino, bei denen alles stimmt. Die dicht erzählte Geschichte ist spannend. Sie zeichnet, auch dank der gelungenen Kameraarbeit, ein genaues Bild der damaligen bleiernen Zeit. Die historischen Gebäude wecken Erinnerungen und weil an den historischen Orten gedreht wurde, wirkt die Filmgeschichte noch authentischer. Die Ausstattung ist ebenso authentisch. Nie hat man den Eindruck, dass in einer sorgfältig ausgestatteten Kulisse gedreht wurde. Die Dialoge klingen immer natürlich und sie umschiffen die Fallen des Stoffes, die zu didaktischen Dialogen und Monologen einladen. Sie zeichnen auch nebenbei ein Bild der damaligen Gesellschaft, in der es genau austarierte Hierarchien gab.
Das einzige, was man dem Film vorwerfen kann, ist dass Fritz Bauer zu einem grumpy old man wird, der in seinem Büro sitzt und Aufträge vergibt. Dabei hat er das Team von jungen Staatsanwälten, die damals die Beweise suchten, für ihr Leben beeinflusst und Bauer war einer der liberalen Denker, der das Gespräch mit Jüngeren suchte und ein besseres Deutschland wollte. Dieser Teil seines Charakters wird in dem Drama nicht beleuchtet. Dennoch, oder wahrscheinlich genau sogar deshalb, könnte Bauer, der nicht sich selbst, sondern die Sache in den Vordergrund stellte, der Film gefallen.
Denn „Im Labyrinth des Schweigens“ ist ein spannender Polit-Thriller, der gelungen die Genre-Muster vom Kampf des Einzelnen gegen die Gesellschaft bedient, ein Gefühl der damaligen Zeit vermittelt, informativ und aufklärerisch ist, neugierig auf die Vergangenheit und die damaligen Ereignisse macht und intelligent unterhält. Damit steht er gelungen in der Tradition von Filmen wie „Die Unbestechlichen“ (All the President’s Men).

Im Labyrinth des Schweigens - Plakat

Im Labyrinth des Schweigens (Deutschland 2014)
Regie: Giulio Ricciarelli
Drehbuch: Elisabeth Bartel, Giulio Ricciarelli
mit Alexander Fehling, André Szymanski, Friederike Becht, Gert Voss, Johannes Krisch, Hansi Jochmann, Johann von Bülow, Robert Hunger-Bühler, Lukas Miko, Lisa Martinek
Länge: 123 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Im Labyrinth des Schweigens“
Film-Zeit über „Im Labyrinth des Schweigens“
Moviepilot über „Im Labyrinth des Schweigens“
Wikipedia über „Im Labyrinth des Schweigens“ (deutsch, englisch)
taz: Interview mit Ex-Staatsanwalt Gerhard Wiese (einer der Ankläger im Auschwitz-Prozess und eines der Vorbilder für Johann Radmann) über die historischen Hintergründe (6. November 2014)

Vorankündigung
Vor dem Filmstart unterhielt ich mich mit Regisseur Giulio Ricciarelli über den Film und die historischen Hintergründe. Das Interview erscheint in der nächsten Ausgabe der „vorgänge – Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftpolitik“.


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