Neu im Kino/Filmkritik: „Warte, bis es dunkel wird“ und der Phantom-Killer kommt

April 9, 2015

31. Oktober 2013: Die Jugendlichen der Kleinstadt sehen sich, wie jedes Jahr, im Autokino „The Town that dreaded Sundown“ (Der Phantomkiller/Der Umleger, USA 1976, Regie: Charles B. Pierce) an. Ein fröhliches Happening mit Bier und Fummeleien ist geplant.
1976: Eine Filmcrew dreht „The Town that dreaded Sundown“. Der bei uns fast unbekannte frühe Slasher-Horrorfilm basiert auf einer Mordserie, die im Frühling 1946 Texarkana erschütterte.
1946: In Texarkana, einer Stadt die eigentlich aus zwei Städten besteht, die auf der Grenze zwischen Texas und Arkansas liegt, bringt der Phantom-Killer acht Menschen um. Die „Mondlicht-Morde“, die es wirklich gab, wurden nie aufgeklärt.
Zurück in der Gegenwart wird die jährliche Filmpräsentation durch Jami Lerner gestört. Sie hatte mit ihrem Freund das Autokino verlassen, um auf einem abgelegenem Platz im Wald das zu haben, was in Horrorfilmen immer mit dem Tod der Beteiligten endet. Dieses Mal bringt der plötzlich aus dem Wald auftauchende maskierte Killer, der aussieht wie der Mörder in dem Film und damit wie der Mörder von 1946 und der für die Dorfjugend nur eine nette Schauerlegende ist, nur ihren Freund um. Sie muss die Tat ansehen (hübsch gefilmt als sich auf einer Steinwand abzeichnendes Schattentheater) und kann entkommen.
Das ist der gar nicht so unsympathische Auftakt zu Alfonso Gomez-Rejons Meta-Horrorfilm „Warte, bis es dunkel wird“, der danach lange Zeit vor sich hin plätschert, weil der Mörder erst eine längere Pause einlegt, die Filmgeschichte sich nirgendwohin entwickelt und es unklar ist, wer der Protagonist sein soll. Letztendlich ist es Jami, die auf eigene Faust beginnt, den Mörder zu suchen und dabei auch in den Archiven der beiden Städte stöbert. Denn irgendwie hängen die aktuellen Morde mit dem Film und der historischen Mordserie zusammen.
Gomez-Rejon („Glee“, „American Horror Story“) inszenierte allerdings auch einen Film, der sein Potential niemals ausschöpft. Das liegt an seiner Marotte, möglichst viele Dutch Angles in neunzig Minuten unterzubringen. Aber nach der dritten ohne Sinn und Verstand eingesetzten schrägen Kameraperspektive nerven die kippenden Bild nur noch. Immerhin gibt es in dem gut aussehendem Slasher keine Wackelkamera und sinnlos falsch belichtete Szenen.
Es gibt aber einige Anschlussfehlern und ein Drehbuch, das ziemlich zusammenhanglos zwischen den drei Zeitebenen hin- und herspringt. Es gibt im Drehbuch auch einige Schlampereien, die man eigentlich nach der ersten Fassung hätte beseitigen müssen. So schnappt sich die Heldin am Ende, wenn sie vor dem Killer flüchtet, noch schnell und ohne einen ersichtlichen Grund die Handtasche ihrer Großmutter. Später erfahren wir, dass in der Handtasche eine Schusswaffe ist. In einem besseren Film hätten wir das schon gewusst bevor sie sich die Tasche schnappt. Und wenn der Film in dem Moment spannender gewesen wäre, wäre mir das idiotische Verhalten von Jami überhaupt nicht aufgefallen. Immerhin reden wir vom Höhepunkt des äußerst unblutigen Horrorfilms.

Warte bis es Dunkel wird - Plakat

Warte, bis es dunkel wird (The Town that dreaded Sundown, USA 2014)
Regie: Alfonso Gomez-Rejon
Drehbuch: Roberto Aguirre-Sacasa
mit Addison Timlin, Veronica Cartwright, Travis Tope, Gary Cole, Joshua Leonard, Anthony Anderson, Ed Lauter
Länge: 86 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Warte, bis es dunkel wird“
Moviepilot über „Warte, bis es dunkel wird“
Metacritic über „Warte, bis es dunkel wird“
Rotten Tomatoes über „Warte, bis es dunkel wird“
Wikipedia über „Warte, bis es dunkel wird“ (deutsch, englisch)

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Neu im Kino/Filmkritik: „Tammy – Voll abgefahren“, aber etwas ziellos

Juli 3, 2014

„Tammy – Voll abgefahren“ ist eine Mogelpackung. Denn der neue Film von und mit Melissa McCarthy ist nur am Anfang eine Komödie. Da wird ihr Auto von einem Hirsch gestoppt. Das Tier überlebt, Ihr Auto ist dagegen ziemlich demoliert. Kurz darauf wird sie von ihrem Chef (Ben Falcone) gefeuert. In einem sinnlosen Wutanfall wirft sie mit Lebensmitteln (soweit das über Fastfood-Kost gesagt werden kann) um sich. Sie fährt nach Hause und erwischt ihren Göttergatten mit einer anderen Frau.
Tammy hat genug. Sie will abhauen, aber nur ihre Oma Pearl (Susan Sarandon, auf steinalt frisiert) verfügt über genug Geld und, was noch wichtiger ist, ein Auto. Die beiden gegensätzlichen Frauen, die in den vergangenen Jahrzehnten wahrscheinlich keine drei Worte miteinander wechselten, machen sich auf den Weg zu den Niagara-Fällen, die Pearl schon immer besuchen wollte. Sagt sie. Außerdem ist Pearl Trinkerin, sexuellen Freuden nicht abgeneigt und sie vergisst schon einmal ihre Tabletten. Einige Tabletten hat sie auch durch wirksamere Medikamente bei dem jugendlichen Drogenhändler um die Ecke eingekauft. Kurz: sie ist vollkommen verantwortungslos.
Bei dieser Prämisse könnte „Tammy“ eine weitere „Hangover“-Variante mit Frauen werden. Auch der Trailer schlägt in diese Kerbe und damit weit daneben. Denn ziemlich schnell wird „Tammy“ immer ernster und zu einer sehr interessanten Variante von Alexander Paynes grandiosem Road-Movie „Nebraska“. Denn beide Male geht es bei dieser Reise, die ein Kind mit einem Elternteil (beziehungsweise Großelternteil) unternimmt, um ein letztes Kennenlernen der Generationen, um Versöhnung und auch um neue Lebensperspektiven. In „Nebraska“ sagt der Sohn auch ausdrücklich, dass diese Reise die letzte Gelegenheit sei, um mit seinem zunehmend dement werdendem Vater, der auch ein Alkoholiker ist, noch einige Tage zu verbringen. In „Tammy“ ist die Reise für Tammy wahrscheinlich die letzte Gelegenheit, aus ihrem Leben auszubrechen. Denn bislang endete jede ihrer Fluchtversuche an der Stadtgrenze. Für Pearl ist es die letzte Möglichkeit, noch einmal etwas anderes zu sehen. Dabei geht es in beiden Filmen um die Reise und die Selbsterkenntnisse der Charaktere. Denn das Ziel – ein falscher Lottogewinn, ein Besuch der Niagara-Fälle – ist nebensächlich. Beide Male geht es auch um Familienbeziehungen. So treffen Tammy und Pearl auf ihrer Reise auch Pearls Cousine Lenore (Kathy Bates), die als bekennende Lesbe ein Leben weitab der Konventionen von Tammys Leben führt.
Aber während „Nebraska“ ein in sich geschlossenes melancholisches SW-Drama ist, ist „Tammy“ eine Komödie, die zu einem Drama wird und die mehr aus Einzelteilen als aus der Summe der Teile besteht. So ist „Tammy“ nie so gut, wie er sein könnte, aber die Komödie ist doch ein Schritt weg von dem inzwischen bekannten Melissa-McCarthy-Fahrwasser. Ich sage nur „Brautalarm“, „Voll abgezockt“ und „Taffe Mädels“.
Wieder beweist Melissa McCarthy einen herrlichen Hang zu unvorteilhaften Kleidern, wilden Frisuren und Schminkkatastrophen. Hässlicher sah wohl schon lange kein Star mehr aus. Wenn man weiß, dass sie zusammen mit ihrem Ehemann Ben Falcone das Drehbuch schrieb, sie den Film mitproduzierten und Falcone hier sein Regiedebüt gab, dann sagt das einiges über die Eitelkeit von Melissa McCarthy aus. Und wohin sie sich in kommenden Filmen bewegen könnte. Denn unter der Komödie scheint auch immer eine gesellschaftskritische und liberale Agenda durch, die auch einen Traum von einem anderen Amerika zeigt.
Insofern ist „Tammy“ ein sehr interessanter filmischer Bastard, den ich trotz seiner Fehler mag. Dazu trägt auch die gute Besetzung bei. Neben Susan Sarandon und Kathy Bates spielen auch Dan Akroyd, Toni Colette und Sandra Oh in kleinen, aber wichtigen Rollen mit. Und „The Descendants“- und „Ganz weit hinten“-Drehbuchautor Nat Faxon spielt Tammys Ehemann, der für die falsche Frau Essen kocht.

Tammy - Plakat

Tammy – Voll abgefahren (Tammy, USA 2014)
Regie: Ben Falcone
Drehbuch: Melissa McCarthy, Ben Falcone
mit Melissa McCarthy, Susan Sarandon, Allison Janney, Gary Cole, Dan Akroyd, Kathy Bates, Nat Faxon, Toni Colette, Sandra Oh, Ben Falcone
Länge: 97 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Tammy“
Moviepilot über „Tammy“
Metacritic über „Tammy“
Rotten Tomatoes über „Tammy“
Wikipedia über „Tammy“
Meine Besprechung der Melissa-McCarthy-Filme „The Nines – Dein Leben ist nur ein Spiel“ (The Nines, USA 2007), „Voll abgezockt“ (Identity Thief, USA 2013) und „Taffe Mädels“ (The Heat, USA 2013)

Zwei Interviews mit Melissa McCarthy über „Tammy“


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