Neu im Kino/Filmkritik: Über Gaspar Noés „Climax“

Dezember 8, 2018

Jede Geschichte habe einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge, sagte Jean-Luc Godard, der große Philosoph des Kinos, einmal.

Gaspar Noé, der große Provokateur des Kinos, nahm für seinen neuen Film „Climax“ Godards Satz wörtlich. Der Film beginnt mit dem Ende und auch der Vorspann ist nicht an der gewohnten Stelle. Aber das sind kleine formale Spielerei in einem Film, der letztendlich strikt chronologisch seine Geschichte erzählt.

1996 feiern 21 junge Tänzer und Tänzerinnen in Frankreich in einer Turnhalle einer schon einige Tage leerstehenden Schule das Ende der aufreibenden Proben. Am nächsten Tag soll die große Tour durch Frankreich und die USA beginnen. Diese Nacht wird gefeiert, getanzt und getrunken. Auch der von der Choreographin für ihre Tänzer und Tänzerinnen gemischte Sangria. Zu spät bemerken sie, dass in der Sangria nicht nur Alkohol, sondern auch etwas anderes ist, das sie vollkommen enthemmt.

Währenddessen legt DJ Daddy trendige Tanzmusik auf und als waschechter Master of Ceremony liefert er der zunächst feiernden und tanzenden, später halluzinierenden und verhexten Masse den passenden Soundtrack für die Hexenmesse, die dem Prinzip der Enthemmung gehorcht.

In seinem neuesten Film „Climax“ verzichtet Gaspar Noé auf ein Drehbuch. Bei den Dialogen dürften die Schauspieler improvisieren. Sie sind sowieso unwichtiger als die langen Tänze, die Enthemmungen, die Stadien der Trance und, nun, all die Dinge, die man auch noch so auf einer Party tut und über die man nachher nicht mit seinen Eltern oder seiner Freundin (wenn sie nicht dabei war) reden will.

Optisch ist das ein einziger Trip, der deutlich vom Horrorfilm der siebziger Jahre, vor allem dem Giallo und stilprägenden Regisseuren wie Dario Argento, inspiriert ist. Nur dass bei Noé die Kamera sich noch enthemmter durch die Räume bewegen kann. Die Leere der chronologisch gedrehten Geschichte kann sie kaum verdecken. Auch weil die Tänzer schnell austauschbare Opfer für die Anbetung eines abwesenden, nicht näher bezeichneten Satans sind. Wer will kann „Climax“ dann als Allegorie auf die Gesellschaft sehen, die angesichts einer nahenden Katastrophe einfach weiterfeiert.

Am Ende ist „Climax“ ein neunzigminütiger, formal beeindruckender, kompromissloser Low-Budget-Videoclip voll HipHop-, Electro- und Techno-Musik der neunziger Jahre, Farben und tanzender junger Menschen. Ein Feelbad-Trip mit höchst rudimentärer Story und pseudo-provozierender Szenen. Ob einem das gefällt, hängt vor allem davon ab, ob einem die Musik gefällt.

Climax (Climax, Frankreich 2018)

Regie: Gaspar Noé

Drehbuch: Gaspar Noé

mit Sofia Boutella, Romain Guillermic, Souheila Yacoub, Kiddy Smile, Claude Gajan Maull, Giselle Palmer, Taylor Kastle, Thea Carla Schott, Sharleen Temple, Lea Vlamos, Alaia Alsafir, Kendall Mugler, Lakdhar Dridi, Adrien Sissoko, Mamadou Bathily, Alou Sibide, Ashley Biscette, Mounia Nassangar, Tiphanie Au, Sarah Belala, Alexandre Moreau, Naab, Straus Serpent, Vince Galliot Cumant

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Climax“

AlloCiné über „Climax“

Metacritic über „Climax“

Rotten Tomatoes über „Climax“

Wikipedia über „Climax“ (englisch, französisch)

Meine Besprechung von Gaspar Noés „Love 3D“ (Love, Frankreich/Belgien 2015)

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TV-Tipp für den 8. Mai: Irreversibel

Mai 8, 2018

Tele 5, 00.15

Irreversibel (Irrversible, Frankreich 2002)

Regie: Gaspar Noé

Drehbuch: Gaspar Noé

TV-Premiere eines Skandalfilms über eine Rache und eine Vergewaltigung, bei dem vor allem über eine neunminütige Vergewaltigungsszene gesprochen wurde. „Diese Wahrnehmung verkürzt den Film auf ungerechte Weise. Tatsächlich handelt es sich sowohl um einen zwar überaus drastischen, aber ernst zu nehmenden Kommentar über filmische Dramaturgie als auch um eine durchaus moralisch fundierte Äußerung zur Phänomenologie zwischenmenschlicher Gewalt.“ (Lexikon des internationalen Films)

Anders: „Jenseits de exzessiv beschriebenen Gewalt bleibt ein Gefühl der Leere zurück.“ (epd-Film)

Der Film ist „frei ab 18 Jahre“.

mit Monica Bellucci, Vincent Cassel, Albert Dupontel, Jo Prestia

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Irreversibel“

Wikipedia über „Irreversibel“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Gaspar Noés „Love 3D“ (Love, Frankreich/Belgien 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Gaspar Noé macht „Love“ (aka „Love 3D“)

November 26, 2015

Es ist wie immer: es wird geworben mit einem tabubrechendem Skandalfilm der Hardcore-Sex zeigt und am Ende bin ich enttäuscht, weil, nun, länglich gezeigte Penisse und Penetrationen nicht abendfüllend sind. Denn ohne ein emotionales Zentrum, ein Thema und eine Geschichte ist ein Film meistens eine langweilige Angelegenheit.
So auch Gaspar Noés neuester Film „Love“, der sogar in 3D gedreht wurde (deshalb auch „Love 3D“ heißt), was allerdings nur in zwei Szenen (ja, genau die zwei Szenen, die ihr euch jetzt spritzig denkt) einen Effekt hat. Der Rest besteht aus wenigen Menschen in engen Räumen.
Im Mittelpunkt steht Murphy, der von der Mutter seiner früheren Freundin Electra einen Anruf erhält. Electra ist seit zwei Monaten spurlos verschwunden. Jetzt hat Murphy eine neue Freundin, er ist Vater einer zweijährigen Tochter und den gesamten Film hängt er todtraurig, wie ein nasses Hemd, in seiner Wohnung herum und erinnert sich an Electra.
Diese Erinnerungen, die nicht-chronologisch präsentiert werden, dehnen sich über zwei Stunden, in denen die Schauspieler eifrig improvisieren durften (das Drehbuch bestand, so Noé, aus sieben Seiten) und weil das alles in keiner besonderen Chronologie präsentiert wird, gibt es auch keinen Spannungsbogen, sondern nur die beliebig austauschbaren Erinnerungen von Murphy an seine große Liebe, garniert mit vielen, äußerst statisch inszenierten Sexszenen, die daher eher an Stilleben erinnern.
Präsentiert wird diese Nicht-Geschichte in dunkel versumpften 3D-Bildern, die wie die schlampig gezogenen YouTube-Kopie eines schlechten Siebziger-Jahre-Pornos aussehen. Alles ist zu dunkel, oft erkennt man fast nichts und die 3D-Brille ist hier noch nerviger als bei einem kunterbunten Blockbuster.
Dass es auch anders geht, zeigen Filme wie „Der letzte Tango in Paris“ oder „Blau ist eine warme Farbe“. Um nur zwei Filme zu nennen, die man sich immer wieder ansehen kann, weil sie, abseits von jedem Skandalfilmgetue, eine emotional berührende Geschichte haben.

Love - Plakat

Love 3D (Love, Frankreich/Belgien 2015)
Regie: Gaspar Noé
Drehbuch: Gaspar Noé
mit Aomi Muyock, Karl Glusman, Klara Kristin, Juan Saavera, Jean Couteau
Länge: 141 Minuten
FSK: ab 18 Jahre

Hinweise
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Film-Zeit über „Love“
Moviepilot über „Love“
Metacritic über „Love“
Rotten Tomatoes über „Love“
Wikipedia über „Love“ (englisch, französisch)


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