John le Carré spielt „Federball“ und die Geheimagenten laufen über das Spielfeld

Januar 8, 2020

Wenn im ersten Absatz von John le Carrés neuem Roman „Federball“ Ich-Erzähler Nat sagt, die Begegnung zwischen ihm und Edward ‚Ed‘ Stanley Shannon sei ein reiner Zufall gewesen, dann ahnt der Leser, dass diese Begegnung folgenreich sein wird und weil John le Carré Agentenromane schreibt, haben wir in diesem Moment auch schon eine grobe Ahnung, in welche Richtung sich die Geschichte entwickeln wird.

Aber bis diese zufällige Begegnung Auswirkungen auf Nats Arbeit hat, vergeht viel Lesezeit. Nat ist 46 Jahre, Geheimagent am Ende seiner Karriereleiter und, bevor er endgültig von Außeneinsätzen in irgendeine Form des Innendienstes (oder Pension) geschickt wird, hat er in London die Leitung der Nebenstelle Oase übernommen. Es handelt sich dabei um eine heruntergewirtschaftete Abteilung, die seit dem Ende des Kalten Kriegs nichts nennenswertes mehr leistete. Dort geht Nat seiner alltäglichen und sehr unglamourösen Arbeit nach. Er trifft sich mit Spitzeln. Er bereitet oder beteiligt sich an der Vorbereitung von austauschbaren Operationen. Sein Leben ist die Papier gewordene Empfehlung, einen Job nicht anzunehmen.

In seiner Freizeit trifft er sich mit dem Mittzwanziger Ed, spielt mit ihm Badmington und hört sich seine Tiraden über den Brexit, Donald Trump und die ganze unfähige Politikerkaste an. Ed sagt ihm, er arbeite in einer Werbeagentur.

Das ist, wie Nat erst viel später zufällig erfährt, eine Lüge. Ed arbeitet als Büroangestellter mit einer Sicherheitsfreigabe für die Geheimhaltungsstufe Top Secret und höher ebenfalls für den Geheimdienst. Nachdem Ed einige Dokumente, die er nur kopieren soll, auch liest, entwickelt er Skrupel. Jetzt will er, wie Nat erschrocken bei der Beobachtung einer russischen Spionageoperation sieht, diese Geheimnisse an den Feind weitergeben.

Weil Nat Ed kennt und sie sich in den vergangenen Wochen und Monaten oft getroffen haben, ist jetzt auch sein Job in Gefahr.

In diesem Moment sind wir schon weit in der zweiten Hälfte des Romans. Bis dahin passiert wenig und auch danach plätschert die Geschichte arg gemütlich vor sich hin.

John le Carré liefert auch einige Spitzen gegen den Brexit und Donald Trump. Dafür ist vor allem Ed zuständig, der sich nach seinen Badmington-Spielen mit Nat, beim gemeinsamen Getränk über die Tagespolitik aufregt. Für die Romangeschichte ist das nur wichtig, um Eds nobles Motiv für seinen Geheimnisverrat zu verstehen.

Als Spionagethriller ist „Federball“ ein Reinfall. Als etwas lang geratenes Porträt eines desillusionierten kleinen Beamten ist „Federball“ deutlich interessanter.

John le Carré: Federball

(übersetzt von Peter Torberg)

Ullstein, 2019

352 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Agent running in the Field

Viking, London 2019

Pünktlich zur Veröffentlichung von John le Carrés neuestem Roman veröffentlichte der Ullstein-Verlag John le Carrés George-Smiley-Romane in einer neuen, einheitlichen Covergestaltung. Dazu gehören auch le Carrés fast unbekannte Frühwerke „Schatten von gestern“ und „Ein Mord erster Klasse“. Es sind nämlich auch die ersten beiden George-Smiley-Romane, der von Anfang an als Anti-James-Bond konzipiert war. In seinem Debüt „Schatten von gestern“ glaubt der Geheimagent Smiley, dass der Suizid eines Beamten des Außenministeriums, kein Suizid war. In „Ein Mord erster Klasse“ will George Smiley an einem Eliteinternat den Mord an einer Professorengattin aufklären. Das ist noch mehr als „Schatten von gestern“ ein bestenfalls durchwachsener Rätselkrimi. Beide Romane sind vor allem für die le-Carré-Gesamtleser wichtig.

Erst mit seinem nächsten Roman „Der Spion, der aus der Kälte kam“ schrieb er einen reinrassigen Agententhriller. Der Roman wurde ein Bestseller und ist heute einer der Klassiker des Genres. Mit seinem dritten Roman hatte John le Carré sein Thema und seine erzählerische Welt gefunden, der er bis auf den stark kritisierten Liebesroman „Der wachsame Träumer“ (The naive and sentimental lover, 1971) treu blieb.

Neben „Der Spion, der aus der Kälte kam“ gehört, von seinen Smiley-Romanen, vor allem „Dame, König, As, Spion“ zum Kanon der wichtigen Spionageromane. Die unbekannteren Folgewerke „Eine Art Held“ und „Agent in eigener Sache“ können ebenfalls dazu gezählt werden. Schließlich bilden sie zusammen mit „Dame, König, As, Spion“ die Karla-Trilogie, in der le Carré den Kampf zwischen Smiley und seinem sowjetischen Gegenspieler Karla schildert.

John le Carré: Schatten von gestern

(übersetzt von Ortwin Münch)

Ullstein, 2019

224 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Call for the Dead

Victor Collancz Ltd., London, 1961

John le Carré: Ein Mord erster Klasse

(übersetzt von Hans Bütow)

Ullstein, 2019

192 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

A Murder of Quality

Victor Gollancz Ltd., London, 1962

Hinweise

Perlentaucher über „Federball“

Bookmarks über „Federball“

Wikipedia über „Federball“ (deutsch, englisch)

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés “Verräter wie wir” (Our kind of traitor, 2010)

Meine Besprechung von John le Carrés “Empfindliche Wahrheit” (A delicate truth, 2013)

Meine Besprechung von John le Carrés „Das Vermächtnis der Spione“ (A Legacy of Spies, 2017)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “Bube, Dame, König, Spion” (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “A most wanted man” (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014) und der DVD

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung „Verräter wie wir“ (Our Kind of Traitor, Großbritannien 2016)

Meine Besprechung der ersten beiden Episoden von Susanne Biers „The Night Manager“ (The Night Manager, Großbritannien/USA 2016) und der gesamten Miniserie

John le Carré in der Kriminalakte


Deutscher Krimipreis 2018 – Bester Krimi International: John le Carré: Das Vermächtnis der Spione

März 21, 2018

Vor einigen Wochen erhielt John le Carrés neuer Roman „Das Vermächtnis der Spione“ den Deutschen Krimipreis als bester internationaler Krimi.

Dreimal stand der Roman auf der Krimisbestenliste. Einmal sogar auf dem ersten Platz.

Nach seinem letzten Buch „Der Taubentunnel“, einer Sammlung persönlicher Geschichten und Anekdoten aus seinem Leben, das sich wirklich nur an die echten Fans richtet, ist John le Carré mit seinem neuesten Buch, dem Agentenroman „Das Vermächtnis der Spione“ wieder auf vertrautem Gelände. Außerdem knüpft er mit seinem neuesten Roman an seinen dritten Roman „Der Spion, der aus der Kälte kam“ (The Spy Who Came in from the Cold, 1963) an. Der Agententhriller, schon lange ein Klassiker, war ein weltweiter Bestseller. Er wurde erfolgreich verfilmt und John le Carré wechselte seinen Beruf.

In „Das Vermächtnis der Spione“ nimmt er die Geschichte von „Der Spion, der aus der Kälte kam“ wieder auf. Damals ging ein Einsatz des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 schief. Alec Leamas, ein hochrangiger Agent und Alkoholiker, und seine Freundin Elizabeth Gold wurden an der deutsch-deutschen Grenze von DDR-Grenzsoldaten erschossen.

Heute, in einer zeitlich nicht näher spezifizierten Gegenwart (beim schnellen hin- und herrechnen komme ich auf 2005/2010; le Carré scheint ungefähr 2010 zu bevorzugen), wird der pensionierte Geheimagent Peter Guillam aus seinem Ruhestand in der Bretagne nach London gerufen. Der Sohn von Alec Leamas und die bis dato unbekannte Tochter von Elizabeth Gold haben den englischen Geheimdienst angezeigt, den Tod ihrer Eltern durch eine fahrlässig geplante Geheimdienstoperation verursacht zu haben. Sie fordern eine vollständige Offenlegung der Akten, finanzielle Entschädigung und eine öffentliche Entschuldigung mit der Nennung der an der Operation beteiligten Personen.

Weil Guillam und sein Vorgesetzter George Smiley, der nicht auffindbar ist, in den letzten Jahren und Jahrzehnten Akten verschwinden ließen und vernichteten, soll Guillam die noch vorhandenen Akten studieren und den jungen Anwälten des Geheimdienstes erzählen, was nicht oder falsch in den Akten steht.

Das ist die interessante Prämisse für einen ziemlich langweiligen Roman. Gemeinsam mit Guillam wühlen wir uns durch unzählige, mehr oder weniger akkurate Berichte. Das ist nicht besonders spannend, Auch und weil die meisten Berichte nur am Rand – jedenfalls soweit ich mich noch an „Der Spion, der aus der Kälte kam“ erinnere – mit den Ereignissen von „Der Spion, der aus der Kälte kam“ zu tun haben. Insofern wirft der Roman kein neues Licht auf die damaligen Ereignisse, sondern leuchtet nur einige Details neu aus und liefert uns Tonnen von Informationen über andere Geheimdienstaktivitäten aus den späten fünfziger Jahren.

Während der Lektüre der alten Akten schwelgt Guillam in Erinnerungen an seine Freundschaft zu Leamas, seine damalige Agentenarbeit und seine Beziehung zu einer ostdeutschen Überläuferin.

Diese Seiten ziehen sich dann wie Kaugummi. Eine Geschichte ist kaum erkennbar. Vor allem keine, die mit Leamas und Gold zu tun hat. Wenn ich nichts überlesen habe, wird Elizabeth Gold beim exzessiven Aktenstudium und in Guillams Erinnerungen erstmals auf Seite 257 erwähnt. Der Roman endet auf Seite 316. Eine Zuspitzung des anfangs angelegten Konflikts zwischen den den Geheimdienst verklagenden Kindern von Leamas und Gold und dem Geheimdienst und Guillam erfolgt auch nicht. Guillam liest halt Akten, misstraut seinem ehemaligen Arbeitgeber, erzählt ihnen mehr oder weniger die Wahrheit und schlendert ein wenig durch das heutige London.

Am Ende des Romans taucht George Smiley auf. Diese wenigen Seiten qualifizieren „Das Vermächtnis der Spione“ als George-Smiley-Roman. Es ist der neunte Smiley-Roman. Der achte Smiley-Roman, „Der heimliche Gefährte“ (The secret Pilgrim), erschien 1990 und es war ebenfalls ein Rückblick auf den Kalten Krieg. Allerdings einer, der ausgehend von Bemerkungen von George Smiley, Ned dazu bringt, sich an Erlebnisse aus seinem Geheimagentenleben zu erinnern – und der mir damals gefiel.

Auch „Das Vermächtnis der Spione“ blickt auf die Zeit des Kalten Krieges, die fünfziger und frühen sechziger Jahre zurück. Allerdings ist eine Mischung aus wenigen Erinnerungen von Guillam und vielen Seiten Akten nicht so wahnsinnig spannend. Dabei ist vieles, was man von John le Carré kennt, vorhanden, wie der verheißungsvolle Anfang, die auf den ersten Seiten ausgebreitete Biographie des Ich-Erzählers, die alles andere als normal ist, den Geheimagentenjargon und das allumfassende, alles und jeden penetrierende Misstrauen. Neben dem emsigen Vernichten von Akten haben die Agenten auch heute noch, mitten in London, ein Safe-House, von dem ihre Vorgesetzten nichts wissen.

Das Vermächtnis der Spione“ ist das literarische Äquivalent zu einem Nachmittag im Archiv. Höchstens für Historiker interessant.

Schon während der Lektüre fragte ich mich, warum der Roman den Deutschen Krimipreis erhielt. Gab es wirklich keine besseren Kriminalromane, die letztes Jahr erstmals ins Deutsche übersetzt wurden?

John le Carré: Das Vermächtnis der Spione

(übersetzt von Peter Torberg)

Ullstein, 2017

320 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

A Legacy of Spies

Viking, 2017

Hinweise

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés “Verräter wie wir” (Our kind of traitor, 2010)

Meine Besprechung von John le Carrés “Empfindliche Wahrheit” (A delicate truth, 2013)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “Bube, Dame, König, Spion” (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “A most wanted man” (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014) und der DVD

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung „Verräter wie wir“ (Our Kind of Traitor, Großbritannien 2016)

Meine Besprechung der ersten beiden Episoden von Susanne Biers „The Night Manager“ (The Night Manager, Großbritannien/USA 2016) und der gesamten Miniserie

John le Carré in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 16. September: Dame, König, As, Spion

September 16, 2014

Pro7 Maxx, 20.15

Dame, König, As, Spion (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Regie: Tomas Alfredson

Drehbuch: Bridget O’Connor, Peter Straughan

LV: John le Carré: Tinker, Tailer, Soldier, Spy, 1974 (Dame, König, As, Spion)

Wer ist der Maulwurf im britischen Geheimdienst? George Smiley sucht den für die Sowjetunion arbeitenden Verräter.

Grandiose Verfilmung des verschachelten Agententhrillers von John le Carré.

Und dann läuft die TV-Premiere auch noch zu einer normalen Uhrzeit, während das ZDF um 00.50 Uhr das ebenfalls grandiose Südstaatendrama „The Help“ arg lieblos versendet. Immerhin ist „The Help“ produziert von Disney, starbesetzt, Oscar-prämiert, mehrfach ausgezeichnet und war ein überraschender Kassenhit in den USA.

mit Gary Oldman, Colin Firth, Tom Hardy, John Hurt, Toby Jones, Mark Strong, Benedict Cumberbatch, Ciarán Hinds, David Dencik, Simon McBurney, Kathy Burke, Stephen Graham, Svetlana Khodchenkova, John le Carré (Komparse bei der MI6-Silvesterfeier; also genau aufpassen)

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Wikipedia über die Verfilmung „Dame, König, As, Spion“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Dame, König, As, Spion“

Rotten Tomatoes über „Dame, König, As, Spion“

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés “Verräter wie wir” (Our kind of traitor, 2010)

Meine Besprechung von John le Carrés “Empfindliche Wahrheit” (A delicate truth, 2013)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “Bube, Dame, König, Spion” (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung „A most wanted man“ (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014)

John le Carré in der Kriminalakte


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