Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Black History Tage: Die Angie-Thomas-Verfilmung „The Hate U Give“

Februar 28, 2019

Für einen ganzen Monat reicht es nicht, aber mit der James-Baldwin-Verfilmung „Beale Street“ und der ebenfalls sehenswerten Angie-Thomas-Verfilmung „The Hate U Give“ und dem lesenswerten Sachbuch „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ von Reni Eddo-Lodge habe ich aktuell drei Werke, in denen es um das Leben von Schwarzen geht. Vielleicht passt auch noch Attica Lockes Edgar-prämierter Krimi „Bluebird, Bluebird“ in diese kleine Reihe.

Beginnen wir mit der heute im Kino anlaufenden Angie-Thomas-Verfilmung „The Hate U Give“. Im Mittelpunkt steht die sechzehnjährige Starr Carter. Sie geht auf eine vierzig Minuten von ihrer Wohnung entfernten Privatschule. Ihre Eltern wollen, dass sie für ihre späteres Leben alle Chancen hat. Die meisten ihrer Klassenkameraden sind weiß. Auch ihr Freund ist ein Weißer.

In Garden Heights, wo sie mit ihren Eltern und Geschwistern wohnt, leben dagegen fast nur Schwarze. Weiße trauen sich kaum in das Ghetto. Starrs Vater, früher ein Gangster, heute der Betreiber eines kleinen Ladens, sieht ihren Wohnort als ein politisches Statement. Er will nicht zu den Afroamerikanern gehören, die Garden Heights verlassen. Er will durch sein tägliches Handeln seinen Beitrag leisten, um den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen.

Als Starr in ihrem Viertel eine Party besucht, gibt es Ärger. Zusammen mit Khalil, einem Freund aus Kindertagen, den sie lange nicht mehr gesehen hat, haut sie ab. Kurz darauf werden sie ohne einen ersichtlichen Grund von der Polizei angehalten. Als Khalil sich während der Kontrolle in sein Auto beugt, wird er von einem Polizisten erschossen.

Und Starr steht vor der Frage, was sie tun soll.

Denn die Polizei beginnt schnell, den Schusswaffengebrauch des Polizisten als gerechtfertigt und das Opfer als einen Drogenhändler hinzustellen.

Die schwarze Gemeinschaft ist empört über den weiteren Mord an einem ihrer Mitglieder. Sie fordern Gerechtigkeit. Sie protestieren und sie hoffen, dass die Zeugin des Vorfalls redet.

Starrs Geschichte wurde zuerst von Angie Thomas in ihrem Romandebüt „The Hate U Give“ erzählt. Sehr detailreich aus Starrs Perspektive, die ein ganz normaler Teenager mit ganz normalen Teenagerproblemen ist, gerne Harry Potter liest und „Der Prinz von Bel Air“ sieht. Bis auf ihre Hautfarbe und damit der Möglichkeit, jederzeit von einem Polizisten erschossen zu werden. Deshalb erzählte ihr Vater ihr auch, als sie zwölf Jahre alt war, was sie tun soll, wenn sie von einem Polizisten angehalten wird: „Du machst alles, was sie sagen. Halt deine Hände so, dass man sie sieht. Mach keine plötzlichen Bewegungen. Red nur, wenn du was gefragt wirst.“

Diese allen Afroamerikanern vertrauten Ratschläge helfen im Alltag nicht immer. Die zahlreichen tödlichen Schüsse auf Schwarze sprechen da eine deutliche Sprache. Sie werden überproportional oft von Polizisten erschossen. Die Polizisten und Sicherheitsbeamten, die die Schüsse abfeuerten, werden normalerweise nicht oder mit einer geringen Haftstrafen bestraft. 2013 gründete sich „Black Lives Matter“ dagegen.

Der konkrete Anlass für Angie Thomas, „The Hate U Give“ zu schreiben, waren die tödlichen Schüsse auf den unbewaffneten und in dem Moment wehrlosen Oscar Grant in Oakland, Kalifornien, am 1. Januar 2009 durch einen BART-Polizisten. Der landes- und auch weltweit Aufsehen erregende Fall inspirierte „Black Panther“-Regisseur Ryan Coogler zu seinem Spielfilmdebüt „Nächster Halt: Fruitvale Station“.

In ihrem Roman und der Verfilmung präsentieren die verschiedenen Personen die verschiedenen Aspekte des Themas Polizeigewalt und wie auf sie reagiert wird. Individuell und auch strukturell. In „The Hate U Give“ wird das Verhalten des Polizisten nicht auf einen individuellen Fehler reduziert, sondern es werden auch die strukturellen Probleme angesprochen, die dazu führen, das Schwarze eher als Weiße von Polizisten angehalten, inhaftiert, geschlagen und auch erschossen werden (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge und auch nicht immer alles). Einiges gerät dabei im Buch und im Film ziemlich didaktisch und einiges wirkt in seiner Verdichtung übertrieben. So war Starrs Vater vor einer längeren Haftstrafe ein wichtiges Gangmitglied. In der Haft schwor er dem Verbrecherleben ab und er beschloss für seine Tochter, ein richtiger Vater zu sein. Der heutige Drogenkönig des Viertels ist sein damaliger Kumpel und Khalil, der am Anfang einer Verbrecherkarriere steht, verdient sich seine ersten Sporen als Gangster.

Starrs Onkel, der sie während ihrer ersten Lebensjahre erzog (als ihr Vater im Gefängnis saß), ist Polizist. Starrs Klassenkameradinnen verkörpern verschiedene Positionen der Weißen gegenüber dem Rassismus und rassistischer Gewalt.

Bürgerrechtsanwälte und die Medien sind selbstverständlich auch involviert, während die Community sich zuerst zum Gottesdienst und dann zum Protest auf der Straße versammelt.

In diesem Geflecht unterschiedlicher Positionen, Haltungen und Ansprüche muss Starr ihre Stimme finden.

Thomas‘ Roman erzählt diesen Gewissenskonflikt sehr anschaulich für eine junge Leserschaft. Der Roman stand auf dem ersten Platz der „New York Times“-Bestsellerliste, erhielt in den USA mehrere Preise, und in Deutschland war es für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 nominiert und erhielt den Preis der Jugendjury.

Die gelungene Verfilmung bleibt in jeder Beziehung nah am Roman.

Regisseur George Tillman Jr. produzierte die „Barbershop“-Filme und inszenierte Filme wie „Faster“ und „Kein Ort ohne dich“, die gekonnt die Genreregeln bedienen. Auch „The Hate U Give“ ist ein konventionell inszenierter Film, der gut gespielt und flüssig erzählt eine zu Herzen gehende Geschichte erzählt. Er gibt, wie der Roman, einen tiefen Einblick in das Leben des afroamerikanischen Mittelstandes und die verschiedenen Aspekte des Themas. Zubereitet für ein jugendliches Publikum.

Für Erwachsene, die ihre Spike-Lee-Schule hinter sich haben und noch über „Capernaum – Stadt der Hoffnung“ nachdenken, ist dann alles etwas zu einfach und zu glatt innerhalb der bekannten Hollywood-Erzählkonventionen. Aber sie gehören nicht zur Zielgruppe des Films. Und auch sie müssen die ehrlichen und ehrenwerten Absichten des Films anerkennen, der neben dem individuellen auch den institutionellen Rassismus anspricht und das, ohne blind zu predigen, in einer packenden Geschichte erzählt, die das Publikum zum Nachdenken auffordert.

Und Starr, überzeugend gespielt von Amandla Stenberg, ist eine tolle Heldin. Sie ist keine der aus zahllosen Dystopien bekannten Young-Adult-Heldinnen, die am Ende doch nur, ganz klassisch-konservativ, einen Mann und Kinder wollen. Dagegen hat Starr zwar auch nichts, aber zuerst muss sie Khalils Tod verarbeiten und herausfinden, wer sie ist.

The Hate U Give (The Hate U Give, USA 2018)

Regie: George Tillman Jr.

Drehbuch: Audrey Wells

LV: Angie Thomas: The Hate U Give, 2017 (The Hate U Give)

mit Amandla Stenberg, Regina Hall, Russell Hornsby, Anthony Mackie, Issa Rae, Common, Algee Smith, Sabrina Carpenter, K.J. Apa, Lamar Johnson, TJ Wright, Megan Lawless

Länge: 133 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage (Lesetipp für junge Leseratten, vom Verlag empfohlen ab 14 Jahre)

Angie Thomas: The Hate U Give

(übersetzt von Henriette Zeltner)

cbj, 2017

512 Seiten

18 Euro (Gebundene Ausgabe)

9,99 Euro (Taschenbuch)

Originalausgabe

The Hate U Give

Balzer + Bray/Harper Collins, 2017

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Hate U Give“

Metacritic über „The Hate U Give“

Rotten Tomatoes über „The Hate U Give“

Wikipedia über „The Hate U Give“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von George Tillman Jr. Nicholas Sparks-Verfilmung „Kein Ort ohne dich“ (The longest ride, USA 2015)

Homepage von Angie Thomas

Perlentaucher über „The Hate U Give“

Chrismon: Interview mit Angie Thomas über ihren Roman, Polizeigewalt und Donald Trump (November 2017)

Zwei kleine Making-ofs

TIFF-Pressekonferenz zum Film (ab Minute 8 und sehr leise)

Ein Q&A mit George Tillman Jr. und Amandla Sternberg über den Film

Gespräch mit Angie Thomas über ihren Roman (März 2017)

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TV-Tipp für den 30. Oktober: Faster

Oktober 29, 2016

Pro7, 23.15

Faster (USA 2010, Regie: George Tillman Jr.)

Drehbuch: Tony Gayton, Joe Gayton

Der Fahrer (Dwayne Johnson) ist stinkig: zuerst wird ein Coup verraten, dann sein Bruder ermordet und er für zehn Jahre in den Knast eingesperrt. Als er entlassen wird, will er sich rächen. Nach dem ersten Mord wird er von einem Polizisten (Billy Bob Thornton) und einem Killer (Oliver Jackson-Cohen) verfolgt.

„Faster“ orientiert sich ziemlich gelungen an den Gangsterthrillern der siebziger Jahre (und älter), die schnörkellos eine amoralische Geschichte erzählten. Nur die Schnittfrequenz (da wäre weniger mehr gewesen) und die Brutalität haben zugenommen.

Wer Filme wie „Point Blank“ oder „Driver“ liebt, sollte unbedingt dieses traditionsbewusste Werk einschalten.

Die Gayton-Brüder haben zuletzt die AMC-Westernserie „Hell on Wheels“ auf die Beine gestellt.

Mit Dwayne Johnson, Billy Bob Thornton, Oliver Jackson-Cohen, Carla Gugino, Maggie Grace, Moon Bloodgood, Adewale Akinnuoye-Agbaje, Xander Berkeley, Tom Berenger

Wiederholung: Montag, 31. Oktober, 02.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Film-Zeit über „Faster“

Metacritic über „Faster“

Rotten Tomatoes über „Faster“

Wikipedia über „Faster“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von George Tillman Jr. Nicholas Sparks-Verfilmung „Kein Ort ohne dich“ (The longest ride, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Kein Ort ohne dich“, denn wir sind Sparks-Verliebt

Mai 1, 2015

„Kein Ort ohne dich“ ist die zweite Nicholas Sparks-Verfilmung innerhalb weniger Monate und, auch wenn Spötter meinen alles Sparks-Verfilmungen sähen gleich aus, hat „Kein Ort ohne dich“ von „The Best of Me – Mein Weg zu dir“ auch die Struktur übernommen. Denn wieder werden zwei Liebesgeschichten erzählt. Die eine spielt in der Gegenwart, die andere in der Vergangenheit. Und wieder hilft der Witwer, ein älterer Mann der immer noch seiner Ehefrau, der Liebe seines Lebens, hinterhertrauert, dem heutigen Liebespaar mit Rat und Tat zusammen zu kommen. Denn natürlich geht in der Nicholas-Sparks-Welt alles gut aus. Auch wenn die Gegensätze am Anfang unüberbrückbar erscheinen.
Denn in der Gegenwart ist Sophia eine Studentin an der University of Wake Forest, die in einigen Wochen ein Praktikum in New York bei einer Kunstgalerie (Moderne Kunst) beginnt und die mit diesen hinterwäldlerischen North-Carolina-Cowboys nichts anfangen will. Dennoch begleitet sie ihre Freundinnen zu einem Bullenreiten-Rodeo. Dort trifft sie Luke, einen Bullenreiter und richtig altmodischen Gentleman. Sie unterhalten sich. Sie treffen sich. Sie verlieben sich. Sie kriegen sich.
Aber davor erzählt ihnen Ira Levinson von seiner großen Liebe Ruth, einer Jüdin, die er 1940 kennen lernte und die der schüchterne Jüngling zunächst nicht ansprechen wollte. Das tat die kunstbegeisterte Wienerin, die mit ihrer Familie aus Europa flüchten musste. Auch sie liebte die moderne Malerei und war von der Black-Mountain-Künstlerkolonie, in der sich alle großen zeitgenössischen Künstler trafen, begeistert.
Eigentlich erzählt Sparks hier zweimal die gleiche Geschichte. Einmal in der Gegenwart, einmal in der Vergangenheit, beide Male gänzlich konfliktfrei, mit banalen Dialogen, wie man es aus den Rosamunde-Pilcher-Filmen kennt, und mehr Americana als die Bayern es in ihren Bayern-verklärenden Sendungen übe das schöne Bayernland wagen.
Aber die Schauspieler, vor allem die Hauptdarsteller – Clint-Eastwood-Sohn Scott Eastwood als Bullenreiter Luke Collins (das könnte wirklich sein Durchbruch sein), Britt Robertson als seine Freundin Sophia, Alan Alda als 91-jähriger Ira Levinson, Jack Huston als der junge Ira und Oona Chaplin als seine Freundin Ruth -, machen ihren Job so gut und so entspannt, dass man gerne die Zeit mit ihnen verbringt.
Allerdings würde man auch gerne die Zeit in einem besseren Film verbringen. Denn letztendlich ist „Kein Ort ohne dich“ ein humor- und ironiefreies Kitschfest mit einigen peinlich abgestandenen Witzeleien über die moderne Kunst.

Kein Ort ohne dich - Plakat
Kein Ort ohne dich (The longest ride, USA 2015)
Regie: George Tillman, jr.
Drehbuch: Craig Bolton
Drehbuch: Nicholas Sparks: The longest Ride, 2013 (Kein Ort ohne dich)
mit Britt Robertson, Scott Eastwood, Jack Huston, Oona Chaplin, Alan Alda, Lolita Davidovich, Melissa Benoist
Länge: 129 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Film-Zeit über „Kein Ort ohne dich“
Moviepilot über „Kein Ort ohne dich“
Metacritic über „Kein Ort ohne dich“
Rotten Tomatoes über „Kein Ort ohne dich“
Wikipedia über „Kein Ort ohne dich“

Homepage von Nicholas Sparks


TV-Tipp für den 24. Mai: Faster

Mai 24, 2013

 

Pro7, 23.00

Faster (USA 2010, R.: George Tillman Jr.)

Drehbuch: Tony Gayton, Joe Gayton

Der Fahrer (Dwayne Johnson) ist stinkig: zuerst wird ein Coup verraten, dann sein Bruder ermordet und er für zehn Jahre in den Knast eingesperrt. Als er entlassen wird, will er sich rächen. Nach dem ersten Mord wird er von einem Polizisten (Billy Bob Thornton) und einem Killer (Oliver Jackson-Cohen) verfolgt.

Faster“ orientiert sich ziemlich gelungen an den Gangsterthrillern der siebziger Jahre (und älter), die schnörkellos eine amoralische Geschichte erzählten. Nur die Schnittfrequenz (da wäre weniger mehr gewesen) und die Brutalität haben zugenommen.

Wer Filme wie „Point Blank“ oder „Driver“ liebt, sollte unbedingt dieses traditionsbewusste Werk einschalten.

Die Gayton-Brüder haben zuletzt die AMC-Westernserie „Hell on Wheels“ auf die Beine gestellt.

Mit Dwayne Johnson, Billy Bob Thornton, Oliver Jackson-Cohen, Carla Gugino, Maggie Grace, Moon Bloodgood, Adewale Akinnuoye-Agbaje, Xander Berkeley, Tom Berenger

Wiederholung: Sonntag, 26. Mai, 00.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Film-Zeit über „Faster“

Metacritic über „Faster“

Rotten Tomatoes über „Faster“

Wikipedia über „Faster“ (deutsch, englisch)

 

 


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