Neu im Kino/Filmkritik: Dick Cheney, „Vice – Der zweite Mann“ spielt im Hintergrund die erste Geige

Februar 22, 2019

Den ersten Lacher gibt es schon in den ersten Filmsekunden, wenn nacheinander drei Sätze auf der Leinwand zu sehen sind:

The following is a true story.

Or as true as it can be given that Dick Cheney is one of the most secretive leaders in history.

But we did our fucking best.

Danach geht es in das Jahr 1963 auf eine Landstraße in Wyoming. Dick Cheney, damals noch ein junger Student, fährt stockbesoffen Auto. Ab da springt Adam McKay munter, aber weitgehend chronologisch, durch das Leben von Dick Cheney, der unter George W. Bush von 2001 bis 2009 Vizepräsident war.

Adam McKay erzählt Cheneys Geschichte, wie seinen Film „The Big Short“ über die Finanz- und Bankenkrise, flott, pointiert, mit unzähligen Brechungen, unter Einsatz aller filmischen Mittel und sehr süffig. Obwohl McKay einen mit Informationen bombardiert, verliert man nie den Überblick. Christian Bale ist als Dick Cheney unter der Maske nicht mehr zu erkennen. Die anderen Schauspieler – Steve Carell als Donald Rumsfeld, Sam Rockwell als George W. Bush, Tyler Perry als Colin Powell, Eddie Marsan als Paul Wolfowitz, LisaGay Hamilton als Condoleezza Rice – sind dagegen irritierend gut erkennbar. Sie ähneln kaum den Menschen, die sie spielen.

Auch bei den historisch verbürgen Fakten, Dynamiken und Ursache-Wirkungsketten nimmt McKay sich etliche Freiheiten. Im Gegensatz zu „The Big Short“ vereinfacht er in „Vice – Der zweite Mann“ vieles so sehr, dass Zeitzeugen, Historiker und Politik-Journalisten über die vielen Ungenauigkeiten, Auslassungen und Fiktionen verzweifeln. „Vice – Der zweite Mann“ ist halt vor allem eine Anklage gegen Dick Cheney und ein guter Ankläger ignoriert oder spielt die störenden Fakten in seinem Plädoyer herunter. Außerdem ist es ein Spiel- und kein Dokumentarfilm.

Im Mittelpunkt des Films stehen Cheneys Jahre als Vizepräsident, in denen er die Weltgeschichte entscheidend verändern konnte. Er ist dabei der große Planer im Hintergrund. Das Mastermind, das alles einfädelt und ermöglicht. Es sind die Jahre mit dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001, dem danach folgenden uferlosen Krieg gegen den Terror, dem Irakkrieg und der Ausweitung der Macht des Präsidenten. Das geschieht mit Hilfe der umstrittenen und auch zweifelhaften Unitary Executive Theorie, nach der es keine Machtbeschränkung für den US-Präsidenten und damit auch seinen Stellvertreter gibt. Er kann machen, was er will und er kann dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Cheney findet die Theorie grandios und er wird Vizepräsident, um sie in seinem Sinn anzuwenden.

Es sind Jahre, in denen einige Männer, die ihr Leben lang zwischen Politik und Wirtschaft pendelten, jetzt die Ernte einfahren wollen. Es ist eine Clique von amoralischen konservativen und ultrakonservativen Selbstbedienern, die sich den Staat zur Beute machen. Rückblickend und mit der Trump-Entourage im Weißen Haus, erscheinen sie als gemäßigte Geister, die die Saat für den jetzigen Zustand der US-Demokratie legten.

Mckay inszeniert einen oft irritierend plakativer Ritt durch einige Jahrzehnte US-Geschichte, der mehr nach dem nächsten besten Gag als nach einem wirklichen Blick hinter die Kulissen schielt. So lässt McKay die Jahre, in denen Cheney sich von einem trinkfreudigen Studenten (vulgo Säufer) zu einem Abstinenzler wandelt, links liegen. Er ist nach einer Standpauke seiner Frau Lynne (Amy Adams) schwuppdiwupp in Washington, D. C., und weil ihm bei der Begrüßung der neuen Praktikanten in der Hauptstadt die respektlos-lockere Rede von Donald Rumsfeld (Steve Carell) gefällt, wird er 1969 dessen Mitarbeiter. Zu welcher Partei er gehört und welche politischen Ansicht er hat, ist Cheney egal. Rumsfeld ist witzig und das reicht Cheney. Und so geht es weiter. Rumsfeld hat schon einige Projekte, Cheney hat dann auch ein, zwei Projekte, die er und Rumsfeld obsessiv über Jahrzehnte verfolgen: die Gründung des konservativen Privatsenders FOX News, den Zugang amerikanischer Firmen, vor allem von Cheneys Arbeitgeber Halliburton (von 1995 bis 2000), zu den Ölquellen im Irak und der juristischen Idee, dass ein US-Präsident (bzw. sein Stellvertreter) unumschränkte Macht hat. Diese will Cheney als Vizepräsident ausüben. Präsident George W. Bush wird hier zu einem leicht manipulierbaren, meinungslosen Trottel, der kaum in der Lage ist, ein Schnapsglas richtig zu halten.

Stilistisch kopiert McKay dabei seinen sehr aufklärerischen und sehr gelungenen „The Big Short“. Aber während man beim ersten Sehen von „The Big Short“ kaum alles erfassen konnte, hat man bei „Vice“ keine Probleme, die vielen Informationen zu verarbeiten. In dem Informationstsunami ist alles immer ziemlich eindeutig. Damit ist die Polit-Satire inhaltlich und auch von der Personenzeichnung deutlich näher bei McKays beiden „Anchorman“-Filmen und seiner „Saturday Night Live“-Zeit. Die gezeigten Politiker sind keine Charaktere, sondern Typen, die einfach nur Macht wollen. Wozu und welche Überzeugungen sie haben, ist da noch nicht einmal sekundär. Falls sie überhaupt Überzeugungen haben, die über ihr Bankkonto hinausreichen.

Vice – Der zweite Mann“ ist eine Satire über eine Haufen moralbefreiter Intriganten, die von willigen Deppen umgeben sind und die gängige Vorurteile über die Politik bedient.

Vice – Der zweite Mann (Vice, USA 2018)

Regie: Adam McKay

Drehbuch: Adam McKay

mit Christian Bale, Amy Adams, Steve Carell, Sam Rockwell, Tyle Perry, Eddie Marsan, Jesse Plemons, LisaGay Hamilton, Alison Pill, Lily Rabe, Alfred Molina

Länge: 134 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Vice“

Metacritic über „Vice“

Rotten Tomatoes über „Vice“

Wikipedia über „Vice“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood fällt ein ziemlich eindeutiges Urteil

Meine Besprechung von Adam McKays „Anchorman – Die Legende kehrt zurück“ (Anchorman 2: The Legend continues, USA 2013)

Meine Besprechung von Adam McKays „The Big Short“ (The Big Short, USA 2015)

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Neu im Kino/Filmkritik: Al Gore verkündet „Immer noch eine unbequeme Wahrheit – Unsere Zeit läuft“

September 8, 2017

Ist es ein wichtiger Film? Ja.

Ist es ein gut gemachter Film? Ja.

Ist es ein Film, den man sich ansehen muss? Nein.

Das liegt nicht an dem Anliegen. Im Gegenteil. Nach dem Ausstieg der USA aus dem Pariser Abkommen zum Schutz des Klimas, nachdem auch in Deutschland Klimaleugner ein viel zu breites Podium bekommen, nachdem die Folgen des menschengemachten Klimawandels immer deutlicher werden und Klimaforscher in immer mehr Studien immer deutlicher die Folgen unseres Handelns herausarbeiten, ist ein Film wie „Immer noch eine unbequeme Wahrheit – Unsere Zeit läuft“ ein wichtiger Film, dessen Botschaft von möglichst vielen Menschen gehört und beherzigt werden sollte.

Es liegt an der Machart.

Vor elf Jahren drehte Davis Guggenheim „Eine unbequeme Wahrheit“. In dem Dokumentarfilm stand Al Gores Vortrag zum Klimawandel im Zentrum. Der Demokrat und ehemalige US-Vizepräsident hielt, nach seiner gescheiterten Kandidatur für das Amt des US-Präsidenten, den Diavortrag landauf und landab. Er setzte damit seine langjährige Arbeit zum Klimaschutz fort. Der Film war eine weitere Version des Vortrags. „Eine unbequeme Wahrheit“ erhielt zwei Oscars (bester Dokumentarfilm und bester Song), war ein Kassenhit und ein wichtiger Teil des globalen und US-amerikanischen Diskurses über den Klimawandel.

Immer noch eine unbequeme Wahrheit“ zeigt, was sich seitdem veränderte und wie die Zukunft aussieht. Die Filmemacher Bonnie Cohen und Jon Shenk begleiten Al Gore rund um den Globus. Er will immer noch das Klima retten. Er unterhält sich mit Wissenschaftlern in Grönland auf dem Russell-Gletscher. Er hält Vorträge. Er, bzw. die von ihm gegründete Nichtregierungsorganisation „The Climate Reality Project“, bildet in dem „Climate Reality Leadership Corps“-Programm „Climate Leaders“ aus. Sie sollen danach einen vorher erstellten Powerpoint-Vortrag überall auf der Welt halten, so über die Folgen des Klimawandels, was schon dagegen getan wird und was noch dagegen getan werden muss, aufklären und in ihrem Umfeld zu Kämpfern für den Klimaschutz werden. Es ist auch ein hoffnungsvoller Vortrag, weil Gore zahlreiche Beispiele für klimaschützende Investitionen und Techniken nennt. Die Dokumentation zeigt Ausschnitte aus mehreren dieser von Al Gore vor ihnen gehaltenen, ständig aktualisierten Vorträgen.

Auch die Regisseure Bonnie Cohen und Jon Shenk mussten ihren Film kurz vor der Premiere noch einmal umschneiden, weil Donald Trump am 1. Juni 2017 den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen verkündete. Das Abkommen entwickelt das Kyoto-Protokoll weiter, ist inzwischen von allen Ländern (bis auf Syrien [Bürgerkrieg] und Nicaragua [denen das Abkommen nicht weit genug geht]) unterzeichnet und soll die Treibhausgasemissionen und den menschengemachten Temperaturanstieg deutlich begrenzen.

Al Gore war auch, begleitet von Cohen und Shenk, im Dezember 2015 auf dem Klimagipfel in Paris. Auf den Gängen, in Hinter- und Hotelzimmern redet und telefoniert er solange mit mehr oder weniger hochrangigen Politikern, bis der Eindruck entsteht, dass Al Gore dank seines guten Zugangs zu hochrangigen Politikern und seinen in wichtigen Positionen sitzenden „Climate Leaders“ im Alleingang das Abkommen besiegelte.

Das ist natürlich Quatsch. Denn neben Al Gore, waren in Paris viele andere Gruppen und Menschen, die sich für den Schutz des Klimas einsetzen. Teilweise schon seit Jahrzehnten. Teilweise sind ihre Namen in der Öffentlichkeit weniger bekannt. Aber sie hätten nicht zu dem Film gepasst, der letztendlich „Die große Al-Gore-Werbeschau“ ist.

Und genau das ist das Problem des Films. Es ist ein Werbefilm für Al Gore und seine NRO, der deshalb alle anderen Umweltschutzgruppen und Umweltschützer ignoriert. Die Regisseure ordnen das Anliegen einer Personality-Show, in der Al Gore zum Messias wird, unter.

Immer noch eine unbequeme Wahrheit – Unsere Zeit läuft (An Inconvenient Sequel: Truth to Power, USA 2017)

Regie: Bonnie Cohen, Jon Shenk

Drehbuch: –

mit Al Gore, George W. Bush, John Kerry, Marco Krapels, Angela Merkel, Barack Obama, Vladimir Putin, Donald J. Trump

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Immer noch eine unbequeme Wahrheit“

Metacritic über „Immer noch eine unbequeme Wahrheit“

Rotten Tomatoes über „Immer noch eine unbequeme Wahrheit“

Wikipedia über „Immer noch eine unbequeme Wahrheit“ (deutsch, englisch)


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