Neu im Kino/Filmkritik: Über das Musikerbiopic „Miles Davis – Birth of the Cool“

Januar 2, 2020

Weil ich keine Lust habe, einmal im Sauseschritt durch das Leben von Miles Davis zu hetzen, wird diese Kritik eher kurz.

Denn Stanley Nelson gelingt es in seinem Dokumentarfilm „Miles Davis – Birth of the Cool“ sehr gut, das Leben des Jazztrompeters Miles Davis und seine unzähligen musikalischen Häutungen zu erzählen, ohne wichtige Aspekte zu vernachlässigen und, was noch wichtiger und, angesichts des Lebens und Werks von Miles Davis noch imponierender ist, ohne falsche Schwerpunkte zu setzen. In knapp zwei Stunden erzählt Nelson, mit viel Musik, vielen gut gewählten Interviewpartnern, ebenso gut gewähltem Archivmaterial und Zitaten von Miles Davis (im Original von Carl Lumbly nah am Original heißer geflüstert), das Leben von Miles Davis von seiner Geburt am 26. Mai 1926 in Alton, Illinois, bis zu seinem frühen Tod am 28. September 1991 in Santa Monica, Kalifornien. Er wurde nur 65 Jahre alt.

Nelson erzählt das Leben des Jazztrompeters als konventionelle Mischung zwischen kurzen, eher illustrierenden Musikclips, Dokumentaraufnahmen, mal Fotos, mal Film, und sprechenden Köpfen. Wirklich beeindruckend ist, wie gut es Nelson gelingt, jede Schaffensphase von Miles Davis zu seinem Recht kommen zu lassen. Denn die Fans von „Birth of the Cool“ und seinen Bop-Aufnahmen sind nicht unbedingt die Fans von „Kind of Blue“ (seine bekannteste Platte, die auch Jazzhasser lieben) oder „Sketches of Spain“ (um nur eine Orchester-Zusammenarbeit mit Gil Evans zu erwähnen) oder von „Bitches Brew“ (und seinen darauf folgenden immer freier werdenden Fusion-Aufnahmen) oder von „You’re under Arrest“ (mit dem Cyndi-Lauper-Cover „Time after Time“ und seinen sehr poppigen Aufnahmen aus den Achtzigern) oder von seiner letzten, wenige Monate nach seinem Tod erschienen LP „Doo-Bop“, in der er Jazz mit Hip-Hop fusionierte. Diese stilistischen Wechsel dokumentieren eine immer währende musikalische Neugier, die wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse der Fans nimmt, die vor allem immer wieder das gleiche hören wollen.

In der zweistündigen Doku gibt es keine groben Auslassungen oder grob falsche Gewichtungen. Auch wenn der Davis-Fan selbstverständlich hier und da, ja nach persönlicher Davis-Lieblingsschaffensphase, gerne mehr oder weniger in die Tiefe gegangen wäre. Neben dem Werk geht Nelson auch auf Davis‘ Leben, seine durchaus problematische Persönlichkeit und seine kulturelle und auch popkulturelle Bedeutung ein.

Somit ist „Miles Davis – Birth of the Cool“ für den Davis-Fan eine Auffrischung bekannter Informationen und eine Einladung, mal wieder eine Platte von ihm aufzulegen (wobei wahrscheinlich eine CD einschieben oder eine Playlist anklicken näher an der Wirklichkeit ist). Für den Novizen ist die Doku ein glänzender und rundum gelungener Überblick über das Leben und Werk eines der wichtigsten Jazzmusiker.

Miles Davis – Birth of the Cool (Miles Davis: Birth of the Cool, USA 2019)

Regie: Stanley Nelson

Drehbuch: Stanley Nelson

mit (ohne zwischen aktuellen Interviews und Archivmaterial, ohne zwischen kurzen und langen Statements und ohne zwischen allgemein bekannten und unbekannteren Gesprächspartnern zu unterscheiden) Miles Davis, Carl Lumbly (im Original: Stimme von Miles Davis), Reginald Petty, Quincy Troupe, Farah Griffin, Lee Annie Bonner, Ashley Kahn, Benjamin Cawthra, Billy Eckstine, Walter Cronkite, Jimmy Heath, Jimmy Cobb, Dan Morgenstern, Charlie Parker, Greg Tate, Gerald Early, Quincy Jones, Wayne Shorter, Tammy L. Kernodle, Juliette Gréco, Vincent Bessières, George Wein, Eugene Redmond, Thelonious Monk, Carlos Santana, Herbie Hancock, Marcus Miller, Cortez McCoy, Sandra McCoy, Jack Chambers, Frances Taylor, Johnny Mathis, René Urtreger, Joshua Redman, John Coltrane, James Mtume, Lenny White, Vincent Wilburn Jr., Archie Shepp, Stanley Crouch, Gil Evans, Cheryl Davis, Ron Carter, Sly and the Family Stone, Clive Davis, Betty Davis, Marguerite Cantú, Mark Rothbaum, Erin Davis, Mike Stern, Mikel Elam, Jo Gelbard, Prince, Wallace Roney

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Miles Davis: Birth of the Cool“

Metacritic über „Miles Davis: Birth of the Cool“

Rotten Tomatoes über „Miles Davis: Birth of the Cool“

Wikipedia über Miles Davis (deutsch, englisch)

Homepage von Miles Davis

AllMusic über Miles Davis


TV-Tipp für den 12. September: Mr. Dynamite: The Rise of James Brown

September 11, 2015

Arte, 21.45 (VPS 21.50)
Mr. Dynamite: The Rise of James Brown (USA 2014, Regie: Alex Gibney)
Drehbuch: Alex Gibney
Spielfilmlange Doku von Alex Gibney (Taxi to the dark side; We steal secrets: Die Wikileaks-Geschichte) über James Brown, den selbsternannten Godfather of Soul. Gibney erzählt, mit unbekanntem Filmmaterial und aktuellen Interviews, den Aufstieg von Brown aus ärmlichsten Verhältnissen zum Star.
Die hochgelobte Doku wurde mit dem Peabody, Image und Black Reel Award ausgezeichnet – und sie ist eine gute Ergänzung zu dem grandiosen James-Brown-Biopic „Get on up“.
Mit James Brown, Bobby Byrd, Bootsy Collins, Chuck D., Pee Wee Ellis, Mick Jagger, Alan Leeds, Christian McBride, Maceo Parker, Melvin Parker, Danny Ray, Cleveland Sellers, Al Sharpton, Greg Tate, Ahmir ‚Questlove‘ Thompson, Fred Wesley
Wiederholung: Samstag, 19. September, 00.25 Uhr (Taggenau!)
Hinweise
Arte über „Mr. Dynamite: The Rise of James Brown“
HBO über „Mr. Dynamite: The Rise of James Brown“
Metacritic über „Mr. Dynamite: The Rise of James Brown“
Rotten Tomatoes über „Mr. Dynamite: The Rise of James Brown“
International Business Times: Interview mit Alex Gibney über seinen Film
Meine Besprechung von Alex Gibneys „We steal Secrets: Die Wikileaks-Geschichte“ (We steal Secrets: The Story of Wikileaks, USA 2013)


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