TV-Tipp für den 14. Februar: Maggies Plan

Februar 14, 2019

3sat, 22.25

Maggies Plan (Maggie’s Plan, USA 2015)

Regie: Rebecca Miller

Drehbuch: Rebecca Miller (nach einer Geschichte von Karen Rinaldi)

Die New Yorkerin Maggie (Greta Gerwig) will ein Baby und sie hat auch schon den perfekten Samenspender gefunden. Da trifft die Akademikerin zufällig einen Literaturprofessor (Ethan Hawke), verliebt sich in ihn und ihr erster Plan geht in die Binsen. Als drei Jahre später das Zusammenleben mit John nicht so traumhaft ist, wie sie sich erhofft hat, entwirft sie einen neuen Plan.

TV-Premiere: Wunderschöne Screwball-Comedy im New Yorker Intellektuellenmilieu. Das erinnert natürlich an Woody Allen, aber Rebecca Miller hat eine ganz andere Handschrift.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Greta Gerwig, Ethan Hawke, Julianne Moore, Bill Hader, Maya Rudolph, Travis Fimmel, Ida Rohatyn, Wallace Shawn

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Berlinale über „Maggies Plan“

Moviepilot über „Maggies Plan“

Metacritic über „Maggies Plan“

Rotten Tomatoes über „Maggies Plan“

Wikipedia über „Maggies Plan“

Meine Besprechung von Rebecca Millers „Maggies Plan“ (Maggie’s Plan, USA 2015)

Werbeanzeigen

Neu im Kino/Filmkritik: Wes Anderson besucht die „Isle of Dogs – Ataris Reise“ wird erzählt

Mai 11, 2018

Beginnen wir gleich mit dem größten Problem von „Isle of Dogs – Ataris Reise“: die Synchronisation. Im Original verleihen Hollywoodstars Hunden und Menschen ihre Stimme. Bei uns sind es dann deutlich unbekanntere Synchronsprecher.

Die meisten Zuschauer werden sich, im Gegensatz zu den Cineasten und „ich will jeden Film von xyz sehen“-Fans, daran nicht stören. Sie kennen eh nur die Synchronstimmen von Scarlett Johansson und Greta Gerwig. Und die Fans von Originalfassungen, zu denen ich gehöre, sind eine überschaubare Minderheit. Sogar im CineStar im Berliner Sony Center, das nur Originalfassungen zeigt, wird man an der Kasse immer gefragt, ob man die Originalfassung sehen möchte.

Damit ist, ehrlich betrachtet, die Synchronisation und das damit verbundene Verschwinden der Starpower, etwas zwischen Schein- und Luxusproblem. Der Reiz der Bilder bleibt in dem witzigen Stop-Motion-Film in jeder Fassung erhalten.

Stop-Motion ist eine altbewährte Filmtechnik, die auch sehr aufwendig ist. Zuerst werden dreidimensionale Objekte, in diesem Fall Hunde und Menschen, gefertigt. Diese werden für jede Aufnahme minimal bewegt. Erst wenn man die so entstandenen Aufnahmen schnell zeigt, entsteht der Eindruck von Bewegung. Weil „Isle of Dogs“-Regisseur Wes Anderson statt der normalen 24 Bilder pro Sekunde eine Vorliebe für 12 Einzelbilder pro Sekunde hat, mussten für den Film nur 130.000 handgefertigte Standbilder angefertigt werden. Die Bewegungen erscheinen so etwas abgehackter als normal. Am Arbeitstempo änderte sich dadurch wenig. Täglich konnten nur wenige Sekunden Film entstehen. Insgesamt dauerte die Produktion des Films fast zwei Jahre. Und davor wurde das Drehbuch geschrieben und in einem Storyboard die einzelnen Einstellungen festgelegt. „Isle of Dogs“ ist daher kein Film, in dem mal schnell etwas improvisiert wurde.

Stop-Motion-Szenen hat jeder schon gesehen. Meistens in Science-Fiction- und Fantasy-Filmen. In „King Kong und die weiße Frau“ und den „Krieg der Sterne“-Filmen wurde die Technik für einige Szenen verwandt. Ray Harryhausen war ein Meister dieser Technik. Seine Arbeit kann in „Sindbads 7. Reise“, „Jason und die Argonauten“, „Eine Million Jahre vor unserer Zeit“ und „Kampf der Titanen“ bewundert werden. In den letzten Jahren inszenierten Tim Burton („Nightmare before Christmas“ [Regie: Henry Selick], „Corpse Bride – Hochzeit mit einer Leiche“ und „Frankenweenie“) und, für Erwachsene, Charlie Kaufman („Anomalisa“) Stop-Motion-Kinofilme. Mit „Der fantastische Mr. Fox“ inszenierte Wes Anderson bereits einen Stop-Motion-Animationsfilm.

In seinem neunten Spielfilm „Isle of Dogs – Ataris Reise“ erzählt Anderson die Geschichte von Atari Kobayashi (Koyu Rankin). Er ist der zwölfjährige Pflegesohn des autoritären Bürgermeisters von Megasaki City. Aufgrund einer grassierenden Hundegrippe werden alle Hunde aus der Stadt nach Trash Island verbannt. Die Insel, eigentlich eine Müllkippe, liegt in Sichtweite von Megasaki City.

Eines Tages wird Spots, der Wachhund von Atari, nach Trash Island deportiert.

Atari will seinen Freund retten. Er klaut ein Flugzeug, legt auf der Insel eine ordentliche Bruchlandung hin und will auf der riesigen Insel seinen besten Freund finden. Das ist eine ziemlich hoffnungslose Aufgabe, bis eine kleine Hundegruppe – bestehend aus Rex (Edward Norton), Boss (Bill Murray), King (Bob Balaban), Duke (Jeff Goldblum) und Chief (Bryan Cranston) – beschließt, dem Jungen zu helfen. Immerhin ist es das, was Hunde tun.

In diesem Moment sind wir schon mitten drin in einem Abenteuer, das Kindern und Erwachsenen gefallen dürfte. Für Kinder gibt es eine Geschichte über die Suche nach einem Hund, Freundschaft und den Kampf gegen einen Bösewicht. Denn die Hundegrippe wurde von Menschen verursacht. Genauso wie die Ausgrenzung und Deportation der einstmals geliebten Haustiere in den sicheren Tod. Denn auf Trash Island gibt es keine Nahrung. Anderson erzählt die Abenteuer von Atari und seinen Hundefreunden, mit vielen sehr vergnüglichen Um- und Abwegen, detailfreudig, voller Humor, Slapstick und Situationskomik.

Erwachsene und Cineasten werden in diesen Momenten auch etliche lässig eingestreute Anspielungen und Zitate erkennen. Stilistisch ist „Isle of Dogs“ unverkennbar inspiriert vom japanischen Film, vor allem von Akira Kurosawa („Die sieben Samurai“), und der japanische Kultur. Im Film wird auch ziemlich viel japanisch gesprochen. Anderson erzählt die Geschichte aus der Sicht der Hunde, die sich natürlich untereinander blendend verstehen. Sie sprechen daher, im Original, englisch. Japanisch verstehen die Hunde nicht. Deshalb gibt es, wenn Menschen japanisch sprechen, auch keine Untertitel. Wenn es wirklich wichtig ist, übersetzt eine Dolmetscherin (Frances McDormand im Original) ins Englische. Das ist nötig, weil eine junge US-Austauschstudentin, Hundefreundin und Journalistin eine gewaltige Verschwörung gegen die Hunde wittert.

Diese Verschwörung gegen die Hunde, ihre Ausgrenzung und die Pläne für ihre Vernichtung können mühelos als warnender Kommentar zum aktuellen politischen Geschehen gelesen werden. Dabei hat Wes Anderson den Film schon 2015 ankündigt und die Produktion begann 2016. Seine Premiere hatte er auf der diesjährigen Berlinale. Dort erhielt Anderson den Silbernen Bären als bester Regisseur.

Isle of Dogs – Ataris Reise (Isle of Dogs, USA 2018)

Regie: Wes Anderson

Drehbuch: Wes Anderson (nach einer Geschichte von Wes Anderson, Roman Coppola, Jason Schwartzmann und Kunichi Nomura)

mit (im Original den Stimmen von) Liev Schreiber, Edward Norton, Bill Murray, Bob Balaban, Jeff Goldblum, Bryan Cranston, Scarlett Johansson, F. Murray Abraham, Tilda Swinton, Harvey Keitel, Ken Watanabe, Koyu Rankin, Kunichi Nomura, Akira Takayama, Greta Gerwig, Akaira Ito, Yoko Ono, Frances McDormand, Nijiro Murakami, Mari Natsuki, Yojiro Nada, Frank Wood, Courtney B. Vance (Wuff, ein All-Star-Voice-Film)

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Isle of Dogs“

Metacritic über „Isle of Dogs“

Rotten Tomatoes über „Isle of Dogs“

Wikipedia über „Isle of Dogs“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Isle of Dogs“

Meine Besprechung von Wes Andersons „The Grand Budapest Hotel“ (The Grand Budapest Hotel, USA/Deutschland 2014)

Q&A bei der Film Society of Lincoln Center

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Lady Bird“, eine Jugend in der Provinz

April 20, 2018

Anybody who talks about California hedonism has never spent a Christmas in Sacramento.

Joan Didion

Greta Gerwig ist nicht Lady Bird. Sie inszenierte den Film nur nach ihrem Drehbuch und, um jetzt gleich die offensichtliche Frage zu beantworten, obwohl der Film 2002 in Sacramento spielt, ist er nicht autobiographisch. Jedenfalls nicht im strengen Sinn. „Lady Bird“ erzählt eine erfundene Geschichte über eine junge Frau, die, wie Gerwig, in Sacramento lebt, auf eine katholische Mädchenschule geht und nach New York will.

Lady Bird ist Christine McPherson, gespielt von Saoirse Ronan und, nun, sie ist Lady Bird. Ein Teenager im letzten Highschooljahr. Ausgesetzt all den Gefühlsstürmen und Unsicherheiten, die man in diesem Alter hat. Vor allem wenn man aus einer armen Familie kommt und sich als Outcast fühlt. Ihre Mutter verdient als Krankenschwester das Geld für die Familie. Sie will ihrer Tochter die Flausen austreiben und eine realistische Perspektive auf ihr künftiges Leben vermitteln. Sie haben einfach nicht das Geld, um ihrer Tochter das teure Studium in New York zu bezahlen. Ihr gebildeter, arbeitsloser Vater sieht das wesentlich entspannter und verständnisvoller. Und ihr Bruder ist gar nicht ihr Bruder, sondern adoptiert und konkurriert mit ihrem Vater um die gleichen IT-Stellen.

An der Schule kämpft sie sich durch, hängt mit ihrer Freundin ab, wäre gerne bei dem coolen Jungs und Mädchen und natürlich geht es um den ersten Sex.

So gesagt unterscheidet sich „Lady Bird“ nicht von unzähligen anderen Highschool-Komödien. Sie erzählen Episoden aus dem Leben Jugendlicher in einer bestimmten Periode ihres Lebens. Meistens sind die Filme Ensemblefilme. Das ermöglicht es dem Regisseur, viele verschiedene Geschichten, Episoden und auch Perspektiven über das Erwachsenwerden einzubringen. Meistens ist es auch ein rein männlicher Blick, genau gesagt: der Blick des weißen Mannes.

Fast immer enden diese Filme mit einem von Außen bestimmten Ereignis, wie der Abschlussfeier oder dem Tag nach der letzten Nacht in dem geliebt/gehassten, vertrauten Geburtsort, der dann „Dazed and Confused“ in eine fremde Welt verlassen wird. Und, auch wenn wir die US-amerikanischen Schulen nur aus den Filmen kennen, sind die Filme immer wie ein Blättern in einem Bildband oder dem Karton mit den Jugendfotos, die Erinnerungen wecken.

Greta Gerwig erzählt ihren Film dagegen aus der weiblichen Perspektive und das eröffnet dem Genre neue Perspektiven. Sie hat einen sehr wahrhaftigen und authentischen Blick auf ihre Charaktere, die fast durchgängig Frauen sind. Auch die Lehrer sind, immerhin besucht Lady Bird eine katholische Mädchenschule, weiblich. Und wann hat man zuletzt eine Nonne als Lehrerin und als durchaus positive Respektsperson in einem Film gesehen? Die Männer, vor allem die jungen Männer, müssen sich da als Objekt der Begierde mit Nebenrollen begnügen.

Keine Nebenrolle haben dagegen, – auch hier unterscheidet „Lady Bird“ sich von anderen Highschool-Komödien -, die Eltern von Lady Bird. Vor allem ihre Beziehung zu ihrer Mutter, mit der sie eine wahre Hassliebe verbindet, nimmt viel Leinwandzeit in Anspruch.

So werden die Episoden aus Lady Birds chaotischem (Gefühls)Leben mehr als in anderen Highschool-Komödien zu einer Geschichte. Gerwig zeichnet eine Entwicklung nach, die erst in New York endet. Jedenfalls in diesem Film. Wer will kann nämlich in „Frances Ha“ (wo Gerwig Co-Autorin war und die Hauptrolle spielte), ohne große Anstrengungen, eine Art Weiterzählung von „Lady Bird“ sehen.

Am Ende von „Lady Bird“ erscheint Sacramento gar nicht so schlimm, wie Joan Didion, eine andere bekannte gebürtige Sacramentoerin (Ist das ein Wort?), behauptet. Jedenfalls nicht schlimmer als irgendein x-beliebiges Provinzkaff.

Lady Bird (Lady Bird, USA 2017)

Regie: Greta Gerwig

Drehbuch: Greta Gerwig

mit Saoirse Ronan, Laurie Metcalf, Tracy Letts, Lucas Hedges, Timothée Chalamet, Beanie Feldstein, Stephen McKinley Henderson, Lois Smith, Odeya Rush, Jordan Rodrigues, Marielle Scott

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Lady Bird“

Metacritic über „Lady Bird“

Rotten Tomatoes über „Lady Bird“

Wikipedia über „Lady Bird“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Lady Bird“ (oder Wie autobiographisch ist Greta Gerwigs fantastisches Regiedebüt?)

Realizing Lady Bird (Achtung: enthält Spoiler und nervige Musik)


Neu im Kino/Filmkritik: „Jackie: Die First Lady“ und die Tage nach dem Tod ihres Mannes John F. Kennedy

Januar 30, 2017

Jacqueline ‚Jackie‘ Kennedy (Natalie Portman) lädt kurz nach dem Tod ihres Gemahls einen Journalisten (Billy Crudup) auf ihr Anwesen in Hyannisport, Massachusetts, ein. Die 34-jährige Witwe will ihm für eine Reportage ihre Sicht des Attentats auf John F. Kennedy am 22. November 1963 in Dallas, Texas, und der Ereignisse bis zu seiner Beerdigung erzählen. Sie sagt dem Journalisten auch, dass sie vor einer Veröffentlichung den Bericht durchlesen und entsprechend ihren Wünschen korrigieren will. Sie will also eine Hofberichterstattung. Aber weil wir im Kino die unzensierte Version sehen, kann aus der Ausgangslage ein ungeschönter Einblick in die chaotischen Tage nach dem Attentat werden, die sich vor allem hinter verschlossenen Türen abspielten.

In seinem vorherigen Film „Neruda“ (ab 23. Februar in unseren Kinos) benutze Pablo Larrain eine ähnlich Konstruktion, indem er seine Geschichte auf mehreren Ebenen und verschiedenen Perspektiven erzählt. Allerdings mit einem ungleich befriedigenderem Ergebnis als in seinem fragmentarischen, bewusst immer wieder Erzählerwartungen und -konventionen brechendem US-Debüt „Jackie: Die First Lady“.

Dabei hätte man aus der Prämisse viel machen können: die auf wenige Tage und ein Ereignis kondensierte Geschichte einer Frau, die mit dem Tod ihres Mannes zurecht kommen muss und die Geschichte einer Frau, die versucht, das Erbe ihres Mannes zu bewahren. Dafür muss sie zuerst erklären, was sein Vermächtnis sein wird. Natürlich gegen Widerstände. Je mehr, desto besser.

In „Jackie“ wird allerdings genau diese Geschichte nicht erzählt. Schon die Konstruktion mit ihrer Erzählung gegenüber dem Reporter, der einfach nur ihre Worte niederschreibt und der daneben nur als schulbubenhafter Stichwortgeber fungiert, muss Jackie Kennedy (später Onassis, aber das ist ein anderer Film) gegen keine Widerstände kämpfen.

Das gleiche gilt für ihre Erzählung der Tage nach dem Tod ihres Mannes. Alle sind furchtbar besorgt. Alle versuchen, ihr zu helfen. Einige Staatsgeschäfte gehen weiter, weil sie weitergehen müssen. Wie, kurz nach dem Attentat, im Präsidentenflugzeug, die Vereidigung von Lyndon B. Johnson (John Carroll Lynch) als Kennedys Nachfolger. Johnson zieht sich dann, mit zerknautschem Gesicht zurück, während Jackie die Trauerfeierlichkeiten ihres Mannes organisiert. Dabei wird sie von einer Entourage umlagert, die sie von der Öffentlichkeit abschirmt und ihr jeden Wunsch erfüllt. Ohne Widerworte. Sie sind letztendlich Dienstboten und Butler, die, wie in einem Nobelhotel, dem Gast jeden auch noch so absurden Wunsch erfüllen und sich auch durch Stimmungsschwankungen (und Jackie hat viele, sehr viele Stimmungsschwankungen) und Meinungsänderungen (dito) nicht irritieren lassen, sondern mit einem nonchalanten „Kein Problem, Madam.“ quittieren. Auch Johnson und Kennedys Familie lassen sie gewähren, wenn sie das Weiße Haus zum neuen Camelot verklärt.

Drama oder Interesse an den Zielen von Jackie Kennedy entsteht so nicht.

Und so erschöpft sich das Interesse an „Jackie“ schnell an einem Studium der Kleider (sie war für ihren Stil bekannt), der Innenausstattung und der bekannten Schauspieler. So ist der am 25. Januar 2017 verstorbene John Hurt als Priester und Vertrauter von Jackie Kennedy in einem seiner letzten Leinwandauftritte zu sehen.

Natalie Portman, die für ihre Interpretation von Jackie Kennedy viel Lob, Preise und Nominierungen (zuletzt für den Oscar) erhielt, überzeugt mich dagegen absolut nicht. Viel zu sprunghaft und erratisch ist ihr Verhalten zwischen verwöhnter Prinzessin auf der Erbse, von Trauer geschüttelter Witwe und eiskalter Nachlassverwalterin des Erbes ihres Mannes, wie sie es gerne hätte. Das scheint dann nicht eine, sondern drei vollkommen verschiedene Personen zu sein. Insofern ist Portmans Jackie Kennedy eine bewusst auf Distanz angelegte Interpretation der realen Person, die sich in den essayistisch-fragmentarischen Stil des Films einfügt.

Nach dem grandiosen „Neruda“ ist „Jackie“ eine ziemliche Enttäuschung.

jackie-plakat

Jackie: Die First Lady (Jackie, USA 2016)

Regie: Pablo Larrain

Drehbuch: Noah Oppenheim

mit Natalie Portman, Peter Sarsgaard, Greta Gerwig, Billy Crudup, John Hurt, John Carroll Lynch, Beth Grant, Richard E. Grant, Max Casaella, Caspar Phillipson

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Jackie“

Metacritic über „Jackie“

Rotten Tomatoes über „Jackie“

Wikipedia über „Jackie“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pablo Larrains „El Club“ (El Club, Chile 2015)


DVD-Kritik: Todd Solondz, Dawn Wiener und ein „Wiener Dog“

November 30, 2016

Jetzt ist „Wiener Dog“, die neue Komödie von Todd Solondz auf DVD und Blu-Ray erschienen. Zum Kinostart schrieb ich ziemlich begeistert:

Nachdem seine letzten beiden Filme „Life during wartime“ (2009) und „Dark Horse“ (2011) bei uns überhaupt nicht gezeigt wurden und auch Todd Solondz‘ ältere Filme selten bis nie im Fernsehen laufen und auch auf DVD nicht wirklich erhältlich sind, dürfte „Wiener Dog“ für einige Zuschauer eine echte Entdeckung und für einige ältere Cineasten eine willkommene Wiederentdeckung des Regisseurs von „Willkommen im Tollhaus“ (1995) und „Happiness“ (1998) sein. Sie werden dann auch vielleicht bemerken, dass Dawn Wiener, die jetzt von Greta Gerwig gespielte Protagonistin der zweiten Geschichte von „Wiener Dog“, auch die Protagonistin von „Willkommen im Tollhaus“ war.

Dawn arbeitet jetzt in einer Tierklinik, wo sie ihr Herz an den Dackel, der eingeschläfert werden soll, verliert. Sie rettet ihn davor. Kurz darauf trifft sie in einem Supermarkt auf ihren ehemaligen Schulkameraden Brandon McCarthy (Kieran Culkin), der jetzt drogensüchtig ist und sie auf eine Reise nach Ohio einlädt. Dort gibt es Crystal Meth.

Dawn, die genug von ihrem tristen und eintönig-hoffnungslosem Leben hat, ist einverstanden. Auf ihrer Reise begegnen sie einer Mariachi-Band und Brandons Bruder, der Trisomie 21 hat, und glücklich mit einer ebenfalls behinderten Frau zusammen lebt. Dawn schenkt ihnen ihren Dackel, der danach noch zwei weitere Besitzer hat. Aber wie er zu dem Hochschullehrer Schmerz (Danny DeVito) und danach zu Nana (Ellen Burstyn) kommt, erfahren wir nicht. Es ist auch egal, weil der Dackel einfach nur ein fast beliebig austauschbares Bindeglied zwischen den vier unabhängigen Geschichten über in den Vorstädten lebende Menschen ist. Deren Leben, ihre Tristesse und ihre Lügen schildert Todd Solondz mit bitterbösem Humor, der unerbittlich jede Scheinheiligkeit und Selbsttäuschung für uns entlarvt bis die Suburbs mit ihren austauschbaren Häusern zu einer Vorhölle werden, in der es nur noch Stillstand gibt. Die porträtierten Charaktere haben sich in ihrem Leben schon lange eingerichtet.

So hat in der ersten Geschichte Dina (Julie Delpy) kein erkennbar schlechtes Gewissen, wenn sie ihren Sohn Remi (Keaton Nigel Cooke), der gerade eine Krebserkrankung überstanden hat, über den Dackel und seine Gefühle belügt. Denn Remis einziger Freund muss erzogen, sterilisiert und später, weil er einfach zu viel Arbeit verursacht, eingeschläfert werden. Aber Dina beruhigt ihren Sohn: „Es ist traurig, aber wahr. Wir sind der einzige Freund des Hundes.“

In der dritten Geschichte begegnet der Dackel in New York dem Filmprofessor Schmerz, der früher ein erfolgreicher Drehbuchautor war, seit Ewigkeiten kein Buch mehr verkauft hat, den Studenten seit Jahren die gleichen Ratschläge gibt und notorisch schlecht gelaunt ist, weil er kein Buch verkauft und unterrichten muss. Entsprechend unbeliebt ist er bei seinen Studenten und Kollegen.

In der vierten Geschichte wird die Großmutter Nana (Ellen Burstyn) nur dann von ihrer Enkelin Zoe (Zosia Mamet) besucht, wenn sie Geld braucht. Zum Beispiel für ihren gerade aktuellen Freund Fantasy (Michael Shaw; auch dieser Name ist nicht zufällig ausgewählt), der sich schon als großer Künstler sieht und eine Ausstellung plant. Auch Nana hat vor Jahrzehnten Kunst studiert.

Die Geschichten sind eher Zustandsbeschreibungen und dank der präzisen Beobachtung, der punktgenauen Zuspitzung und dem jeden Satz und jedes Bild durchziehenden schwarzen Humor unglaublich unterhaltsam und witzig; ohne jeden Fremdschäm-Reflex und mit einer tiefschwarzen Weltsicht, in der es keinen Gott gibt, aber die Welt nicht gottlos ist. Denn Solondz liebt seine Charaktere und er zeigt die Welt, die er kennt. Der US-Gesellschaft hält er so einen Spiegel vor; für uns ist es sie ein Blick in eine vertraut-fremde Welt, gespickt mit vielen Anspielungen, Verweisen, Doppelungen und Spiegelungen, die man analysieren oder einfach nur genießen kann.

In den in jeder Beziehung sehr unterschiedlichen Geschichten und in der Struktur des Films. So gibt es, immerhin erzählt „Wiener Dog“ vier Geschichten, eine „Intermission“, die im Film mit Pausenschild und Pausenprogramm gefüllt wird. Dabei ist Solondz‘ Film mit knapp neunzig Minuten kürzer als die üblichen Hollywood-Blockbuster, die schon lange notorisch die Zwei-Stunden-Grenze überschreiten. Die Geschichte von Schmerz ist auch eine Lektion im Geschichtenerzählen, garniert mit Hollywood-Weisheiten, einem „What. If.“-Running-Gag und eine Abrechnung mit Hollywood, die dann doch wieder eben dieser Formel bis zum explosiven Ende folgt. Dagegen fallen dann Nanas Begegnungen mit ihren jüngeren Ichs als Flucht in surreale Fantasy-Gefilde schwach aus. Bis dahin hat Ellen Burstyn vielsagend geschwiegen und mit wenigen Sätzen ihre Nichte aus ihrer Komfortzone geholt. Genau wie Todd Solondz uns aus unserer Komfortzone holt.

Dieses Mal ohne Vergewaltigungen, Masturbationen, Kindesmissbrauch, Abtreibungen und andere Tabuthemen, mit denen man das Publikum schnell verstören kann. Vor allem, wenn man plötzlich Verständnis und Sympathie für diese Charaktere entwickelt. In dem sehr zugänglichem Tierfilm „Wiener Dog“ muss man diese Angst nicht haben. Trotzdem ist es kein Feelgood-Film.

Ich liebe Hunde und hätte selber gerne einen. Das einzige Problem ist, dass ich nicht Gassi mit ihnen gehen will und sie nicht gerne füttere oder sie wasche oder wegen ihnen zu Hause bleiben will.“ (Todd Solondz)

Das Bonusmaterial ist mit zwei Trailern nicht existent. Wie bei Woody-Allen-DVDs..

wiener-dog-dvd-cover

Wiener Dog (Wiener Dog, USA 2016)

Regie: Todd Solondz

Drehbuch: Todd Solondz

mit Keaton Nigel Cooke, Tracy Letts, Julie Delpy, Greta Gerwig, Kieran Culkin, Danny DeVito, Ellen Burstyn, Zosia Mamet, Michael Shaw

DVD

Prokino

Bild: 1,85:1 (16:9 anamorph)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel Deutsch, Englisch (ausblendbar)

Bonusmaterial: Deutscher Kinotrailer, Original-Kinotrailer

Länge: 85 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Wiener Dog“

Metacritic über „Wiener Dog“

Rotten Tomatoes über „Wiener Dog“

Wikipedia über „Wiener Dog“

Webseite über Todd Solondz und seine Filme

Meine Besprechung von Todd Solondz‘ „Wiener Dog“ (Wiener Dog, USA 2016) (mit weiteren Interviews)


Neu im Kino/Filmkritik: „Maggies Plan“ geht erfreulich schief

August 5, 2016

Eigentlich ist Maggie eine furchtbare Person. Die Anfang Dreißigjährige, allein lebende New Yorkerin wünscht sich ein Kind und sie hat dafür, inclusive Samenspender, schon alles durchgeplant. Da lernt sie John, einen angenehmen, verständnisvollen und interessierten Gesprächspartner, kennen. Er ist Dozent an der Universität, an der sie ebenfalls ohne große Karriereambitionen arbeitet. Aber er will sich verändern Er sieht sich als Romancier. Er gibt der literaturbegeisterten Maggie sein Manuskript zum Lesen und sie ist begeistert. Er könnte der perfekte Mann sein, wenn er nicht verheiratet wäre und Kinder hätte.

Drei Jahre später fasst Maggie einen neuen Plan. Denn das mit den Kindern hat zwar geklappt. Sie darf sogar auf Johns Kinder aus erster Ehe aufpassen. Aber ihr Traummann, der immer noch an seinem autobiographisch inspiriertem Roman arbeitet, ist der typische Feierabend-Daddy, der sich überhaupt nicht um die Kinder kümmert und die Karriere seiner Frau sabotiert. Nicht aus Bösartigkeit, sondern aus purer Ignoranz. Im Bett klappt es auch nicht mehr.

Weil für Maggie ein normales Beziehungsende zu profan ist, soll John sich wieder in seine Ex-Frau Georgette, eine egozentrische und ehrgeizige Akademikerin, verlieben. Die, so denkt Maggie sich, passen auch besser zusammen. Nur wie bringt man die beiden wieder zusammen?

Ein Plan muss her, der, wie alle Pläne, perfekt ist, bis er auf die Wirklichkeit trifft.

Maggie wird von Greta Gerwig gespielt und allein schon deshalb ist Maggie eine liebenswert-verpeilte Person, die auch gut in einem Woody-Allen-Film ausgehoben wäre. Immerhin spielt Rebecca Millers Screwball-Comedy in diesem New Yorker Intellektuellenmilieu und es geht um deren Liebeswirren und mehr oder weniger intellektuelle Arbeit.

Georgette wird von Julianne Moore gespielt und, auch wenn in der deutschen Fassung ihr dänischer Akzent, wahrscheinlich nicht mehr vorhanden ist (ich habe mich durch die Originalfassung gelacht), sagen ihre Kleider und ihre sich gegen Himmel türmende Frisur alles über diesen Charakter. Auch als kleinste Person dominiert sie den Raum.

Zwischen den beiden Frauen versucht John sein Glück. Ethan Hawke spielt ihn und schon deshalb erinnert sein Möchtegern-Schriftsteller an Jesse aus Richard Linklaters „Before Sunset“/“Before Sunset“/“Before Midnight“. Mit weniger Verantwortungsbewusstsein. Dafür hat er ja zwei Frauen, die sein Schicksal planen.

Bei all den Liebeswirren der in „Maggies Plan“ gezeigten Thirty-Somethings und älter fällt irgendwann auf, dass Maggie und ihr Umfeld Liebe, Ehe und Partnerschaft immer nur in der konservativen Variante von Mann-Frau-Kind buchstabieren. Auch wenn Georgette (mehr) und Maggie (weniger) berufstätig sind.

Maggies Plan - Plakat

Maggies Plan (Maggie’s Plan, USA 2015)

Regie: Rebecca Miller

Drehbuch: Rebecca Miller (nach einer Geschichte von Karen Rinaldi)

mit Greta Gerwig, Ethan Hawke, Julianne Moore, Bill Hader, Maya Rudolph, Travis Fimmel, Ida Rohatyn, Wallace Shawn

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Berlinale über „Maggies Plan“

Moviepilot über „Maggies Plan“

Metacritic über „Maggies Plan“

Rotten Tomatoes über „Maggies Plan“

Wikipedia über „Maggies Plan“

Im AOL Building sprechen die Regisseurin und die Schauspieler über den Film

Beim NYFF wird sich über die Produktion des Films unterhalten. Es sind also die Menschen vor der Kamera, die normalerweise hinter der Kamera sind


Neu im Kino/Filmkritik: „Wiener Dog“ – das Leben ist ein Hundeleben

Juli 29, 2016

Nachdem seine letzten beiden Filme „Life during wartime“ (2009) und „Dark Horse“ (2011) bei uns überhaupt nicht gezeigt wurden und auch Todd Solondz‘ ältere Filme selten bis nie im Fernsehen laufen und auch auf DVD nicht wirklich erhältlich sind, dürfte „Wiener Dog“ für einige Zuschauer eine echte Entdeckung und für einige ältere Cineasten eine willkommene Wiederentdeckung des Regisseurs von „Willkommen im Tollhaus“ (1995) und „Happiness“ (1998) sein. Sie werden dann auch vielleicht bemerken, dass Dawn Wiener, die jetzt von Greta Gerwig gespielte Protagonistin der zweiten Geschichte von „Wiener Dog“, auch die Protagonistin von „Willkommen im Tollhaus“ war.

Dawn arbeitet jetzt in einer Tierklinik, wo sie ihr Herz an den Dackel, der eingeschläfert werden soll, verliert. Sie rettet ihn davor. Kurz darauf trifft sie in einem Supermarkt auf ihren ehemaligen Schulkameraden Brandon McCarthy (Kieran Culkin), der jetzt drogensüchtig ist und sie auf eine Reise nach Ohio einlädt. Dort gibt es Crystal Meth.

Dawn, die genug von ihrem tristen und eintönig-hoffnungslosem Leben hat, ist einverstanden. Auf ihrer Reise begegnen sie einer Mariachi-Band und Brandons Bruder, der Trisomie 21 hat, und glücklich mit einer ebenfalls behinderten Frau zusammen lebt. Dawn schenkt ihnen ihren Dackel, der danach noch zwei weitere Besitzer hat. Aber wie er zu dem Hochschullehrer Schmerz (Danny DeVito) und danach zu Nana (Ellen Burstyn) kommt, erfahren wir nicht. Es ist auch egal, weil der Dackel einfach nur ein fast beliebig austauschbares Bindeglied zwischen den vier unabhängigen Geschichten über in den Vorstädten lebende Menschen ist. Deren Leben, ihre Tristesse und ihre Lügen schildert Todd Solondz mit bitterbösem Humor, der unerbittlich jede Scheinheiligkeit und Selbsttäuschung für uns entlarvt bis die Suburbs mit ihren austauschbaren Häusern zu einer Vorhölle werden, in der es nur noch Stillstand gibt. Die porträtierten Charaktere haben sich in ihrem Leben schon lange eingerichtet.

So hat in der ersten Geschichte Dina (Julie Delpy) kein erkennbar schlechtes Gewissen, wenn sie ihren Sohn Remi (Keaton Nigel Cooke), der gerade eine Krebserkrankung überstanden hat, über den Dackel und seine Gefühle belügt. Denn Remis einziger Freund muss erzogen, sterilisiert und später, weil er einfach zu viel Arbeit verursacht, eingeschläfert werden. Aber Dina beruhigt ihren Sohn: „Es ist traurig, aber wahr. Wir sind der einzige Freund des Hundes.“

In der dritten Geschichte begegnet der Dackel in New York dem Filmprofessor Schmerz, der früher ein erfolgreicher Drehbuchautor war, seit Ewigkeiten kein Buch mehr verkauft hat, den Studenten seit Jahren die gleichen Ratschläge gibt und notorisch schlecht gelaunt ist, weil er kein Buch verkauft und unterrichten muss. Entsprechend unbeliebt ist er bei seinen Studenten und Kollegen.

In der vierten Geschichte wird die Großmutter Nana (Ellen Burstyn) nur dann von ihrer Enkelin Zoe (Zosia Mamet) besucht, wenn sie Geld braucht. Zum Beispiel für ihren gerade aktuellen Freund Fantasy (Michael Shaw; auch dieser Name ist nicht zufällig ausgewählt), der sich schon als großer Künstler sieht und eine Ausstellung plant. Auch Nana hat vor Jahrzehnten Kunst studiert.

Die Geschichten sind eher Zustandsbeschreibungen und dank der präzisen Beobachtung, der punktgenauen Zuspitzung und dem jeden Satz und jedes Bild durchziehenden schwarzen Humor unglaublich unterhaltsam und witzig; ohne jeden Fremdschäm-Reflex und mit einer tiefschwarzen Weltsicht, in der es keinen Gott gibt, aber die Welt nicht gottlos ist. Denn Solondz liebt seine Charaktere und er zeigt die Welt, die er kennt. Der US-Gesellschaft hält er so einen Spiegel vor; für uns ist es sie ein Blick in eine vertraut-fremde Welt, gespickt mit vielen Anspielungen, Verweisen, Doppelungen und Spiegelungen, die man analysieren oder einfach nur genießen kann.

In den in jeder Beziehung sehr unterschiedlichen Geschichten und in der Struktur des Films. So gibt es, immerhin erzählt „Wiener Dog“ vier Geschichten, eine „Intermission“, die im Film mit Pausenschild und Pausenprogramm gefüllt wird. Dabei ist Solondz‘ Film mit knapp neunzig Minuten kürzer als die üblichen Hollywood-Blockbuster, die schon lange notorisch die Zwei-Stunden-Grenze überschreiten. Die Geschichte von Schmerz ist auch eine Lektion im Geschichtenerzählen, garniert mit Hollywood-Weisheiten, einem „What. If.“-Running-Gag und eine Abrechnung mit Hollywood, die dann doch wieder eben dieser Formel bis zum explosiven Ende folgt. Dagegen fallen dann Nanas Begegnungen mit ihren jüngeren Ichs als Flucht in surreale Fantasy-Gefilde schwach aus. Bis dahin hat Ellen Burstyn vielsagend geschwiegen und mit wenigen Sätzen ihre Nichte aus ihrer Komfortzone geholt. Genau wie Todd Solondz uns aus unserer Komfortzone holt.

Dieses Mal ohne Vergewaltigungen, Masturbationen, Kindesmissbrauch, Abtreibungen und andere Tabuthemen, mit denen man das Publikum schnell verstören kann. Vor allem, wenn man plötzlich Verständnis und Sympathie für diese Charaktere entwickelt. In dem sehr zugänglichem Tierfilm „Wiener Dog“ muss man diese Angst nicht haben. Trotzdem ist es kein Feelgood-Film.

Ich liebe Hunde und hätte selber gerne einen. Das einzige Problem ist, dass ich nicht Gassi mit ihnen gehen will und sie nicht gerne füttere oder sie wasche oder wegen ihnen zu Hause bleiben will.“ (Todd Solondz)

Wiener Dog - Plakat

Wiener Dog (Wiener Dog, USA 2016)

Regie: Todd Solondz

Drehbuch: Todd Solondz

mit Keaton Nigel Cooke, Tracy Letts, Julie Delpy, Greta Gerwig, Kieran Culkin, Danny DeVito, Ellen Burstyn, Zosia Mamet, Michael Shaw

Länge: 88 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Wiener Dog“

Metacritic über „Wiener Dog“

Rotten Tomatoes über „Wiener Dog“

Wikipedia über „Wiener Dog“

Webseite über Todd Solondz und seine Filme

Die Weltpremiere beim Sundance Filmfestival

Todd Solondz beim München Filmfest 2016 (Amateuraufnahme, aber der Ton ist okay)

Ein Gespräch mit Todd Solondz über „Wiener Dog“ (mit gewohnt professionellem Bild und Ton)

 


%d Bloggern gefällt das: