TV-Tipp für den 15. September: Erschütternde Wahrheit

September 14, 2018

Vox, 20.15

Erschütternde Wahrheit (Concussion, USA 2015)

Regie: Peter Landesman

Drehbuch: Peter Landesman

LV: Jeanne Marie Laskas: Game Brain, 2009 (GQ-Reportage)

Der aus Nigeria kommende Dr. Bennet Omalu ist Gerichtsmediziner in Pittsburgh. Im September 2002 diagnostiziert er bei dem mit fünfzig Jahren, nach einer langen Krankengeschichte, durch einen Herzinfarkt verstorbenen und bei den Fans immer noch hochverehrten Ex-Football-Spieler Mike Webster der Pittsburgh Steelers CTE.

CTE (Chronisch-traumatische Enzephalopathie oder Dementia pugilistica) entsteht durch Erschütterungen des Gehirns, die normale Menschen höchstens bei einem Autounfall erleben. Bei Football-Spielern kann das während eines Spiels mehrmals geschehen. Omalu hält das für die Ursache von Websters frühem Tod. Er veröffentlicht in einem wissenschaftlichen Magazin einen Aufsatz dazu und legt sich – weil er keine Ahnung über die National Football League (NFL) und die Bedeutung von Football für die US-Kultur hat – mit der NFL an.

Auf wahren Ereignissen basierendes Drama, das vor allem ein filmisches Denkmal für Dr. Bennet Omalu und ein Aufruf zur Zivilcourage ist.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Will Smith, Alec Baldwin, Gugu Mbatha-Raw, Arliss Howard, Paul Reiser, Luke Wilson, Adewale Akinnuoye-Agbaje, David Morse, Albert Brooks, Eddie Marsan, Hill Harper

Wiederholung: Sonntag, 16. September, 13.35 Uhr

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Erschütternde Wahrheit“
Metacritic über „Erschütternde Wahrheit“
Rotten Tomatoes über „Erschütternde Wahrheit“
Wikipedia über „Erschütternde Wahrheit“ (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood mit der Wahrheits-Spielstand für „Erschütternde Wahrheit“

Meine Besprechung von Peter Landesmans „Erschütternde Wahrheit“ (Concussion, USA 2015)

Meine Besprechung von Peter Landesmans „The Secret Man“ (Mark Felt – The Man who brought down the White House, USA 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: Miss Sloane und „Die Erfindung der Wahrheit“

Juli 7, 2017

Elizabeth Sloane ist ein Star in der Lobbyisten-Branche in Washington, D. C.. Skrupel kennt sie nicht. Wenn sie einen Auftrag übernimmt, ist der Wunsch des Auftraggebers bereits Gesetz. Deshalb freut sich die Waffenlobby über ihr Engagement gegen den von ihr abgelehnten Heaton-Harris-Bill. Das ist ein parteiübergreifender Gesetzesentwurf zur stärkeren Kontrolle des Verkaufs von Schusswaffen; – okay, im heutigen Washington ist ein solcher Gesetzesvorschlag sehr fiktiv.

Mitten während der Verhandlungen zu dem Gesetz wechselt Sloane aus für ihre Kollegen und auch für uns Zuschauer nicht nachvollziehbaren Gründen die Seiten. Sie geht mit fast ihrem gesamten Team zu einer deutlich kleineren, moralisch integeren Lobby-Firma. Ab diesem Moment kämpft sie gegen ihre früheren Arbeitgeber und Kunden.

Irgendetwas muss bei ihrem Kampf für das Gesetz allerdings schief gegangen sein. Denn am Filmanfang muss sich Elizabeth Sloane in einer öffentlichen Anhörung eines Senatsuntersuchungsausschusses verteidigen. Sie soll gegen die Verhaltensregeln für Lobbyisten verstoßen haben. Dafür könnte sie mit einem Berufsverbot bestraft werden.

Während der deutsche Titel „Die Erfindung der Wahrheit“ vieldeutig ist, gibt der Originaltitel des von „Best Exotic Marigold Hotel“-Regisseur John Madden inszenierten Films schon eine eindeutige Richtung an. „Miss Sloane“ ist er und damit ist klar, dass Elizabeth Sloane, glänzend gespielt von Jessica Chastain, im Mittelpunkt des Dramas steht, das auch einen Blick hinter die Kulissen des Lobby-Geschäfts in Washington wirft.

Die mit dem Porträt von Miss Sloane verbundene Geschichte funktioniert allerdings nur bedingt. Das beginnt mit ihrem plötzlichen Jobwechsel, der so unvermittelt kommt – Rodolfo Schmidt, der Chef der Konkurrenzfirma spricht sie nachts auf offener Straße an und gibt ihr einen Zettel, dessen Inhalt wir erst am Filmende erfahren und der sie dazu bringt, die Firma zu wechseln –, dass man bei dem Wechsel des Arbeitgebers nie glaubt, dass sie wegen ihres Gewissens die Seiten wechselte. Aber einen besseren Grund findet man nicht. So bleibt dieser Wechsel bis zum Schluss eine nicht in ihrem Charakter begründete Drehbuchidee. Auch das Komplott, das zu ihrer Ladung vor den Ausschuss führte, und Miss Sloanes genialer Plan, um ihr Ziel (oder ihre Ziele) zu erreichen, enttäuschen. Von einer Meisterstrategin wäre da mehr zu erwarten gewesen.

Unklar bleibt auch, warum das Gesetz unbedingt jetzt beschlossen werden muss; – wobei Elizabeth Sloane zuerst auf den Seiten der Verhinderer, der Status-Quo-Bewahrer, kämpft. Sie haben inen guten Grund, um gegen die jetzige Verabschiedung des Gesetzes zu kämpfen. Die Befürworter des Gesetzes, die eine stärkere Waffenkontrolle wollen, könnten mit etwas zeitlichem Abstand oder über andere Wege einfach wieder versuchen, ihr Anliegen durchzusetzen. Sie haben keine Eile. Sie müssen einfach nur einige weitere Menschen von ihrem Anliegen überzeugen. Trotzdem inszeniert Madden, nach einem Drehbuch des Debütanten Jonathan Perera, einen Kampf zwischen zwei Lobbyfirmen, in dem es um jede Stimme geht. Und für jede Lobbyfirma steht ihre Existenz auf dem Spiel. Das ist nicht besonders glaubwürdig, weil eine Lobbyfirma, wie eine Werbefirma, sich normalerweise nicht sonderlich mit ihrem Produkt identifiziert. Der zentrale Konflikt wird dann einerseits furchtbar aufgeblasen als ein weltbewegendes Gesetz, während er bei genauerer und distanzierter Betrachtung eher bedeutungslos ist. Das liegt auch daran, dass der Inhalt des Gesetzes nur oberflächlich angesprochen wird. In „Die Erfindung der Wahrheit“ geht es nicht um die Frage, ob man für oder gegen Waffenkontrolle ist. Es geht um die Arbeit und die Winkelzüge von Lobbyfirmen, die teils in der Öffentlichkeit, teils in Hinterzimmern, stattfinden.

Dieser Kampf zwischen zwei Lobbyfirmen über die Verabschiedung eines Gesetzes ist nur der Vorwand für ein verschachteltes Porträt einer sehr ambitionierten Frau in einer Männerwelt, die einen fordernden Job hat, für den sie lebt. Ein Privatleben hat sie, im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen, nicht. Außer man nennt den Sex im Hotelzimmer mit einem Callboy Privatleben; – aber dann könnte man auch die Pinkelpause Privatleben nennen. Und eine Erklärung für ihren Arbeitseifer gibt es auch nicht. Jesscia Chastain verleiht dieser eiskalten, zu Empathie und Mitarbeiterführung gänzlich ungeeigneten Karrierefrau, die leicht zu einer Parodie hätte werden können, dennoch eine emotionale Tiefe.

Als Porträt von „Miss Sloane“ (Originaltitel) funktioniert „Die Erfindung der Wahrheit“ gut. Als Polit-Thriller lässt einen der kühle, in den entscheidenden Momenten zu naive und zu plakative Film dann doch etwas unbefriedigt zurück. Trotz überraschender Enthüllungen und langfristig angelegter Fallen und Finten.

Die Erfindung der Wahrheit (Miss Sloane, Frankreich/USA 2016)

Regie: John Madden

Drehbuch: Jonathan Perera

mit Jessica Chastain, Mark Strong, John Lithgow, Alison Pill, Gugu Mbatha-Raw, Michael Stuhlbarg, Sam Waterston, Jake Lacey

Länge: 133 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Die Erfindung der Wahrheit“

Metacritic über „Die Erfindung der Wahrheit“

Rotten Tomatoes über „Die Erfindung der Wahrheit“

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Meine Besprechung von John Maddens Elmore-Leonard-Verfilmung „Killshot – Gnadenlose Jagd“ (Killshot, USA 2008)

Meine Besprechung von John Maddens „Eine offene Rechnung“ (The Debt, USA 2010) (ebenfalls mit Jessica Chastain)

DP/30 unterhält sich in Los Angeles im November 2016 (wenige Tage vor der US-Präsidentenwahl) mit John Madden und Jessica Chastain über den Film

Ein Publikumsgespräch mit den Schauspielern Jessica Chastain und John Lithgow, Regisseur John Madden und Autor Jonny Perera, moderiert von Jenelle Riley (Variety) (SAG-AFTRA Foudation, 5. November 2016; Ton ist am Anfang nicht so toll)


Neu im Kino/Filmkritik: „Die Schöne und das Biest“ als Realfilm-Musical

März 16, 2017

Am Anfang läuft Emma Watson als Belle singend durch das französische Klischeedorf Villeneuve. Die Dorfbewohner sind ein singender und tanzender Chor und spätestens jetzt ist klar: „Die Schöne und das Biest“ ist ein Musical, das sich vollumfänglich in der Tradition bewegt, in der ganze Dörfer zu Kulissen für Gesangsnummern werden und Lieder die Handlung ersetzen. Entsprechend vernachlässigbar ist diese. Die Figuren gewinnen allein durch ihren Gesang Dimensionen.

Die sattsam bekannte Geschichte lässt sich mühelos in einem Satz zusammenfassen. Durch einen Fluch verwandelt sich der selbstsüchtige Prinz (Dan Stevens) in das titelgebende Biest. Erst wenn sich eine Frau in ihn verliebt, werden er und sein Hofstaat wieder zu Menschen.

Belle begibt sich, um ihren Vater zu befreien, in die Hände des grummeligen Biestes. Im Schloss freundet sie sich mit dem Kerzenleuchter Lumière, der Kaminuhr von Unruh, der Teekanne Madame Pottine, ihrem Sohn Tassilo, einer Teetasse, dem Kleiderschrank Madame de Garderobe, dem Staubwedel Plumette und dem Cembalo Maestro Cadenza an. Sie sind alle verwandelte Schlossbesucher; gesprochen und an wenigen Drehtagen gespielt von Ewan McGregor, Ian McKellen, Emma Thompson, Nathan Mack, Audra McDonald, Gugu Mbatha-Raw und Stanley Tucci. Außerdem ist Belle von der Schlossbibliothek begeistert. Denn sie ist nicht nur jung und schön, sondern auch klug und belesen.

Ihre freiwillige Gefangenschaft ist daher ganz erträglich, wenn dem Schlossherrn aufgrund des Fluchs nicht die Zeit für eine Rückverwandlung davonliefe und der aufgeblasene Dorfschnösel Gaston (Luke Evans) sie befreien und ehelichen möchte.

Sprechende, singende und tanzende Kerzenleuchter, Uhren, Kleiderschränke und Teekannen kennen Disney-Fans bereits aus dem erfolgreichen 1991er Zeichentrickfilm „Die Schöne und das Biest“ (Regie: Dick Purdom, Drehbuch: Linda Woolverton). Er war auch die Vorlage für Bill Condons jetzt im Kino laufende Neuinterpretation. Die Originalsongs von Alan Menken und Howard Ashman aus der 1991er Verfilmung, ergänzt um drei Songs, die Alan Menken jetzt mit Tim Rice schrieb, werden in Condons Film gesungen. Außerdem hat Condon mit 130 Minuten Laufzeit 45 Minuten mehr Zeit als Dick Purdom, der die Geschichte in 85 Minuten erzählen musste. Da kann schon ein Lied mehr geträllert und am Ende länger im Schloss gekämpft werden.

Condons Film sieht natürlich gut aus, hat etwas Humor, ist immer geschmackvoll und spricht, wie man es von Disney gewohnt ist und erwartet, Junge und Ältere an. Zur Identifikation gibt es eine taffe Heldin und ein äußerlich hässliches, in seinem Inneren zutiefst sympathisches, an sich selbst zweifelndes, überhaupt nicht furchterregendes Monster. Oh, und ein, zwei echte Überraschungen, wie – erstmals in einem Disney-Film – einen offen schwulem Charakter. Der sorgte dann auch gleich für einige Kontroversen. In Russland ist der Kinderfilm, nachdem er zunächst überhaupt nicht gezeigt werden sollte, jetzt frei ab sechzehn Jahre. Malaysia überlegt noch, wie sie mit dem Problem umgehen soll.

Aber wer Musicals wie die Pest hasst, wird höchstens erleichtert feststellen, dass in der zweiten Filmhälfte weniger gesungen wird. Jedenfalls fällt es nicht mehr so negativ auf. Außerdem hat Condons „Die Schöne und das Biest“ erstaunlich wenig mit der letzten Verfilmung des Märchens zu tun. Die 2013er Verfilmung von Christophe Gans mit Léa Seydoux und Vincent Cassel gefiel mir allerdings deutlich besser. Wahrscheinlich weil nicht gesungen wurde und alles etwas komplexer als in Disneys Musical-Version ist.

Die Schöne und das Biest (Beauty and the Beast, USA 2016)

Regie: Bill Condon

Drehbuch: Stephen Chbosky, Evan Spiliotopoulos (basierend auf Linda Woolvertons 1991er Drehbuch „Die Schöne und das Biest“)

mit Emma Watson, Dan Stevens, Luke Evans, Kevin Kline, Josh Gad, Ewan McGregor, Stanley Tucci, Gugu Mbatha-Raw, Audra McDonald, Hattie Morahan, Nathan Mack, Ian McKellen, Emma Thompson

Länge: 130 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Die Schöne und das Biest“

Metacritic über „Die Schöne und das Biest“

Rotten Tomatoes über „Die Schöne und das Biest“

Wikipedia über „Die Schöne und das Biest“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Bill Condons „Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“ (Inside Wikileaks, USA 2013)

Meine Besprechung von Bill Condons „Mr. Holmes“ (Mr. Holmes, Großbritannien 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Will Smith entdeckt eine „Erschütternde Wahrheit“

Februar 20, 2016

Als die Oscar-Nominierungen veröffentlicht wurden und farbige Künstler wieder einmal nicht beachtet wurden, entspann sich vor allem in den USA eine heftige Diskussion über den Rassismus der preisverleihenden Academy of Motion Picture Arts and Sciences und es wurden auch einige Beispiele für nominierungswürdige Schauspielerleistungen genannt. Will Smiths Porträt von Dr. Bennet Omalu in „Erschütternde Wahrheit“ wurde auch öfter genannt. Dabei empfand ich, was auch an dem nicht wirklich packendem Film liegen kann, seine Leistung jetzt nicht als so herausragend, was auch daran liegen kann, dass der im Zentrum des Films stehende, aus Nigeria kommende Immigrant Dr. Bennet Omalu ein zwar intelligenter, aber sehr höflicher Mensch ist, der, abseits von seiner Arbeit, bei der er nur fehlerfreie Arbeit leisten will, ein allein lebender Mann ist, der nicht auffallen und nur ein vorbildlicher Amerikaner sein will. So ein Charakter hat nicht die großen Gefühlsausbrüche oder egomanisch-größenwahnsinnigen Anwandlungen, die normalerweise mit großen Schauspielleistungen assoziiert werden. Und er musste auch nicht so leiden, wie Leonardo DiCaprio in „The Revenant“, oder, was ja auch gerne ausgezeichnet wird, einen Behinderten spielen. Zur Not tut es auch eine Geschlechtsumwandlung. Omalu ist einfach nur ein ganz normaler, gebildeter Mann, der an die Wissenschaft glaubt und der ein unauffälliges Leben führen möchte.
Er ist in Pittsburgh Gerichtsmediziner, der bei seinen Kollegen durch seine akkurate Arbeit nach Lehrbuch auffällt. Das OP-Besteck wird nach jeder Obduktion weggeworfen. Auf saubere Kleidung wird geachtet. Verunreinigungen könnten das nächste Obduktionsergebnis verfälschen. Und jede Leiche wird auch auf die entlegendsten Todesmöglichkeiten untersucht. Bei seinen Kollegen kommt diese gründliche Arbeit nicht so gut an, aber so stößt der penible Neuropathologe Bennet Omalu im September 2002 bei dem mit fünfzig Jahren, nach einer langen Krankengeschichte, durch einen Herzinfarkt verstorbenen und bei den Fans immer noch hochverehrten Ex-Football-Spieler Mike Webster der Pittsburgh Steelers auf CTE.
CTE (Chronisch-traumatische Enzephalopathie oder Dementia pugilistica) entsteht durch die Erschütterungen des Gehirns, wenn die Spieler mit Geschwindigkeiten aufeinanderprallen, die sonst nur bei einem Autounfall vorkommen. Aber während Normalsterbliche eine solche Gehirnerschütterung selten bis nie erleben, ist sie für Football-Spieler Alltag. Die Krankheit selbst tritt erst Jahre nach der Sportkarriere auf und führt zu einem frühen Tod. Omalu entdeckt bei weiteren jung verstorbenen Spielern CTE, was erst nach ihrem Tod durch eine Obduktion festgestellt werden kann. Als Wissenschaftler weiß er, dass die Krankheit und der frühe Tod der Football-Spieler durch ihre Profisportlerkarriere verursacht wurden. Denn die statistischen Befunde, die Abweichungen von der Norm und die damit zusammenhängenden Wahrscheinlichkeiten sprechen eine klare Sprache.
Omalu geht mit seiner Entdeckung an die Öffentlichkeit. Zuerst nur an die wissenschaftliche, später auch an die breitere. Er denkt, dass die National Football League (NFL) sich über seine Erkenntnisse freut. Aber die NFL will von seiner Entdeckung nichts wissen. Stattdessen zweifelt sie seine Forschungsergebnisse an, diskreditiert ihn und versucht seine Existenz zu vernichten.
Denn aus Sicht der NFL stehen die Verletzungen, die Football-Spieler während des Spiels erfahren, in keinem Zusammenhang mit CTE. Die Tabaklobby behauptete, vor einigen Jahren, so etwas ähnliches über die eigentlich ebenso offensichtlichen Gefahren des Rauchens.
Ex-Journalist Peter Landesman (der auch das Drehbuch für den durchwachsenen Thriller „Kill the Messenger“ schrieb) inszenierte diese auf Tatsachen basierende David-gegen-Goliath-Geschichte – auch wenn einige Ereignisse und Konflikte verstärkt und erfunden wurden – strikt entlang der Fakten und der wahren, sich über ein Jahrzehnt erstreckenden Geschichte, in der wir auch einiges über das Privatleben von Omalu erfahren. Allerdings lässt „Erschütternde Wahrheit“, im Gegensatz zum kommende Woche startenden, hochspannenden Journalismus-Thriller „Spotlight“ (über die Recherchen des „Boston Globe“ über pädophile katholische Priester in Boston), eben jene Zuspitzungen und Pointierungen vermissen, die aus „Erschütternde Wahrheit“ mehr als nur eine brave, etwas zu lang geratene Spielfilm-Dokumentation gemacht hätten.
Insofern funktioniert „Erschütternde Wahrheit“ vor allem als filmisches Denkmal für Dr. Bennet Omalu und als Aufruf zur Zivilcourage.

Erschütternde Wahrheit - Plakat

Erschütternde Wahrheit (Concussion, USA 2015)
Regie: Peter Landesman
Drehbuch: Peter Landesman
LV: Jeanne Marie Laskas: Game Brain, 2009 (GQ-Reportage)
mit Will Smith, Alec Baldwin, Gugu Mbatha-Raw, Arliss Howard, Paul Reiser, Luke Wilson, Adewale Akinnuoye-Agbaje, David Morse, Albert Brooks, Eddie Marsan, Hill Harper
Länge: 123 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
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Moviepilot über „Erschütternde Wahrheit“
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History vs. Hollywood mit der Wahrheits-Spielstand für „Erschütternde Wahrheit“


Neu im Kino/Filmkritik: „Dido Elizabeth Belle“ sucht ihren Platz in der Gesellschaft

August 14, 2014

Der Film endet mit einem Gemälde, auf dem zwei junge Frauen uns, in einem Garten stehend, anlächeln. Die eine ist schwarz, die andere weiß. Heute ist das nichts besonderes, aber als das Bild gemalt wurde, waren weiße Frauen die Hausherrinen und schwarze Frauen bestenfalls unsichtbare Angestellte im Haushalt. Auf einem Gemälde durften sie höchstens die Hausherrin knieend anbeten. In dem Gemälde stehen sie nebeneinander. „Dido Elizabeth Belle“ erzählt auch die Geschichte von diesem Bild, das Drehbuchautorin Misan Sagay und Regisseurin Amma Asante zu ihrem Film inspirierte.

Die Geschichte der beiden Porträtierten Dido Elizabeth Belle (1761 – 1804) und ihrer Halbcousine Elizabeth Murray (1760 – 1825) beginnt als Sir John Lindsay, Admiral der königlichen britischen Marine, die junge Dido aus den Slums im Hafenviertel von Bristol holt. Das Kind ist seine Tochter und als Vater wird er sich um sie und ihr finanzielles Wohlbefinden kümmern. Vor einer längeren Schiffsreise bringt er sie in das Haus von Lord Mansfield. Sie soll bei seiner Familie auf dem damals ländlich gelegenem Kenwood House bei London leben.

Lindsay stirbt auf der Reise. Die Mansfield erziehen Dido wie ihre eigene Tochter in einem erstaunlich vorurteilsfreiem Haushalt, wovon auch das 1779 entstandene Gemälde zeugt. Kenwood House war ein Kokon, in dem Dido und Elizabeth lebten und ausgebildet wurden.

Erst als Erwachsene, als Dido verheiratet werden soll, bemerkt sie wirklich, in welcher Gesellschaft sie lebt und wie ungewöhnlich ihre Hautfarbe ist. Jedenfalls in dieser Gesellschaftsschicht. Sie könnte damals die einzige gemischtrassige Dame der adligen Gesellschaft im gewesen sein. Die meisten Schwarzen waren damals Sklaven.

Ähnlich wie Steve McQueens etwas später in den USA spielendes Drama „12 Years a Slave“ thematisiert Amma Asantes Film die Sklaverei. Aber während McQueen ein formal strenges und auch ungemütliches Drama inszenierte, geht Asante einen anderen Weg. Sie nimmt die bekannte und beliebte Jane-Austen-Welt der Schönen und Reichen, die prächtigen Paläste und Kostüme und erzählt innerhalb dieser Welt von einem Mischlingskind, das um seinen Platz in dieser Gesellschaft kämpft. Sie muss sich zwischen einer Vernunftheirat und einer Liebesheirat mit einem aufstrebendem, idealistischen Pfarrerssohn und Rechtsgelehrten, der öfters im Kenwood House war, entscheiden. Asante zeigt, wie sehr Hochzeiten damals wirtschaftliche Vereinbarungen waren, die nichts mit Liebe zu tun hatten, weshalb Didos großes Erbe sie zu einer begehrenswerten Frau und ihre arme, ebenfalls gutaussehende Halbcousine zu einem hässlichen Entlein macht.

Neben den eher konfliktfreien Liebesbanden steht der Gerichtsprozess über den Tod von 142 afrikanischen Sklaven 1781 auf dem Sklavenschiff „Zong“, der Didos Bewusstsein für ihre Lage und die Sklaverei schärft, im Zentrum des Films.

Lord Mansfield war damals der oberste Richter Englands. Er musste 1783 in dem aufsehenerregenden und umstrittenen Prozess das Urteil sprechen. Die Sklaven waren während der Schiffspassage über Bord geworfen worden. Die Versicherung weigerte sich, die fälligen zwanzig Pfund pro toten Sklaven, die damals einfach eine versicherungsfähige Fracht waren, zu bezahlen, weil die Reederei die Sklaven niemals bis zum Ziel befördern wollte. Die Reederei zog vor Gericht. Die Gegner der Sklaverei versuchten den Prozess um ein Wirtschaftsverbrechen in einen Prozess gegen die Sklaverei umzuwidmen.

Wenn man „Dido Elizabeth Belle“ aus dieser Jane-Austen-Perspektive betrachtet, entfaltet das brave, auf Tatsachen basierende, gut gespielte Historiendrama mit einer aus heutiger Sicht eher passiven Protagonistin, ständigen und nach dem zweiten Mal ermüdenden Wiederholungen der ökonomischen Dimension von Hochzeiten (was dann fast wie Überlegungen für Firmenfusionen klingt) und dem vorhersehbaren Gerichtsverfahren (jedenfalls in punkto Versicherungsbetrug) ungeahnte Qualitäten. Denn in einer rosarot-kitschigen Friede-Freude-Eierkuchenwelt geht es plötzlich um Menschen und wirkliche Probleme, die ein Publikum, das sich nur an schönen Menschen, die in schöner Landschaft schöne Dinge tun, erfreuen will, zum Nachdenken anregt.

Dido Elizabeth Belle - Poster

 

Dido Elizabeth Belle (Belle, Großbritannien 2013)

Regie: Amma Asante

Drehbuch: Misan Sagay

mit Gugu Mbatha-Raw, Tom Wilkinson, Emily Watson, Sam Reid, Sarah Gadon, Miranda Richardson, Penelope Wilton, Tom Felton, James Norton, Matthew Goode

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

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Film-Zeit über „Dido Elizabeth Belle“

Moviepilot über „Dido Elizabeth Belle“

Metacritic über „Dido Elizabeth Belle“

Rotten Tomatoes über „Dido Elizabeth Belle“

Wikipedia über „Dido Elizabeth Belle“ und Dido Elizabeth Belle 

 


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