Wem gehört „Der Schatz der Black Swan“?

September 10, 2019

Als Kind hat man begeistert Geschichten von gefährlichen Schatzsuchen gelesen. Die Schätze lagen in Höhlen oder auf dem Meeresgrund. Und natürlich starben bei diesen Schatzsuchen einige der Schatzsucher.

Wer eine solche Geschichte erwartet, wenn er den von Guillermo Corral und Paco Roca erzählten Comic „Der Schatz der Black Swan“ aufschlägt, kann das Buch gleich wieder zuklappen. Schon auf den ersten Seiten entdeckt die Besatzung der „Explorer“ 2007 in der Straße von Gibraltar den Schatz und bringt ihn wohlbehalten nach Florida. Kurz darauf präsentiert die Bergungsfirma Ithaca ihn stolz der Weltöffentlichkeit.

In dem Moment ist die Geschichte vorbei. Wenn nicht die spanische Regierung annähme, dass die Silber- und Goldmünzen, deren Wert sich auf 500 Millionen Dollar beläuft, nicht in internationalen, sondern in spanischen Gewässern gefunden wurden. Damit wäre Spanien der Eigentümer der Münzen. Um sie von der Bergungsfirma zu bekommen, müssen sie nachweisen, wo der Schatz im Meer lag und von welchem vor Jahrhunderten gesunkenem Schiff er stammt.

Álex Ventura, ein junger Beamter im Ministerkabinett des Kulturministeriums, und Elsa, die Leiterin und einzige Beschäftigte des Amt zum Schutz des Unterwassererbes, sollen die nötigen Beweise beschaffen.

Diese Suche in alten Unterlagen und die juristischen und politischen Winkelzüge zwischen Spanien, den USA und der halbseidenen, gut vernetzten, vermögenden und skrupellosen Firma, die den Schatz der Black Swan gefunden hat, entfaltet schnell beträchtliche Pageturner-Qualitäten.

Guillermo Corral, der Autor der Geschichte, war Diplomat, Generaldirektor für Kulturpolitik und -wirtschaft und Kulturattaché der spanischen Botschaften in Washington, D. C., und Havanna. Die Geschichte vom Schatz der Black Swan beruht auf persönlichen Erfahrungen Corrals und wahren Begebenheiten, dem „Black Swan Project“. Wie nah jetzt der Comic an der Realität ist, kann ich nicht sagen, aber Corrals Fachwissen bei der Darstellung der Arbeit einer Verwaltung und den Abwägungen vor Entscheidungen ist spürbar. Und das Ende erinnert in seiner bürokratischen Absurdität an „Jäger des verlorenen Schatzes“.

Paco Roca (u. a. „Kopf in den Wolken“) setzte die Geschichte in oft monochromen und wie ausgewaschen aussehenden Bildern um, die auf jedes überflüssige Detail verzichten.

Guillermo Corral/Paco Roca: Der Schatz der Black Swan

(übersetzt von André Höchemer)

Reprodukt, 2019

216 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

El Tesoro del Cisne Negro

Astiberri Ediciones, Bilbao, 2018

Hinweise

Reprodukt über „Der Schatz der Black Swan“

Perlentaucher über „Der Schatz der Black Swan“

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„Der Riss“ – mehrere Reportagereisen, ein Buch, eine Ausstellung

September 18, 2018

Der Anfang war im Dezember 2013: Journalist Guillermo Abril und Fotograf Carlos Spottorno werden von der Chefredakteurin des Magazins „El Pais Semanal“ beauftragt, an mehrere, besonders konfliktträchtige Orte an Europas Grenzen zu reisen und über das Erlebte eine Titelgeschichte zu schreiben.

Die erste Station ihrer Reise ist in Nordafrika die von Marokko umgebene spanische Enklave Melilla. Danach reisen sie nach Griechenland und in das benachbarte Bulgarien. Ihre dritte Reise führt sie im März 2014 nach Lampedusa, Sizilien und auf das Schiff Grecale, das an der Operation Mare Nostrum beteiligt ist. Dort dokumentieren sie eine Seerettung von über zweihundert Flüchtlingen.

Diese Reisen werden, mit viel Multimediamaterial, zur zwanzigseitigen Titelgeschichte „Vor den Toren Europas“. Das Video erhält einen World Press Photo Award.

2015, eineinhalb Jahre nach ihren ersten Reisen, erhalten sie von ihrer Redaktion den Folgeauftrag. Jetzt wollen Abril und Spottorno die Ostgrenze der Europäischen Union erkunden. Sie fahren nach Ungarn und Kroatien. Im November 2015 geht es in die Ukraine, Litauen, Lettland und Polen, wo sie Militärübungen beobachten und Flüchtlingslager besuchen. Ihre letzte Reise geht dann nach Estland und Finnland, wo sie an der Grenze auf eine Gruppe Flüchtlinge aus Afghanistan und Kamerun treffen.

Bei diesen Reisen bemerken sie auch das zunehmend flüchtlingsfeindliche Klima.

Danach fragten die beiden Reporter sich, wie sie ihre Reisen, die sie in Reportagen dokumentierten, in einen größeren Zusammenhang stellen und einem breiteren Publikum präsentieren könnten. Abseits der Schnelllebigkeit des journalistischen Tagesgeschäfts, in dem auch prämierte Reportagen schnell reales und virtuelles Altpapier sind. Fotobände haben einen guten Ruf, aber Bestseller sind sie eher nicht. Und sie dachten daran, dass die neue Präsentation des Materials auch anders als die schon erfolgte Präsentation in dem Magazin sein sollte.

Carlos Spottorno erklärt: „Ich glaube nicht, dass wir es mit einer Fotostrecke plus Prolog geschafft hätten, so detailliert und genau zu erzählen wie es in der Graphic Novel möglich wurde. Und egal, wie gut so ein normales Buch geworden wäre: Ich glaube nicht, dass wir damit ein breites Publikum erreicht hätten. Ich weiß aus Erfahrung, dass Fotobücher es schwer haben. Nur wenige Leute kaufen sie. Als ich darüber nachgedacht habe, wie man die Reportage so erzählen kann, dass Text und Foto gleichberechtigt sind und sich gegenseitig bereichern, habe ich mich mit der Graphic Novel beschäftigt und erkannt, dass das die perfekte Sprache für uns ist. Dann musste ich nur noch die Fotos so bearbeiten, dass das Ergebnis nicht aussah wie ein Fotoroman.“

Die so entstandene, in jeder Hinsicht beeindruckende Graphic Novel dokumentiert ihre Reisen mit knappen Texten und Bildern, die nach der Bearbeitung für das Buch meistens wie alte, leicht verblasste Farbfotografien aussehen. Die Texte ergänzen die Fotos und umgekehrt. Zusammen dokumentieren sie auf hundertsiebzig Seiten ein zunehmend auf Abschottung setzendes Grenzregime.

Guillermo Abril meint: „An der Grenze der EU sagte uns ein Asylbewerber, was Europa für ihn bedeute: den Unterschied zwischen einer gefährlichen und einer sicheren Welt. Wenn du das hörst, an den Grenzen des Kontinents, ist es unmöglich, nicht zu spüren, dass die Union mit all ihren Fehlern, eine der größten Errungenschaften der Menschheit ist. Und dass sie es wert ist, dass man darum kämpft, sie so gut wie möglich zu machen.“

Carlos Spottorno/Guillermo Abril: Der Riss

(übersetzt von André Höchemer)

Avant-Verlag, 2017

176 Seiten

32 Euro

Originalausgabe

La Grieta

Astiberri ediciones, 2016

Die Ausstellung in Berlin (wobei mental ‚zwischen Berlin und Potsdam‘ treffender ist):

Zur Eröffnung am 19. September 2018 um 19.30 Uhr sprechen Guillermo Abril und Carlos Spottorno mit Anna Kemper über ihre Arbeiten. In Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus Stuttgart.

Im Auftrag des spanischen Magazins El País Semanal recherchierten der Fotograf Carlos Spottorno und der Journalist Guillermo Abril an den Außengrenzen der EU. Zwischen 2013 und 2016 entstanden zahlreiche Reportagen und Filmbeiträge: Von Melilla, der spanischen Enklave in Marokko, schwer bewacht und durch einen nahezu unüberwindbaren Zaun geschützt, bis in den Norden Finnlands und die Wälder Weißrusslands, wo NATO-Truppen für einen möglichen Grenzkonflikt mit Russland trainieren. Die Autoren treffen Flüchtende, Grenzsoldaten, Kommunalpolitiker und halten ihre Erlebnisse in Wort und Bild fest. Für ihre Reportagen wurden sie mit einem World Press Award ausgezeichnet. Im Dezember letzten Jahres erschien zudem ihr Comicband »La grieta«, eine Fotoreportage in Form eines Comics, ein Reisebericht mit authentischem Bildmaterial. Unter dem Titel »Der Riss« veröffentlichte der Berliner avant-verlag die deutsche Ausgabe des Comics. Kuratiert von Anna Kemper, Redakteurin des ZEITmagazins, und konzipiert vom Literaturhaus Stuttgart und der Agentur Gold & Wirtschaftswunder, entstand parallel eine Wanderausstellung, die nun im LCB gezeigt wird.

Vor und nach den Abendveranstaltungen bzw. mit Voranmeldung (unter 030-8169960) ist die Ausstellung im LCB bis zum 3.12.2018 zu sehen.

Hinweise

Avant-Verlag über „Der Riss“

Perlentaucher über „Der Riss“


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