Böse Frauen: „Die Alte“ von Hannelore Cayre

März 25, 2020

Patience Portefeux ist eine Übersetzerin bei der Polizei. Für Arabisch. Normalerweise übersetzt sie die Telefonate von Drogenhändlern mit ihren Freunden und Familien. Vom Leben ist sie ziemlich angepisst. Früher hatte sie viel Geld. Ihre Eltern verdienten es unter großzügiger Missachtung aller Gesetze. Steuern wurden nicht bezahlt und im Sozialsystem wurde sich nicht angemeldet. Inzwischen ist das Geld weg. Patiences beiden Töchter sind aus dem Haus, das nur noch eine kleine Mietwohnung ist. Patiences Mutter ist in einem Altersheim, für das Patience ihr sauer verdientes Geld ausgibt. Kurz: ihr gesamtes Leben ist beschissen und es gibt keine Möglichkeit, das in absehbarer Zeit zu ändern.

Bis Patience bemerkt, dass einer der Drogenhändler, der überwacht wird, der Sohn einer Pflegerin ihrer Mutter ist. Und weil ihr diese Pflegerin sympathisch ist, hilft Patience ihr. Sie gibt Khadidja spontan Informationen, die eine geplante Verhaftung von ihrem Sohn Afid mit der großen Drogenlieferung verhindern.

Kurz darauf sitzt Afid im Gefängnis und Khadidja ist tot. Patience sucht und findet die von Afid versteckten Drogen. Sie lagert sie in ihrem Kellerraum zwischen und beginnt sie zu verkaufen. Dank der von ihr übersetzten Telefonate hat ‚die Alte‘, wie sie von jungen Dealern genannt wird, die Namen von potentiellen Käufern, kennt die Preise und weiß, wie die Polizei arbeitet.

Mit „Die Alte“ kehrt Hannelore Cayre furios auf den deutschen Buchmarkt zurück. Vor über zehn Jahren erschienen im Unionsverlag ihre ersten beiden Romane „Der Lumpenadvokat“ und „Das Meisterstück“ mit dem Winkeladvokaten Christophe Leibowitz, der zu unserem Lesevergnügen eine sehr legere Rechtsauffassung hatte.

Dem Milieu der Strafverfolgung bleibt die frühere Strafverteidigerin Cayre in ihrem neuen Roman treu. Auch wenn ihre Erzählerin Patience Portefeux als schlecht bezahlte Übersetzerin die Strafverfolgung nur von der Seitenlinie aus betrachtet. Und so ein richtiger Kriminalroman ist „Die Alte“ auch nicht. Es ist die Lebensbetrachtung einer Mittfünfzigerin, die mehr durch Zufall, in kriminelle Geschäfte verwickelt wird und, teils chronologisch, teils assoziativ in der Zeit springend, ihr Leben erzählt und dabei mit der ungerechten französischen Gesellschaft abrechnet. Dabei zeichnet sie das Bild einer Gesellschaft, in der sich alles um Geld dreht und niemand die Gesetze mehr als unbedingt nötig beachtet.

Inzwischen wurde Cayres Noir von Jean-Paul Salomé („Arsène Lupin“, „Female Agents – Geheimkommando Phoenix“) verfilmt. Das Drehbuch ist von Hannelore Cayre, Antoine Salomé und Jean-Paul Salomé. Isabelle Huppert übernahm die Hauptrolle. Als aktueller französischer Kinostart wird im Moment der 15. Juli genannt. Ein deutscher Kinostart steht noch in den Sternen. Und der internationale Titel ist, nicht unpassend, „Mama Weed“.

Hannelore Cayre: Die Alte

(übersetzt von Iris Konopik)

Argument Verlag, 2019

208 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

La daronne

Éditions Métailié, Paris 2017

Hinweise

Wikipedia über Hannerlore Cayre

Perlentauche über „Die Alte“

Meine Besprechung von Hannelore Cayres „Der Lumpenadvokat“ (Commis d’office, 2004)

Meine Besprechung von Hannelore Cayres „Das Meisterstück“ (Toiles de maitre, 2005)


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