Neu im Kino/Filmkritik: Über Hans Weingartners sehenswertes Roadmovie „303“

Juli 20, 2018

Zuerst will die Biologie-Studentin Jule (Mala Emde) den Anhalter und Politik-Studenten Jan (Anton Spieker) in ihrem alten Wohnmobil nur bis Köln mitnehmen. Aber bei so einer Fahrt hat man zwischen Berlin und Köln viel Zeit, um sich zu unterhalten. Und so nimmt sie ihn letztendlich bis nach Portugal mit. Jule will dort ihren Freund treffen und mit ihm über ihre Schwangerschaft reden. Jan will dort seinen ihm bislang unbekannten Vater treffen.

Aber, wie man so sagt: der Weg ist das Ziel. In diesem Fall ist der Weg, unterbrochen von einigen haarsträubenden Zufällen am Anfang der Reise, vor allem ein ständiges, fast nie abbrechendes Gespräch zwischen Jule und Jan über Gott und die Welt, während an ihnen die Welt vorbeizieht und sie sich langsam näherkommen. Sie sind Geistesverwandte von Jesse (Ethan Hawke) und Céline (Julie Delphy). Sie lernten wir in Richard Linklaters „Before Sunrise“ (USA 1994) kennen und lieben, während sie sich durch eine Nacht in Wien redeten. Dieser Klassiker, der inzwischen zwei ebenso redselige Fortsetzungen fand, ist auch die Inspiration für „303“, den neuen Film von Hans Weingartner („Die fetten Jahre sind vorbei“). Und genau wie in „Before Sunrise“/“Before Sunset“/“Before Midnight“ hängt die Qualität des Films davon ab, wie sehr wir die Protagonisten mögen und wie natürlich die endlosen Gespräche zwischen ihnen klingen. Dabei waren die Gespräche zwischen Jule und Jan schon im Drehbuch genau ausformuliert. „An den Dialogen ist rein gar nichts zufällig. Das geht nicht anders, solche Texte kann man nicht improvisieren. Das wird zu lang und ufert aus und ist zu sprunghaft.“ (Hans Weingartner)

Die Gespräche der beiden in Berlin studierenden, leicht slackerhaften Mittzwanziger drehen sich um die großen Dinge, die Weingartner schon während seines Studiums am Küchentisch diskutierte und die auch heute junge Menschen beschäftigen. Es geht um Liebe, Kapitalismus, Egoismus, Kooperation und Suizid. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Jule hält den Menschen für empathisch und kooperativ. Jan nicht. Und damit gibt es schon genug Zündstoff. Weil diese und ähnliche Fragen und Weisheiten im Mittelpunkt des Films stehen und weil Weingartner seit fast zwanzig Jahren an den Dialogen schreibt (in Form einer 300-seitigen Dialagsammlung sind sie auf seinem Computer), er die erste Idee für „303“ bei den Dreharbeiten zu „Das weiße Rauschen“ (2001) hatte, der Film direkt nach seinem letzten Film „Die Summe meiner einzelnen Teile“ (2012) 2013 gedreht werden sollte, sich die Finanzierung damals kurz vor dem Dreh zerschlug und das Roadmovie jetzt zwischen August und Oktober 2015 mit einem kleinen Team von acht Leuten gedreht wurde, gibt es keine sich auf die aktuelle Tagespolitik beziehenden Dialoge. Und das ist gut so. Denn so bleibt die Reise der beiden Studierenden zeitlos.

Trotzdem ist es schade, dass die beiden durch Europa fahren, aber keinen Kontakt zu den in Europa lebenden Menschen haben. Das unterscheidet ihre Reise von der Reise der beiden Motorradfahrer Wyatt (Peter Fonda) und Billy (Dennis Hopper) in „Easy Rider“, die damals Amerika entdecken wollten.

Weingartners Roadmovie „303“ ist ein schöner Film, bei dem die gut hundertfünfzig Minuten, die der Film dauert, wie im Flug vergehen. Auch wenn wenig passiert. Außer dass Jan und Jule miteinander reden. Meistens im fahrenden Wohnmobil, einem 1980er Mercedes Hymer 303. Eigentlich ist es ein 308, aber Regisseur Hans Weingartner meinte, 303 klinge besser. Manchmal halten Jule und Jan auch an. Aber für die Menschen und die Landschaft interessieren sie sich nicht. Sie müssen sich ja weiter unterhalten, auch wenn manche ihre Sätze von Jan oder von Jule gesagt werden könnten und sie wenig bis keine Verbindung zu ihrem Studium haben. Es geht halt um die großen philosophischen Fragen und die haben nichts mit dem Studienfach zu tun.

303 (Deutschland 2018)

Regie: Hans Weingartner

Drehbuch: Hans Weingartner, Silke Eggert

mit Mala Emde, Anton Spieker

Länge: 145 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „303“

Moviepilot über „303“

Rotten Tomatoes über „303“

Wikipedia über „303“

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TV-Tipp für den 11. April: Die fetten Jahre sind vorbei

April 10, 2018

3sat, 22.35

Die fetten Jahre sind vorbei (Deutschland 2004)

Regie: Hans Weingartner

Drehbuch: Katharina Held, Hans Weingartner

Mit eher spaßigen Einbrüchen leben zwei Freunde in Berlin ihre Version der Revolution gegen das System aus. Dann gibt es „Jules und Jim“-Liebesprobleme und bei einem ihrer Einbrüche begegnen sie dem Hausherr, den sie spontan in die Berge entführen. Dort müssen sie feststellen, dass der böse Kapitalist ein Alt-68er ist.

Mehr sympathisch als revolutionär, aber: „Interessante Denkanstöße liefert der sehenswerte Film allemal.“ (Martin Schwarz, Zitty 25/2004)

Mit knapp 900.000 Kinobesuchern war Hans Weingartners Film damals ein für Diskussionen sorgender Kinohit. Auch wenn 2004 Werke wie „(T)Raumschiff Surprise – Periode 1“, „Sieben Zwerge – Männer allein im Wald“, „Der Untergang“ und „Der Wixxer“ deutlich mehr Besucher hatten.

3sat zeigt die etwas kürzere TV-Fassung in der die Schlusssequenz fehlt. Die Kinofassung endet offener.

mit Daniel Brühl, Julia Jentsch, Stipe Erceg, Burghart Klaußner, Claudio Caiolo, Bernhard Bettermann

Hinweise

Filmportal über „Die fetten Jahre sind vorbei“

Moviepilot über „Die fetten Jahre sind vorbei“

Rotten Tomatoes über „Die fetten Jahre sind vorbei“

Wikipedia über „Die fetten Jahre sind vorbei“ (deutsch, englisch)

Schnittberichte vergleicht die Fassungen


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