Klassiker des Neuen Deutschen Films: „Schonzeit für Füchse“ und „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“

Mai 28, 2014

 

Kommerziell ging es dem deutschen Film in den frühen sechziger Jahren prächtig. Aber die Schlagerfilme, Tourismusfilme, Operettenfilme und Kriminalfilme (Remember Edgar Wallace?) waren künstlerisch – höflich formuliert – nicht besonders bemerkenswert. Und über Deutschland sagten sie auch nichts aus. In diesem Klima formulierten 1962 junge deutsche Filmemacher das Oberhausener Manifest, das die Geburtsstunde des Neuen Deutschen Films (auch Junger Deutscher Film) war. „Schonzeit für Füchse“ von Peter Schamoni, einem der Autoren des Oberhausener Manifestes, und „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Gesellschaft in der er lebt“ gehörten einige Jahre später zu den frühen Werken dieses Jungen Deutschen Films, die sich mit der Bundesrepublik Deutschland auseinandersetzten. Die Hochzeit des Jungen Deutschen Films waren die siebziger Jahre; Rainer Werner Fassbinder war eine der wichtigsten Kräfte. Herbert Achternbusch, Werner Herzog, Alexander Kluge, Edgar Reitz, Volker Schlöndorff und Wim Wenders gehörten auch dazu und sind heute noch bekannt.

Peter Schamoni, der vor seinem ersten Spielfilm mehrere Kurzfilme gedreht hatte, erzählt in „Schonzeit für Füchse“ keine Geschichte im herkömmlichen Sinn (was ihn dann auch ziemlich lang erscheinen lässt), sondern eine eher beobachtende Zustandsbeschreibung einer erstarrten Gesellschaft.

Er erzählt von einem jungen, namenlosen Journalisten (Helmut Förnbacher), der als Freiberuflicher eher vor sich hin lebt, immer wieder als Treiber zu den Fuchsjagden in die Provinz fährt und sich in Clara (Andrea Jonasson) verliebt. Sein Freund Viktor (Christian Doermer) ist zwar begütert, aber ähnlich ziellos. Ihre aus dem niederrheinischen Großbürgertum kommenden Eltern geben ihnen noch die titelgebende „Schonzeit für Füchse“. Sie dürfen sich noch etwas Austoben, bevor der Ernst des Lebens zuschlägt.

Schamonis Film skizziert, mit eher milden satirischen Überspitzungen, einen Zustand, der vor allem zeigt, dass sich etwas ändern muss. Dass die alten Herrschenden, die Spießer, die Männer, die schon während der Nazi-Zeit Befehle gaben und anschließend zu lupenreinen Demokraten wurden, abgelöst werden müssen. Aber die Jugend ist noch nicht bereit. Die beiden Endzwanziger protestieren nicht. Sie haben sich mehr schlecht als recht mit der Gesellschaft arrangiert und sie sind das Sinnbild für eine Jugend, die noch kein Ziel hat. Weder persönlich, noch politisch.

Kurz darauf löste sich dieser geisterhafte Zustand in der 68er-Revolution.

Vieles, was wir in „Schonzeit für Füchse“ sehen, ist heute fast unvorstellbar. Es werden Bahnsteigkarten gelöst, ein nicht verheiratetes Paar bekommt kein Hotelzimmer, der Protagonist darf ohne Schlips keinen Club betreten (und es gibt überall Türsteher, die nach dem Anklopfen misstrauisch durch ein Fenster blicken), die Freundin lebt noch bei ihrer Mutter, einer Kriegswitwe, die argwöhnisch aufpasst, dass die beiden nichts verbotenes Tun (wegen Kuppelei!) und die gemeinsamen Abende haben eine unvorstellbare Tristesse.

Nach seinem vielversprechendem Debüt drehte Schamoni hauptsächlich Kurz- und Dokumentarfilme. Zu seinen späteren Filmen gehören der vergurkte Pseudo-Western „Potato Fritz“ und das Robert-Schumann-Biopic „Frühlingssymphonie“, mit Herbert Grönemeyer und Nastassja Kinski.

Auf der DVD gibt es außerdem einen kurzen Drehbericht, einen Ausschnitt aus einer Pressekonferenz und Schamonis witzigen Kurzfilm „Die Teutonen kommen“, der bereits 1962 den damaligen Massentourismus in den Süden satirisch dokumentierte und der heute kaum veraltet ist.

Auch Rosa von Praunheims „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“ überzeugt vor allem als Zeitdiagnose und ist wegen seiner Wirkung, vor allem für die Schwulenbewegung, wichtig. Denn mit dem Film begannen Homosexuelle über ihre Situation zu reden und überall im Land gründeten sich, nach der Vorführung des Films, zu der auch Rosa von Praunheim oder andere Mitwirkende des Films anwesend waren, Schwulengruppen. Filmisch ist das Werk eher uninteressant.

In dem Film zeichnet Praunheim die Geschichte von Daniel (Bernd Feuerhelm), einem Jungen aus der Provinz, der nach Berlin kommt, in schwule Kreise aufgenommen wird und durch die verschiedenen schwulen Milieus driftet, bis er in einer politischen Gruppe landet. Gedreht wurde ohne Ton. Der über die Bilder gesprochene Kommentar ist eine Mischung aus wenigen nachgesprochenen Dialogen zwischen den Charakteren und einem soziologisch-psychologisch analysierendem Text, der im Duktus zwischen Gelehrtendeutsch und Satire (vielleicht auch teilweise nicht intendierter Satire) schwankt und punktgenau auf die schwulen Befindlichkeiten und das Zertrümmern ihrer Wohlfühlzonen zielt, um die Homosexuellen dazu zu bringen, aus dem Klosett zu kommen und für ihre Rechte und – wir reden von den frühen siebziger Jahren – eine neue Gesellschaft zu kämpfen.

Dass die Macher mit ihrem unbequemen Film trafen, zeigten schon am 4. Juli 1971 die aufgebrachten Reaktionen bei Premiere auf der Berlinale.

Die TV-Ausstrahlung im ersten Programm wurde, immerhin ist „Nicht der Homosexuelle ist pervers,…“ eine reine TV-Produktion, zunächst abgesagt. Der Film lief dann in den dritten Programmen, die damals nur eine regionale Verbreitung hatten. Nachdem die vorgesehene gemeinsame Ausstrahlung im ARD-Programm „aus Fürsorge für die homosexuelle Minderheit“ (so die Ständige Programmkonferenz der ARD) scheiterte, war die Erstausstrahlung im TV am 31. Januar 1972 im WDR. Ein Jahr später, am 15. Januar 1973, wurde er auch im ersten Programm gezeigt. Zu später Stunde, ohne den Bayerischen Rundfunk (der seine Zuschauer mit einem alternativen Programm erfreute) und mit einer anschließenden 97-minütigen Diskussion, die vorher aufgezeichnet wurde. An dem Abend war weit nach Mitternacht Sendeschluss.

Auf der jetzt erschiennen DVD ist neben dem Film eben diese TV-Diskussion, ein halbstündiger Zusammenschnitt einer Diskussion über den Film in New York (wegen des schlechten Tons sind die deutschen Untertitel sehr hilfreich) und ein elfminütiges aktuelles Vorwort von Rosa von Praunheim zum Film, in dem er über die Wirkung des Films und warum er heute immer noch wichtig ist, spricht.

Die WDR-Diskussion ist gerade am Anfang ungewöhnlich gesittet (später wird es etwas lauter) und vor allem die Homosexuellen dürfen ausführlich ihre Sicht schildern, während die Experten und Politiker (Interessanter Fakt: ihre Parteizugehörigkeit wird nicht verraten.) wenig sagen. Der Film wird durchgehend politisch interpretiert und er wird von den Experten und Politikern kritisiert, als ob Rosa von Praunheim ein Regierungsprogramm vorgelegt hätte. Das ist, auch wenn die allgemeinen Publikums- und Medienreaktionen deutlich ablehnender waren als die Stimmung während der Diskussion vermuten lässt, ein Blick in eine vergangene Zeit. Ein Panoptikum der siebziger Jahre.

Die Diskussion in New York zeigt dagegen ein aufgebrachtes schwules Publikum, das sich heftig gegen den Film wehrt. Eine solche Mischung aus Saalschlacht und Gruppentherapie war damals nach Aufführungen von „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ wohl üblich. 

Für die DVD-Veröffentlichung wurde das 16-mm Negativ in HD abgetastet und der Bildausschnitt, in Abstimmung mit Rosa von Praunheim, auf 1,78:1 festgelegt. Entsprechend gut ist das Bild.

Insgesamt fehlt bei dieser tollen DVD-Ausgabe des Klassiker nur noch eine Dokumentation über den Film und seine Wirkungsgeschichte.

Schonzeit für Füchse - ohne FSK

Schonzeit für Füchse (Deutschland 1966)

Regie: Peter Schamoni

Drehbuch: Günter Seuren

LV: Günter Seuren: Das Gatter, 1964

mit Helmut Förnbacher, Christian Doermer, Andrea Jonasson, Monika Peitsch, Edda Seipel, Helmut Hinzelmann, Willy Birgel

DVD

Ascot Elite

Bild: 4:3 (Pillarbox/16:9)

Ton: Deutsch (Dolby Digital 2.0 Mono)

Untertitel: –

Bonusmaterial: 24-seitiges Booklet, Originaltrailer, Bericht über die Dreharbeiten (1965), Bericht zur Filmpremiere (1966), „Die Teutonen kommen“ (Kurzfilm von 1962), Interview mit Hauptdarsteller Helmut Förnbacher und Kameramann Jost Vacano (2014)

Länge: 88 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Schamoni-Film über „Schonzeit für Füchse“

YouTube-Kanal von Schamoni-Film 

Filmportal über „Schonzeit für Füchse“

Wikipedia über „Schonzeit für Füchse“

Nicht der Homosexuelle - DVD-Cover

Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt (Deutschland 1970)

Regie: Rosa von Praunheim

Drehbuch: Rosa von Praunheim, Martin Dannecker, Sigurd Wurl

mit Bernd Feuerhelm, Berryt Bohlen, Ernst Kuchling

DVD

Kino Kontrovers

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch

Untertitel: –

Bonusmaterial: Zeitgenössische WDR-Talkrunde, Diskussionsrunde in New York City, Interview mit Roas von Praunheim (insgesamt 135 Minuten)

Länge: 67 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage von Rosa von Praunheim

Filmportal über „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“

Moviepilot über „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“

Wikipedia über „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“

 

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DVD-Kritik: Für „Fräuleins in Uniform“ ist der Krieg ein Spaß

Mai 7, 2014

Wir nehmen junge Frauen, gerne nackt, Nazi-Uniformen, Sex, Gewalt, viele Explosionen, Nazi-Symbole und -Plakate – und fertig ist der Film, der als „Fräuleins in Uniform“ oder „Eine Armee Gretchen“ vor über vierzig Jahren in die Kinos kam und weil er von Erwin C. Dietrich produziert wurde, der dieses Mal auch das Drehbuch schrieb und Regie führte, zielt er auf die primären Wünsche eines eher jugendlichen Publikums, das vor allem an nackten Tatsachen interessiert ist. Die gibt es – aus heutiger Perspektive – in eher überschaubaren Dimensionen mit einer deutlichen Konzentration auf nackte weibliche Oberkörper.
Daneben reiht der Film lieblos einige Episoden aus dem Leben der Blitzmädel aneinander, als sei der Krieg ein Aufenthalt im Landschulheim, bei dem es nur um Sex geht und dazwischen, ab und an, ein fröhliches „Heil Hitler“ geschmettert wird; – was subversiv sein könnte, wenn es nicht einfach so furchtbar gedankenlos wäre.
Es wurde auch keine Sekunde an so etwas wie Charakterentwicklung oder Dramaturgie gedacht. Entsprechend egal sind einem einem alle Charaktere und wer glaubt, irgendetwas über den Zweiten Weltkrieg zu erfahren, der ist definitiv im falschen Film. Sogar die Erinnerungen des Großvaters an den Krieg sind da tiefgründiger, strukturierter und auch kritischer.
Am Kassenerfolg änderte das nichts. Als „She-Devils of the S.S.“ lief der Film auch in den USA und, unter verschiedenen anderen Titeln, in unseren Nachbarländern. Damals war das Nazi-Exploitation- und Woman-in-Prison-Genre (wozu „Fräuleins in Uniform“ nur ganz am Rand gehört) ein an der Kinokasse erfolgreiches Subgenre innerhalb des Sexploitation-Genres. Was auch daran lag, dass die Filme für ein Butterbrot gedreht wurden und teilweise unter verschiedenen Titeln mit neuen vielversprechenden Plakaten in die Kinos kamen.
„Fräuleins in Uniform“ ist da mit einem Budget von einer Millionen DM, so Produzent Erwin C. Dietrich im Audiokommentar, sogar ungewöhnlich teuer geraten, was sich vor allem in den in Jugoslawien gedrehten Kampfszenen, mit einem Flugzeug und drei Panzern, vielen Statisten und Explosionen bis zum Abwinken, zeigt.
Außerdem war der Film, streng historisch betrachtet, vor den Nazi-Exploitation-Filmen im Kino. Er ist ein fast schon unschuldiger Vorläufer von wesentlich geschmackloseren Filmen, wie zum Beispiel Jess Francos von Dietrich produzierten Filme „Ilsa, the Mad Butcher“ oder „Frauen für Zellenblock 9“. „Fräuleins in Uniform“ ist dagegen ein verfilmtes Landserheft mit willigen Mädchen, Nazi-Symbolen und verklärten „Schön war die Zeit“-Kriegserinnerungen.
Georg Seeßlen schreibt in „Quentin Tarantino gegen die Nazis“ zu dem Werk, das er als einen Nachzügler des italienischen Trash-Kriegsfilms sieht: „Das Ganze wurde mehr oder weniger einhellig als die größte Geschmacksentgleisung des Genres jenseits des Nazi-Pornos gewertet.“
Als Film kann man „Fräuleins in Uniform“ getrost vergessen, aber das Bonusmaterial auf der jetzt erschienenen DVD (und Blu-ray) ist gelungen. Es gibt eine Bildergalerie, die noch einmal zeigt, mit welchen nackten Tatsachen der Film verkauft wurde, den Trailer, ein aktuelles Interview mit Birgit Bergen (kein Kommentar) und einen im Oktober 2013 aufgenommenen, durchaus informativen, vollkommen unkritischen, aber filmhistorisch interessanten Audiokommentar mit dem inzwischen 83-jährigem Erwin C. Dietrich und Filmhistoriker Uwe Huber, in dem man einige Hintergründe über die Dreharbeiten, den Verbleib der Darsteller und die Arbeit in Dietrichs Produktionsfirma, die damals zuverlässig mit Exploitation-Filmen die Kinos bediente, erfährt.

Fräuleins in Uniform - DVD

Fräuleins in Uniform (Schweiz 1973)
Regie: Erwin C. Dietrich
Drehbuch: Erwin C. Dietrich, Christine Lembach (Dialoge)
LV: Karl-Heinz Helms-Liesenhoff: Eine Armee Gretchen, 1948
mit Renate Kasche, Carl Möhner, Helmut Förnbacher, Alexander Allerson, Birgit Bergen
auch bekannt als „Eine Armee Gretchen“, „Eine Armee nackter Gretchen“, „Blitzmädchen an die Front“ und „Strafkommando Ost“

DVD
Ascot Elite (Cinema Treasures)
Bild: 1,85:1 (16:9)
Ton: Deutsch (Dolby Digital 2.0), Englisch, Italienisch, Französisch (DD 2.0 Mono)
Untertitel: –
Bonusmaterial: Audiokommentar mit Erwin C. Dietrich und Filmhistoriker Uwe Huber, Interview mit Darstellerin Birgit Bergen, Bildergalerie, Trailer, Wendecover
Länge: 96 Minuten
FSK: ab 18 Jahre

Das Werk ist auch auf Blu-ray erhältlich.

Hinweise

Homepage von/über Erwin C. Dietrich (schon etwas älter, aber mit vielen Bildern)

Wikipedia über Erwin C. Dietrich

Mundo Stumpo: Interview mit Erwin C. Dietrich (2003 – für die deutsche Fassung runterscrollen)

 


TV-Tipp für den 6. Juni: Jerry Cotton: Der Mörderclub von Brooklyn

Juni 6, 2013

 

Kein Meisterwerk, aber der von 102 auf 85 Minuten gekürzte „Robocop“ (3sat, 22.25 Uhr) muss echt nicht sein. Daher

 

Das Vierte, 20.15 (Wiederholung um 23.55 Uhr)

 

Jerry Cotton: Der Mörderclub von Brooklyn (D 1966, R.: Werner Jacobs)

 

Drehbuch: Alex Berg (Pseudonym von Herbert Reinecker)

 

LV: gleichnamige Heftserie aus dem Bastei-Lübbe-Verlag

 

Jerry Cottons fünfter Kinoeinsatz: drei New Yorker Millionäre werden erpresst. Der tapfere FBI-Agent sucht den Erpresser.

 

Jerrys erster Einsatz in Farbe – und irgendwie farbloser als die SW-Fälle. Die Musik von Peter Thomas ist dagegen kultig wie immer.

 

Helmut Förnbacher (er spielt Bryan) verdient heute sein Geld in erster Linie als Regisseur (u. a. Tatort).

 

Mit George Nader, Heinz Weiss, Helga Anders, Richard Münch, Karl Stepanek, Helmut Förnbacher, Heinz Reincke, Horst Michael Neutze

Hinweise

 

Wikipedia über Jerry Cotton

 

Bastei über Jerry Cotton

 

 Meine Besprechung von Martin Comparts „G-Man Jerry Cotton“ (2010)

 


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