Neu im Kino/Filmkritik: „Petting statt Pershing“, damals, in der Provinz

September 5, 2019

1983: Helmut Schmidt beginnt gerade seine Karriere als Mitherausgeber der „Zeit“, Helmut Kohl beschwört die geistig-moralische Wende und in den Reihenhaussiedlungen der Provinz werden langsam, sehr langsam, also wirklich sehr langsam die Gedanken der Hippies von freier Liebe, Drogen und Frieden aufgenommen. „Petting statt Pershing“ war ein damals bekannter Slogan – und ist jetzt der Titel der neuen Komödie von Petra Lüschow. In den vergangenen Jahren schrieb sie die Drehbücher für „Nachbeben“ „Tannöd“, „Tatort: Schmutziger Donnerstag“ und den von ihr inszenierten Kurzfilm „Der kleine Nazi“. „Petting statt Pershing“ ist ihr Spielfilmdebüt, das auch auf eigenen Erinnerungen basiert und irgendwo in der westdeutschen Provinz, eher in Nord- als Süddeutschland (und nach den Autokennzeichen in Hessen im Landkreis Groß-Gerau), spielt.

Im Mittelpunkt steht die siebzehnjährige Ursula Mayer, die intelligent, aber noch Jungfrau ist. Das möchte sie unbedingt ändern. Die Erfahrungen mit Gleichaltrigen sind allerdings desaströs. Als neues Objekt der Begierde bietet sich der neue Lehrer Siegfried Grimm an. Er ist als linksalternativer, verständnisvoller und kluger Lehrer das Gegenteil der alten Lehrer, die noch den Krieg erlebten und Kadavergehorsam für eine Tugend halten. Außerdem soll der auf einem Bauernhof in einer Kommune lebende Lehrer bei der Wahl seiner Sexpartnerinnen sehr offen zu sein. Er soll noch nie „Nein“ gesagt haben.

Während Ursula sich an Grimm heranpirscht, springt dieser mit seinen Mitbewohnerinnen, Ursulas Mutter und Ursulas Sportlehrerin ins Bett oder ins Gebüsch. Auch Ursulas Vater, der biedere Dorfdoktor, ist einem Seitensprung nicht abgeneigt. Und Ursulas Großvater, ein Weltkrieg-II-Veteran, steckt immer noch in der Vergangenheit fest. Der neue Feind ist der Öko-Bauernhof.

Das sind eigentlich genug Konflikte für eine Provinzkomödie, die einen Blick auf einen filmisch bislang wenig aufgearbeiteten Teil der bundesdeutschen Geschichte wirft. Trotzdem will der Film nicht begeistern. Er ist eine Komödie ohne Witz. Vieles wird bei dem mild verklärenden Blick in die eigene Vergangenheit zwar angesprochen, aber nicht weiter vertieft oder zugespitzt zu einer Vision über die damalige Zeit und das Erwachsenwerden in den Achtzigern. Dafür wäre eine Haltung zur Vergangenheit und auch zur Geschichte nötig.

In „Petting statt Pershing“ wird allerdings alles gezeigt, ohne dass jemals jemand verurteilt oder in einem Gag herabgesetzt wird. Bei der augenfällig übergewichtigen Ursula ist es schön, dass es keine Witze über Dicke gibt und sie auch keine Frustessen-Szene hat. Eher schon wird ihre Intelligenz bezweifelt. Lehrer Grimm ist vor allem ein netter Hallodri. Gegenüber keiner seiner Sexpartnerinnen hat er irgendwelche weitergehenden Ansprüche. Für ihn ist die Ideologie der freien Liebe die Entschuldigung, Sex zu haben, ohne sich emotional engagieren zu müssen und ohne dafür bezahlen zu müssen. Mit ihm und den anderen im Film auftauchenden Männern hätte Lüschow über männliche Besitzansprüche, wie sie Macht über Frauen ausüben und wie Frauen sich dagegen wehren erzählen können. Das tut sie höchst halbherzig, während die frühen achtziger Jahre vor allem eine beliebig austauschbare Kulisse für einige Liebesgeschichten sind, die nie das Niveau von echten Liebeswirren erreichen.

Wie es besser geht zeigen, um nur einige neuere europäische Filme zu nennen, „Die wilde Zeit“, „Die göttliche Ordnung“ und „La belle saison – Eine Sommerliebe“, die alle in den siebziger Jahren spielen und Geschichten von einem Aufbruch erzählen. Das wäre auch in „Petting statt Pershing“ möglich gewesen.

Stattdessen gibt es unwitzigen Provinzklamauk über fremdgehende Männer und Frauen, etwas Coming of Age, ein, zwei Witze über die damals noch lebenden Nazis, mehr oder weniger passendes, oft beliebig wirkendes Zeitkolorit (so lief „Donnerlippchen“ zwischen 1986 und 1988 im TV) und viele verpasste Chancen.

Petting statt Pershing (Deutschland 2018)

Regie: Petra Lüschow

Drehbuch: Petra Lüschow

mit Anna Hornstein, Florian Stetter, Christina Große, Thorsten Merten, Hermann Beyer, Britta Hammelstein, Leon Ulrich, Barbara Phillip

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

frühere Titel waren „Es ist aus, Helmut“ und „Ursula Mayer gegen den Rest der Welt“

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Petting statt Pershing“

Moviepilot über „Petting statt Pershing“

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Becks letzter Sommer“ mit Christian Ulmen

Juli 24, 2015

Robert Beck (Christian Ulmen) ist Musiklehrer an einem Gymnasium und er ist schon seit Langem ziemlich frustiert von seiner Arbeit. Da bemerkt er das musikalische Talent des aus Litauen kommenden Rauli (gespielt von dem Argentinier Nahuel Pérez Biscayart, der wie ein französischer Chansonier aussieht). Beck erinnert sich an seine Jugend als Frontman der Rockband „Cash Punk“ und er beschließt, Rauli als Musiker aufzubauen. Er will ihm einen Plattenvertrag vermitteln. Bei einem so oft erwähnten Majorlabel, dass man schon nicht mehr von Schleichwerbung sprechen kann und sich spätestens nach der dritten Nennung des Labels fragt, warum Beck seinen begnadeten Schützling nur einem einzigen Label anbieten kann. Sowieso erfährt man in „Becks letzter Sommer“ nichts über das Musikgeschäft. Das wäre, wie man so schön sagt, ein anderer Film.
Außerdem verliebt Beck sich in die Kellnerin Lara (Friederike Becht), die in Italien eine Lehre als Schneiderin (ihr Zweitstudium!) beginnen möchte. Und sein seelisch labiler Nachbar Charlie (Eugene Boateng), den er noch aus „Cash Punk“-Tagen kennt, ist ein ständiger Gast in seiner lauschigen Studenbude.
Das plätschert, ziemlich konzentriert auf die Lehrer-Schüler-Beziehung zwischen Beck und Rauli, so vor sich hin, bis in der Filmmitte Charlie behauptet, seine Mutter läge in Istanbul im Sterben. Beck, Rauli und Charlie machen sich im Auto auf den Weg von Berlin nach Istanbul und geraten dabei in eine blutige Drogenschmuggelgeschichte. Diese Hälfte zitiert dann die bekannten Gangsterfilmklischees, während die Geschichte zunehmend unplausibel wird. Zum Beispiel bringen sie den schwer verletzten Charlie nicht zu einem Arzt, sondern fahren fröhlich pfeifend weiter zu ihrem Reiseziel.
Um zu betonen, dass beide Filmhälften nichts miteinander zu tun haben, wird als Insert A- und B-Seite eingeblendet. So als sei ein Spielfilm eine LP, die man umdrehen muss. Ein Spielfilm ist aber, um im Bild zu bleiben, eine A- oder eine B-Seite, ein Song, ein Thema. Auch „Becks letzter Sommer“ hat ein Thema. Selbstfindung sagen die Macher und das stimmt schon. Aber es ist für Beck eine Selbstfindung in sicheren Gewässern. Immerhin hat er als Lehrer (sogar mit dem Posten als Korektor in Aussicht) eine gesicherte Existenz und als Single keine Verantwortung für einen anderen Menschen. Er könnte jederzeit die Koffer packen. Er könnte jederzeit neben seinem Brotjob jeden Abend als Musiker auftreten. Er hat höchstens einen liebevoll Scheinkonflikt zwischen seinen Träumen und der Wirklichkeit.
Auch die anderen Charaktere haben nur Scheinkonflikte, die ihre dramaturgische Funktion – nämlich die Probleme von Beck aus anderen Perspektiven zu beleuchten – nie ausfüllen.
Deshalb plätschert Frieder Wittichs Film, in der zweiten Hälfte zunehmend unplausibel, einfach so vor sich hin. Immer vermeidet er die nötigen Zuspitzungen, weil er sich nie für eine Geschichte und einen zentralen Konflikt entscheidet.
Und der Titel „Becks letzter Sommer“ täuscht eine Finalität vor, die der Film nicht einlöst. Auch niemals einlösen möchte. Denn, auch wenn ich ein anderes Ende bevorzugt und glaubwürdiger gefunden hätte, ist „Becks letzter Sommer“ ist sein letzter Sommer als Lehrer (mit Rückkehrgarantie?).
Dass der Film auf einem Roman basiert, in dem das scheinbar so alles steht (ich habe ihn nicht gelesen), ist egal. Denn bei einer Verfilmung muss die Romangeschichte dem anderen Medium angepasst und auch, wenn nötig, verändert werden. Dazu kann dann schon einmal ein großer Teil des Romans, wie bei der John-Irving-Verfilmung „The Door in the Floor – Die Tür der Versuchung“ (die nur das erste Drittel des Romans zeigt), wegfallen. Dem Film hat es nicht geschadet.

Becks letzter Sommer - Plakat

Becks letzter Sommer (Deutschland 2015)
Regie: Frieder Wittich
Drehbuch: Oliver Ziegenbalg, Frieder Wittich
LV: Benedict Wells: Becks letzter Sommer, 2008
mit Christian Ulmen, Nahuel Pérez Biscayart, Eugene Boateng, Friederike Becht, Fabian Hinrichs, Anna Lena Klenke, Boris Gaza, Ernst Stötzner, Rainer Reiners, Hermann Beyer
Länge: 99 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Becks letzter Sommer“
Film-Zeit über „Becks letzter Sommer“
Moviepilot über „Becks letzter Sommer“
Wikipedia über „Becks letzter Sommer“
Perlentaucher über Benedict Wells


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