Neu im Kino/Filmkritik: „Der Spitzenkandidat“, eine junge Freundin und die Medien

Januar 22, 2019

1988 war Gary Hart einer der Kandidaten der Demokraten für das Amt des US-Präsidenten. Seine Chancen standen gut, aber vor allem ein Ereignis führte dazu, dass er schon bei den Vorwahlen vollkommen scheiterte.

Jetzt kommt ein Spielfilm über diesen sehr erfolglosen Kandidaten in unsere Kinos. Denn sein Ausscheiden aus dem Rennen um die Präsidentschaft markiert einen wichtigen Wendepunkt in der öffentlichen Behandlung von Bewerbern für politische Ämter. Davor war Privates privat. Auch wenn die politischen Journalisten von außerehelichen Geliebten und Affären wussten, wurde nicht darüber berichtet. Es wurde über ihre politischen Ansichten und ihre Arbeit geschrieben. Auch bei Gary Hart war es zunächst so. Aber dann rückte eine außereheliche Affäre in den Mittelpunkt der Berichterstattung. Und erstmals führte das zum Ende der politischen Ambitionen des Kandidaten.

2014 veröffentlichte der „New York Times Magazine“-Journalist Matt Bai „All the Truth Is Out: The Week Politics Went Tabloid“, sein Buch über diese Affäre und wie aus den Politikseiten Boulevardseiten wurden.

In seinem Drama „Der Spitzenkandidat“ beleuchtet Jason Reitman, nach einem von ihm, Bai und Jay Carson (u. a. war er Pressesprecher für Hillary Clinton) geschriebenem Drehbuch, jetzt die Kandidatur des Hoffnungsträgers Hart und den Umgang der Medien mit ihm. Dabei konzentriert er sich mehr auf die Medien und Harts Umfeld als auf Hart. Der erscheint als sympathischer Senator für den Staat Colorado, der Menschen durch seine natürliche Art und jugendhafte Ausstrahlung begeistert. Politisch soll er auch sehr talentiert sein. Aber das sieht man in dem Film nicht.

Dafür sieht man, wie die Tageszeitungen mit der Konkurrenz durch das Fernsehen umgehen. Seit 1980 sendete CNN als 24-Stunden-Nachrichtensender. Im Film sind die Washington Post und der Miami Herald, die den Skandal publizierte, die beiden Tageszeitungen, die sich mit der Frage beschäftigen, ob das Privatleben eines Politikers für die Politik-Seiten berichtenswert ist. Bis dahin galt die Regel, über Klatsch und Bettgeschichten wird auf den Politikseiten nicht geschrieben. Schließlich geht es um Fakten, politische Ansichten und Fähigkeiten.

Als der Miami Herald einen anonymen Tipp erhält, dass Hart eine außereheliche Affäre mit dem Model Donna Rice hat, die auf der Yacht „Monkey Business“ begann und jetzt in Washington fortgeführt werden soll, schickt die Zeitung ein kleines Team nach Washington, D. C.. Sie sollen Harts Stadthaus überwachen. Sie sehen, dass der verheiratete Kandidat Damenbesuch hat. Sie veröffentlichen das und Gary Harts sorgfältig auf politische Botschaften ausgerichtete Kampagne und sein bis dahin von der Öffentlichkeit sorgsam abgeschottetes Familienleben geraten ins Trudeln.

In seinem Polit-Drama „Der Spitzenkandidat“ pendelt Jason Reitman elegant zwischen Harts Kampagne (und den Versuchen seines Wahlkampfmanangers, die Katastrophe zu verhindern), seinem Familienleben (und den Versuchen seiner Frau, mit der in allen Medien verbreiteten Meldung vom Seitensprung ihres Mannes umzugehen) und den Medien, vor allem den politischen Journalisten und wie sie mit der grenzüberschreitenden Titelgeschichte des Miami Herald über die vermutliche Affäre eines Politikers umgehen sollen. Es ist ein Ensemblestück, das im semi-dokumentarischen New-Hollywood-Look inszeniert wurde und vor allem zwei Vorbilder hat: Michael Ritchies „Der Kandidat“ (1972) mit Robert Redford als idealistischen Anwalt, der Senator werden will, und die Ensemblefilme von Robert Altman, in denen, wie im echten Leben, wild durcheinander gesprochen wird. Reitmans Films ist auch ein Lehrstück über Menschen, die immer wieder von äußeren Umständen getrieben werden und deren Ziele und Werte miteinander kollidieren. Dass der Anlass dafür aus heutiger Sicht fast schon rührend banal ist, ändert daran nichts. Die Berichte über Harts angebliche Affäre beendete eine Karriere und veränderte, jedenfalls in den USA, die Berichterstattung über Politiker.

Weil Reitman etwas dichotomisch „Privatleben“ und „Öffentliches Leben“ bzw. „politische Berichterstattung“ und „Boulevard“/“Klatsch“ gegenüberstellt und er das Verhalten der Presse als übergriffig darstellt, umgeht er auch die Frage, wann das Private politisch ist und wie sehr das Verschweigen von Bettgeschichten auch ein Schweigekartell von weißen Männern war. Insofern spielt Reitmans gut gespielter, gut inszenierter und straff inszenierter Film nicht nur 1987, sondern er fängt auch den damaligen Zeitgeist ein.

Der Spitzenkandidat (The Front Runner, USA 2018)

Regie: Jason Reitman

Drehbuch: Matt Bai, Jay Carson, Jason Reitman

LV: Matt Bai: All the truth is out: The Week Politics went Tabloid, 2014

mit Hugh Jackman, Vera Farmiga, Alfred Molina, J. K. Simmons, Sara Paxton

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Der Spitzenkandidat“

Metacritic über „Der Spitzenkandidat“

Rotten Tomatoes über „Der Spitzenkandidat“

Wikipedia über „Der Spitzenkandidat“

Meine Besprechung von Jason Reitmans „Young Adult“ (Young Adult, USA 2011)

Meine Besprechung von Jason Reitmans „Labor Day“ (Labor Day, USA 2013)

Meine Besprechung von Jason Reitmans „#Zeitgeist – Von digitaler Nähe und analoger Entfremdung“ (Men, Women, and Children, USA 2014)

Meine Besprechung von Jaso Reitmans „Tully“ (Tully, USA 2018)

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Neu im Kino/Filmkritik: „Logan – The Wolverine“ ist alt geworden

März 2, 2017

Nachdem in den letzten „X-Men“-Filmen die Zeitlinien immer komplexer wurden und Normalsterbliche schon lange den Überblick verloren haben, trat James Mangold in seinem zweiten Wolverine-Film einen Schritt zurück. „Logan – The Wolverine“ sollte eine Einzelgeschichte erzählen. Es sollte auch der Abschluss einer Trilogie sein; nämlich der dritte Wolverine-Film mit Hugh Jackman in der Hauptrolle. Bis dahin hatte Jackman Logan neunmal gespielt und er sagte, „Logan“ solle sein letzter Auftritt als Logan sein.

Logan ist – für alle, die die letzten siebzehn Jahre irgendwo zwischen Südseeinsel und Arthaus-Kino verbrachten – ein Charakter aus dem Marvel-Universum, der, wenn er wütend ist, zu Wolverine wird und der mit seinen Stahlklingen, die aus seinen Händen herausfahren, Menschen zerfetzt. Das gab den Kämpfen immer eine große Nahkampf-Intimität und, weil keine Städte zerstört werden, auch Überschaubarkeit. Er ist, weil seine Wunden sofort heilen und er nicht altert, unbesiegbar. In „Wolverine – Weg des Kriegers“, ebenfalls inszeniert von James Mangold, wollte Logan sterben. Aber damals gelang es ihm nicht.

Jetzt, in seiner Abschiedsvorstellung (und es ist wirklich eine Abschiedsvorstellung der gelungenen Art), ist er in den ersten Filmminuten dem Tod näher als er jemals gedacht hat.

2029 kutschiert Logan als Chauffeur einer Luxuslimousine seine Passagiere durch Texas. Er humpelt. Er säuft. Zum Lesen benötigt er eine Brille. Seine Selbstheilkräfte funktionieren nicht mehr richtig. Und bei einer Schlägerei mit einigen Möchtegern-Autodieben fällt es ihm schwer, sie zu besiegen. Er ist ‚Old Man Logan‘ (wie auch eine Comicgeschichte von Mark Millar heißt, die als lose Inspiration für den Film genannt wird).

Auf der anderen Seite der Grenze, in Mexiko, pflegt Caliban (Stephen Merchant) in einer stillgelegten Schmelzhütte „Professor X“ Charles Xavier (Patrick Stewart). Der Kopf der nicht mehr existierenden X-Men ist inzwischen ebenfalls ein alter Mann. Seine Anfälle werden mit Medikamenten, die Logan auf dem Schwarzmarkt besorgt, behandelt. Die drei sind die letzten Mutanten und sie wollen unter keinen Umständen auffallen.

Da bittet die Krankenschwester Gabriella (Elizabeth Rodriguez) Logan, sie und das Mädchen Laura (Dafne Keen) zu einem besonderen Ort zu bringen. Eden soll in North Dakota liegen und ein Schutzraum für Mutanten sein. Logan lehnt ab. Aber als die Frau ermordet wird, der Söldner Donald Pierce (Boyd Holbrook) das Mädchen töten will und Laura bei einer Begegnung mit Pierces Männern in der Schmelzhütte diese im besten „Hit Girl“-Stil mit ihren Klingen massakriert, willigt Logan ein, sie nach Eden zu bringen. Das Mädchen, das Logans Tochter sein könnte, hat nämlich keinerlei Erfahrung im Umgang mit normalen Menschen.

Gemeinsam mit Charles Xavier machen sie sich, verfolgt von Pierce, auf den Weg.

Nachdem zuletzt die Superheldenfilme immer mehr miteinander verknüpft waren, sie damit für Neueinsteiger zunehmend unverständlich wurden (außer sie haben vorher ein halbes Dutzend Filme gesehen) und die pompösen Ankündigungen der PR-Abteilungen, in die jeden Film wie das nächste Weltwunder ankündigten, sich regelmäßig als mehr oder weniger heiße Luft entpuppten, ist „Logan“ eine willkommene Abwechslung. Denn die Ankündigungen stimmen. Es ist definitiv ein finaler Film. Von der ersten Minute an zeigt James Mangold, dass es hier um eine Abschiedsvorstellung geht, bei der man sich nie fragt, ob Logan die Welt retten kann, sondern nur fragt, ob er überhaupt den nächsten Tag (und damit den Film) überleben kann. Es ist auch ein Film, der für sich allein steht. Es ist ein Einzelfilm, der sich überhaupt nicht um die gesamte Mythologie kümmert. Er wirft auch die ganzen verschiedenen Zeitlinien und Paralleluniversen fröhlich über Bord wirft. Und die Superkräfte von Logan, Xavier, Laura und Caliban werden nur sparsam, fast schon unauffällig, eingesetzt.

Mangold erzählt in erster Linie eine klassische Reisegeschichte, wie wir sie aus zahlreichen Western (und Post-Western und in der Gegenwart oder Zukunft spielenden Western) kennen und in der ein Outsider widerwillig die Verantwortung für andere Menschen übernimmt. So wird Logan nicht müde zu betonen, dass er Laura nur quer durch die USA nach Eden in Sicherheit bringen will und dann sofort wieder sein altes Leben aufnehmen will.

Logan ist hier der Outlaw Josey Wales („Der Texaner“, Clint Eastwood), „Mein großer Freund Shane“ (Alan Ladd) (den Film sehen Xavier und Laura sich in einem Hotelzimmer an), Jack Reacher (Tom Cruise) oder auch, um einen Film von James Mangold zu nennen, Dan Evans (Russell Crowe) in „Todeszug nach Yuma“.

Die Geschichte selbst ist immer nah an den Charakteren und ihren Problemen spannend, facettenreich, stringent und schnörkellos erzählt. Dazu gibt es durchgehend realistisch wirkender Old-School-Action. Denn die Guten und die Bösen haben doch ein, zwei Fähigkeiten mehr als ein Normalsterblicher.

Logan“ ist nicht nur ein würdiger Abschluss der Wolverine-Trilogie und eine schöne, melancholische Abschiedsvorstellung, sondern der beste Wolverine-Film bis jetzt, der auch für Menschen gemacht ist, die keine Superheldenfilme mögen..

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Logan – The Wolverine (Logan, USA 2017)

Regie: James Mangold

Drehbuch: Scott Frank, James Mangold, Michael Green (nach einer Geschichte von James Mangold)

mit Hugh Jackman, Patrick Stewart, Dafne Keen, Richard E. Grant, Boyd Holbrook, Stephen Merchant, Elizabeth Rodriguez, Eriq La Salle

Länge: 138 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die (sehr, sehr lose) Inspiration für den Film

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Mark Millar (Autor)/Steve McNiven (Zeichner): Wolverine – Old Man Logan

(übersetzt von Jürgen Petz)

Panini, 2017

220 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

Old Man Logan

Wolverine ‚# 60 – # 72, Wolverine: Old Man Logan Giant Size 1

Marvel, 2008/2009

Noch mehr Wolverine-Bildergeschichten

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Jeff Lemire (Autor)/Andrea Sorrentino (Zeichner): Old Man Logan: Grenzstadt (Band 2)

(übersetzt von Jürgen Petz)

Panini, 2017

116 Seiten

12,99 Euro

Originalausgabe

Old Man Logan # 5 – # 8

Marvel, 2016

Mark Millar (Autor)/John Romita Jr. (Zeichner): Wolverine: Staatsfeind (Mark Millar Collection 2)

(übersetzt von Jürgen Petz und Thomas Witzler)

Panini, 2017

356 Seiten

29,99 Euro

enthält

Wolverine # 20 – # 32

Marvel, 2003

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Logan“

Metacritic über „Logan“

Rotten Tomatoes über „Logan“

Wikipedia über „Logan“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von James Mangolds “Wolverine – Weg des Kriegers” (The Wolverine, USA 2013)


TV-Tipp für den 6. August: The Fountain – Quell des Lebens

August 5, 2016

Eins Festival, 20.15
The Fountain – Quell des Lebens (USA 2006, Regie: Darren Aronofsky)
Drehbuch: Darren Aronofsky
Nach „Pi“ und „Requiem for a Dream“ war das ambitionierte, auf drei Zeitebenen spielende Fantasydrama „The Fountain – Quell des Lebens“ über die Suche nach dem Sinn des Lebens eine herbe Enttäuschung.
In der Gegenwart sucht ein Krebsforscher ein Heilmittel für seine kranke Frau. In der Vergangenheit sucht ein Konquistador den Baum des Lebens. In der Zukunft reist ein Astronaut zu einem Sternennebel und dem Baum des Lebens, um seiner Geliebten ein zweites Leben zu schenken.
Das war dann doch in erster Linie schön bebilderter getretener Quark. Auch wenn das Lexikon des internationalen Films“ meint: „Ein komplexer, bildstarker Versuch, das menscheitsbewegende Thema [vom Sinn des Lebens und der Fortexistenz nach dem Tod] durch die Allegorien und Symmetrien der ineinander verwobenen drei Geschichten auf sehr individuelle Weise für ein an Fantasy-Filmen geschultes Publikum aufzubereiten.“
Mit den Dramen „The Wrestler“ und „Black Swan“ versöhnte er dann wieder seine mit den Filmen beträchtlich gewachsene Fangemeinde.
Sein neuester Film, die Bibelverfilmng „Noah“ mit Russel Crowe in der Hauptrolle, war sein katastrophales 3D-Big-Budget-Projekt.
Mit Hugh Jackman, Rachel Weisz, Ellen Burstyn, Mark Margolis, Stephen McHattie
Hinweise
Rotten Tomatoes über „The Fountain“
Metacritic über „The Fountain“
Wikipedia über „The Fountain“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Darren Aronofskys “Black Swan” (Black Swan, 2010)

Meine Besprechung von Darren Aronofskys „Noah“ (Noah, USA 2014)

Darren Aronofsky in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „X-Men: Apocalypse“ und der nächste Weltuntergang

Mai 19, 2016

Seit den Sechzigern geht es abwärts. Sagen einige und sie verweisen auf die Musik der 68er und behaupten, dass danach nichts mehr kam.

Wenn man sich die letzten drei „X-Men“-Filme ansieht, die natürlich eine Trilogie sind, die jetzt mit „X-Men: Apocalypse“ (nach einem Drehbuch von Simon Kinberg) ihren Abschluss findet, möchte man diesen Kulturpessimisten zustimmen. „X-Men: Erste Entscheidung“ (X-Men: First Class) spielte 1962 und es war, nachdem „X-Men: Der letzte Widerstand“ (X-Men: The Last Stand) (ebenfalls nach einem Drehbuch von Simon Kinberg) nicht besonders überzeugend war, ein grandioser Neustart, bei dem alles stimmte. Bei „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ (X-Men: Days of Future Past) (yep, Drehbuch Simon Kinberg) war Bryan Singer, der Regisseur der ersten beiden „X-Men“-Filme wieder an Bord, ebenso die Schauspieler aus den ersten „X-Men“-Filmen und der Film spielte einerseits in der Zukunft und andererseits, dank einer beherzten Zeitreise von Wolverine in der Vergangenheit, genaugenommen 1973, und wieder badete der Film in politischen und popkulturellen Anspielungen. Die Story war allerdings, dank der vielen Zeitreisen, eher verwirrend und ärgerlich. Auch weil jedes Problem mit einer weiteren Zeitreise gelöst werden konnte. Das hatte dann schon etwas von ‚und täglich grüßt das Murmeltier‘.

Apocalypse“ spielt nun, ohne irgendwelche Zeitreisen, 1983 und es ist eine laute, überlange Enttäuschung. Auch ohne die Erwartung, dass ein Finale frühere Handlungsstränge und Entwicklungen abschließt. „Apocalypse“ sieht einfach nur wie eine weitere Episode aus dem „X-Men“-Kosmos aus, in dem all die bekannten Charaktere und einige Neuzugänge gegen einen neuen Gegner kämpfen, während wir mehr oder weniger interessante Neuigkeiten aus ihrem Alltag erfahren. Die X-Men sind Menschen, die aufgrund einer genetischen Veränderung über besondere Fähigkeiten verfügen.

Der Gegner der X-Men ist Apocalypse (Oscar Isaac – verschenkt). Er ist der erste Mutant, war ein ägyptischer Gott und erwacht jetzt (also 1983) wieder. Bis dahin plätschert der Film eine halbe Stunde vor sich hin. Die Zeit vergeht, indem in epischer Breite die verschiedenen, aus den vorherigen Filmen und Comics bekannten X-Men vorgestellt werden. Das ist nicht so wahnsinnig interessant, weil diese Vorstellungen oft so kryptisch sind, dass nur die Fans und Kenner des X-Men-Kosmos sie verstehen.

Nachdem Apocalypse wieder von den Toten auferstanden ist, ist das zu lang geratene Vorspiel vorbei und die richtige Geschichte könnte endlich beginnen. Aber auch danach wird der Film nicht interessanter. Von Spannung will man in diesem Zusammenhang nicht reden. Weitere Mutanten werden vorgestellt, es wird geredet, es gibt Einblicke in den Alltag von Charles Xavier/Professor X (James McAvoy) und seiner Schule für Mutanten, die vielleicht in den nächsten Filmen eine größere Rolle(n) spielen dürfen, und Eric Lensherr/Magneto (Michael Fassbender) darf etwas proletarischen Ostblockcharme versprühen, bis er einen Unfall verhindert und, nun, sagen wir es so: die Kommunisten sind nicht begeistert, dass unter ihnen ein Mutant lebt, der den Magnetismus beherrscht. Es gibt auch eine groteske in Ostberlin spielende Szene, die nichts mit der Wirklichkeit, aber viel mit einem der damaligen B-Actionfilme, in denen Gewalt Hirn ersetzte, zu tun hat.

Diese eindimensionalen Filme scheinen auch für „Apocalyse“ die Referenz gewesen zu sein. Aber die alten Actionkloppereien hatten wenigstens einen klaren Helden, einen ebenso klaren Bösewicht, eine klare Handlung und eine klare Botschaft. In „X-Men: Apocalypse“ ist davon nichts zu spüren. Der Bösewicht wird zu einer Nebenfigur, die Helden treten sich gegenseitig, ohne eine wirklich erkennbare Ordnung von Haupt- und Nebenfiguren auf die Füße, weil sie alle Hauptfiguren sind, die von Filmstars gespielt werden und die alle keinen wirklich bleibenden Eindruck hinterlassen. Entsprechend rudimentär ist die erstaunlich lustlos präsentierte Geschichte, die selbstverständlich in einer Städte zerstörenden Schlacht der Mutanten endet, weil Größe ja bekanntlich wichtig ist.

Zum Glück geht der Wiederaufbau dank Mutantenkräfte auch schneller als in der Realität. Bis dann, in einigen Jahren, beim nächsten Mutantenstadl, wieder kräftig alles zerstört wird, was in Reichweite der Jungs und Mädels mit den besonderen Fähigkeiten ist.

X-Men Apocalypse - Plakat

X-Men: Apocalypse (X-Men: Apocalypse, USA 2016)

Regie: Bryan Singer

Drehbuch: Simon Kinberg (nach einer Geschichte von Bryan Singer, Simon Kinberg, Michael Dougherty und Dan Harris)

mit James McAvoy, Michael Fassbender, Jennifer Lawrence, Nicholas Hoult, Oscar Isaac, Rose Byrne, Evan Peters, Josh Helman, Sophie Turner, Tye Sheridan, Lucas Till, Kodi Smit-McPhee, Ben Hardy, Alexandra Shipp, Lana Condor, Olivia Munn, Zeljko Ivanek, Hugh Jackman, Stan Lee

Länge: 145 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „X-Men: Apocalypse“

Metacritic über „X-Men: Apocalypse“

Rotten Tomatoes über „X-Men: Apocalypse“

Wikipedia über „X-Men: Apocalypse“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Bryan Singers „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ (X-Men: Days of Future Past, USA 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Eddie the Eagle“ fühlt sich gut

April 1, 2016

Olympische Winterspiele 1988 in Calgary: Michael ‚Eddie‘ Edwards, genannt „Eddie the Eagle“ landet als Skispringer auf dem letzten Platz und freut sich wie Bolle. Denn er ist am Ziel seiner Träume. Er nimmt an den Olympischen Spielen teil. Er wird, die Älteren dürften sich noch daran erinnern, zum Publikumsliebling, weil er den Olympischen Geist verkörpert.

Der Weg dorthin war steinig und wird, mit etlichen erzählerischen Freiheiten, in Dexter Fletchers herzigem Feelgood-Movie „Eddie the Eagle“ nachgezeichnet. Denn so naiv und auch dumm, wie Eddie Edwards im Film gezeigt wird, ist er in Wirklichkeit nicht. Nach seiner Olympia-Teilnahme – weil die Regeln geändert wurden, blieb es seine einzige – machte der gar nicht so unsportliche Michael Edwards seine Schulabschlüsse, studierte und erhielt eine Zulassung als Anwalt. Das wird im Film, der sein Herz am richtigen Fleck hat, nicht erwähnt. Vieles in dem Film ist auch einfach erfunden. Eddie Edwards, dem der Film gefällt, meint, etwa fünf Prozent entsprächen der Wahrheit.

Dafür erfahren wir, wie er schon als Kind in seinem Geburtsort Cheltenham begeistert alle Sportdisziplinen ausprobiert. Meist erfolglos, aber mit unbändigem Optimismus, bis er schließlich beim Skispringen landet. Weil seit Jahrzehnten kein Brite in dieser Disziplin teilnahm, gibt es keine Konkurrenten und auch der damals gültige britische Rekord ist zu schaffen.

In den Alpen beginnt er mit dem Training, wird von der Restaurantbesitzerin Petra (Iris Berben) aufgenommen, überzeugt den ehemaligen Skispringer Bronson Peary (Hugh Jackman) ihn zu trainieren und stellt bei den Nordischen Skiweltmeisterschaften in Oberstdorf einen neuen britischen Rekord auf, obwohl er bei dem Wettbewerb mit gesprungenen 73,5 Metern der schlechteste Teilnehmer war.

Während er von persönlichem Bestwert zu Bestwert fliegt, versucht das britische Olympiakomitee durch Änderungen der Regeln die Teilnahme des durchgeknallten Außenseiters aus der Arbeiterklasse zu verhindern. Die olympische Idee des Dabeiseins ist alles und die Vision vom Treffen von Sportamateuren aus der ganzen Welt in einem friedlichen Wettkampf stehen zwar auf dem Papier, aber die Olympischen Spiele sind schon lange ein großes Geschäft. Ein Paradiesvogel wie Eddie stört da nur den Ablauf und gefährdet das seriöse Image der britischen Olympia-Teilnehmer.

Taron Egerton, der zuletzt in „Kingsman: The Secret Service“ quasi eine andere britische Ikone verkörperte, hat für die Rolle zugenommen, sein Kinn konsequent nach vorne geschoben (wegen Eddies markantem Unterbiss) und sich ein dickes Kassengestell (aufgrund seiner Weitsichtigkeit musste Eddie immer eine Brille tragen) aufgesetzt und schlüpfte so, auch körperlich, in die Rolle des optimistischen Naivlings, der sich durch ein „Nein“ nicht von seinen Zielen abbringen lässt.

Dexter Fletcher („Wild Bill“, „Make my Heart fly“) inszenierte das Feelgood-Movie mit spürbarer Sympathie für seine Charaktere in einem Tempo, das trotz der vorhersehbaren Geschichte (auch wenn man die wahre Geschichte nicht kennt), keine Langeweile aufkommen lässt. Es ist ein Film, der genau weiß, was er will und dabei alles richtig macht.

Die Initialzündung für den Film war ein Fernsehabend von „Kingsman“-Regisseur Matthew Vaughn, der „Eddie the Eagle“ produzierte. Er sah „Cool Runnings“ und wollte genau so einen Film machen, den er auch seinen Kindern zeigen könnte. „Cool Runnings“ erzählt die Geschichte des jamaikanischen Bob-Teams, die ebenfalls bei den Winterspielen in Calgary dabei waren und ebenfalls keine Medaillen gewannen, aber den olympischen Geist verkörperten. Der Film geht ebenfalls sehr freizügig mit den Fakten um. Aber im Gegensatz zu Eddie the Eagle wurden die Bobfahrer erst durch den Film bekannt.

Eddie the Eagle - Plakat

Eddie the Eagle – Alles ist möglich (Eddie the Eagle, Großbritannien/USA/Deutschland 2016)

Regie: Dexter Fletcher

Drehbuch: Sean Macaulay, Simon Kelton

mit Taron Egerton, Hugh Jackman, Iris Berben, Tim McInnerny, Keith Allen, Mark Benton, Jo Hartley, Christopher Walken

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Eddie the Eagle“

Metacritic über „Eddie the Eagle“

Rotten Tomatoes über „Eddie the Eagle“

Wikipedia über „Eddie the Eagle“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood prüft den Realitätsgehalt des Film


Neu im Kino/Filmkritik: „Chappie“ – oder „Robocop“ in Johannesburg

März 6, 2015

„Chappie“ – damit wir diese Blödelei gleich hinter uns haben – hat nichts mit dem Hundefutter zu tun. „Chappie“ ist der neue Film von Neill Blomkamp, der mit „District 9“ und „Elysium“ zwei überzeugende Science-Fiction-Filmen ablieferte, in denen es neben satten Portionen Action auch immer eine sozialkritische Botschaft gab. Die hat „Chappie“ auch. Allerdings nur in homöopathischen Dosen. Denn im Kern ist er, wie „Real Steel“ (ebenfalls mit Hugh Jackman), eine Kindergeschichte über richtige und falsche Vorbilder mit für Kindern zu brutalen Kampfszenen.
Gleich bei dem ersten Einsatz der wie menschliche Skelette aussehenden Polizeiroboter, die in Johannesburg, Südafrika, gegen Verbrecher eingesetzt werden, gibt es von beiden Seiten keine Gnade. Die Roboter knallen die Verbrecher ab. Die Verbrecher wehren sich ebenso gnadenlos und jagen schon einmal mit einer Panzerfaust einen Roboter durch mehrere Wände.
Danach wird Modell 22 (Sharlto Copley) als Totalverlust von Deon Wilson (Dev Patel) abgeschrieben. Deon ist der Erfinder und Programmierer dieser Droiden. Er forscht auch in Richtung Künstlicher Intelligenz und als er ein Programm fertig stellt, das aus den Droiden lernfähige Wesen machen könnte, blockiert seine Vorgesetzte Michelle Bradley (Sigourney Weaver) seinen Wunsch nach Tests mit Robotern ab. Zu teuer und ihre Auftraggeber, die Stadt Johannesburg und die Polizei, sind mit den bisherigen Modellen von Tetra Vaal vollauf zufrieden.
Also – wir ahnen es – stiehlt Deon den abgeschriebenen und zur Verschrottung freigegebenen Droiden und die notwendigen Ersatzteile. Bei sich zu Hause will er an Modell 22 sein Programm ausprobieren.
Dummerweise wird er auf dem Heimweg entführt. Das Verbrechertrio, das wie ein Überbleibsel aus einem „Mad Max“-Film aussieht, möchte an die Programmcodes für die Roboter kommen. Das ist aufgrund der Sicherheitsvorkehrungen unmöglich, aber Deon kann Modell 22 wieder herrichten. Mit seinem Programm als Software. Gesagt. Getan. Und jetzt müssen die Verbrecher dem Roboter, den sie Chappie nennen, alles für sein Leben wichtiges beibringen. Ninja und Yo-Landi (die im echten Leben als Ninja und Yo-Landi das Rap-Duo „Die Antwoord“ sind) wollen ihn zum besten Streetgangster der Stadt machen. Chappie ist lernwillig und ein auf Gangster machender Roboter ist immer einen Lacher wert. Auch, dass er von Anfang an Fähigkeiten und Kräfte hat, die seine beiden Adoptiveltern nicht haben. Yo-Landi entdeckt ihre mütterliche Seite und Ninja versucht der Vater zu sein, der seinem Sohn aus seiner Sicht alles für das Leben wichtige beibringt, wie Schießen, den richtigen Gang und die richtige Sprache. Ihr Kumpel Yankie (Jose Pablo Cantillo) ist da nur der stille Beobachter.
Gleichzeitig ist das schnell lernende Roboter-Kind zwischen seiner Loyalität zu seinen Zieheltern, Ninja und Yo-Landi, und seinem Erschöpfer Deon, der ihm auch ein moralisches Bewußtsein vermitteln will, hin und her gerissen.
Und während Chappie immer mehr lernt, hat Deon immer mehr Ärger mit seinem Arbeitskollegen Vincent Moore (Hugh Jackman mit gruseliger Haartracht), der als alter Militär an menschliche Intelligenz und überdimensionierte Waffen glaubt. Seine neueste Erfindung, die er unbedingt an die Polizei verkaufen möchte, ist der Moose, eine zweibeinige Version der AT-AT-Walker aus „Das Imperium schlägt zurück“ oder eine Kopie einiger Robotermodelle aus „Robocop“, wie dem ED-209.
Böswillig gesprochen ist „Chappie“ eine Nacherzählung von „Robocop“ mit kleinen Änderungen und ohne die ätzende Gesellschaftskritik, viel „Mad Max“-Endzeitästhetik bei den Bösewichtern und, bei den Roboterkämpfen, etwas „Transformers“. Allerdings in der dreckigen Straßenkampfversion. Was auch daran liegen kann, dass „Chappie“ vor Ort in Johannesburg auf der Straße gedreht wurde und die Geschichte auch wirklich, wie Neill Blomkamps Debüt „District 9“, mit diesem Ort verbunden ist.
In dieser Hinsicht schöpft „Chappie“ vor allem aus dem Bekannten und verleiht ihm mit der Idee eines lernfähigen Roboter-Kindes, das in der falschen Umgebung aufwächst, einen neuen Twist. Blomkamp erzählt diese Geschichte nach seinem Drehbuch, das er mit „District 9“-Autorin Terri Tatchell schrieb, mit einem Blick auf die durch die Situation entstehenden absurden Züge. Denn so kindisch, naiv, begeisterungsfähig und gefährlich war schon lange kein Roboter mehr.
Allerdings ist „Chappie“ auch Blomkamps unpolitischster Film, der ohne Not all die politischen, moralischen, gesellschaftskritischen und ethischen Implikationen und Fragen zugunsten einer banalen, mit Filmzitaten, Gewalt und zwiespältigem Humor gewürzten Erziehungsgeschichte links liegen lässt.

Chappie - Plakat

Chappie (Chappie, USA/Mexiko 2014)
Regie: Neill Blomkamp
Drehbuch: Neill Blomkamp, Terri Tatchell
mit Sharlto Copley, Dev Patel, Ninja, Yo-Landi Visser, Jose Pablo Cantillo, Sigourney Weaver, Hugh Jackman, Brandon Auret, Johnny Selema
Länge: 120 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Chappie“
Moviepilot über „Chappie“
Metacritic über „Chappie“
Rotten Tomatoes über „Chappie“
Wikipedia über „Chappie“ (deutsch, englisch) und „Die Antwoord“

All Music über „Die Antwoord“

Eigentlich gefällt mir das Teaser-Plakat besser

Chappie - Teaser

„Die Antwoord“ bei ihrer normalen Arbeit

 


Neu im Kino/Filmkritik: „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ – und die Gegenwart?

Mai 22, 2014

Großes Familientreffen im „X-Men“-Kosmos: in der nahen Zukunft, die mächtig an die ersten Minuten von James Camerons „Terminator“ erinnert, kämpfen die letzten Mutanten gegen die Sentinel, mächtige sechs Meter große Roboter, die sie reihenweise umbringen. Ihre letzte Chance ist, in der Zeit zurückzuspringen und diese für Mutanten extrem ungastliche Zukunft zu korrigieren. Zum Glück kennen die X-Men das auslösende Ereignis für das ihr Überleben bedrohende Sentinel-Programm. 1973 tötete Raven Darkholme, aka Mystique (bzw., wer Lücken in seinem „X-Men“-Wissen hat: das blaue Wesen, das ständig ihr Aussehen ändern kann), Dr. Bolivar Trask, der die Mutanten als Bedrohung für die Menschheit ansah. Bei der US-Regierung warb der Unternehmer um Geld für ein entsprechendes Forschungsprogramm. Nach seinem Tod – immerhin wurde er von einer Mutantin ermordet – wurde das Geld bewilligt.
Die einzige Person, die den Zeitsprung überleben kann, ist Logan, aka der unsterbliche Wolverine, dessen Zellen sich wahnsinnig schnell regenerieren. Er springt zurück und versucht Professor Charles Xavier, den Gründer der X-Men, zu überzeugen, zusammen mit seinem Erzfeind Erik Lehnsherr, aka Magneto, gegen die Bedrohung für ihr Überleben zu kämpfen. Es gibt nur zwei Probleme: Professor X gefällt sich drogenkonsumierend im Selbstmitleid und Magneto sitzt als John-F.-Kennedy-Attentäter, in einem Hochsicherheitsgefängnis.
Und in den folgenden Minuten sehen wir in der nahen Zukunft die X-Men aus den ersten drei „X-Men“-Filmen, also Patrick Stewart, Ian McKellen, Halle Berry und Hugh Jackman, plus einige vernachlässigbare Cameos und Neuzugänge, und in der schön stylischen Siebziger-Jahre-Vergangenheit die X-Men aus dem vorherigem „X-Men“-Film „Erste Entscheidung“, also James McAvoy, Michael Fassbender, Jennifer Lawrence und Nicholas Hoult, gegen böswillige Menschen kämpfen.
Inszeniert wurde die Geschichte von Bryan Singer, der die ersten beiden „X-Men“-Filme inszenierte. Brett Ratner inszenierte den dritten „X-Men: Der letzte Widerstand“, der allgemein wenig gemocht wird. Den grandiosen Neustart „X-Men: Erste Entscheidung“ inszenierte „Kick-Ass“-Regisseur Matthew Vaughn, der seinen Film in eine alternative Zeitlinie verlegte, weshalb er dann auch die Dinge, die ihn bei den vorherigen „X-Men“-Filmen störten, ignorieren konnten und mit seiner alternativen Interpretation der Kuba-Krise lieferte er, auch dank des überzeugenden Bösewichts Sebastian Shaw (Kevin Bacon), einen tollen Film ab, der natürlich die Erwartungen für den fünften „X-Men“-Film steigerte.
Allerdings funktioniert in „Zukunft ist Vergangenheit“ die gesamte Geschichte nicht mehr. Denn durch das Spiel mit alternativen Zeitlinien und Zeitreisen ist alles egal, weil letztendlich jeder Fehler berichtigt werden kann. Damit hat nichs endgültige Konsequenzen. So hat Magneto, der am Ende von „Der letzte Widerstand“ seiner Mutantenkräfte beraubt wurde, diese wieder – oder, immerhin sind wir ja schon in einer alternativen Zeitlinie, diese immer noch. Professor Xavier ist wieder lebendig, obwohl er in „Der letzte Widerstand“ starb (jaja, nach dem Abspann gab es eine Szene, die schon auf sein Überleben hindeutete). Aber vielleicht hat in der Zeitlinie, in der „Zukunft ist Vergangenheit“ spielt, „Der letzte Widerstand“ einfach nicht stattgefunden. Und als wir den jüngeren Professor zum ersten Mal in „Zukunft ist Vergangenheit“ sehen, kann er gehen, weshalb wir zunächst vermuten, dass auch die zehn Jahre früher spielende „Erste Entscheidung“ nicht oder anders stattfand.
Denn jetzt kann im „X-Men“-Kosmos alles korrigiert werden. Wenn nicht beim ersten Mal, dann beim zweiten oder dritten Versuch. Damit hat aber auch keine Tat mehr endgültige Konsequenzen. Kein Tod ist endgültig. Entsprechend spannungslos plätschert der Film vor sich hin. Denn warum soll ich mein Taschentuch zücken, wenn der Tote in wenigen Minuten wieder quicklebendig durch das Bild läuft?
Da hilft auch nicht die Größe, mit der die Shakespeare-Minen Patrick Stewart und Ian McKellen den größten Unfug todernst deklamieren, als seien sie gerade bei „Sein oder Nichtsein“; – was natürlich besonders in der Originalfassung spaßig ist.
Sowieso gibt es, wie auch bei den vorherigen „X-Men“-Filmen an der Besetzung nichts zu mäkeln. Es zahlt sich halt aus, wenn echte Schauspieler engagiert werden.
Der sechste „X-Men“-Film ist schon angekündigt. Derzeit heißt er „Apocalypse“, er soll Ende Mai 2016 starten und in den Achtzigern spielen. Dann erfahren wir sicher, wie der Kalte Krieg beendet wurde.

X-Men Zukunft ist Vergangenheit - Plakat

X-Men: Zukunft ist Vergangenheit (X-Men: Days of Future Past, USA 2014)
Regie: Bryan Singer
Drehbuch: Simon Kinberg (nach einer Geschichte von Jane Goldman, Simon Kinberg und Matthew Vaughn)
LV (inspiriert): Chris Claremont, John Byrne: The Uncanny X-Men: Days of Future Past, 1981
mit Hugh Jackman, Michael Fassbender, Jennifer Lawrence, James McAvoy, Patrick Stewart, Ian McKellen, Halle Berry, Ellen Page, Nicholas Hoult, Anna Paquin, Peter Dinklage, Shawn Ashmore, Omar Sy, Evan Peters, Josh Helman
Länge: 132 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“
Moviepilot über „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“
Metacritic über „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“
Rotten Tomatoes über „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“
Wikipedia über „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ (deutsch, englisch)

Die „X-Men“-Filme
X-Men (X-Men – Der Film, USA 2000, Regie: Bryan Singer, Drehbuch: David Hayter)
X-Men 2 (X-Men 2, USA 2003, Regie: Bryan Singer, Drehbuch: Michael Dougherty, Dan Harris, David Hayter)
X-Men: The last Stand (X-Men – Der letzte Widerstand, USA 2006, Regie: Brett Ratner, Drehbuch: Simon Kinberg, Zak Penn)
X-Men: First Class (X-Men: Erste Entscheidung, USA 2011, Regie: Matthew Vaughn, Drehbuch: Ashley Miller, Zack Stentz, Jane Goldman, Matthew Vaughn)


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