Neu im Kino/Filmkritik: „Fast & Furious: Hobbs & Shaw“ kloppen und verbrüdern sich

August 1, 2019

Fast & Furious: Hobbs & Shaw“ ist ein Filmtitel wie eine Produktbeschreibung, die später durch einen richtigen Filmtitel ersetzt werden soll. Aber dann lässt man es, wie bei den anderen Titeln des Franchise, bleiben, weil der Titel „Fast & Furious: Hobbs & Shaw“ die wichtigsten Informationen in der knappsten möglichen Form übermittelt. Das ist ein Film aus dem bekannten, beliebten und sehr erfolgreichen „Fast & Furious“-Actionfranchise. Dieses Mal stehen die Muskelpakete Luke Hobbs (Dwayne Johnson) und Deckard Shaw (Jason Statham) im Mittelpunkt. Johnson und Statham kloppten sich schon durch einige „Fast & Furious“-Filme. Dabei waren ihre Hahnenkämpfe und gegenseitigen Beleidigungen so übertrieben, dass jeder wusste: die beiden verstehen sich bombig.

Jetzt haben sie im Rahmen des „Fast & Furious“-Franchise einen eigenen Film bekommen, der sich wohltuend von den „Fast & Furious“-Filmen unterscheidet und den man auch sehen und verstehen kann, ohne einen der anderen Filme gesehen zu haben. Die Action kann gerade noch so und mit zugedrückten Augen und Hühneraugen als halbwegs realistisch bezeichnet werden. In den „Fast & Furious“-Filmen wurde sie zuletzt immer übertriebener. Die von Chris Morgan, der seit „The Fast and The Furious: Tokyo Drift“ (2006, nicht der beste Film der Serie) dabei ist, und Drew Pearce („Mission Impossible – Rogue Nation“, „Hotel Artemis“) erfundene Story für „Hobbs & Shaw“ geht dann in Richtung „Buddy-Movie meets James Bond“.

Um zu verhindern, dass ein Virus, der die Menschheit innerhalb weniger Stunden vernichten kann, in die falschen Hände gerät, injiziert die MI6-Agentin Hattie Shaw (Vanessa Kirby) sich den Krankheitserreger. Den Bösewichtern, der internationalen Organisation Eteon und ihrem genetisch optimierten und quasi unbesiegbarem Soldaten Brixton Lorr (Idris Elba), gelingt es, die Situation für den MI6 so darzustellen, dass Hattie Shaw ihre Kollegen ermordete und mit dem „Schneeflocke“ genannten Virus flüchtete.

Der amerikanische und der britische Geheimdienst setzen Hobbs und Shaw auf die flüchtige Hattie an. Schnell finden die beiden miteinander verfeindeten Männer heraus, wer der wirkliche Übeltäter ist und dass der Erreger innerhalb weniger Tage aus Hatties Körper extrahiert werden muss. Sonst stirbt sie und „Schneeflocke“ wird freigesetzt.

Weil Deckard Shaw nicht zulassen kann, dass seine Schwester stirbt, beginnen er, Hattie und Hobbs nach dem Erfinder von „Schneeflocke“ zu suchen. Die Jagd beginnt in London und führt sie immer weiter Richtung Osten.

David Leitch, der vorher bei „John Wick“ ungenannter Co-Regisseur war und danach „Atomic Blonde“ und „Deadpool 2“ inszenierte, übernahm die Regie. Sein Film ist ein sich nie sonderlich ernst nehmender Comic, der näher bei „Deadpool“ als bei „Atomic Blonde“ ist. Die meist am helllichten Tag spielende Action ist over the top. Oft ist auch erkennbar, wie viel CGI eingesetzt wurde. Das liegt nicht daran, dass die Spezialeffekt schlecht sind, sondern dass die Szenen anders nicht hätten gedreht werden können. So fährt Brixton Lorr einmal wie ein Terminator durch einen Bus. Danach ist der Bus Schrott. Brixton hat keinen Kratzer abbekommen. Oder Brixton, Hobbs und Shaw kloppen sich auf der Ladefläche eines durch unwegsames Gelände rasenden Lasters. Da hätte der Actionfan gerne etwas mehr handgemachte „John Wick“/„Atomic Blonde“-Action gehabt.

Zwischen den um den Welt verteilten Action-Set-Pieces überziehen die Alphamänner Hobbs und Shaw sich mit Beleidigungen. Dass Dwayne Johnson und Jason Statham diese teils improvisierten Wortgefechte genossen, ist in jeder Sekunde spürbar. Ihre Verbündeten versuchen den Streit zu schlichten. Manchmal mütterlich, manchmal schwesterlich und manchmal im „Deadpool“-Stil. Auch Idris Elba genießt seine Rolle als unbesiegbarer Oberbösewicht sichtbar (Kurze Randnotiz: Ich will sein Motorrad haben!).

Für die Cineasten gibt es einige Anspielungen und mehr oder weniger ausführliche Filmzitate.

Das in den „Fast & Furious“-Filmen von Dom Toretto (Vin Diesel) bis zum Erbrechen wiederholte Mantra von „Wir sind eine Familie“ wird hier anders und weniger penetrant behandelt. Torettos Familie ist eine Wahlfamilie, die bei aller Inklusivität von Ethnien und Geschlechtern, letztendlich utilitaristisch und auch diktatorisch ist. Bei Hobbs und Shaw ist Familie dann wieder durch Blutsbande und eine starke Rolle der Mütter (Lori Tuisano und Helen Mirren) definiert. Es ist, in beiden Fällen, eine Familie, in der die einzelnen Familienmitgliedern letztendlich den anderen Familienmitgliedern uneigennützig helfen und beide Familien sind inklusiv. So werden die Shaw-Geschwister auf Samoa, wo das Finale des Films spielt, ohne große Diskussion in die Hobbs-Familie aufgenommen und gemeinsam kämpfen sie gegen Brixton und seine Eteon-Armee. Es ist ein Kampf von Low Tech gegen High Tech.

Fast & Furious: Hobbs & Shaw“ ist genau das Actionfeuerwerk, das man bei den beiden Hauptdarstellern in diesem Franchise erwarten konnte.

P. S.: Weil „Hobbs & Shaw“ einen auf Marvel machen, lohnt es sich, beim Abspann sitzen zu bleiben.

Fast & Furious: Hobbs & Shaw (Fast & Furious presents: Hobbs & Shaw, USA 2019)

Regie: David Leitch

Drehbuch: Chris Morgan, Drew Pearce

mit Dwayne Johnson, Jason Statham, Vanessa Kirby, Idris Elba, Helen Mirren, Eiza González, Eddie Marsan, Cliff Curtis, Eliana Sua, Kevin Hart, Ryan Reynolds, Lori Tuisano

Länge: 136 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Fast & Furious: Hobbs & Shaw“

Metacritic über „Fast & Furious: Hobbs & Shaw“

Rotten Tomatoes über „Fast & Furious: Hobbs & Shaw“

Wikipedia über „Fast & Furious: Hobbs & Shaw“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Justin Lins „Fast & Furious Five“ (Fast Five, USA 2011)

Meine Besprechung von Justin Lins „Fast & Furios 6“ (Furios Six; Fast & Furious Six, USA 2013)

Meine Besprechung von James Wans „Fast & Furious 7“ (Furious 7, USA 2015)

Meine Besprechung von F. Gary Grays „Fast & Furious 8“ (The Fate of the Furious, USA 2017)

Meine Besprechung von David Leitchs „Atomic Blond“ (Atomic Blonde,USA 2017)

Meine Besprehung von David Leitchs „Deadpool 2“ (Deadpool 2, USA 2018)


DVD-Kritik: Über Idris Elbas Victor-Headley-Verfilmung „Yardie“

Juni 24, 2019

Als Victor Headleys Debütroman „YaRDiE“ 1992 in England in dem Kleinstverlag X Press erschien, war es ein Überraschungserfolg, der nicht über die normalen Wege, also Buchhandlungen, verkauft wurde. Headley erzählt auf den ersten Blick die schon tausendmal erzählte Geschichte des Aufstiegs eines skrupellosen Verbrechers. Auf den zweiten Blick, und das machte seinen Debütroman so ungewöhnlich, erzählt er die Geschichte eines jungen Jamaikaners, der aus Jamaika nach London kommt, sich dort seinen Platz erobert, mit viel Lokalkolorit, vielen Informationen über die Drogenkriminalität in London und die jamaikanische Kultur, vor allem natürlich die Reggae-Musik. Damit porträtiert „YaRDiE“ auch und vor allem einen Teil der in London lebenden jamaikanischen Community, die sich in dem Roman auch selbst erkennt. Sie machte das Buch in England zu einem Bestseller. Und, was sicher zum Erfolg beitrug, Headley erzählt D.s Geschichte nicht im normalen Schriftenglisch, sondern im Jamaican English.

Für einen Übersetzer ist das Übersetzen eines lautmalerischen Dialekts eine Horrorvorstellung, die Jürgen Bürger für die deutschen Ausgaben gut löste. Victor Headleys Trilogie „YaRDiE“, „Exce$$ – The Sequel to YaRDiE“ und „Yush! – The final Score“ erschien bei Rowohlt in der inzwischen eingestellten rororo-thriller-Reihe.

Trotzdem liest man die Romane besser im Original und lässt sich einfach von der lautmalerischen Sprache, dem Patois, mitreißen.

Nach der Trilogie veröffentlichte Headley fünf weitere Romane, von denen „The Best Man“ (1999) manchmal zu den YaRDiE-Büchern gezählt wird. 2002 legte er eine jahrelange Veröffentlichungspause einlegte, die er erst letztes Jahr mit „Domino“ beendete.

Eine Verfilmung von „YaRDiE“ war jahrelang, eigentlich jahrzehntelang, im Gespräch. Idris Elba, ein 1972 in Hackney, London, geborenes Einwandererkind (sein Vater kommt aus Sierra Leone, seine Mutter aus Ghana), verdiente in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren auch als DJ Geld. Später konzentrierte er sich auf seine Schauspielerkarriere.

Mit seinem biographischen Hintergrund, der ihm damals einen Einblick in die Szene verschaffte, in der die „YaRDiE“-Bücher spielen, und dem Willen, diese Zeit in seinem Regiedebüt wieder aufleben zu lassen, war er auf den ersten Blick eine gute Wahl für die Regie. Und „Yardie“ überzeugt als Gangsterfilm, der – jedenfalls nach meiner Erinnerung an das Buch – den Protagonisten in einem milderen Licht erscheinen lässt.

In Headleys Roman kommt D. als Drogenkurier aus Jamaika nach London. Er soll ein Kilo erstklassiges Kokain abliefern. Aber er will es als Grundstein für sein Gangsterimperium benutzen.

Die Verfilmung beginnt 1973 auf Jamaika. In Kingston bekämpfen die Verbrecherbanden sich blutig. Als bei einem Schusswechsel ein Kind stirbt, will D.s älterer Bruder mit einem Versöhnungskonzert Frieden stiften. Während des als Versöhnung geplanten Höhepunkt des Abends wird er auf offener Bühne von einem Jungen erschossen.

Zehn Jahre später will D. immer noch den Tod seines Bruders rächen. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Drogenverkäufer für King Fox. Eines Tages schickt King Fox ihn nach London. Er soll Rico Drogen bringen.

In London hält D. Rico auf den ersten Blick für unzuverlässig. Gleichzeitig trifft er Yvonne wieder, die eine vierjährige Tochter von ihm hat, und er trifft auf einige Jugendliche, die D.s Drogenpäckchen wollen. D. beschließt, mit ihnen nach einem Abnehmer für den Stoff zu suchen und er hilft ihnen mit ihrem Sound System. Denn letztendlich ist D. in seinem Herzen kein böser Gangster, sondern ein DJ

Und er trifft wieder auf den Mörder seines Bruders.

Für die Verfilmung mixen die Drehbuchautoren Brock Norman Brock („Bronson“) und Martin Stellman („Quadrophenia“) und Regisseur Idris Elba eine traditionelle Gangstergeschichte mit einem Musikfilm, einer Familiengeschichte und einem Rachedrama.

Das Ergebnis ist ein angenehm quer zu den Genreerwartungen liegender Gangsterfilm, dem es so auch gelingt, das Leben und die Zerrissenheit von D. zu reflektieren.

Mit deutlich über fünfzig Minuten fällt das Bonusmaterial quantitativ erfreulich umfangreich aus. Qualitativ handelt es sich vor allem um Werbeinterviews. Selbstverständlich gibt es in ihnen auch einige Informationen zur Vorlage, dem realen Hintergrund und den Dreharbeiten. Aber insgesamt sind es Werbefloskeln bar jeglicher Distanz und mit überschaubarem Informationswert.

Yardie (Yardie, Großbritannien 2018)

Regie: Idris Elba

Drehbuch: Brock Norman Brock, Martin Stellman

LV: Victor Headley: YaRDiE, 1992 (Yardie)

mit Aml Ameen, Shantol Jackson, Sheldon Shepherd, Stephen Graham, Fraser James, Everaldo Creary, Akin Gazi, Mark Rhino Smith, Naomi Ackie, Antwayne Eccleston

 

DVD

Studiocanal

Bild: 2,40:1 (anamorph)

Ton: Deutsch (5.1 DD), Englisch (Stereo DD, 5.1 DD)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Idris Elbas Regiedebüt (Featurette), Rites of Passage – D’s Reise (Featurette), Idris Elba im Gespräch mit Blaker, Idris Elba im Gespräch mit Aml Ameen, Interview mit Idris Elba, Interview mit Aml Ameen, Interview mit Shantol Jackson, Geschnittene Szenen, Trailer

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Blu-ray identisch

Hinweise

Moviepilot über „Yardie“

Metacritic über „Yardie“

Rotten Tomatoes über „Yardie“

Wikipedia über „Yardie“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Yardie“

Homepage von Victor Headley


DVD-Kritik: „Avengers: Infinitiy War“ oder Wer hat die Steine?

September 10, 2018

Über das schockierende Ende von „Avengers: Infinity War“ reden wir später. Beginnen wir mit dem Anfang des 150-minütigen Marvel-Films, der jetzt auf DVD, Blu-ray und 4K UHD Blu-ray erscheint.

Thanos, der Bösewicht, will seit Jahren und vielen, vielen Marvel-Filmen die Infinity-Steine besitzen. Wenn er alle sechs Steine hat, hat er die unbegrenzte Macht über das Universum und er kann gleich einmal die Hälfte aller Lebewesen auslöschen. Einfach so. In den vergangenen Jahren wurden Thanos und die Steine in ungefähr jedem Marvel-Film angesprochen. Auch wenn es nur in einer Szene im Abspann war.

Jetzt, auf einem Raumschiff mit den letzten Überlebenden von Asgard, gelangt Thanos, „ein Despot von intergalaktischer Bösartigkeit“ (Presseheft), an den zweiten Infinitiy-Stein. Gleichzeitig tötet er Loki, der sich mal wieder als zuverlässig opportunistischer Schleimbeutel erweist. Sein Tod ist der erste in einer Reihe überraschender Toter. Lokis Bruder Thor und „Hulk“ Bruce Banner überleben die Begegnung mit Thanos. Sie machen sich unverzüglich auf den Weg zur Erde. Dort sind nämlich sind zwei der Infinity-Steine. Und die Avengers, die sie verteidigen können, sind ebenfalls auf der Erde. Wenn es sie als einheitliche und kraftvolle Schutztruppe noch gäbe.

Avengers: Infinity War“ ist selbstverständlich ein Film für die zahlreichen Fans, die in den vergangenen Jahren alle Marvel-Filme gesehen und oft liebevoll bis in die letzte Verwinkelung analysiert haben. Sie kennen alle Charaktere und ihre Vorgeschichte. Die Macher, die Regisseure Joe und Anthony Russo und die ebenfalls Marvel-erfahrenen Drehbuchautoren Christopher Markus und Stephen McFeely nehmen sich daher keine Zeit, einen Charakter zu etablieren. Sie können gleich mit der Action beginnen und der Reihe nach all die alten bekannten Superhelden und die Guardians of the Galaxy auftreten lassen. Eigentlich fehlen nur Ant-Man und Hawkeye. Die sollen aber beim zweiten Teil von „Infinity War“ dabei sein. Der Film ist in Deutschland für den 25. April 2019 und in den USA für den 3. Mai 2019 angekündigt.

Die Story von „Avengers: Infinity War“ ist vor allem eine Vorbereitung auf das große Finale des Films, das zu einem großen Teil in Wakanda stattfindet.

Bis dahin spielt die Geschichte vor allem in der „Guardians of the Galaxy“-Welt auf Raumschiffen, fernen Planeten und, ab und zu, im Weltraum. Oder anders gesagt: in der Welt von Thanos und Thanos, grandios gespielt von Josh Brolin, hat in dem Film viel Leinwandzeit und auch ein nachvollziehbares Motiv für seine vollkommen wahnsinnigen Taten. Er ist im Marvel-Universum endlich einmal ein Bösewicht, der auch nach dem Abspann noch im Gedächtnis bleibt . Man erfährt auch, warum er tut, was er tut.

Am Ende des Films, der strukturell die Mitte eines großen Films ist (also Minute 45 bei einem „Tatort“) besitzt Thanos alle Infinity-Steine und er benutzt sie sofort, um die Hälfte aller Lebewesen auszulöschen. Dazu gehören auch etliche der Superhelden, die uns in den vergangenen Jahren ans Herz wuchsen. Wer von den Avengers und den anderen Marvel-Helden in einer optisch und akustisch beklemmend inszenierten Sequenz stirbt, überrascht dann schon etwas. Falls sie – immerhin kann mit dem Zeitstein, der sich im Besitz von Doctor Strange befindet, die Zeit manipuliert werden – wirklich gestorben sind. So ist man am Ende durchaus beeindruckt von der Konsequenz, mit der Thanos agiert, aber man ist nicht wirklich schockiert und die Trauer über den Tod der vielen Superhelden hält sich in überschaubaren Grenzen. Jedenfalls bis zum nächsten Film, in dem wir erfahren, wer nun wirklich gestorben ist.

Im langen Abspann gibt es keine Szene. Nach dem Abspann treffen wir dann Nick Fury.

Das Bonusmaterial auf der Blu-ray ist auf den ersten Blick erfreulich umfangreich geraten. Es gibt einen Audiokommentar von den Drehbuchautoren Christopher Markus und Stephen McFeelyden und Russo-Brüdern (die außerdem eine kurze Einleitung zum Film sprechen), mehrere Featurettes, die insgesamt über dreißig Minuten dauern, zehn Minuten zusätzliche Szenen (die, wie die sehr provisorischen Spezialeffekte zeigen, schon früh gestrichen worden und eine Szene mit ‚Happy Hogan‘ Jon Favreau [der im Film nicht auftaucht]) und, just for fun, zwei Minuten mit Pannen beim Dreh. Gerade die Featurettes enttäuschen. Sie sind, auch wenn das Ende des Films erwähnt und Bilder vom Finale gezeigt werden, reine Werbe-Featurettes, deren Informationsgehalt gegen Null tendiert. Da helfen auch die großzügig eingestreuten ‚Behind the Scenes‘-Bilder nicht.

Avengers: Infinity War (Avengers: Infinity War, USA 2018)

Regie: Anthony Russo, Joe Russo

Drehbuch: Christopher Markus, Stephen McFeely

mit Robert Downey Jr., Josh Brolin, Chris Evans, Scarlett Johansson, Chris Hemsworth, Mark Ruffalo, Benedict Cumberbatch, Chadwick Boseman, Chris Pratt, Tom Hiddleston, Gwyneth Paltrow, Benicio del Torro, Don Cheadle, Tom Holland, Zoe Saldana, Karen Gillan, Paul Bettany, Elizabeth Olsen, Anthony Mackie, Sebastian Stan, Idris Elba, Peter Dinklage, Benedict Wong, Pom Klementieff, Dave Bautista, Letitia Wright, Danai Gurira, William Hurt, Stan Lee, Samuel L. Jackson, Vin Diesel (Stimme im Original), Bradley Cooper (Stimme im Original)

Blu-ray

Walt Disney Studios Home Entertainment

Bild: 16:9 (1080p High Definition, 2.39:1)

Ton: Deutsch (Dolby Digital plus 7.1), Englisch (DTS-HD HR 7.1), Französisch (Dolby Digital plus 7.1)

Untertitel: Deutsch, Französisch, Niederländisch, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Finnisch, Englisch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Intro der Regisseure Joe und Anthony Russo, Pannen vom Dreh, Zusätzliche Szenen, Featurettes (Neue Teams, Der wahnsinnige Titan, Über die Schlacht auf Titan, Über die Schlacht in Wakanda), Audiokommentar zum Film

Länge. 149 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

4K UHD Blu-ray mit identischem Bonusmaterial; DVD ohne Bonusmaterial

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Avengers: Infinity War“

Metacritic über „Avengers: Infinity War“

Rotten Tomatoes über „Avengers: Infinity War“

Wikipedia über „Avengers: Infinity War“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Anthony und Joe Russos „The Return of the First Avenger“ (Captain America: The Winter Soldier, USA 2014)

Meine Besprechung von Joe und Anthony Russos „The First Avenger: Civil War“ (Captain America: Civil War, USA 2016)


TV-Tipp für den 17. Juli: Mandela: Der lange Weg zur Freiheit

Juli 17, 2018

ARD, 22.45

Mandela – Der lange Weg zur Freiheit (Mandela: Long Walk to Freedom, USA 2013)

Regie: Justin Chadwick

Drehbuch: William Nicholson

LV: Nelson Mandela: Long Walk to Freedom, 1995 (Der lange Weg zur Freiheit)

TV-Premiere. Sehenswertes Biopic über Nelson Mandela.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Idris Elba, Naomi Harris, Tony Kgoroge, Riaad Moosa, Fana Mokonea

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“

Moviepilot über „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“

Metacritic über „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“

Rotten Tomatoes über „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“

Wikipedia über „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“ (deutsch, englisch) und Nelson Mandela

Meine Besprechung von Justin Chadwicks „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“ (Mandela: Long Walk to Freedom, USA 2013)

Meine Besprechung von Justin Chadwicks „Tulpenfieber“ (Tulip Fever, USA/Großbritannien 2017)


DVD-Kritik: „Thor – Tag der Entscheidung“ im Puschenkino

März 20, 2018

Von der großen Leinwand, also der wirklich großen IMAX-Leinwand, hat sich der Mann mit dem Hammer jetzt auf den Weg auf die kleinen Bildschirme gemacht. Da wirken dann einige Kloppereien nicht mehr so groß wie im Kino, aber der Spaß bleibt.

Das Marvel-Studio hat nämlich Taika Waititi mit der Regie für „Thor – Tag der Entscheidung“ beauftragt und ihm bei diesem dritten „Thor“-Einzelabenteuer freie Hand gelassen. Waititi ist ein Neuseeländer, der mit Komödien bekannt wurde. Wie die Pseudo-Doku „5 Zimmer Küche Sarg (What we do in the Shadows, Neuseeland 2014) über eine Vampir-WG im heutigen Wellington (Neuseeland) und ihre alltäglichen Probleme zwischen Hausputz (studentisch), Essgewohnheiten (blutig) und Abendgestaltung (eher einsam). Das war eine herrlich abgedrehte schwarze Komödie für Halloween. „Thor – Tag der Entscheidung“ ist dann weniger schwarzhumorig geraten.

Als nach dem Tod ihres Vaters Odin (Anthony Hopkins) die Schwester der miteinander verfeindeten Halbbrüder Thor (Chris Hemsworth), der Edle, und Loki (Tom Hiddleston), der Schlawiner, auftaucht, gibt es gleich Ärger. Denn die Todesgöttin Hela (Cate Blanchett) ist ziemlich verärgert. Als Erstgeborene will sie die ihr zustehende Macht über Asgard haben. Sofort befördert sie ihre Brüder, die bislang nichts von ihr wussten, an das letzte Ende der Galaxis auf den Schrottplaneten Sakaar. Dort regiert der Grandmaster (Jeff Goldblum). Wie es sich für einen egozentrischen Herrscher mit Klatsche gehört, erfreut er mit eratischem Gehabe. Zum Ämusement des Volkes veranstaltet er Gladiatorenkämpfe. Bei dem nächsten Kampf soll Thor gegen das unbesiegbare grüne Monster kämpfen. Also, eigentlich soll er sich von ihm töten lassen. Als Thor in der Arena steht, erkennt er das Monster sofort: Es ist sein alter Freund Bruce Banner (Mark Ruffalo), der seit längerem als Hulk lebt und extrem – – – hulkig ist.

Und das ist erst der Anfang des neuesten Thor-Abenteuers.

Waititi erzählt seine Geschichte mit vielen Abweichungen und irrwitzigen Einfällen als durchgeknallte, herrlich respektlose Nummernrevue. Mit viel Slapstick in und zwischen den Kloppereien. Und viel Witz und Situationskomik zwischen den Kloppereien.

Thor, der als hammerschwingender Sohn von Odin mit Goldlocken, schon immer etwas lächerlich war, darf hier seinen Spruch „Ich bin Thor, Sohn von Odin“ ungefähr ein Dutzend Mal voller Inbrust und mit heiligem Ernst, als sei es ein tiefschürendes Shakespeare-Zitat, aufsagen. Die Angesprochenen sind von dieser Vorstellung wenig beeindruckt. Denn Thor ist ein Trottel. In einer Trottelgeschichte. Das ist in diesem Umfang eine vollkommen neue und sehr vergnügliche Dimension im Marvel Cinematic Universe.

Die Standard-DVD hat kein Bonusmaterial.

Derzeit läuft im Kino noch sehr erfolgreich das nächste Marvel-Einzelabenteuer „Black Panther“.

Am 26. April läuft „Avengers: Infinity War“ an. Der neue Trailer des über zweieinhalbstündigen Films mit über sechzig Hauptcharakteren, so heißt es infinitiv aus dem Hause Marvel, sieht so aus:

Thor: Tag der Entscheidung (Thor: Ragnarok, USA 2018)

Regie: Taika Waititi

Drehbuch: Eric Pearson, Craig Kyle, Christopher L. Yost

LV: Charaktere von Stan Lee, Larry Lieber, Jack Kirby

mit Chris Hemsworth, Tom Hiddleston, Cate Blanchett, Idris Elba, Jeff Goldblum, Tessa Thompson, Karl Urban, Mark Ruffalo, Anthony Hopkins, Benedict Cumberbatch, Sam Neill, Stan Lee, Matt Damon (ungenannt)

DVD

Marvel/Walt Disney Studios Home Entertainment

Bild: 2,39:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch, Türkisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte, Türkisch

Bonusmaterial: –

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Marvel-Facebook-Seite

Moviepilot über „Thor: Tag der Entscheidung“

Metacritic über „Thor: Tag der Entscheidung“

Rotten Tomatoes über „Thor: Tag der Entscheidung“

Wikipedia über „Thor: Tag der Entscheidung“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Taika Waititi „5 Zimmer Küche Sarg“ (What we do in the Shadows, Neuseeland 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Molly’s Game – Alles auf eine Karte“ setzen und Ärger bekommen

März 10, 2018

Sie organisierte Pokerspiele.

Sie wurde dafür vom FBI verhaftet.

Sie sah einer absurd hohen Haftstrafe entgegen, weil sie illegale Glücksspiele organisiert hatte. In mehreren Bundesstaaten. Mit Verbindungen zu russischen Mafiosi.

Ihr Fall ging auch durch die deutsche Presse und ihre Biographie „Molly’s Game“ wurde auch ins Deutsche übersetzt. Nicht, weil wir Deutschen uns so wahnsinnig für illegales Glücksspiel interessieren, sondern weil Molly Bloom ihren persönlichen Glamour-Faktor als junge, gutaussehende Frau und, bis zu einem unglücklichen Unfall während eines Qualifizierungswettbewerbs für die 2002er Winter-Olympiade, US-Olympiahoffnung im Skispringen, mühelos mit den Teilnehmern der von ihr organisierten Pokerrunden toppen konnte. Hollywood-Stars, wie Tobey Maguire (das nicht ausdrücklich bestätigte Vorbild für Spieler X im Film), Leonardo DiCaprio und Ben Affleck, und die üblichen Verdächtigen, wohlhabende Geschäftsleute, Sportler, und Mafiosi, gehörten zu den Teilnehmern der von hr organisierten Pokerspiele. Die Spieleinsätze gingen in die Millionen. Der höchste Verlust, den Bloom sah, waren einhundert Millionen Dollar, die der Spieler am nächsten Tag bezahlte.

2014 erschien die Biographie der am 21. April 1978 in Colorado geborenen Molly Bloom, in dem sie erzählt, wie es dazu kam, dass eine gescheiterte Sportlerin im großen Stil illegale Glücksspiele organiserte. Das Buch endet mit ihrer Verhaftung durch das FBI.

Schon vor dem Erscheinen des Buches wurde sie zu einer deutlich geringeren Haftstrafe verurteilt.

Aaron Sorkin verfilmte jetzt diese Geschichte. Sein Regiedebüt basiert, wenig verwunderlich, auf einem von ihm geschriebenem Drehbuch, das sich einige Freiheiten nimmt. Vor allem bei den Pokerspielern, bei Blooms Anwalt und im Film ist ihr Buch aus dramaturgischen Gründen vor der Urteilsverkündung erschienen.

Sorkin erzählt in seinem Film Blooms Geschichte auf zwei Ebenen: in der Gegenwart versucht sie (Jessica Chastain) ihren Anwalt Charlie Jaffey (Idris Elba) zu überzeugen, sie zu verteidigen und, nachdem sie ihn überzeugt hat, erzählt sie ihm, wie aus einer streng erzogenen Hochleistungssportlerin, die 2003 nach Los Angeles zog, um nach einer kurzen Pause Jura zu studieren, die sehr erfolgreiche Organisatorin von illegalen Pokerspielen wurde. Dies wird in Rückblenden gezeigt. Jaffey möchte auch wissen, warum sie keinen Deal mit dem FBI abschließen möchte. Dafür müsste sie nur kooperieren und die Namen der Pokerspieler verraten.

Sorkin ist einer der bekanntesten Hollywood-Autoren. Die TV-Serie „The West Wing“ und Filme wie „Der Krieg des Charlie Wilson“, „The Social Network“ und „Steve Jobs“ gehen auf sein Konto. Er ist ein Meister des Dialogs und der unglaublichen Verdichtungen. Auch sein Regiedebüt „Molly’s Game“ erzählt in hundertvierzig Minuten mehr, als andere Regisseure in einer zehnstündigen Miniserie. Schon die ersten Minuten, in denen Molly Bloom ihr bisheriges Leben bis zu dem tragischen Skiunfall zusammenfasst und den Unfall erklärt, während die Bilder das Erzählte illustrieren, erklären und vertiefen, sind furios. Sie sind so furios, dass die Frage, wie Sorkin dieses Erzähltempo bis zum Filmende durchhalten will, berechtigt ist. Es gelingt ihm mühelos. Es gelingt ihm sogar, dass man die Spielstrategien beim Pokern nachvollziehen kann, ohne irgendeine Ahnung vom Spiel zu haben.

Und gerade weil „Molly’s Game“ durchgehend auf einem so hohen Niveau erzählt ist, fallen zwei wichtige Szenen, die in jedem anderen Film nicht negativ auffallen würden, hier negativ auf. Beide Szenen sind am Ende des Films. Einmal ist es ein eruptiver Ausbruch von Mollys Anwalt Jaffey, der in einem Plädoyer mündet. Einmal ist es ein Gespräch zwischen Molly und ihrem Vater (Kevin Costner) auf einer Parkbank in New York, in dem der klinische Psychologe eine Fünf-Minuten-Schnelltherapie durchführt.

Natürlich ist „Molly’s Game“ ein textlastiger Film, der vor allem in anonymen Hinter- und Hotelzimmern, in denen die Spiele stattfanden, spielt. Aber Sorkins Monologe und Dialoge sind fantastisch. Die Schauspieler ebenso. Visuell und optisch wird auch so viel herausgeholt, dass es niemals langweilig wird. Die 140 Minuten vergehen wie im Flug, den man anschließend gerne wieder bucht, um dann all die Details mitzubekommen, die man beim ersten Mal kaum erfassen konnte.

Molly’s Game – Alles auf eine Karte (Molly’s Game, USA 2017)

Regie: Aaron Sorkin

Drehbuch: Aaron Sorkin

LV: Molly Bloom: Molly’s Game: The True Story of the 26-Year-Old Woman Behind the Most Exclusive, High-Stakes Underground Poker Game in the World, 2014 (Molly’s Game)

mit Jessica Chastain, Idris Elba, Kevin Costner, Michael Cera, Jeremy Strong, Chris O’Dowd, Bill Camp, Brian d’Arcy James, Graham Greene

Länge: 140 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Molly’s Game“

Metacritic über „Molly’s Game“

Rotten Tomatoes über „Molly’s Game“

Wikipedia über „Molly’s Game“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Molly’s Game“

DP/30 redet mit Aaron Sorkin über den Film

DP/30 redet mit Jessica Chastain über den Film

DP/30 redet mit Idris Elba über den Film

Bei der TIFF-Pressekonferenz  beantworteten Aaron Sorkin und Jessica Chastain Fragen

Bei der UK-Pressekonferenz war Idris Elba dabei

 


Neu im Kino/Filmkritik: Kate Winslet und Idris Elba sind in den Bergen „Zwischen zwei Leben“

Dezember 7, 2017

Fotoreporterin Alex Martin (Kate Winslet) und Neurochirurg Ben Bass (Idris Elba) sitzen auf dem Flugplatz fest. Wegen eines heraufziehenden Sturms wurde ihr Flug gestrichen. Aber weil beide am nächsten Tag an der Ostküste einen wichtigen Termin haben – sie ihre Hochzeit, er eine Operation -, schlägt die aktive, improvisationsfreudige Martin dem ruhig-überlegt handelnden, methodisch vorgehendem Bass vor, dass sie gemeinsam ein Flugzeug chartern und sich nach Denver fliegen lassen sollten. Dort könnten sie wieder auf eine Linienmaschine umsteigen.

Gesagt, getan. Einige Minuten später lassen sich die beiden Wildfremden von einem erkennbar wenig vertrauenswürdigem Piloten (Beau Bridges in einer kleinen Rolle) über die Berge fliegen. Während des Flugs hat er einen Herzinfarkt, die Maschine stürzt ab und Martin und Bass sind ohne die richtige Kleidung, Ausrüstung oder Lebensmittel irgendwo mitten in den verschneiten, menschenleeren zu den Rocky Mountains gehörenden Uinta Bergen im Nordosten von Utah.

Weil ihr Flug nicht angemeldet war und ihre Telefone keinen Empfang haben, weiß niemand, wo sie sind.

Zuerst behandelt Bass die durch den Absturz schwer verletzte Martin. Danach will sie sich sofort auf den Weg in die Zivilisation machen. Er hält es für eine schlechte Idee und würde lieber beim Flugzeugwrack auf Rettung warten. Aber weil sie sich, stur und ungeduldig wie sie ist, allein auf den Weg macht, folgt er ihr. Mit dem Hund des Piloten, der den Absturz ebenfalls überlebte.

Hier kann ich es kurz machen: „Zwischen zwei Leben“ ist die Schnulze der Woche. Nur wegen ihres Drehorts (gedreht wurde im Purcell Gebirge in British Columbia, Kanada) und den beiden Hauptdarstellern unterscheidet sich der Liebesfilm von der TV-Schnulze der Woche. Kate Winslet und Idris Elba heben die banale und in jeder Sekunde vorhersehbare Geschichte auf Kinoniveau. Regisseur Hany Abu-Assad („Paradise Now“, „Omar“) verzichtet auf Subplots. Er konzentriert sich in seiner Inszenierung auf die beiden Überlebenden des Absturzes und wie sie sich in einer Extremsituation näherkommen und ineinander verlieben. Nur am Ende lässt sich er mehr Zeit als nötig.

Wer seinen Vorrat an Taschentücher gerade nicht mit dem erkältungsbedingten Putzen seiner Nase aufbraucht, kann das im Kino „Zwischen zwei Leben“ tun.

Zwischen zwei Leben (The Mountain between us, USA 2017)

Regie: Hany Abu-Assad

Drehbuch: J. Mills Goodloe, Chris Weitz

LV: Charles Martin: The Mountain between us, 2010 (Erzähl mir dein Herz; Zwischen zwei Leben – The Mountain between us)

mit Kate Winslet, Idris Elba, Beau Bridges, Dermot Mulroney

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Zwischen zwei Leben“

Metacritic über „Zwischen zwei Leben“

Rotten Tomatoes über „Zwischen zwei Leben“

Wikipedia über „Zwischen zwei Leben“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik (und ein Hinweis): Über die Stephen-King-Verfilmung „Der dunkle Turm“

August 10, 2017

Jetzt, endlich, nachdem schon seit Jahren, darüber gesprochen wurde, wahrscheinlich alle wichtigen Menschen in Hollywood, außer Clint Eastwood, irgendwann, mehr oder weniger ernsthaft, mit einer Verfilmung assoziiert wurden, Stephen King vor zehn Jahren die Verfilmungsrechte verkaufte und der Film dann mit verschiedenen Machern assoziiert wurde, ist die Verfilmung von „Der dunkle Turm“, Kings epischer, über Jahrzehnte geschriebener Fantasy-Saga, fertig.

Eine TV-Serie, die in einer noch unklaren Verbindung zum Film steht, – wahrscheinlich wird die Origin-Geschichte von Roland erzählt -, und ein weiterer Spielfilm, der sich irgendwie auch auf die TV-Serie beziehen soll, sind geplant. Ob den derzeit noch sehr schwammigen offiziellen Ankündigungen Taten folgen, wird die Zukunft zeigen.

In den USA ist der Film letzte Woche angelaufen. Aktuell steht er, was vor allem an der schwachen Konkurrenz liegt, auf dem ersten Platz der Kinocharts. Von der Kritik wurde er mit einem Furor verrissen, den zuletzt „Die Mumie“ erleben durfte.

Dabei ist „Der dunkle Turm“ nicht so schlecht, wie die Kritiken befürchten lassen. Ein guter Film ist er auch nicht. Sondern nur ein zutiefst durchschnittlicher, weit unter seinem Potential bleibender Film, der sich etliche Freiheiten gegenüber Kings Fantasy-Saga nimmt. Der Film ist nämlich eine einführende Interpretation in die von King über inzwischen acht Romane entworfene Welt,

Der vierzehnjährige Jake Chambers (Tom Taylor) lebt in New York. Seine Mutter hat einen neuen Freund und er ist in psychiatrischer Behandlung, weil er den Verlust seines Vaters noch nicht überwunden hat und Alpträume hat. Er träumt von einem dunklen Turm, einem Mann in Schwarz, einem Revolverhelden und einer untergehenden Welt. Er zeichnet seine Träume auf. Als er auf den Straßen von Manhattan und in seiner Wohnung Gestalten aus seinen Träumen begegnet, glaubt er, endgültig wahnsinnig zu werden.

Durch ein Portal betritt er Mittwelt, eine archaische Steampunk-Westernlandschaft. Dort erhofft er sich Antworten auf seine Alpträume, die doch keine Alpträume, sondern Bilder einer ihm unbekannten Realität sind. Er trifft den Revolvermann Roland Deschain (Idris Elba), der den Mann in Schwarz (Matthew McConaughey) verfolgt. Walter O’Dim hat übernatürliche Kräfte und eine große Gefolgschaft. Er will den dunklen Turm, der im Zentrum vieler verschiedener Welten steht, zum Einsturz bringen und so gleichzeitig alle Welten vernichten.

Roland will das verhindern und die Zeichnungen von Jake können ihm den Weg zum Mann in Schwarz und zum dunklen Turm weisen.

Ein klarer Konflikt, gute Schauspieler, beeindruckende Locations (gedreht wurde in Südafrika und New York) und trotzdem kann „Der dunkle Turm“ nicht wirklich begeistern. Die Tricks und die Actionszenen sind zwar gut, aber nicht grandios. Kein Dialoge bleibt im Gedächtnis. Alles wirkt etwas lieblos hingeschludert und fahrig. Deshalb hat man immer das Gefühl, dass mit etwas mehr Zeit beim Dreh und einer ruhigeren und konzentrierteren Erzählweise beim Erzählen der Filmgeschichte ein deutlich besseres Ergebnis möglich gewesen wäre.

Für einen Kinofilm wirkt alles immer eine Nummer zu klein. So als habe man den neunzigminütigen Pilotfilm für eine TV-Serie inszeniert.

Die Geschichte hat zwar ein klares Ende und keinen irgendwie gearteten Cliffhanger zum nächsten Film, aber trotzdem wirkt „Der dunkle Turm“ immer wieder wie ein Set-up, wie eine erste Begegnung mit einer Welt, in der noch viele Geschichten spielen können.

Idris Elba und Matthew McConaughey spielen weit unter ihrem Niveau. In Nikolaj Arcels Film haben sie nie die Präsenz, die sie in anderen Filmen und TV-Serien (ich sage nur „Luther“ und „True Detective“) haben. Das ist vor allem bei Idris Elba bedauerlich. Schon wieder hat er eine Rolle in einem Hollywood-Big-Budget-Film (auch wenn bei „Der dunkle Turm“ das Budget mit sechzig Millionen Dollar erstaunlich gering ist), schon wieder wird er unter Wert verkauft und schon wieder ärgert man sich darüber, dass Hollywood nicht die richtigen Rollen für Elba findet.

Insofern ist „Der dunkle Turm“ weit ab von dem Desaster, das man nach den ersten Kritiken befürchten konnte. Es ist aber auch nie ein Film, der unbedingt auf die große Leinwand drängt und der an irgendeinem Punkt beeindruckt. Er ist einfach in jeder Beziehung gewöhnlich und vorhersehbar.

Der dunkle Turm (The dark Tower, USA 2017)

Regie: Nikolaj Arcel

Drehbuch: Akiva Goldsman, Jeff Pinkner, Anders Thomas Jensen, Nikolaj Arcel

LV: basierend auf den „Der dunkle Turm“-Romanen von Stephen King

mit Idris Elba, Matthew McConaughey, Tom Taylor, Katheryn Winnick, Nicholas Hamilton, Jackie Earle Haley, Abbey Lee, Dennis Haysbert, José Zúñiga

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm.“

Mit diesen Worten beginnt „Der dunkle Turm: Schwarz“. Der Roman erschien ursprünglich zwischen 1978 und 1981 im „The Magazine of Fantasy and Science Fiction“ als fünfteiliger Fortsetzungsroman. Er bildet der Auftakt zu Stephen Kings langlebigster Serie, die Fantasy munter mit allen möglichen Genres verknüpft. Neben den acht Romanen, Kurzgeschichten, zahlreichen Querverweisen zu und von seinen anderen Büchern und einer Comicserie ist „Der dunkle Turm“ vor allem ein sich in alle Richtungen ausdehnendes Werk.

In „Schwarz“ verfolgt der Revolvermann Roland, mit etlichen Zeitsprüngen (oder Erinnerungen), den Mann in Schwarz durch eine an einen Italo-Western erinnernde Steampunk-Wüstenlandschaft. Er erzählt einem Grenzbewohner, wie er eine ganze Stadt auslöschte. Er trifft Jake Chambers, ein aus unserer Gegenwart kommender Junge, der sich nur an Bruchstücke seines früheren Lebens erinnert. Jake lebt allein in einem verlassenen Gasthaus. Roland nimmt ihn mit und nach einigen gefährlichen Begegnungen mit mehr übernatürlichen als natürlichen Wesen steht er dem Mann in Schwarz gegenüber. Und diese Begegnung verläuft anders als im Film. Das liegt auch daran, dass Roland im Roman noch nicht weiß, was der dunkle Turm ist und was der Mann in Schwarz will.

Schwarz“ ist eine Sammlung von lose zusammenhängenden Impressionen und Episoden, die in einer prä-/postapokalyptischen Westernlandschaft spielen. Manche dieser Impressionen spielen in einer anderen Zeit. Oft ist der Zusammenhang zwischen diesen Episoden und der Hauptgeschichte nur erahnbar. Das liegt auch daran, dass sie für die aktuelle Geschichte bedeutungslos sind, und dass die Hauptgeschichte eine Ansammlung fast beliebig austauschbarer, folgenloser Begegnungen ist.

Schwarz“ ist ein wirklich schwer verständlicher, fast schon unverständlicher und damit unnötig konfuser Einstieg in die Welt des dunklen Turms.

Bei meiner grundsätzlichen Abneigung gegen Fantasy gehört der Roman zu den Büchern, mit denen ich absolut nichts anfangen kann.

Zum Kinostart veröffentlichte der Heyne-Verlag den ersten Band der „Der dunkle Turm“-Saga mit einem neuen Cover.

Stephen King: Der dunkle Turm: Schwarz

(Erweiterte und überarbeitete Neuausgabe)

(übersetzt von Joachim Körber)

Heyne, 2017 (Filmausgabe)

352 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe der ursprünglichen Fassung

The Dark Tower: The Gunslinger

Donald M. Grant Publisher, Inc., 1982

2003 erstellte Stephen King eine überarbeitete und leicht erweiterte Fassung, in der er einige Details an die weiteren Ereignisse seiner „Der dunkle Turm“-Serie anpasste, die er damals mit „Savannah“ (Song of Savannah) und „Der Turm“ (The Dark Tower) abschloss. Für den Moment. Denn 2012 erschient mit „Wind“ (The Wind through the Keyhole) ein achter Roman, der zwischen den „Der dunkle Turm“-Romanen „Glas“ und „Wolfsmond“ spielt.

Die Neuausgabe folgt der 2003er-Ausgabe des Romans.

Bonushinweis

Vor wenigen Wochen erschien die Taschenbuchausgabe von „Basar der bösen Träume“, der sechsten Sammlung von Kurzgeschichten von Stephen King. Zusätzlich zur gebundenen Ausgabe enthält das Taschenbuch die neue Geschichte „Die Keksdose“ (knapp vierzig Seiten). Insgesamt enthält die Taschenbuchausgabe 21 Geschichten, die in den vergangenen Jahren bereits an verschiedenen Orten erschienen und für die Buchausgabe von King überarbeitet wurden.

Stephen King: Basar der bösen Träume

(übersetzt von vielen, sehr vielen,unglaublich vielen Übersetzern)

Heyne, 2017

816 Seiten

12,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Heyne, 2016

Originalausgabe

The Bazar of Bad Dreams

Scribner, New York, 2015

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Der dunkle Turm“

Metacritic über „Der dunkle Turm“

Rotten Tomatoes über „Der dunkle Turm“

Wikipedia über „Der dunkle Turm“ (Film: deutsch, englisch; Romanserie: deutsch, englisch) und Stephen King (deutsch, englisch)

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Colorado Kid“ (The Colorado Kid, 2005)

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)

Meine Besprechung der auf Stephen Kings Novelle “The Colorado Kid” basierenden TV-Serie “Haven”

Stephen King in der Kriminalakte, in seinem Trailer-Park und auf Europa-Tour

Meine Besprechung von Kimberly Peirces Stephen-King-Verfilmung “Carrie” (Carrie, USA 2013)

Meine Besprechung von Tod Williams‘ Stephen-King-Verfilmung „Puls“ (Cell, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: „Findet Dorie“ – Alles andere kannste vergessen

September 30, 2016

Ähem, also, „Findet Dorie“ ist die Fortsetzung von „Findet Nemo“ und diese Information kannste gleich wieder vergessen.

Dorie hat das auch schon vergessen.

Außerdem lief „Findet Nemo“ 2003 im Kino und wenn ich damals als Fünfjähriger den Animationsfilm gesehen hätte, würde ich heute, egal wie begeistert ich damals war, als Achtzehnjähriger unter keinen Umständen in einen Trickfilm (schlimm, weil Kinderfilm) und Kinderfilm (indiskutabel, weil ich jetzt endlich legal Erwachsenenfilme sehen darf) gehen. Daher dürfte das damalige Zielpublikum sich heute den neuesten Marvel-Superheldenfilm ansehen.

Aber „Findet Nemo“ war damals an der Kinokasse so erfolgreich, dass Pixar sicher schon sehr lange an eine Fortsetzung dachte und diese schnöden monetären Überlegungen erklären dann auch diese späte Fortsetzung, die überaus kurzweilig geraten ist.

Dorie, die in „Findet Nemo“ eine lustige Nebenfigur (Nebenfisch?) war, ist immer noch vergesslich, aber glücklich. Bis die Paletten-Doktorfisch-Dame sich bei einer Begegnung mit einem Schwarm Stachelrochen an Bruchstücke ihrer Vergangenheit erinnert. Sie fragt sich, wo ihre Eltern sind und sie will sie unbedingt wiederfinden.

Diese Suche nach ihrer Familie gestaltet sich, auch wegen ihrer Vergesslichkeit, schwierig. Aber sie findet neue Freunde und sie hat Ideen, um mit ihrem nicht vorhandenem Kurzzeitgedächtnis umzugehen.

Andrew Stanton, der Regisseur von „Findet Nemo“, ist auch für „Findet Dorie“ (ein in die Irre führender Titel) verantwortlich. Zuletzt inszenierte er mit seinem bislang einzigem Realfilm „John Carter: Zwischen zwei Welten“ einen veritablen Flop. Dabei war der mit viel CGI garnierte, bunte Abenteuerfilm gar nicht so schlecht.

Mit seinem neuen Film ist er jetzt bei den Kritikern und dem Publikum wieder auf Erfolgskurs. Seit seiner Premiere spülte der Film fast eine Milliarde Dollar in die Kassen von Pixar und Disney. Damit übertrifft „Findet Dorie“ schon jetzt das Einspielergebnis von „Findet Nemo“ und Pixar darf sich über einen satten Gewinn freuen.

Auch wenn das offizielle Budget stattliche 200 Millionen Dollar betrug, die in die unglaublich echt aussehenden Animationen floss.

Findet Dorie“ ist ein gewohnt gelungener Pixar-Film, der für Erwachsene allerdings etwas banal geraten ist. Denn neben Dories Suche nach den Eltern, ihrer Freundlichkeit und ihres Improvisationstalents, das sie von Wasser zu Wasser springen lässt, gibt es für ältere Zuschauer einfach zu wenige Anspielungen und thematische Vertiefungen. Kindern dürfte dagegen der witzige Abenteuerfilm gefallen, in dem Dorie, gegen alle Wahrscheinlichkeiten, ohne trocken zu werden ans Ziel gelangt.

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Findet Dorie (Finding Dory, USA 2016)

Regie: Andrew Stanton, Angus MacLane

Drehbuch: Andrew Stanton, Victoria Strouse (nach einer Geschichte von Andrew Stanton)

mit (im Original den Stimmen von) Ellen DeGeneres, Albert Brooks, Ed O’Neill, Kaitlin Olson, Hayden Rolence, Ty Burrell, Diane Keaton, Eugene Levy, Idris Elba, Dominic West, Sigourney Weaver (als Sigourney Weaver; okay, der Gag funktioniert nur im Original), Andrew Stanton, Lucia Geddes, Willem Dafoe

(in der deutschen Fassung den Stimmen von) Anke Engelke, Christian Tramitz, Udo Wachtveitl, Franziska von Almsick

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Findet Dorie“

Metacritic über „Findet Dorie“

Rotten Tomatoes über „Findet Dorie“

Wikipedia über „Findet Dorie“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Andrew Stantons „John Carter: Zwischen zwei Welten“ (John Carter, USA 2012)

Und hier der Trailer zum Vorfilm


Neu im Kino/Filmkritik: „Star Trek Beyond“ absolviert erfolgreich die dritte Runde

Juli 22, 2016

Als Gene Rodenberry vor fünfzig Jahren das Raumschiff Enterprise mit seiner Multikulti-Besatzung auf die Reise zu unerforschten Welten schickte, hätte er nicht gedacht, dass das Raumschiff heute immer noch fliegt in einem ständig expandierendem Universum, das einige Male vor dem Ende stand.

Damals war „Star Trek“ eine Utopie, die heute teilweise Wirklichkeit ist und es war die erste Science-Fiction-TV-Serie, die SF-Fans sich ohne Krampfanfälle ansehen konnten. Es ging immer wieder um ernste und wichtige Themen, Logik und Physik wurden beachtet, während andere SF-Serien sie galant mit einem Fausthieb vollständig ignorierten. Konflikte wurden nicht mit Gewalt, sondern mit friedlichen Mitteln gelöst. Und ernstzunehmende Science-Fiction-Autoren wie Theodore Sturgeon, Harlan Ellison, Norman Spinrad, James Blish, Joe Haldeman und Alan Dean Foster schrieben Drehbücher und Romane für die Serie. Das war und ist deutlich ernsthafter als Flash Gordon oder Kampfstern Galactica (das Original).

2009, als die Serie im Kino und Fernsehen wieder einmal abgeschrieben war und die Fans sich an Wiederholungen und diversen DVD-Ausgaben erfreuten, wagte J. J. Abrams einen Neustart, der von den Trekkies misstrauisch beäugt wurde. Der Film „Star Trek“ wurde ein Erfolg, der die Welt von Raumschiff Enterprise einem neuen, jüngerem und auch größerem Publikum erschloss. Auch J. J. Abrams zweiter, ziemlich misslungener „Star Trek“-Film „Into Darkness“ lief gut. Danach übernahm Abrams beim neuen „Star Wars“-Film die Regie. Justin Lin, der vor allem für seine „Fast & Furious“-Filme bekannt ist, übernahm die Regie bei dem flotten, actionreichen und bildgewaltigen Science-Fiction-Abenteuerfilm, der es mit friedlichen Konfliktlösungen nicht so hat. Im Zweifel ersetzen Kinnhaken und Schusswaffen Argumente.

Das liegt aber auch an Krall (Idris Elba, gut versteckt hinter einer Maske), der unbedingt ein historisches Artefakt will und dafür die Enterprise in eine Falle lockt. Nach einem kurzem Gefecht, muss sie auf dem Planeten Altamid notlanden. Bei der Bruchlandung wird die Enterprise vollständig zerstört. Die meisten Besatzungsmitglieder (die wir vorher in einigen kurzen Szenen aus dem langweiligen Raumschiffleben kennen lernten) sterben. Die bekannte Hauptcrew der Enterprise – Captain James T. Kirk (Chris Pine), Spock (Zachary Quinto), Doktor McCoy (Karl Urban), Lieutenant Uhura (Zoe Saldana), Scotty (Simon Pegg), Sulu (John Cho) und Chekov (Anton Yelchin) – findet sich verstreut auf dem erdähnlichem Planeten, der sich auch gut als Kulisse für einen „Mad Max“-Endzeitfilm eignen würde. Zu Yorktown, dem nächstgelegenem Außenposten der Föderation, haben sie keinen Kontakt und auch untereinander gibt es keine Funkverbindung.

Auf dem Planeten trifft Scotty Jaylah (Sofia Boutella; naja, eher umgekehrt) und die Alien-Kämpferin, die den Planeten in und auswendig kennt, hilft kurz darauf Kirk und seiner Mannschaft im Kampf gegen Krall, der diktatorisch über Altamid herrscht.

Die von Simon Pegg und Doug Jung geschriebene Geschichte liegt zwar nicht über dem Niveau einer x-beliebigen TV-Folge, aber sie wird schwungvoll und mit Anspielungen auf den „Star Trek“-Kosmos, vor allem natürlich auf die Originalserie aus den Sechzigern, präsentiert. In einem durchgehend humorvoll-optimistischer Tonfall, der Lust auf Abenteuer im Weltraum und auf fremden Welten macht.

Und es gibt reichlich Action. Auch mit, da schlägt Lins „Fast & Furious“-Schule durch, einem Motorrad/-rädern auf Altamid und einem epischen Schlusskampf, der in Yorktown endet, dieser fantastisch aussehenden Weltraumstation, die als lichtdurchflutete Metropole ein vertraut-fremdes Escher-Gefühl hervorruft. Es gibt auch einige Worte zu Kralls Motivation, die früher (also in der Original-TV-Serie) sicher ausführlicher thematisiert worden wäre. In „Star Trek Beyond“ ist sie nur das Sahnehäubchen eines humorvollen, niemals langweiligen Actionfilms mit einer erfreulich stringenten Handlung.

Im Abspann wird sich von Original-„Spock“-Darsteller Leonard Nimoy, dessen Tod im Film sanft angesprochen wird, und „Chekow“-Darsteller Anton Yelchin, verabschiedet. Yelchin starb am 19. Juni 27-jährig bei einem absurden Autounfall. Deshalb wird er in dem bereits jetzt angekündigtem vierten „Star Trek“-Film mit dieser Besatzung nicht dabei sein.

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Star Trek Beyond (Star Trek Beyond, USA 2016)

Regie: Justin Lin

Drehbuch: Simon Pegg, Doug Jung (basierend auf der TV-Serie „Star Trek“ von Gene Roddenberry)

mit Chris Pine, Zachary Quinto, Karl Urban, Zoe Saldana, Simon Pegg, John Cho, Anton Yelchin, Idris Elba, Sofia Boutella, Joe Taslim, Lydia Wilson, Jeff Bezos (Yep, genau der)

Länge: 123 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Star Trek Beyond“

Metacritic über „Star Trek Beyond“

Rotten Tomatoes über „Star Trek Beyond“

Wikipedia über „Star Trek Beyond“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von J. J. Abrams’ “Super 8” (Super 8, USA 2011)

Meine Besprechung von J. J. Abrams‘ „Star Trek into Darkness“ (Star Trek into Darkness, USA 2013)

Meine Besprechung von J. J. Abrams „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ (Star Wars: The Force awakens, USA 2015)

Meine Besprechung von Justin Lins „Fast & Furious Five“ (Fast Five, USA 2011)

Meine Besprechung von Justin Lins „Fast & Furios 6“ (Furios Six; Fast & Furious Six, USA 2013)

Meine Besprechung von Justin Lins „True Detective – Die komplette zweite Staffel“ (True Detective – Season 2, USA 2015; Lin führte bei zwei Folgen die Regie)

Meine Besprechung von Alan Dean Fosters „Star Trek“ (Star Trek, 2009 – Roman zum Film)

Pressekonferenz zum Film, bestehend aus zwei Podien. Zuerst mit den Schauspielern Chris Pine, Simon Pegg, Zachary Quinto, Zoe Saldana, John Cho und Karl Urban; dann mit den Machern J.J. Abrams (Produktion), Justin Lin (Regie), Simon Pegg (Drehbuch), Doug Jung (Drehbuch) und Lindsey Weber (Produktion)


Neu im Kino/Filmkritik: „Bastille Day“ – Terroristenhatz in Paris

Juni 23, 2016

Auf den ersten Blick – ein Amerikaner sorgt in Paris mit viel Action für Recht und Ordnung – sieht „Bastille Day“ wie der nächste Film aus der Luc-Besson-Fabrik aus. Dass Idris Elba der Held ist, ändert daran nichts. Immerhin tritt er in die Fußstapfen von Liam Neeson, John Travolta und Kevin Costner und, auch wenn die Kinokasse mal mehr, mal weniger laut klingelte, war die künstlerische Qualität ihrer Paris-Besuche überschaubar.

Auf den zweiten Blick wird es dann schon interessanter. Einmal weil Luc Bessons EuropaCorp, die auch gute Filme produziert, nichts damit zu tun hat. Einmal weil mehrere Drehbücher von Andrew Baldwin auf der Black Liste, der jährlichen Liste der besten nicht produzierten Drehbücher, landeten. Auch „Bastille Day“ wurde dort erwähnt. Aber das sind Informationen, die für die meisten Menschen denkbar uninteressant sind.

Interessanter ist da schon der Name des Regisseurs: James Watkins. Er inszenierte vorher die gelungenen und sehr unterschiedlichen Horrorfilme „Eden Lake“ und „Die Frau in Schwarz“. Jetzt drehte er einen in Paris spielenden Action-Thriller über einen drohenden Anschlag am titelgebendem „Bastille Day“, dem französischen Nationalfeiertag am 14. Juli.

Kurz vor dem Feiertag explodiert auf einem Platz eine Bombe und der US-Amerikaner Michael Mason (Richard Madden), ein Taschendieb, gerät in Verdacht. CIA-Agent Sean Briar (Idris Elba) soll ihn finden, aber nicht auf eigene Faust ermitteln. Weil seine Methoden etwas unorthodox sind und er Befehle notorisch ignoriert, begibt er sich mit Mason, den er zur Zusammenarbeit zwingt, auf die Jagd nach den Bombenlegern, die keine Islamisten oder links-revolutionäre Weltverbesserer, sondern Polizisten einer Spezialeinheit sind. Sie wollen die Terroranschläge, Proteste und Straßenschlachten am Nationalfeiertag orchestrieren, um so von ihrem großen Coup abzulenken. Im Film (und im Trailer) wird deren Identität schon früh verraten und ein bewährter Topos des französischen Kriminalfilms bedient. Damit entgeht „Bastille Day“ auch elegant der Falle, stereotype Vorurteile und reaktionäre Ressentiments einfach zu bedienen. Das macht ihn intelligenter und sympathischer als, zum Beispiel, „London has fallen“.

Watkins hat dagegen einen angenehm altmodischer Action-Thriller mit Polit-Touch gedreht, wie es ihn in den Siebzigern öfter gab und die, auch wenn sie politisch nicht besonders tiefschürend waren, durchaus zum Nachdenken anregen konnten. Die Action in „Bastille Day“ ist handgemacht, was einem besonders bei der Verfolgungsjagd über die Dächer von Paris gefällt und Erinnerungen an die Kletterei von Jean-Paul Belmondo in „Angst über der Stadt“ wachruft. Die Geschichte ist insgesamt durchdacht und, im gesetzten Actionfilm-Rahmen, komplex geraten. Die Schauspieler sind engagiert dabei und es gibt etliche Einzeiler, die sich aus der Handlung ergeben.

In der Originalfassung gibt es sogar noch einen Bonuspunkt: während des gesamten Films wird, je nach Situation, Englisch oder Französisch gesprochen. So reden die Franzosen untereinander durchgängig französisch. Die Amerikaner englisch. In gemeinsamen Szenen wird dann je nach Situation entschieden. Allein dadurch wird die Filmgeschichte glaubwürdiger.

Mit seinem dritten Spielfilm hat James Watkins einen kurzweiligen Retro-Action-Thriller abgeliefert, der niemals wirklich neues Terrain betritt. Dafür ist alles einfach zu vertraut. Aber im Vergleich zu den eingangs erwähnten Besson-Filmen ist „Bastille Day“ ein überraschend gelungenes und sehr unterhaltsames Werk.

Bastille Day - Plakat

Bastille Day (Bastille Day, USA/Frankreich/Großbritannien 2016)

Regie: James Watkins

Drehbuch: Andrew Baldwin

mit Idris Elba, Richard Madden, Charlotte Le Bon, Kelly Reilly, José Garcia, Thierry Godard, Vincent Londez, Arieh Worthalter

Länge: 92 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Bastille Day“

Metacritic über „Bastille Day“

Rotten Tomatoes über „Bastille Day“

Wikipedia über „Bastille Day“ 


Neu im Kino/Filmkritik: „The Jungle Book“ – neue Version aus dem Haus Disney

April 14, 2016

Natürlich kennen wir „Das Dschungelbuch“. Wenn wir nicht die Geschichtensammlung von Rudyard Kipling (eigentlich sind es zwei Geschichtensammlungen) gelesen haben, dann haben wir die Disney-Verfilmung von 1967 gesehen. Der Zeichentrickfilm mit vielen Gassenhauern war damals ein langlebiger Kinohit und gehörte (gehört?) für jedes Kind zum festen, von den Eltern festgelegten Filmkanon. Die anderen Verfilmungen sind dagegen fast unbekannt.

Jetzt hat „Iron Man“-Regisseur Jon Favreau sich für Disney an eine Neuverfilmung von Kiplings Buch gewagt und es gelingt ihm eine vollständig eigenständige Version des Dschungelbuches. Er stolpert in keine der verschiedenen Fallen, die wir aus den missglückten Neuinterpretationen bekannter Stoffe kennen, in denen vermeintliche Verbesserungen letztendlich Verschlimmbesserungen waren. Trotzdem verweist er immer wieder in einzelnen Szenen und Momenten auf das 1967er-Original, das, ich gestehe, ich mir jetzt nicht extra noch einmal angesehen habe. Letztendlich sind „Das Dschungelbuch“ (1967) und „The Jungle Book“ (2015) zwei vollkommen verschiedene Filme, die halt beide, der eine weniger, der andere mehr, auf dem gleichen Buch basieren.

Im Mittelpunkt des Films steht das Menschenkind Mogli (Neel Sethi), das von Wölfen groß gezogen wurde. Als Mogli älter wird, verlangt der furchterregende Tiger Shir Khan, dass das Gesetz des Dschungels beachtet werden muss. Mogli muss sterben.

Moglis Freunde schicken ihn daher auf die Reise zu den Menschen, von denen er bisher nur die Geschichten der Tiere kennt, die sie ihm erzählten. Und eigentlich will er bei seiner aus Wölfen bestehenden Familie bleiben.

Favreau erzählt kurzweilig die Reise von Mogli zu den Menschen und wir begegnen dem gemütlichen Bären Balu, der verführerischen Schlange Kaa und dem hinterlistigen Affen King Louie und seiner Horde, Elefanten, Wölfen und natürlich dem Panther Baghira, der vor Jahren das Baby Mogli vor dem Tod rettete, aber keinen Menschen.

Auch wenn „The Jungle Book“ jetzt als Realfilm oder Live-Action-Adaption beworben wird, ist er eigentlich ein Animationsfilm. Denn außer dem Mogli-Darsteller Neel Sethi spielen keine Menschen mit. Sets wurden kaum errichtet. Dafür wurden alle möglichen Computertechniken angewandt, die dazu führten, dass der Trickfilm in jeder Sekunde mit seinen fotorealistischen Aufnahmen beeindruckt. Obwohl alles künstlich ist, wirkt hier nichts künstlich. Es ist eine beeindruckende Technikschau, die immer im Dienst der Geschichte steht. Und das ist gut so.

The Jungle Book“ ist ein sehr schöner, spannender, farbenprächtiger Abenteuerfilm für Kinder jedes Alters. Aber wer hätte bei Disney auch ernsthaft etwas anderes erwartet?

Inzwischen, also zwischen Kritikerlob und Kinostart, hat Disney schon eine Fortsetzung angekündigt. Vielleicht wieder mit Jon Favreau als Regisseur.

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The Jungle Book (The Jungel Book USA 2016)

Regie: Jon Favreau

Drehbuch: Justin Marks

LV: Rudyard Kipling: The Jungle Book, 1894 (Das Dschungelbuch)

mit Neel Sethi

(im Original den Stimmen von) Bill Murray, Ben Kingsley, Idris Elba, Lupita Nyong’o, Scarlett Johansson, Giancarlo Esposito, Christopher Walken

(in der deutschen Synchronisation den Stimmen von) Armin Rohde, Joachim Król, Ben Becker, Heike Makatsch, Jessica Schwarz, Justus von Dohnányi, Christian Berkel

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Jungle Book“

Metacritic über „The Jungle Book“

Rotten Tomatoes über „The Jungle Book“

Wikipedia über „The Jungle Book“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jon Favreaus „Cowboys & Aliens“ (Cowboys & Aliens, USA 2011)

Meine Besprechung von Jon Favreaus “Kiss the Cook – So schmeckt das Leben” (Chef, USA 2014)


TV-Tipp für den 7. Januar: The Losers

Januar 7, 2016

Vox, 23.10

The Losers (USA 2010, Regie: Sylvain White)

Drehbuch: Peter Berg, James Vanderbilt

LV: Andy Diggle/Jock: The Losers, 2003 (The Losers)

Als ein Anschlag auf eine Drogenbaron in Bolivien grandios schiefgeht, wissen Clay und sein Team, dass ihr Auftraggeber, der geheimnisvolle Max, ein ganz hohes Tier im US-amerikanischen Geheimdienst und zuständig für die wirklich schmutzigen Aktionen, sie umbringen will. Sie beschließen, es ihm heimzuzahlen.

Das bessere A-Team und der bessere „A-Team“-Film, dank eines selbstironischen Tons, guter Schauspieler und ordentlicher Action.

Die Vorlage, der Comic von Andy Diggle und Jock, ist auch einen Blick wert.

mit Jeffrey Dean Morgan, Zoe Saldana, Chris Evans, Idris Elba, Columbus Short, Oscar Jaenada, Jason Patric

Wiederholung: Freitag, 8. Januar, 03.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

 Metacritic über “The Losers”

Rotten Tomatoes über “The Losers”

Wikipedia über “The Losers”

Homepage von Andy Diggle

Blog von Andy Diggle

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jocks „The Losers: Goliath – Band 1“

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Shawn Martinbroughs „The Losers: Die Insel – Band 2“

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Nick Dragotta/Alé Garza: The Losers: Der Pass, Band 3 (The Losers 13 – 19, 2005)
Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Ben Olivers (Zeichner) „The Losers: London Calling (Band 4) (The Losers # 20 – 25, 2005)

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Colin Wilsons “The Losers: Endspiel (Band 5)” (The Losers # 26- 32, 2005/2006)

Meine Besprechung von Andy Diggle (Autor)/Leonard Manco/Danijel Zezelj (Zeichner) „John Constantine, Hellblazer: Spritztour (Band 10)“ (Hellblazer: Vol. 230 – 239, 2008)

 Meine Besprechung von Andy Diggles “The Punisher”-Geschichte “Stille Nacht” (in “PunisherMAX: Hässliche kleine Welt”)

Meine Besprechung von Sylvain Whites “Choral des Todes” (La Marque des anges – Miserere, Frankreich/Belgien 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: „The Gunman“ Sean Penn tötet Bösewichter

April 30, 2015

Die Fans von Noir-Autor Jean-Patrick Manchette, der in den Siebzigern einer der Erneuerer des französischen Kriminalromans war und dessen Néo-Polars sich immer noch verkaufen, sind in punkto Verfilmungen einiges an emotionalen Schmerzen gewohnt. Daher werden sie auch von der neuesten Manchette-Verfilmung „The Gunman“, trotz der guten Besetzung (Pierre Morel, Sean Penn, Javier Bardem, Ray Winstone, Idris Elba) nichts erwarten. Was soll schon herauskommen, wenn ein über dreißig Jahre alter Kriminalroman in die Gegenwart verlegt wird und das Ganze auf den ersten Blick von der Luc-Besson-Fabrik produziert wird?
Nun, ausgehend von dieser Null-Erwartung haben die Macher von „The Gunman“ erstaunlich viel aus Jean-Patrick Manchettes Roman „Position: Anschlag liegend“ übernommen. Der Held heißt im Roman Martin Terrier, im Film Jim Terrier. Er arbeitet als Killer für eine „Firma“. Sein Vorgesetzer heißt im Buch und im Film Cox. Er will ihn beide Male umbringen; allerdings aus verschiedenen Motiven und zu verschiedenen Zeitpunkten. Terriers Freundin heißt im Buch und Film Annie. In sie ist er, beide Male, verliebt ist und er hat sie, beide Male, vor Jahren verlassen. Wobei die Gründe in Buch und Film verschieden sind. Jetzt treffen sie sich, im Buch und Film, wieder. Kurz darauf ist ihr Ehemann tot und sie sind, verfolgt von einer Horde mordgieriger Killer, auf der Flucht. Das sind schon einige Gemeinsamkeiten, die aber nichts daran ändern, dass die Filmemacher den über dreißig Jahre alten Thriller nicht gebraucht hätten. Denn es sind auch einige vollkommen austauschbare Thriller-Bausteine, die einfach zur „der Chef will seinen besten Mann umbringen“-Geschichte gehören. „96 Hours“-Regisseur Pierre Morel verbindet sie hier zu einem in der Gegenwart spielendem touristischen Reisefilm der in Afrika beginnt und durch halb Europa führt.
Im Film verübt Jim Terrier (Sean Penn mit mehr Muskeln als Arnold Schwarzenegger und mehr Oben-ohne-Aufnahmen als ein Pornostar) im Kongo einen Anschlag auf einen wichtigen Minister. Danach taucht er unter. Sein Anschlag führt zu einem Bürgerkrieg, über den auch die westlichen Medien ausführlich berichten.
Acht Jahre später arbeitet Terrier, wieder in Afrika, als Wiedergutmachung für sein früheres Leben, für eine NGO. Als ein Anschlag auf den Killer im Ruhestand verübt wird, erfährt er, dass jemand ihn und das damalige Team wegen diesem acht Jahre zurückliegendem Auftrag umbringen will. Er macht sich auf den Weg nach Europa. Seine erste Station ist London. Dort trifft er seinen ehemaligen Vorgesetzten Mr. Cox (Mark Rylance), der ihm versichert, dass nur die damals Beteiligten wissen, wer in den Auftrag involviert war, dass auch er den Auftraggeber und dessen Motive nicht kenne und er ihm selbstverständlich helfen werde. Terrier will sich mit seinen alten Kameraden treffen, um sie zu warnen und um herauszufinden, wer sie jetzt umbringen will.
In Barcelona trifft er Felix (Javier Bardem), der damals der Verbindungsmann zwischen dem Mordkommando und dem Auftraggeber war. Felix ist inzwischen ein gut verdienender Geschäftsmann, der mit irgendwelchen lobenswerten Projekten den Afrikanern helfen will. Außerdem ist er mit Terriers damaliger Freundin Annie (Jasmine Trinca) verheiratet.
Kurz darauf ist Felix tot, sein Anwesen auf dem Land nach einem Schusswechsel ziemlich zerstört und Terrier ist mit seiner großen Liebe Annie auf der Flucht, die auch einen Abstecher nach Gibraltar beinhaltet.
Das Drehbuch ist von Don MacPherson („Mein Name ist Fleming, Ian Fleming“, das Spielfilm-Desaster „Mit Schirm, Charme und Melone“ und einer von mehreren Autoren bei dem Musical „Absolute Beginners“ [yeah, von 1986, mit David Bowie]), Pete Travis (der wahrscheinlich irgendwann auch die Regie übernehmen sollte. Denn es ist sein erstes Drehbuch. Er inszenierte „8 Blickwinkel“ und „Dredd“.) und Sean Penn, der auch einer der Produzenten ist.
Es gibt eine dick aufgetragene politische Botschaft, die hier als an die Geschichte angeklebte Message allerdings eher nervt und konträr zu Manchettes literarischem Programm steht. In seinen Romanen verband er nämlich immer gelungen einen linken, gesellschaftskritischen Politikansatz mit einer spannenden Geschichte.
In dem Film sind die politischen Hintergründe beliebige Versatzstücke, die man aus besseren Filmen kennt. Teilweise auch mit Sean Penn. Ich sage nur „Die Dolmetscherin“ und „Fair Game“, die eine klare Position hatten. Auch Sylvester Stallones „Rambo“-Filme, um ein konservatives Beispiel zu nennen, hatten eine klare politische Agenda, über die man sich streiten konnte. In „The Gunman“ sind dagegen einfach linke, liberale und konservative Botschaften und Analysen in der Hoffnung, dass es schon irgendwie sinnvoll ist, aneinandergeklatscht worden. Ist es nicht. Es ist einfach nur konfus.
Es gibt Söldner mit Gewissensbissen, angedeutete Komplotte und wirtschaftliche Interessen, die sogar in „Die Wildgänse kommen“ sinnvoller behandelt wurden. Herrje, verglichen mit „The Gunman“ erscheint der Söldnerwerbefilm „Die Wildgänse kommen“ sogar als tiefsinnige politische Analyse.
Genau so konfus wie die politische Botschaft ist die Story. Sie ist unnötig kompliziert und nebulös. Fast so, als habe man einfach aus mehreren Drehbüchern die besten Szenen zusammengefügt und sie dann dem aus der Luc-Besson-Filmschmiede kommendem Pierre Morel mit dem Auftrag, sie möglichst schön zu bebildern, gegeben. Er inszenierte „The Gunman“ für Silver Pictures (jau, es ist keine Besson-Produktion) ruhig, fast schon im Stil eines Siebziger-Jahre-Krimis, mit einigen Actionszenen, die sich auf Faustkämpfe und Schusswechsel konzentrieren.
„The Gunman“ ist eine weitere enttäuschende Manchette-Verfilmungen. Das austauschbare Killer-on-the-run-B-Picture punktet zwar mit einer hochkarätigen, aber auch hoffnungslos unterforderten Besetzung und schönen Landschaftsaufnahmen.

The Gunman - Plakat

The Gunman (The Gunman, Großbritannien/Frankreich/Spanien 2015)
Regie: Pierre Morel
Drehbuch: Don MacPherson, Pete Travis, Sean Penn
LV: Jean-Patrick Manchette: La position du tireur couché, 1981 (Die Position des schlafenden Tigers; Position: Anschlag liegend)
mit Sean Penn, Javier Bardem, Ray Winstone, Mark Rylance, Jasmine Trinca, Idris Elba, Melanie Matthews, Blanca Star Olivera, Jorge Leon Martinez
Länge: 115 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Die lesenswerte Vorlage

Manchette - Position Anschlag liegend

Jean-Patrick Manchette: Position: Anschlag liegend
(übersetzt von Stefan Linster)
Distel Literaturverlag, 2003
192 Seiten
12,80 Euro

Deutsche Erstausgabe
Die Position des schlafenden Tigers
Bastei Lübbe, 1989

Originalausgabe
La position du tireur couché
Éditions Gallimard, 1981

Frühere Verfilmung
Der Schock (Le Choc, Frankreich 1982)
Regie: Robin Davis
Drehbuch: Alain Delon, Robin Davis, Dominique Robelet, Claude Veillot
mit Alain Delon, Catherine Deneuve, Philippe Léotard, Stéphane Audran

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Gunman“
Moviepilot über „The Gunman“
Metacritic über „The Gunman“
Rotten Tomatoes über „The Gunman“
Wikipedia über „The Gunman“

Wikipedia über Jean-Patrick Manchette (deutsch, englisch, französisch)

Krimi-Couch über Jean-Patrick Manchette

Kaliber.38 über Jean-Patrick Manchette

Mordlust über Jean-Patrick Manchette

Informative Manchette-Seite vom Distel Literaturverlag

Französische Jean-Patrick-Manchette-Seite

Meine Besprechung von Jean-Patrick Manchette/Barth Jules Sussmans “Der Mann mit der roten Kugel” (L’homme au boulet rouge, 1972)

Meine Besprechung von Jean-Patrick Manchettes “Portrait in Noir” (2014)

Meine Besprechung von Max Cabanes/Jean-Patrick Manchette/Doug Headlines „Fatale“ (Fatale, 2014)

Jean-Patrick Manchette in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Avengers: Age of Ultron“ ist da

April 23, 2015


Wir haben
Chris Evans als Steve Rogers/Captain America (der hier erstaunlich blasse Anführer der Truppe)
Robert Downey Jr. als Tony Stark/Iron Man (der großmäulige, verantwortungslose Finanzier der Gruppe)
Chris Hemsworth als Thor (aus der anderen Galaxis)
Mark Ruffalo als Bruce Banner/Hulk (aus dem Forschungslabor)
Scarlett Johansson als Natasha Romanoff/Black Widow
Jeremy Renner als Clint Barton/Hawkeye
James Spader als Ultron (Stimme im Original)
Aaron Taylor-Johnson als Pietro Maximoff/Quicksilver (im letzten X-Men-Film „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ wurde er von Evan Peters gespielt, aber der wurde von einem anderen Studio produziert)
Elizabeth Olsen als Wanda Maximoff/Scarlet Witch
Paul Bettany als Jarvis/Vision (und mit einem Körper)
Samuel L. Jackson als Nick Fury
Don Cheadle als James Rhodes/War Machine
Cobie Smulders als Maria Hill
Anthony Mackie als Sam Wilson/The Falcon
Hayley Atwell als Peggy Carter
Idris Elba als Heimdall (ungefähr zwei Sätze)
Stellan Skarsgård als Erik Selvig (ungefähr kein Satz)
Claudia Kim als Dr. Helen Cho
Thomas Kretschmann als Baron Strucker
Andy Serkis als Ulysses Klaue (naja)
Julie Delpy als Madame B (sorry, hab ich in dem Starrummel übersehen)
Stan Lee als Stan Lee (obligatorischer Kurzauftritt)

Wir haben Action bis zum Abwinken.
Es beginnt mit einer großen Schlacht in dem osteuropäischen Fantasieland Sokovia. Danach geht die Reise um die halbe Welt und in New York, Seoul, Johannesburg und Sokovia geht dabei, mit der Hilfe von viel CGI, einiges zu Bruch.
Dabei werden dieses Mal erstaunlich oft ganz normale Menschen als Opfer und schreiend weglaufende Menschenmasse gezeigt. Das ist, nachdem man in früheren Marvel-Filmen den Eindruck gewinnen konnte, dass die Großstädte, in denen die Superhelden die Bösewichter verkloppen und regelmäßig eine sanierungsbedürftige Innenstadt hinterlassen, ein Novum. Denn bislang sah es so aus, als sei vor dem Kampf der Superhelden gegen die Superschurken die Kampfzone von magischen Kräften evakuiert worden. Aber dieses Mal verlang die Filmgeschichte nach vielen Menschen, die fotogen von den Avengers beschützt werden. Vor allem beim viel zu langen und ziemlich konfusen Schlußkampf in Sokovia.

Wir haben zu viel Beiwerk für eine sinnvolle Story. Die ist nur Klammer für die Auftritte und Kabbeleien der aus mehreren Filmen bekannten Superhelden. In „Avengers: Age of Ultron“ geht es um den Konflikt zwischen Gut und Böse und wie die Guten das Böse schaffen, das dann zuerst die Avengers und später die Welt vernichten will. Denn die von Tony Stark gestartete Friedensmaschine, der sehr lernfähige Roboter Ultron, begreift schnell, dass die Avengers bei ihren Friedensmissionen viel Leid verursachen. Deshalb will er, seinem Programm folgend, alle Bedrohungen für eine friedliche Welt beseitigen. Aber diese Idee, dass unser Handeln unbeabsichtigte Folgen hat und dass Gut und Böse miteinander verflochten sind, wird nur oberflächlich behandelt. Überhaupt nicht behandelt wird der grundlegende Fehler in Ultrons Programm. Denn hätte Tony Stark sich beim Programmieren an Isaac Asimovs Robotergesetze gehalten, wäre das alles nicht passiert.

Wir haben das filmische Äquivalent zu diesen maßlosen Benefiz-Rockkonzerten aus den Achtzigern, als sich alle bekannten Musiker für die gute Sache in einem Stadion versammelten und gegen die Apartheid, den Hunger und gegen die Kernkraft ansangen.
Denn dummerweise ist „Avengers: Age of Ultron“ genau wie diese Konzerte, die beim ersten Mal Spaß machen, aber beim zweiten Mal nerven. Es gibt zu viele Häuptlinge, aber keine Indianer und keine Struktur. Jeder versucht sich nur möglichst groß in Szene zu setzen und aus einer eigentlich guten Idee wird ein an allen Ecken und Enden ausufernde Starparade, die zeigt, dass ihre Soloauftritte besser sind.

Avengers - Age of Ultron - Plakat

Avengers: Age of Ultron (The Avengers: Age of Ultron, USA 2015)
Regie: Joss Whedon
Drehbuch: Joss Whedon
mit Chris Evans, Robert Downey Jr., Chris Hemsworth, Mark Ruffalo, Scarlett Johansson, Jeremy Renner, James Spader, Aaron Taylor-Johnson, Elizabeth Olsen, Paul Bettany, Samuel L. Jackson, Don Cheadle, Cobie Smulders, Anthony Mackie, Hayley Atwell, Idris Elba, Stellan Skarsgård, Claudia Kim, Thomas Kretschmann, Andy Serkis, Julie Delpy, Stan Lee, Henry Goodman
Länge: 141 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Facebook-Seite von Marvel
Film-Zeit über „Avengers: Age of Ultron“
Moviepilot über „Avengers: Age of Ultron“
Metacritic über „Avengers: Age of Ultron“
Rotten Tomatoes über „Avengers: Age of Ultron“
Wikipedia über „Avengers: Age of Ultron“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Joss Whedons „Viel Lärm um nichts“ (Much ado about nothing, USA 2012)


TV-Tipp für den 19. Februar: The Losers

Februar 19, 2015

Vox, 22.15

The Losers (USA 2010, Regie: Sylvain White)

Drehbuch: Peter Berg, James Vanderbilt

LV: Andy Diggle/Jock: The Losers, 2003 (The Losers)

Als ein Anschlag auf eine Drogenbaron in Bolivien grandios schiefgeht, wissen Clay und sein Team, dass ihr Auftraggeber, der geheimnisvolle Max, ein ganz hohes Tier im US-amerikanischen Geheimdienst und zuständig für die wirklich schmutzigen Aktionen, sie umbringen will. Sie beschließen, es ihm heimzuzahlen.

Das bessere A-Team und der bessere „A-Team“-Film, dank eines selbstironischen Tons, guter Schauspieler und ordentlicher Action.

Die Vorlage, der Comic von Andy Diggle und Jock, ist auch einen Blick wert.

mit Jeffrey Dean Morgan, Zoe Saldana, Chris Evans, Idris Elba, Columbus Short, Oscar Jaenada, Jason Patric

Wiederholung: Freitag, 20. Februar, 02.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

 Metacritic über “The Losers”

Rotten Tomatoes über “The Losers”

Wikipedia über “The Losers”

Homepage von Andy Diggle

Blog von Andy Diggle

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jocks „The Losers: Goliath – Band 1“

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Shawn Martinbroughs „The Losers: Die Insel – Band 2“

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Nick Dragotta/Alé Garza: The Losers: Der Pass, Band 3 (The Losers 13 – 19, 2005)
Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Ben Olivers (Zeichner) „The Losers: London Calling (Band 4) (The Losers # 20 – 25, 2005)

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Colin Wilsons “The Losers: Endspiel (Band 5)” (The Losers # 26- 32, 2005/2006)

Meine Besprechung von Andy Diggle (Autor)/Leonard Manco/Danijel Zezelj (Zeichner) „John Constantine, Hellblazer: Spritztour (Band 10)“ (Hellblazer: Vol. 230 – 239, 2008)

 Meine Besprechung von Andy Diggles “The Punisher”-Geschichte “Stille Nacht” (in “PunisherMAX: Hässliche kleine Welt”)

Meine Besprechung von Sylvain Whites „Choral des Todes“ (La Marque des anges – Miserere, Frankreich/Belgien 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: Idris Elba vollbringt „Keine gute Tat“

November 20, 2014

Wer sich bis jetzt fragte, wie bekannt Idris Elba und Taraji P. Henson sind, erhält mit „Keine gute Tat“ die Antwort: ziemlich. In den USA war der Thriller in der Startwoche sogar auf dem ersten Platz und sein Budget hat er inzwischen locker eingespielt.
Idris Elba spielte in „The Wire“ mit. Er ist DCI John „Luther“ („Luther“-Erfinder Neil Cross arbeitet gerade für Fox an einem US-Remake und Ende 2015 spielt Idris Elba wieder John Luther in der gleichnamigen BBC-Serie). Er war Nelson „Mandela“ und er übernahm prägnante Nebenrollen in „Prometheus“, „Pacific Rim“ und den beiden „Thor“-Filmen. Sein Gesicht ist inzwischen auch Filmfans vertraut.
Taraji P. Henson erhielt eine Oscar-Nominierung als beste Nebendarstellerin für „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ und gehört zur Stammbesetzung von „Person of Interest“, einer in den USA erfolgreiche TV-Serie von Jonathan Nolan („Interstellar“), die bei uns eher unter ‚ferner liefen‘ läuft.
In „Keine gute Tat“ spielt sie Terry, eine ehemalige Staatsanwältin und jetzt glücklich verheiratete Mutter von zwei Kindern, die in einem noblen Vorstadthaus lebt. Ihr Mann besucht gerade seinen Vater über das Wochenende zu einen gemeinsamen Geburtstag-Angelausflug.
Als es klingelt und Colin (Idris Elba) vor der Tür steht, will sie den Fremden, dessen Auto einige Meter weiter verunglückte, zuerst nicht in ihr Haus lassen. Aber draußen stürmt es, er ist platschnaß und höflich.
Dabei ist das nur eine Fassade. Colin ist ein ausgebrochener Sträfling, der auf seiner Flucht eine Spur von Leichen hinterlässt und natürlich auch in Terrys Haus wüten wird.
Die Geschichte von „Keine gute Tat“ ist altbekannt und sie wird auch ohne nennenswerte Variationen abgespult. Erst gegen Ende gibt es eine Überraschung, die den vorherigen Ereignissen eine neue Bedeutung verleiht. Es ist allerdings auch nur eine Überraschung, ein Aha-Moment, der ziemlich folgenlos verpufft. Hätten die Macher diese Überraschung schon früher enthüllt, hätten alle Handlungen von Colin und Terry noch ein weiteres Motiv gehabt und dann wäre „Keine gute Tat“ mehr als nur ein weiterer formelhafter Home-Invasion-Thriller, bei dem der interessanteste Aspekt die Hautfarbe der beiden Hauptdarsteller ist.
Davon abgesehen wissen wir jetzt, dass Idris Elba einen Film tragen kann, wie er auch TV-Serie „Luther“ trägt.
Sowieso heben die spielfreudigen Schauspieler und „Luther“-Regisseur Sam Miller die altbekannte Geschichte auf ein höheres Level, als der Film es verdient hat. Denn es ist ein klassischer TV-Film, der ohne Nebengeschichten und ohne besondere Höhen und Tiefen in unter neunzig Minuten geradlinig seine Geschichte erzählt.

Keine gute Tat - Plakat

Keine gute Tat (No good deed, USA 2014)
Regie: Sam Miller
Drehbuch: Aimee Lagos
mit Idris Elba, Taraji P. Henson, Leslie Bibb, Kate del Castillo, Henry Simmons, Mirage Spann, Kenny Alfonso, Dan Caudill
Länge: 84 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Keine gute Tat“
Moviepilot über „Keine gute Tat“
Metacritic über „Keine gute Tat“
Rotten Tomatoes über „Keine gute Tat“
Wikipedia über „Keine gute Tat“


Neu im Kino/Filmkritik: Das Biopic „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“

Januar 31, 2014

 

Als traditionelles Biopic kämpft „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“ natürlich mit dem bekannten Biopic-Problem, dass innerhalb einer begrenzten Zeit ein ganzes Leben abgehandelt werden muss. Da hilft auch nicht die Biopic-übliche Überlänge. Im Sauseschritt geht es durch die Geschichte, die in Nelson Mandelas Geburtsort, dem Dorf Mvezo in der Transkei, beginnt, dann einen Sprung nach Johannesburg macht und Nelson Mandela in den frühen vierziger Jahren als jungen Anwalt zeigt, der durch sein Township geht. Schon in diesem Moment ist, dank der Kamera, Idris Elbas energischen Schritten und den ihn bewundernd ansehenden Bewohnern, klar, dass hier ein geborener Führer in seiner Gemeinschaft ist. Weitere Erklärungen sind überflüssig.

Mandela politisiert sich bei seiner Arbeit. Denn in der Apartheid-Gesellschaft haben Schwarze keine Rechte. Er wird ANC-Mitglied, hält Reden, nimmt den politischen Kampf auf, trennt sich von seiner ersten Frau, verliebt sich in Winnie Mandela, geht als bewaffneter Kämpfer in den Untergrund, wird verhaftet, 1964 zu lebenslanger Haft verurteilt, lebt danach auf der Gefängnisinsel Robben Island, kommt 1990 frei und wird 1994 Präsident von Südafrika.

Es wird auch gezeigt, wie Winnie für die Freiheit ihres Mannes kämpft, Repressalien ausgesetzt ist und ebenfalls verhaftet wird.

Eben diese Beziehung zwischen Winnie und Nelson Mandela steht dann auch halbwegs im Zentrum von „Mandela“, während sich Nelson Mandelas politisches Wirken auf einige Allgemeinplätze beschränkt. Er fordert ein Ende der Apartheid, Gleichheit und „ein Mann, eine Stimme“. Wer kann etwas dagegen haben? Aber warum er sich radikalisierte und vom Anwalt zum Terroristen wurde, bleibt unklar. Es bleibt auch unklar, warum gerade er so bekannt wurde und warum er zum weltweit bekannten Symbol im Kampf gegen die Apartheid wurde. Ältere dürften sich noch an die weltweite Solidaritätsbewegung für Nelson Mandela in den achtziger Jahren mit ihren zahlreichen Aktionen, wie dem Konzert im Wembley-Stadion zu seinem 70. Geburtstag am 11. Juni 1988, erinnern. Da saß er bereits ein Viertel Jahrhundert ohne Kontakt zur Außenwelt im Gefängnis. Im Film gibt es einige Ausschnitte von Konzerten und Demonstrationen.

In Justin Chadwicks Spielfilm wird das Politische immer wieder zugunsten des Privaten vernachlässigt. Zwar werden ihm die Bürgerrechte energisch verteidigt; was nach 9/11 und der allumfassenden Überwachung der Bürger durch die Geheimdienste nötiger denn je ist und der Film hier Parallelen hätte aufzeigen können, aber die Verteidigung der Bürger- und Menschenrechte geht nie über die allgemein akzeptierten Gemeinplätzen hinaus. Das mag aus kommerziellen Erwägungen vernünftig sein, das mag sogar den Wünschen von Nelson Mandela, der in die Produktion des Films involviert war, entsprechen.

Aber so bleibt am Ende von „Mandela“ dann nur große Bewunderung für Idris Elba, der Nelson Mandela glaubwürdig vom 23-jährigen bis zum 76-jährigen Mann spielt und dafür eine Golden-Globe-Nominierung erhielt, und für Naomi Harris, die Winnie Mandela spielt, übrig.

Es bleibt auch die Hoffnung, dass „Mandela“ dazu führt, sich genauer mit Nelson Mandela, seinen politischen Ansichten und seinem Wirken zu beschäftigen.

Denn langweilig ist das viel zu unpolitische, viel zu sehr privatisierende und notgedrungen oberflächliche Biopic „Mandela“ nie. Es gehört sogar zu den besseren Biopics, die ein ganzes Leben schildern.

Aber die gelungenen Biopics der letzten Jahre, wie „Hannah Arendt“ und „42“ (um nur zwei sehr gegensätzliche Beispiele zu nennen), konzentrierten sich auf einen kurzen, aber entscheidenden Abschnitt im Leben des Porträtierten.

Mandela - Plakat

Mandela – Der lange Weg zur Freiheit (Mandela: Long Walk to Freedom, USA 2013)

Regie: Justin Chadwick

Drehbuch: William Nicholson

LV: Nelson Mandela: Long Walk to Freedom, 1995 (Der lange Weg zur Freiheit)

mit Idris Elba, Naomi Harris, Tony Kgoroge, Riaad Moosa, Fana Mokonea

Länge: 147 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“

Moviepilot über „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“

Metacritic über „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“

Rotten Tomatoes über „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“

Wikipedia über „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“ (deutsch, englisch) und Nelson Mandela

 

 


Neu im Kino/Filmkritik: Über Guillermo del Toros „Pacific Rim“

Juli 19, 2013

 

Die ersten Trailer von „Pacific Rim“, dem neuen Film von „Hellboy“-Regisseur Guillermo del Toro, ließen einen etwas ratlos zurück, weil sie ziemlich abschreckend nach „Transformers meets Godzilla“ aussahen und es wirklich rätselhaft war, was del Toro an dieser „Riesenroboter verkloppen Riesenechsen“-Geschichte interessieren sollte.

Auch nach dem Film und der Lektüre des Pressematerials kann ich das nicht genauer sagen. Gut. Er sah in seiner Jugend die kultigen „Godzilla“-Filme von Ishiro Honda und er wollte seinen „Godzilla“-Film drehen. Honda und Ray Harryhausen, dem kürzlich verstorbenen Meister der Stop-Motion-Technik, widmete er den Film. Beide zauberten ihre fantastischen Welten mit Tricks, Modellen, viel Geduld und ohne Computer. Heute werden mit Computerhilfe fantastische Welten und Kämpfe entworfen, denen aber auch der Charme der Werke von Honda und Harryhausen fehlt.

Eben dieser Charme fehlt auch „Pacific Rim“. Denn die Kämpfe zwischen den Kaiju (japanisch für Riesenmonster) und den Jaeger (äh, ja, Jäger), wie die Riesenroboter heißen, sind meistens im Dunkeln stattfindende elend lange und auch langweilige Kloppereien zwischen Monstern und Robotern, die zwar gut inszeniert sind, aber auch auf ein Grundproblem der von Guillermo del Toro und Travis Beacham erfundenen und absolut vorhersehbaren Geschichte, die eigentlich ein „Top Gun“-Recycling ist, hinweisen: alle Charaktere sind uns herzlich egal. Es gibt den tapferen Jaeger-Piloten Raleigh (Charlie Hunnam), der sich in die Einöde zurückzieht, nachdem bei einem Einsatz sein Bruder starb.

2025 wird er von seinem ehemaligen Pan-Pacific-Defense-Corp-Kommandanten Stacker Pentecost (Idris Elba) gefunden. Er braucht ihn für das letzte Gefecht gegen die Kaiju. Diese kommen aus einer Spalte im Meer (und von dort über irgendein Wurmloch aus ihrer Welt) und sie sind kurz davor, die Erde endgültig zu übernehmen. Jetzt, wo ich über die Prämisse nachdenke, wird sie immer idiotischer.

Aber die Menschheit hat eine, ähem, interessante Idee: das Jaeger-Programm. Die Jaeger sind 25 Stockwerke hohe Roboter, die von zwei Menschen, die geistig miteinander verbunden sind und im Kampf daher wie ein Gehirn reagieren, gesteuert werden und die reihenweise Kaijus töten. Die Jaeger-Piloten werden wie Rockstars verehrt, aber dann entwickelen die Kaijus sich weiter und die Jaeger-Piloten sehen alt aus. Die Weltregierung will sich jetzt mit einer anderen Methode gegen die Kaiju verteidigen. Das Jaeger-Programm wird eingestellt.

Pentecost will das nicht akzeptieren und er trommelt seine Soldaten und zwei extrem nervige Wissenschaftler zusammen zur letzten Schlacht gegen die Viecher.

Das alles erzählt del Toro in den ersten fünfzehn, zwanzig Minuten. Danach gibt es in der Jaeger-Basis einen länglichen Ausleseprozess. Denn Raleigh braucht einen Partner – und wir wissen schon von der ersten Sekunde an, wer das wird: nämlich Mako (Rinko Kikuchi), die Gehilfin von Pentecost, die unter seinem besonderen Schutz steht (Yeah, genialer Plot-Zug: der Vorgesetzte als stinkiger, überfürsorglicher „Battleship“-Daddy). Es gibt auch, wie in „Top Gun“, einen anderen Jaeger-Piloten, der Raleigh als Konkurrenten von der ersten Sekunde an hasst.

Und den Rest können wir uns denken. Etwas Liebe, zwar ohne Knutschereien und Sex, aber mit dem ultimativen Gehirntrip, weil die Piloten, wenn ihre Gehirne für die Jaeger-Steuerung miteinander verbunden werden, erfahren sie auch gleichzeitig alles über den anderen. Ein Übungskampf. Und dann ab ins Finale mit zwei großen Kampfszenen, von denen der letzte Kampf unter Wasser, an der Spalte, aus der die Kaijus kommen, stattfindet.

Das ist so konventionell, dass eben auch die schwachen bis nicht vorhandenen Charakterisierungen und – wenn ich an „Hellboy“ denke – der mangelnde Humor auffallen. Vor allem Charlie Hunnam, der ja den Helden Raleigh spielt, und Idris Elba, der den Befehlshaber spielt, werden vom Drehbuch sträflich vernachlässigt. „Sons of Anarchy“-Hunnam vergisst man sofort. Und von Idris Elba bleiben nur die schlecht sitzenden Anzüge im Gedächtnis. Und dabei kann Elba, wie die derzeit im BBC laufende dritte, geniale „Luther“-Staffel zeigt, so viel mehr. Aber in „Pacific Rim“ ist er nur ein Kleiderständer. „Hellboy“ Ron Perlman als Kriegsgewinnler und Kaiju-Schwarzmarkthändler ist in seinen schillernden Kleidern eine Augenweide und auch der einzige Charakter, der mit seiner Dreißiger-Jahre-Hollywood-Asiaten-Bösewicht-Rolle so etwas wie Humor in den Film bringt. Die beiden Wissenschaftler Dr. Newton Geiszler (Charlie Day) und Herman Gottlieb (Burn Gorman) entsprechen dem Bild des durchgeknallten Nerd-Wissenschaftlers mit Dachschaden. Das ist witzig gemeint, aber es ist nicht witzig.

Pacific Rim“ ist nicht so schlecht, wie ich befürchtete. Es ist deutlich besser als „Battleship“, aber auch ein Film der verpassten Chancen. Es ist ein Film, der so viel besser sein könnte und dann doch nur ein Honda-“Godzilla“-Film mit besseren Tricks ist. Aber ohne den dilletantisch-billigen Charme der Originale und ohne einen irgendwie erkennbaren politischen Subtext, der in Hondas Filmen immer erkennbar war.

Guillermo del Toros Film ist nur mäßig spannendes und mäßig unterhaltsame Blockbuster-Kino mit guten Tricks, echt wirkenden Sets, einem gerade so die Geschichte zusammenhaltendem Drehbuch und einer Parade sträflich unterforderter Schauspieler.

Pacific Rim - Plakat

Pacific Rim (Pacific Rim, USA 2013)

Regie: Guillermo del Toro

Drehbuch: Travis Beacham, Guillermo del Toro (nach einer Geschichte von Travis Beacham

mit Charlie Hunnam, Idris Elba, Rinko Kikuchi, Charlie Day, Burn Gorman, Max Martini, Robert Kazinsky, Clifton Collins Jr., Ron Perlman, Diego Klattenhoff

Länge: 131 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Pacific Rim“

Metacritic über „Pacific Rim“

Rotten Tomatoes über „Pacific Rim“

Wikipedia über „Pacific Rim“ 

Pacific Rim - Teaser

 

 


TV-Tipp für den 1. April: The Losers

April 1, 2013

RTL, 22.05

The Losers (USA 2010, R.: Sylvain White)

Drehbuch: Peter Berg, James Vanderbilt

LV: Andy Diggle/Jock: The Losers, 2003 (The Losers)

Als ein Anschlag auf eine Drogenbaron in Bolivien grandios schiefgeht, wissen Clay und sein Team, dass ihr Auftraggeber, der geheimnisvolle Max, ein ganz hohes Tier im US-amerikanischen Geheimdienst und zuständig für die wirklich schmutzigen Aktionen, sie umbringen will. Sie beschließen, es ihm heimzuzahlen.

Das bessere A-Team und der bessere „A-Team“-Film, dank eines selbstironischen Tons, guter Schauspieler und ordentlicher Action.

Die Vorlage, der Comic von Andy Diggle und Jock ist auch einen Blick wert.

mit Jeffrey Dean Morgan, Zoe Saldana, Chris Evans, Idris Elba, Columbus Short, Oscar Jaenada, Jason Patric

Wiederholung: Dienstag, 2. April, 01.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

 Metacritic über „The Losers“

Rotten Tomatoes über „The Losers“

Wikipedia über „The Losers“

Homepage von Andy Diggle

Blog von Andy Diggle

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jocks „The Losers: Goliath – Band 1“

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Shawn Martinbroughs „The Losers: Die Insel – Band 2“

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Nick Dragotta/Alé Garza: The Losers: Der Pass, Band 3 (The Losers 13 – 19, 2005)
Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Ben Olivers (Zeichner) „The Losers: London Calling (Band 4) (The Losers # 20 – 25, 2005)

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Colin Wilsons “The Losers: Endspiel (Band 5)” (The Losers # 26- 32, 2005/2006)

Meine Besprechung von Andy Diggle (Autor)/Leonard Manco/Danijel Zezelj (Zeichner) „John Constantine, Hellblazer: Spritztour (Band 10)“ (Hellblazer: Vol. 230 – 239, 2008)

 Meine Besprechung von Andy Diggles „The Punisher“-Geschichte „Stille Nacht“ (in „PunisherMAX: Hässliche kleine Welt“)


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