DVD-Kritik: Der „Death in Paradise“ geht in die dritte Staffel

November 4, 2014

Zwei Staffeln, beziehungsweise zwei Jahre, lang löste DI Richard Poole auf der Karibikinsel Saint Marie Mordfälle. Er war der typische fish out of water: ein überaus steifer und korrekter Brite, der immer seinen Anzug an hat und Tee trinkt (natürlich richtig zubereitet), während er knifflige Mordfälle löst. Seine Arbeitskollegen Camile Bordey, Dwayne Myers und Fidel Best, die alle gebürtige Inselbewohner sind, sich entsprechend leger kleiden und eine karibisch entspannte Lebenseinstellung haben, waren zunächst erstaunt über den Inbegriff des britischen Empire, der mit ihnen zusammenarbeiten soll. Aber schnell wurden sie ein gutes Team, das viele Morde löste, bis Poole, der sich nur langsam an die karibische Lebenseinstellung und das Klima gewöhnte (ohne jemals auf seine korrekte Bekleidung zu verzichten), in „Tickende Uhren“, der Auftaktepisode der dritten „Death in Paradise“-Staffel, gemeuchelt wird.
Als Ersatz kommt Humphey Goodman, ein ebenso brillanter Detektiv mit der seltsamen Angewohnheit, sich auf Zetteln und Servietten Notizen zu machen, und äußerst schusselig ist. Wenn ein Kabel im Weg liegt, stolpert er darüber. Jedenfalls beim Lösen der ersten Mordfälle. Davon abgesehen ist er vollkommen normal. Er braucht keinen Tee, kleidet sich dem Klima entsprechend, setzt sich in den Sand und ist verheiratet. Jedenfalls am Anfang. Aber seine Frau verlässt ihn.
Durch diese Umbesetzung wird „Death in Paradise“ zu einer gewöhnlichen, netten, sonnigen Rätselkrimiserie, die kurzweilig unterhält, aber nicht mehr das besondere Flair der ersten Fälle hat, die vor allem von dem Culture Clash zwischen britischer Steifheit und karibischer Lockerheit lebte.
Die Fälle selbst, wieder acht Mordfälle, die in einer knappen Stunde aufgeklärt werden, sind Rätselkrimis, die mit einer Versammlung aller Betroffenen in einem Raum endet, wo der Detektiv dann den Mörder überführt.
So wird während eines Drehs für einen Zombie-Horrorfilm ein Stand-In vergiftet. Aber wollte der Mörder in Wirklichkeit nicht die Hauptdarstellerin ermorden? In ihrem nächsten Fall wird während einer Kunstausstellung ein Gigolo, der auch viel über Kunst weiß, ermordet. Dann wird eine Stewardess vergiftet. Die Polizisten fragen sich, wer ihrer Arbeitskollegen der Täter ist. Ein Minister soll sich in seinem Arbeitszimmer umgebracht haben. Aber Goodman ist misstrauisch.
Raus aus geschlossenen Räumen und in die freie Wildbahn geht es in ihrem nächsten Fall: Ein Mitglied einer Gruppe von Vogelbeobachtern, die einen besonders seltenen Vogel sichten wollen, wird ermordet und, wie es sich für einen Rätselkrimi gehört, haben alle Mitglieder der Gruppe, obwohl einer von ihnen der Mörder sein muss, wasserdichte Alibis.
Als auf einer vor Saint Marie gelegenen Insel der Familienpatriarch ermordet wird, müssen Goodman und seine Kollegen den Mörder finden, während sie wegen eines Sturms von der Zivilisation abgeschnitten sind. Goodmans Kollege Poole befand sich in einem früheren Mordfall in einer ähnlichen Situation.
Und im letzten Mordfall der dritten „Death in Paradise“-Staffel wird in einer ziemlich britischen Seniorenresidenz eine Ärztin ermordet, obwohl der Tatort auf einen Suizid schließen lässt.
Die Fälle sind, wie gesagt, vergnügliche Rätselkrimis, bei denen es unmöglich ist, den Mörder, den genauen Hergang und das Tatmotiv vor der Auflösung zu erraten. Aber das war schon zu Zeiten von Hercule Poirot so.
Alelrdings fehlt in der dritten Staffel das Flair des Besonderen, das Richard Poole auf die Insel trug. Humphrey Goodman ist halt nur ein guter Mann.
Dieses Mal gibt es sogar etwas Bonusmaterial: sieben kurze Werbe-Featurettes, die in 18 Minuten durchgesehen sind und als „Making of Death in Paradise“ angekündigt sind.

Death in Paradise - Staffel 3 - DVD-Cover

Death in Paradise – Staffel 3 (Death in Paradise, Großbritannien 2014)
Regie: Cilla Ware, Dusan Lazarevic, Robert Quinn, Richard Signy
Drehbuch: Robert Thorogood, Daisy Coulam, Paul Logue, Ian Kershaw, J. C. Wilsher, Simon Winstone, Jack Lothian
Erfinder: Robert Thorogood
mit Kris Marshall (DI Humphrey Goodman), Sara Martins (DS Camille Bordey), Danny John-Jules (Officer Dwayne Myers), Gary Carr (Fidel Best), Don Warrington (Commissioner Selwyn Patterson), Élisabeth Bourgine (Catherine), Ben Miller (DI Richard Poole)

DVD
Edel
Bild: 16:9 PAL
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: –
Bonusmaterial: Making of Death in Paradise
Länge: 435 Minuten (4 DVDs)
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

BBC über „Death in Paradise“

BBC Germany über „Death in Paradise“

Wikipedia über „Death in Paradise“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von “Death in Paradise – Staffel 1″ (Death in Paradise, GB/Fr 2011)

Meine Besprechung von „Death in Paradise – Staffel 2“ (Death in Paradise, GB 2013)

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DVD-Kritik: Endlich! Die finale Staffel von „Ashes to Ashes – Zurück in die 80er“ ist erschienen

September 16, 2013

Während die Deutschen serientechnisch alles zu einem analen Einheitsbrei vermantschen, der höchstens zum Wegschalten einlädt und der Höhepunkt von ungewöhnlichen Konzepten eine Serie über einen Polizist ist, der zwanzig Jahre im Koma lag (obwohl er nach seinem Musik- und Autogeschmack wohl eher dreißig Jahre oder noch länger im Koma lag und dabei dank der guten Pflege in deutschen Hospitälern nicht alterte) und heute als altmodischer Macho Verbrecher jagt, hauen die Briten gefühlt eine geniale Serie nach der nächsten raus und sie scheuen auch nicht vor ziemlich abgedrehten Ideen zurück, bei denen man sich auf dem Papier fragt, wer das Konzept der Serie begreifen soll. So ist in „Ashes to Ashes“ die Protagonistin eine Polizistin, die in der Gegenwart nach einer Schussverletzung ins Koma fällt, in den frühen Achtzigern erwacht und, weil sie von dem Fall ihres Kollegen Sam Tyler gelesen hat (einige kennen ihn aus der grandiosen TV-Serie „Live on Mars“), glaubt Alex Drake, dass diese Realität in ihrem Kopf stattfindet und sie die Puzzleteile zusammenfügen muss, um wieder aus dem Koma zu erwachen. Entsprechend oft kreuzen sich die verschiedenen Wirklichkeitsebenen – und sie lassen den später entstandenen Nolan-Spielfilm „Inception“ wie einen banal-verkopften Kindergarten erscheinen.

Außerdem ist „Ashes to Ashes“, wie schon „Life on Mars“ (ja, die Titel basieren auf David-Bowie-Songs), verdammt witzig. Denn in „Ashes to Ashes“ muss Alex Drake sich mit Gene Hunt, einem Polizisten, der mit seinen Schimpfkanonaden jeden beleidigt und bei der Täterjagd lustvoll auf den Rechten der Verdächtigen herumtrampelt (so meint er einmal auf Alex’s Frage, ob denn die Gewaltanwendung nötig sei: „Nein, aber es macht Spaß.“), seinen etwas doofen, zwischen Arbeitseifer, Arbeitsverweigerung und Macho-Ausflügen schwankenden Kollegen und dem damaligen Stand der Polizeiarbeit herumärgern. Denn 1983, dem Jahr, in dem die dritte und auch letzte „Ashes to Ashes“-Staffel spielt, gab es noch nichts, was heute die Polizeiarbeit erleichtert: keine DNA-Spuren, keine Telefonüberwachung im heutigen Stil, keine Handydaten und keine Computer. Also jedenfalls nicht das, was wir heute unter Computer verstehen. Und Frauen im Polizeidienst waren für die lästigen Tipparbeiten zuständig.

Gerade dieser Zusammenprall zwischen unserem heutigen Wissen über die Ereignisse, die 1983 noch in der Zukunft lagen (wie dem Ende der Apartheid und dass der Terrorist Mandela zum geachteten Staatschef wurde) und dem damaligen Wissen, den heute allgemein akzeptierten Werten und den damaligen gesellschaftlich akzeptierten Ansichten über linke politische Bewegungen, Frauenrechte und erfolgreiche Polizeiarbeit, die von den Machern in jeder Beziehung, garniert mit einer grandiosen Songauswahl und zahlreichen popkulturellen Anspielungen, lustvoll überhöht werden, liegt der große Witz der Serie. Ebenso lustvoll zitieren die Macher damalige Krimiserien, wie „Die Füchse“ (The Sweeney), „Die Profis“ (The Professionals) und „Miami Vice“, und ihre Klischees. So fährt Gene Hunt immer mit überhöhter Geschwindigkeit und quietschenden Reifen zum Ziel, egal ob es ein Tatort oder ein Pubbesuch ist, und seine Schimpfkanonaden und Beleidigungen werden immer exzessiver. Sein Alkoholkonsum ebenso. Drake scheint sich in der dritten „Ashes to Ashes“-Staffel damit arrangiert zu haben. Inzwischen fühlt sie sich in diesem Team ganz wohl und gemeinsam lösen sie den Fall der Woche. Nur wenige Bilder durchbrechen diese liebevoll rekonstruierte 80er-Jahre-Realität und zeigen, dass diese Welt nicht ganz real ist. Aber diese Realität spielt sich nicht nur im Kopf von Alex Drake ab. Ihre Arbeitskollegen haben ähnliche Visionen. Fast jeder Charakter scheint eine doppeldeutige Unterhaltung mit ihr zu führen und verborgene Absichten zu haben.

Und weil die Macher von „Ashes to Ashes“ von Anfang an wussten, dass – ungeachtet des großen Erfolgs – die dritte Staffel auch die letzte sein sollte, in der die offenen Fragen von „Life on Mars“ und „Ashes to Ashes“ beantwortet werden, konnten sie das Finale gut vorbereiten. Das taten sie auch und die episodische Erzählweise, die eigentlich keine Hinweise auf das Ende gibt, wird in der letzten Folge schlüssig erklärt.

Ashes to Ashes“ ist eine tolle Serie, die sich auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs verabschiedete. Die dritte und finale Staffel setzt die vorherigen beiden Staffeln würdig fort und beendet sie fulminant, indem sie überraschend, aber auch stimmig aufklärt, in welcher Welt Sam Tyler und Alex Drake gelandet sind und ob Gene Hunt Sam Tyler ermordete.

Es gibt nur einen riesengroßen Wermutstropfen: Gene Hunt darf nicht mehr weiter ermitteln. Und wir werden Sätze wie diesen vermissen: „No tea and no fags until you start talking, shitstick!“

Ashes to Ashes - Staffel 3

Ashes to Ashes – Zurück in die 80er – Staffel 3 (Ashes to Ashes, GB 2010)

Regie: David Drury (Folge 1, 2, 7, 8), Alrick Riley (Folge 3, 4), Jamie Payne (Folge 5, 6)

Drehbuch: Matthew Graham (Folge 1, 8), Ashley Pharoah (Folge 2, 7), Julie Rutterford (Folge 3), Jack Lothian (Folge 4), Tom Butterworth (Folge 5), Chris Hurford (Folge 5), James Payne (Folge 6)

Idee: Matthew Graham, Ashley Pharoah

mit Keeley Hawes (Alex Drake), Philip Glenister (Gene Hunt), Dean Andrews (Ray Carling), Marshall Lancaster (Chris Skelton), Montserrat Lombard (Shaz Granger), Joseph Long (Luigi), Geff Francis (Viv James), Daniel Mays (Jim Keats)

DVD

Polyband

Bild: 16:9 (1,78:1)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Dust to Dust: Making of (im englischen Original mit deutschen Untertiteln) (23 Minuten)

Länge: 400 Minuten (8 Episoden à 50 Minuten, 3DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

BBC über „Ashes to Ashes“

BBC Germany über „Ashes to Ashes“

Fox Channel (Deutschland) über “Ashes to Ashes”

Wikipedia über „Ashes to Ashes“ (deutsch, englisch)

Kriminalakte: Einige Gene-Hunt-Parodien und das Original

Meine Besprechung von „Ashes to Ashes – Zurück in die 80er – Staffel 1“ (Ashes to Ashes, GB 2008)

Meine Besprechung von „Ashes to Ashes – Zurück in die 80er – Staffel 2″ (Ashes to Ashes, GB 2009)


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