Neu im Kino/Filmkritik: „How to party with Mom“ Melissa McCarthy

Juli 6, 2018

Deanna ist Melissa McCarthy und Melissa McCarthy spielt diese Mutter einer College-Schülerin, die nach über zwanzig Jahren von ihrem Mann verlassen wurde, genau so, wie man sie aus ihren zahlreichen anderen Komödien kennt: laut, schamlos und ohne Hemmungen. Ständig plappernd und mit einer Kleiderauswahl, die in ihrer Trutschigkeit schon vor einem halben Jahrhundert unter ‚geschmacklos‘ lief. Vor allem wenn man sie mit Kinderpullovern und Oma-Frisuren kombiniert wird.

Nachdem Deanna von ihrem Mann verlassen wurde, entschließt sie sich, ihr Studium zu beenden. Das hatte sie kurz vor ihrem Abschluss für ihren Mann und ihr Kind abgebrochen. Die letzten Uni-Scheine will sie mit allem machen, was zu einem Studium dazugehört, wie dem Einzug in ein Zwei-Bett-Zimmer in einem Verbindungshaus (Oder müssen in den USA Studierende auf dem Campus in nach Geschlechtern getrennten Häusern leben?).

Diese Prämisse ist für Melissa McCarthy (auch Drehbuch und Produktion) und ihren Mann Ben Falcone (wieder Regie, Drehbuch, Produktion und ein Cameo als Uber-Fahrer) die Ausgangslage für einige Slapstick-Einlagen, die üblichen Uni-Witze, etwas Sex-Klamauk, einige mütterliche Ratschläge und elterliche Peinlichkeiten. Zum Beispiel wenn Deanna den Mitbewohnerinnen ihrer Tochter ein Jugenderlebnis ihrer Tochter erzählt, das für sie extrem peinlich ist.

Diese Szene ist auch eine der wenigen Szenen in „How to party with Mom“, die auf jeder Ebene das Potential der Geschichte andeuten. Es hätte ein Film über verlorene Träume, zweite Chancen, Mutter-Tochter-Beziehungen und wie sich der Blick auf Dinge mit zunehmendem Alter verändert, sein können. Es hätte auch ein Film sein können, der zeigt, wie sich die USA in den vergangenen zwanzig, dreißig Jahren veränderte. Aber nichts davon wurde auch nur versucht.

Es wurde stattdessen ein Starvehikel, das weit unter seinen Möglichkeiten bleibt und der immer, reichlich lustlos und ohne irgendwelche Ambitionen, die offensichtlichen Gags abgreift, während Melissa McCarthy Melissa McCarthy ist. So wirkt „How to party with Mom“ wie eine Geldkuh, die pflichtschuldig noch einmal gemolken wird, indem den Fans das gegeben wird, was sie erwarten.

How to party with Mom (Life of the Party, USA 2018

Regie: Ben Falcone

Drehbuch: Melissa McCarthy, Ben Falcone

mit Melissa McCarthy, Gillian Jacobs, Maya Rudolph, Julie Bowen, Matt Walsh, Molly Gordon, Jessie Ennis, Adria Arjona, Debby Ryan, Chris Parnell, Damon Jones, Stephen Root, Jacki Weaver, Ben Falcone

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „How to party with Mom“

Metacritic über „How to party with Mom“

Rotten Tomatoes über „How to party with Mom“

Wikipedia über „How to party with Mom“

Meine Besprechung von Ben Falcones „Tammy – Voll abgefahren“ (Tammy, USA 2014)

Meine Besprechung von Ben Falcones „The Boss“ (The Boss, USA 2016)

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Neu im Kino/Filmkritik: „The Disaster Artist“ erzählt die Geschichte eines schlechten Films

Februar 1, 2018

Wer sich regelmäßig auf US-Kinoseiten herumtreibt, hat schon von Tommy Wiseaus Film „The Room“ gehört. Das Werk wurde zum Kinostart 2003 von den Kritikern einhellig verrissen und war hundertfünfzigprozentiges Kassengift. Im Gegensatz zu vielen anderen schlechten Filmen, die schnell vergessen werden, hat „The Room“, dank der Mundpropaganda, seitdem ein langes Leben in Mitternachtsvorstellungen. Noch heute läuft er regelmäßig in den USA in Kinos und die Macher werden zu Kinotouren eingeladen. Das scheint dann ein kollektives Bad-Taste-Erlebnis zu sein.

In Deutschland haben wir, weil „The Room“ nie bei uns veröffentlicht wurde, davon nichts mitbekommen.

Bis jetzt.

Denn mit James Francos „The Disaster Artist“ erfahren wir, wie „The Room“ entstand.

Die Geschichte beginnt 1998 in San Francisco. Bei einem Theaterworkshop lernen sich der neunzehnjährige Greg Sestero und der deutlich ältere Tommy Wiseau kennen. Wiseau schockiert mit einer rohen Performance die anderen Kursteilnehmer. Sestero ist begeistert über diesen ungefilterten Gefühlsausbruch des Einzelgängers. Sie befreunden sich und ziehen gemeinsam nach Los Angeles, um dort eine Schauspielerkariere zu beginnen. Sestero kann in Wiseaus großer Wohnung in West Hollywood leben.

Als sie nach Jahren vergeblicher Vorsprechtermine immer noch auf den Durchbruch warten – wobei Sestero öfter Vorsprechtermine hat und ihm jeder rät, seine Beziehung zu dem sinisteren Wiseau zu beenden – schlägt Wiseau Sestero vor, gemeinsam einen Film zu drehen. Das Geld habe er.

Nach einem Drehbuch von Wiseau beginnen sie, mit Wiseau als Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller, mit den Dreharbeiten zu „The Room“; einem auf dem Papier kleinen Film, der schnell dank Wiseaus Wesen – er hat keine Ahnung, er ist von sich selbst überzeugt, er ist unbelehrbar, er ist egozentrisch und ängstlich – für alle Beteiligten zu einem, immerhin bezahlten Höllentrip wird, der nichts, aber auch überhaupt nichts mit einem auch nur halbwegs professionellem Dreh zu tun hat.

James Franco erzählt diese Geschichte mit sich als Wiseau als Kömodie mit ernsten Zwischentönen aus und über Hollywood und über eine Freundschaft. Mit seinem Bruder Dave Franco als Sestero und vielen bekannten Schauspielern in oft kleinen Rollen. Einige treten nur am Anfang auf und geben die aus Dokumentarfilmen bekannten Eingangsstatements ab, in denen sie erzählen, wie beeindruckend das Werk ist.

Diese Herangehensweise behält James Franco bei. Er inszenierte „The Disaster Artist“ wie eine „Making of“-Doku, die Jahre nach dem ursprünglichen Film angefertigt wurde und daher einen halbwegs objektiven, aber immer positiven Blick auf den Film hat. Das ist informativ, aber auch etwas oberflächlich – und, vor allem bei den Dreharbeiten für „The Room“, witzig.

Wie Tim Burtons „Ed Wood“ ist James Francos „The Disaster Artist“ eine Liebeserklärung an den Enthusiasmus eines Machers, der sich durch Widerstände nicht beirren lässt und an sein Werk glaubt. Wobei Tommy Wiseau schon ein sehr spezieller Charakter ist, der über das (aus unklarer Quelle kommende) Geld, aber nicht über das Talent verfügt. Offiziell soll „The Room“ sechs Millionen Dollar gekostet haben, wel Wiseau einfach das Geld zum Fenster herauswarf.

Francos Film hat, zum Vergleich, zehn Millionen Dollar gekostet und jeder Cent wurde klug investiert.

Obwohl Franco viel über die Dreharbeiten und die Freundschaft zwischen Sestero und Wiseau erzählt, bleibt unklar, warum Greg Sestero Tommy Wiseau so sehr bewundert. Damals und heute immer noch. Aber echte Freundschaften sind auch immer, wie eine Liebe, etwas unerklärlich. Denn Wiseau als Alice-Cooper-Lookalike mit starkem Akzent (Uh, wie der wohl synchronisiert wurde?) und einem Benehmen, das ihn als missratenen Nachfahren eines osteuropäischen Vampirgeschlechts ausweist (obwohl Wiseau, was sich schnell zu einem Running Gag entwickelt, behauptet, aus New Orleans zu kommen), ist wirklich der unwahrscheinlichste Typ, den man sich am Beginn seiner Karriere zum Freund aussucht. Allerdings, und das wird am Anfang von „The Disaster Artist“ gezeigt, legt Wiseau im Theaterworkshop einen beeindruckend enthemmten Auftritt hin und er ist die einzige Person, die an Sestero glaubt.

Am Ende des Dramas stellt Franco Szenen aus Tommy Wiseaus „The Room“ und den Re-Enactments in „The Disaster Artist“ gegenüber. Diese Gegenüberstellung zeigt, wie präzise sie die Szenen nachstellten und wie sehr auch Mist, wenn er von guten, engagierten Schauspielern gespielt wird, an Qualität gewinnt.

The Disaster Artist (The Disaster Artist, USA 2017)

Regie: James Franco

Drehbuch: Scott Neustadter, Michael H. Weber

LV: Greg Sestero, Tom Bissell: The Disaster Artist: My Life Inside the Room, the Greatest Bad Movie Ever Made, 2003

mit James Franco, Dave Franco, Seth Rogen, Alison Brie, Art Graynor, Jacki Weaver, Josh Hutcherson, Zac Efron, Bryan Cranston, Sharon Stone, Melanie Griffith, Zoey Deutsch, Kristen Bell, Adam Scott, Zach Braff, J. J. Abrams (teilweise nur Cameos)

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Disaster Artist“

Metacritic über „The Disaster Artist“

Rotten Tomatoes über „The Disaster Artist“

Wikipedia über „The Disaster Artist“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 26. August: Stoker (+ DVD-Tipp „Die Taschendiebin“)

August 26, 2017

Pro 7, 22.20

Stoker (Stoker, USA 2012)

Regie: Park Chan-Wook

Drehbuch: Wentworth Miller

Die achtzehnjährige India Stoker möchte ungestört trauern. Da taucht der allen unbekannte Bruder ihres tödlich verunglückten Vaters auf. India lehnt Onkel Charlie ab. Ihre Mutter ist dagegen aufgeschlossen. Und dann geschehen einige Dinge, die die Beziehung zwischen India und Onkel Charlie grundlegend verändern.

Ein wunderschönes Kunstwerk, das ein sehr intelligentes Update von Alfred Hitchcocks „Im Schatten des Zweifels“ ist.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Thrillers.

mit Mia Wasikowska, Matthew Goode, Dermot Mulroney, Jacki Weaver, Nicole Kidman, Phyllis Sommerville

Wiederholung: Sonntag, 27. August, 01.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Stoker“

Metacritic über „Stoker“

Rotten Tomatoes über „Stoker“

Wikipedia über „Stoker“ (deutsch, englisch)

Bonushinweis

Seit kurzem ist Park Chan-wooks neuer Film „Die Taschendiebin“ auf DVD und Blu-ray erhältlich. In dem ruhig erzählten Krimidrama mit einige erzählerischen Finessen erzählt er in wunderschönen Bildern die Geschichte von dem jungen und naiven Dienstmädchen Sookee, das im Korea der dreißiger Jahre auf einem einsam gelegenem Anwesen Lady Hideko dienen soll. Sie lebt dort mit ihrem Onkel, der über eine große Bibliothek erotischer Bücher verfügt, die er in besonderen Lesungen meistbietend verkauft.

Sookee ist allerdings kein normales Dienstmädchen, sondern eine Betrügerin die alles für Graf Fujiwara vorbereiten soll. Der Graf will Lady Hideko verführen, heiraten und um ihr Vermögen bringen. Aber auch Sookee verliebt sich in die Hausherrin.

Das Bonusmaterial der normalen DVD besteht aus einigen kurzen, eher belanglosen Featurettes. Es gibt auch eine auf 2000 Stück limitierte Sammleredition mit einem 140-seitigem Fotobuch mit Bildern von Set, der unveröffentlichten, 23 Minuten längeren Langfassung (die noch gelungener als die Kinofassung sein soll), Park Chan-wooks halbstündigem Kurzfilm „Night Fishing“ und ein einstündiges, beim London Filmfestival geführtes Interview mit Park Chan-wook.

Die Taschendiebin (The Handmaiden, Südkorea 2016)

Regie: Park Chan-wook

Drehbuch: Seo-kyeong Jeong, Park Chan-wook

LV: Sarah Waters: Fingersmith, 2002 (Solange du lügst)

mit Kim Min-hee, Kim Tae-ri, Ha Jung-woo, Cho Jin-woong, Kim Hae-sook, Moon So-ri

DVD

Koch Media

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Koreanisch/Japanisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: mehrere kurze Featurettes

Länge: 139 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Die Taschendiebin“

Metacritic über „Die Taschendiebin“

Rotten Tomatoes über „Die Taschendiebin“

Wikipedia über „Die Taschendiebin“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Park Chan-wooks “Stoker” (Stoker, USA 2012)


DVD-Kritik: Höre nicht auf „The Voices“!

Oktober 7, 2015

Zum Filmstart schrieb ich über den neuen Film der „Persepolis“-Regisseurin:
Der Trailer verrät eines: „The Voices“ ist kein „kann man sich ansehen“-Film. Er kann nur grandios sein. Unklar ist nur, ob er grandios grandios oder nur grandios gescheitert ist.
Denn Marjane Satrapis Film ist eine äußerst schwarzhumorige Komödie, die uns direkt in den Kopf von Norman Bates hineinversetzt. Wobei Norman Bates hier Jerry heißt, in einer Kleinstadt in Michigan in einer Fabrik für Sanitärbedarf als kleiner Arbeiter arbeitet, immer freundlich ist, sich, während die pinkfarbenen Gabelstapler ein Ballett auführen, sein Leben in den buntesten Bonbonfarben ausmalt, und seiner Psychotherapeutin treuherzig versichert, dass er selbstverständlich die von ihr verschriebenen Pillen nimmt, von seiner Schizophrenie geheilt ist, schon erste Freundschaften bei der Arbeit geschlossen hat, das Betriebsfest mitorganisieren darf und niemand etwas von seiner Vergangenheit weiß.
Das klingt doch sehr beruhigend und ziemlich normal; wenn er sich in seiner billigen Junggesellenwohnung nicht mit Bosco und Mr. Whiskers unterhalten würde. Bosco ist ein gutmütiger, sensibler und vernünftiger Hund. Mr. Whiskers eine sarkastische, komplett amoralische Katze, die mit ihren zynischen Sprüchen Jerry unverblümt als kleinen, feigen Wurm abkanzelt.
Diese Gespräche gingen ja noch, wenn nicht Jerrys erstes Quasi-Date mit der Firmenbuchhalterin Fiona grotesk aus dem Ruder laufen würde. Am Ende ist sie, verursacht durch einige Missverständnisse und einen dummen Zufall, tot. Jerry lagert ihren Kopf, der sich mit ihm unterhält, im Kühlschrank zwischen und das ist nicht der letzte weibliche Kopf, der in seinem Kühlschrank landet. Denn Fionas Kolleginnen sind neugierig und Jerry ist ja, in seiner Selbstwahrnehmung, so sympathisch als Junggeselle in einer blitzeblanken Wohnung, der Fiona gerne ihren Wunsch nach etwas Gesellschaft erfüllt.
Marjane Satrapi (Persepolis, Huhn mit Pflaumen) inszenierte die schwarze Komödie über einen scheinbar harmlosen Serienmörder über große Strecken im Stil einer Fünfziger-Jahre-Hollywood-Komödie oder eines Disney-Films, bis dann irgendwann die Wirklichkeit einbricht und wir Jerrys Wohnung (und die Welt) nicht mehr aus seiner subjektiven, sondern aus der objektiven Perspektive sehen.
Und Ryan Reynolds (The Nines, Buried, Safe House, Green Lantern und irgendwann demnächst Deadpool) spielt diesen Mörder mit einem veritablen Sprung in der Schüssel als höflichen Jungen von nebenan. So wie Anthony Perkins Norman Bates als höflichen, von seiner Mutter unterdrückten Jungen spielte. Jerry wird dagegen von einem Kater drangsaliert. Was ist schlimmer?
„The Voices“ ist ein grandioser Film. Jedenfalls wenn euch der Trailer und die Idee von sprechenden Tieren und Köpfen gefällt.

Das Bonusmaterial der DVD ist mit drei kurzen Featurettes, die es auch online gibt, erschreckend sparsam ausgefallen.
Immerhin gibt es, auch wenn es das inzwischen öfter gibt, eine Audiodeskription für Sehbehinderte.
Bosco würde sagen, wichtig sei schließlich der Film.
Mr. Wiskers…

The Voices - DVD-Cover

The Voices (The Voices, USA/Deutschland 2014)
Regie: Marjane Satrapi
Drehbuch: Michael R. Perry
mit Ryan Reynolds, Gemma Arterton, Anna Kendrick, Jacki Weaver, Ella Smith, Paul Chahidi, Stanley Townsend ,Adi Shankar, Sam Spruell

DVD
Ascot Elite
Bild: 2.39:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial: 3 Featurettes, Originaltrailer, Deutscher Trailer, Teaser, Wendecover, Audiodeskription für Sehbehinderte
Länge: 101 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Englische  Facebook-Seite zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Voices“
Moviepilot über „The Voices“
Metacritic über „The Voices“
Rotten Tomatoes über „The Voices“
Wikipedia über „The Voices“

Meine Besprechung von Marjane Satrapis „The Voices“ (The Voices, USA/Deutschland 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: Ryan Reynolds hört „The Voices“

Mai 1, 2015

Der Trailer verrät eines: „The Voices“ ist kein „kann man sich ansehen“-Film. Er kann nur grandios sein. Unklar ist nur, ob er grandios grandios oder nur grandios gescheitert ist.
Denn Marjane Satrapis Film ist eine äußerst schwarzhumorige Komödie, die uns direkt in den Kopf von Norman Bates hineinversetzt. Wobei Norman Bates hier Jerry heißt, in einer Kleinstadt in Michigan in einer Fabrik für Sanitärbedarf als kleiner Arbeiter arbeitet, immer freundlich ist, sich, während die pinkfarbenen Gabelstapler ein Ballett auführen, sein Leben in den buntesten Bonbonfarben ausmalt, und seiner Psychotherapeutin treuherzig versichert, dass er selbstverständlich die von ihr verschriebenen Pillen nimmt, von seiner Schizophrenie geheilt ist, schon erste Freundschaften bei der Arbeit geschlossen hat, das Betriebsfest mitorganisieren darf und niemand etwas von seiner Vergangenheit weiß.
Das klingt doch sehr beruhigend und ziemlich normal; wenn er sich in seiner billigen Junggesellenwohnung nicht mit Bosco und Mr. Whiskers unterhalten würde. Bosco ist ein gutmütiger, sensibler und vernünftiger Hund. Mr. Whiskers eine sarkastische, komplett amoralische Katze, die mit ihren zynischen Sprüchen Jerry unverblümt als kleinen, feigen Wurm abkanzelt.
Diese Gespräche gingen ja noch, wenn nicht Jerrys erstes Quasi-Date mit der Firmenbuchhalterin Fiona grotesk aus dem Ruder laufen würde. Am Ende ist sie, verursacht durch einige Missverständnisse und einen dummen Zufall, tot. Jerry lagert ihren Kopf, der sich mit ihm unterhält, im Kühlschrank zwischen und das ist nicht der letzte weibliche Kopf, der in seinem Kühlschrank landet. Denn Fionas Kolleginnen sind neugierig und Jerry ist ja, in seiner Selbstwahrnehmung, so sympathisch als Junggeselle in einer blitzeblanken Wohnung, der Fiona gerne ihren Wunsch nach etwas Gesellschaft erfüllt.
Marjane Satrapi (Persepolis, Huhn mit Pflaumen) inszenierte die schwarze Komödie über einen scheinbar harmlosen Serienmörder über große Strecken im Stil einer Fünfziger-Jahre-Hollywood-Komödie oder eines Disney-Films, bis dann irgendwann die Wirklichkeit einbricht und wir Jerrys Wohnung (und die Welt) nicht mehr aus seiner subjektiven, sondern aus der objektiven Perspektive sehen.
Und Ryan Reynolds (The Nines, Buried, Safe House, Green Lantern und irgendwann demnächst Deadpool) spielt diesen Mörder mit einem veritablen Sprung in der Schüssel als höflichen Jungen von nebenan. So wie Anthony Perkins Norman Bates als höflichen, von seiner Mutter unterdrückten Jungen spielte. Jerry wird dagegen von einem Kater drangsaliert. Was ist schlimmer?
„The Voices“ ist ein grandioser Film. Jedenfalls wenn euch der Trailer und die Idee von sprechenden Tieren und Köpfen gefällt.

The Voices - Plakat

The Voices (The Voices, USA/Deutschland 2014)
Regie: Marjane Satrapi
Drehbuch: Michael R. Perry
mit Ryan Reynolds, Gemma Arterton, Anna Kendrick, Jacki Weaver, Ella Smith, Paul Chahidi, Stanley Townsend ,Adi Shankar, Sam Spruell
Länge: 109 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Englische  Facebook-Seite zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Voices“
Moviepilot über „The Voices“
Metacritic über „The Voices“
Rotten Tomatoes über „The Voices“
Wikipedia über „The Voices“

Und noch etwas Kleinkram


Neu im Kino/Filmkritik: Woody Allen sucht „Magic in the Moonlight“

Dezember 4, 2014

Allein schon das Licht an der Côte d’Azur rechtfertigt den Dreh in Südfrankreich und seit den seeligen Stummfilmtagen verzichtete wohl kein Hollywood-Regisseur auf die Gelegenheit, vor Ort zu drehen. Auch Woody Allen drehte seinen neuesten Film „Magic in the Moonlight“ wieder vor Ort und in der Geschichte knüpft er an seine früheren, in den zwanziger und dreißiger Jahren spielenden Filmen, wie „Im Bann des Jade-Skorpions“ (2000) und „Bullets over Broadway“ (1994) an. Auch „Scoop“ (2006), obwohl in der Gegenwart spielend, passt in diese Reihe von Retro-Kriminalkomödien mit einer Tendenz zum Übersinnlichen.
„Magic in the Moonlight“ beginnt in einem wundervollen Studio-Berlin (halt so, wie Hollywood sich damals die verruchte deutsche Hauptstadt vorstellte) während einer Zaubershow von Wei Ling So. Noch während das Publikum applaudiert, mosert der Zauberer hinter der Bühne an den Leistungen seiner Angestellten herum und er schminkt sich ab. Denn in Wirklichkeit ist er ein Engländer, Stanley Crawford (Colin Firth), der nie um eine spitze, zynische und sarkastische Bemerkung verlegen ist. Sein Freund Howard Burkan (Simon McBurney) bittet den von sich und seiner rationalen Weltsicht hundertzehnprozentig überzeugten Zauberer in einem verrauchten Kabarett, während im Hintergrund eine Sängerin wimmert, um Hilfe. Denn an der Riviera ist ein Medium aufgetaucht, das anscheinend wirklich über besondere Fähigkeiten verfügt. Crawford hält sie für eine Schwindlerin und er macht sich, als Stanley Taplinger, auf den Weg nach Südfrankreich. Dort trifft er diese Schwindlerin, die Wahrsagerin Sophie Baker (Emma Stone), die ihn auch gleich mit ihrem charmanten Wesen verzückt und Dinge über ihn weiß, die sie nicht wissen kann.
In „Magic in the Moonlight“ gibt es alles das, was wir an einem Woody-Allen-Film mögen: eine Parade bekannter Schauspieler in glänzender Spiellaune, Pointen im Dutzend, einen kleinen, angenehm altmodischen Krimiplot, etwas Romantik, Jazz und eine Liebeserklärung an Hollywoods große Zeit. Aber dieses Mal übertreibt Allen es mit seiner Liebeserklärung an das Hollywood-Kino der dreißiger Jahre etwas. Denn er übernahm auch die damaligen Plotkonstruktionen, die oft einfach eine Abfolge von Szenen waren, die man beliebig austauschen kann. Entsprechend oft und unmotiviert sind in „Magic in the Moonlight“ die Wendungen und manchmal hat man sogar den Eindruck, dass eine Filmspule vergessen oder vertauscht wurde.
Vor allem die Wandlungen von Stanley Crawford, die die Geschichte bestimmen, kommen viel zu plötzlich und zu oft, um glaubwürdig zu sein. So ist der Skeptiker, ungefähr in der Filmmitte, plötzlich von Sophies Visionen überzeugt, kurz darauf, aus einem ähnlich nichtigen Grund, plötzlich wieder vom Gegenteil und bis zum Filmende darf er seine Überzeugung öfter wechseln, als andere Menschen ihre Unterhosen wechseln. Dabei geht er hier nicht um einen kleinen Meinungswechsel, sondern um eine vollkommene Veränderungen seiner gesamten Weltsicht.
Einiges, wie das für die Filmgeschichte vielversprechende Gespräch einer wohlhabenden Hausherrin mit der Mutter des Mediums über die Vermögensanlage entsprechend den Wünschen des verstorbenen Gatten, wird später nicht mehr erwähnt.
In diesen Momenten wünschte ich mir, dass Woody Allen sich, wie bei „Match Point“ oder „Midnight in Paris“, mehr Mühe mit seinem Drehbuch gegeben hätte. In „Magic in the Moonlight“ belässt er es einfach beim durchaus charmanten, aber auch etwas lieblosen Präsentieren der bekannten Versatzstücke. So ist sein neuester Film ein Zwischenhappen, bei dem man, aufgrund der vielen unmotivierten Wendungen, zunehmend das Interesse an der Lösung, also ob das Paar ein Paar wird und ob Sophie eine Betrügerin ist, verliert.

Magic in the Moonlight - Plakat

Magic in the Moonlight (Magic in the Moonlight, USA 2014)
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen
mit Colin Firth, Emma Stone, Simon McBurney, Eileen Atkins, Jacki Weaver, Hamisch Linklater, Marcia Gay Harden, Ute Lemper, Erica Leerhsen, Jeremy Shamos
Länge: 98 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Magic in the Moonlight“
Moviepilot über „Magic in the Moonlight“
Metacritic über „Magic in the Moonlight“
Rotten Tomatoes über „Magic in the Moonlight“
Wikipedia über „Magic in the Moonlight“

Homepage von Woody Allen

Deutsche Woody-Allen-Seite

Meine Besprechung von Robert B. Weides „Woody Allen: A Documentary“ (Woody Allen: A Documentary, USA 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “To Rome with Love” (To Rome with Love, USA/Italien 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “Blue Jasmine” (Blue Jasmine, USA 2013)

Meine Besprechung von John Turturros „Plötzlich Gigolo“ (Fading Gigolo, USA 2013 – mit Woody Allen)

Kriminalakte über Woody Allen


TV-Tipp für den 5. August: Picknick am Valentinstag

August 5, 2013

 

Arte, 20.15

Picknick am Valentinstag (Australien 1975, R.: Peter Weir)

Drehbuch: Cliff Green

LV: Joan Lindsay: Picnic at Hanging Rock, 1967

Valentinstag 1900: Warum verschwanden während eines Ausflugs zum Hanging Rock drei Internatsschülerinnen?

Ein Klassiker des australischen Kinos und der Film, der die Weltkarriere von Pete Weir („Der einzige Zeuge“) startete.

Mehr in meiner ausführlichen Filmkritik.

mit Rachel Roberts, Vivean Gray, Helen Morse, Kirsty Child, Anthony Llewellyn-Jones, Jacki Weaver, Frank Gunnell, Anne Lambert, Karen Robson

Hinweise

Wikipedia über Peter Weir (deutsch, englisch)

Senses of Cinema über Peter Weir

The Peter Weir Cave (eine Fanseite)

Peter Weir in der Kriminalakte

 

Meine Besprechung von „Picknick am Valentinstag“ (Picnic at Hanging Rock, Australien 1975) (mit mehreren Interviews)

 

 


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