Neu im Kino/Filmkritik:“The Grudge“ will wieder erschrecken

Januar 10, 2020

Angesichts der vielen „Ju-On“- und „The Grudge“-Filme, -Romane und -Comics ist es fast müßig, darüber nachzudenken, ob Nicolas Pesces „The Grudge“ jetzt ein Remake, ein Reboot oder eine Weitererzählung von Takashi Shimizus Horrorfilm „Ju-On: The Grudge“ ist. Letztendlich kann man es als Weitererzählung, die mit den bekannten Topoi spielt, bezeichnen.

2004 verlässt eine US-Amerikanerin in Tokio ein Haus, in dem anscheinend Schreckliches geschah. Sie kehrt zurück in die USA. Dort geht die Geschichte der mörderische Schrecken verbreitenden Hausgeister weiter.

2006 wird in einem Wald ein Auto mit einer mumifizierten Leiche entdeckt. Schnell wird ein Zusammenhang mit einem Haus in der 44 Reyburn Drive offensichtlich. Dort geschahen in den vergangenen Jahren so schreckliche Dinge, dass der damalige Ermittler Goodman (Demián Bichir) nicht darüber reden will. Also liest seine neue Kollegin Muldoon (Andrea Riseborough) die Akten. Sie ist neu in der Stadt, Single und Mutter eines ungefähr siebenjährigen Jungen, den sie über alles liebt.

In zwischen 2004 und 2006 spielenden Rückblenden erzählt Nicolas Pesce („The Eyes of my Mother“) dann, was damals in dem Haus geschah. Gleichzeitig kehren die Grudge-Geister zurück.

Dabei springt Pesce immer wieder nahtlos zwischen den verschiedenen Zeitebenen, Realität und Imagination hin und her. Nur langsam fügen sich die verschiedenen Teile der insgesamt vier parallel erzählten Geschichten zusammen. Entsprechend lange dauert es, bis deutlich ist, wie die Geschichten miteinander zusammenhängen.

Daraus entsteht allerdings keine Spannung. Die Story funktioniert vorne und hinten nicht.

Das liegt vor allem an der dummen Idee, den Film auf mehreren Zeitebenen spielen zu lassen. So werden Figuren eingeführt und dann lange nicht mehr beachtet. Das gilt vor allem für Muldoons Sohn. Er ist schon in seiner ersten Szene dafür prädestiniert, eine wichtige Rolle zu übernehmen. Aber die meiste Zeit ist er noch nicht einmal im Bild.

Es gibt Set-up-Szenen, die zu nichts führen. Sie wirken wie Überbleibsel aus einem früheren Drehbuch. Zum Beispiel wenn Muldoons Sohn auf Polizeistation ist und Muldoons Partner Goodman ihn zum Filme gucken in ein Nebenzimmer führt. Die überhaupt nicht kindgerechte Filmauswahl, – „French Connection“ oder „Nur 48 Stunden“ – sorgt für einen Lacher. Aber die in diesem Moment angedeutete Beziehung zwischen den beiden wird später nicht fortgeführt und auch nicht mehr erwähnt. Letztendlich erinnert uns diese Szene nur daran, dass Muldoon einen Sohn hat.

Immer wieder verhalten sich die Figuren vollkommen idiotisch. So flüchtet der Häusermakler Peter Spencer (John Cho) einmal vor einem Geist in einen Schrank, anstatt fluchtartig das Haus zu verlassen. Diese und ähnliche Szenen werden in Aufführungen sicher lautstark kommentiert.

Und es ist völlig rätselhaft, wer warum von dem Grudge besessen wird. So ist aus ungeklärten Gründen Goodman immun gegen die Geister, während sein früherer Kollege Wilson (William Sadler), der jetzt mit einem Gesicht, das Batman-Schurken vor Neid erblassen lässt, in der örtlichen Irrenanstalt (die ebenfalls aus einem Batman-Film stammen könnte) sitzt, und Goodmans jetzige Kollegin Muldoon von den Geistern verfolgt werden.

Und Lin Shaye darf seltsame Geräusche von sich geben, seltsam agieren und sich die Finger abschneiden.

Immerhin gibt es für den anspruchslosen und schreckhaften Horrorfilmfan, wenn die Geister sich manifestieren und plötzlich fürchterliche oder laute Geräusche ertönen, etliche Schreckmomente. Das ist vorhersehbar, aber trotzdem sorgt Pesce hier für genug Momente, in denen man zusammenzucken kann und er baut hier die Spannung auch gut auf. Wer von einem Horrorfilm nur eine bestimmte Menge Jumpscares erwartet, wird sie erhalten.

Als Cineast kann man sich auch an der schönen Fotografie erfreuen. Viele Bilder erinnern an kunstvoll arrangierte Fotografien.

Und hier werden alle wichtigen Rollen von Erwachsenen gespielt. Sie haben Kinder. Sie sind seit einem halben Jahrhundert in einer festen Beziehung. Sie sind keine Teenager, die durch einen 08/15-Horrorfilm gejagt und getötet werden. Besser macht es den Film nicht.

The Grudge (The Grudge, USA 2020)

Regie: Nicolas Pesce

Drehbuch: Nicolas Pesce (nach einer Geschichte von Nicolas Pesce und Jeff Buhler)

mit Andrea Riseborough, Demián Bichir, John Cho, Lin Shaye, Jackie Weaver, William Sadler, Tara Westwood, Zoe Fish, John J. Hansen, Betty Gilpin, Frankie Faison

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „The Grudge“

Metacritic über „The Grudge“

Rotten Tomatoes über „The Grudge“

Wikipedia über „The Grudge“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Widows – Tödliche Witwen“, tote Männer und ein todsicherer Plan

Dezember 8, 2018

Steve McQueens neuer Film beginnt mit friedlichen Bildern von Männern, die sich von ihren Frauen verabschieden und zur Arbeit gehen. Ihre Arbeit ist allerdings etwas ungewöhnlich: sie sind Profi-Einbrecher und bei diesem Einbruch geht einiges schief. Sie müssen flüchten, werden von der Polizei quer durch die Stadt verfolgt und als die Polizei sie in einer Lagerhalle verhaften will, explodiert ihr Fluchtfahrzeug im Kugelhagel. Die Beute geht in Flammen auf. Die Diebe sterben.

Ihre Frauen sind die titelgebenden Witwen, die kurz darauf knietief in finanziellen Problemen stecken. Und dann fordert auch noch Jamal Manning (Brian Tyree Henry) sein Geld zurück. Denn Harry Rawlins (Liam Neeson, vor allem lebendig in Rückblenden) und seine Gang haben sein Wahlkampfgeld gestohlen. Harrys Frau Veronica Rawlins (Viola Davis) hat einen Monat, um das Geld zu beschaffen.

Weil sie das Tagebuch ihres Mannes hat, in dem er alle Informationen für seinen nächsten Einbruch akribisch notierte, besitzt sie den Plan für einen Einbruch. Jetzt braucht sie nur noch einige Informationen, wie den Standort des Gebäudes, in dem der mit einigen Millionen Dollar gefüllte Tresor steht, und einige Helferinnen. Sie denkt dabei an die anderen Frauen, die bei Harrys letztem Einbruch ebenfalls ihre Männer verloren haben. Linda (Michelle Rodriguez), deren Kleidergeschäft von ihrem Mann verzockt wurde, und Alice (Elisabeth Debicki), die von ihrem Mann als Vollzeit-Ehefrau an der kurzen Leine gehalten wurde, helfen ihr. Später stößt Belle (Cynthia Erivo), die als Friseuse und Kindermädchen für Lindas Kinder kaum über die Runden kommt, zu ihnen.

Die ursprüngliche Idee für „Widows“ ist schon ziemlich alt. Lynda La Plante hatte sie bereits in den frühen achtziger Jahren und setzte sie ziemlich zeitgleich als Roman und TV-Miniserie um. Die uns anscheinend nie gezeigte TV-Serie war 1983 ein Hit im britischen TV und 2002 die Vorlage für eine US-TV-Miniserie. La Plante erzählte die Geschichte der diebischen Frauen 1985 und 1995 in zwei weiteren TV-Miniserien weiter. „Widows“ war für sie der Beginn einer erfolgreichen Karriere. So war sie als Autorin und Produzentin für die TV-Serien „Heißer Verdacht“ (Prime Suspect) und „Der Preis des Verbrechens“ (Trial & Retribution) verantwortlich. Um nur die zwei langlebigen Serien zu nennen, die auch in Deutschland bekannter sind.

Steve McQueen sah 1983 als Jugendlicher die TV-Serie und er war von den Frauen, die ein Ding drehen, fasziniert. Das war damals brandneu. Zusammen mit „Gone Girl“-Autorin Gillian Flynn setzte er sich jetzt an eine zeitgemäße Adaption des Stoffes.

McQueen und Flynn verlegten die Geschichte nach Chicago, in die Gegenwart. Die Lokalpolitik und die sozioökonomischen Verwerfungen und Konflikte innerhalb der US-Gesellschaft sind ein wichtiger Teil der sehr dicht erzählten Geschichte, die immer wirkt, als habe man die sechsteilige TV-Serie auf kinotaugliche zwei Stunden eingedampft. Da bringt jede Szene die Geschichte erkennbar voran. Und weil McQueen zwischen mehreren Handlungssträngen jongliert, kann man sich ziemlich schnell ausmalen, wie alles miteinander zusammenhängt.

Im Mittelpunkt des Thrillers stehen die Planung und Durchführung des Coup. Aber McQueen wechselt souverän zwischen mehreren Handlungssträngen. Neben den vier Frauen, die einige Taschen voll Geld stehlen wollen, sind auch Jack Mulligan (Colin Farrell) und Jamal Manning involviert. Sie sind gerade mitten im Wahlkampf um den Posten des Stadtrats für den 18. Bezirk von Chicago. Mulligans Vater Tom (Robert Duvall) will das Wahlamt an seinen Sohn vererben. Der Afroamerikaner Manning ist ein bekannter Verbrecher, der als Stadtrat ehrbar werden und etwas für seine Gemeinde tun will.

Es sind, auch weil McQueen die einzelnen Handlungsstränge immer wieder aufspaltet, viele Episoden und Themen, die dank seiner sicheren Regie und dank des guten Drehbuchs nie zu einer chaotischen Abfolge unzusammenhängender Episoden werden. Es ist auch schön zu sehen, dass jeder Charakter, auch wenn er nur wenige Minuten Filmzeit hat, zu einer dreidimensionalen Figur entwickelt wurde.

Widows – Tödliche Witwen“ ist ein mustergültiger, elegant erzählter Genrefilm, bei dem vor allem der Name des Regisseurs erstaunt. Denn Steve McQueens vorherige Filme „Hunger“, „Shame“ und „12 Years a Slave“ waren intensive Dramen, die sich auf einen Charakter, einen Mann, konzentrierten und dem nie von der Seite wichen. Sein neuester Film ist dagegen ein astreiner, konsequent den Regeln des Heist-Movies folgender Thriller mit mehreren Erzählsträngen und ganz gewöhnlich starken Frauen als Protagonisten.

Kurz gesagt ist „Widows“ für Steve McQueen das, was „Inside Man“ für Spike Lee war: ein aus dem sonstigen Werk herausstechender schnörkelloser und spannender Genrefilm.

Und mir fällt ein, dass ich immer noch nicht Wallace Strobys dritten Hardboiled-Krimi „Fast ein guter Plan“ (Pendragon) mit Profidiebin Crissa Stone gelesen habe.

Widows – Tödliche Witwen (Widows, USA 2018)

Regie: Steve McQueen

Drehbuch: Gillian Flynn, Steve McQueen (basierend auf der gleichnamigen TV-Serie von Lynda La Plante)

mit Viola Davis, Michelle Rodriguez, Elizabeth Debicki, Cynthia Erivo, Colin Farrell, Daniel Kaluuya, Jackie Weaver, Robert Duvall, Liam Neeson, Brian Tyree Henry, Garrett Dillahunt, Carrie Coon, Jon Bernthal, Manuel Garcia-Rulfo, Lukas Haas

Länge: 130 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Widows“

Metacritic über „Widows“

Rotten Tomatoes über „Widows“

Wikipedia über „Widows“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Steve McQueens „Shame“ (Shame, Großbritannien 2011)

Meine Besprechung von Steve McQueens „12 Years a Slave“ (12 Years a Slave, USA 2013)

Meine Besprechung von David Finchers Gillian-Flynn-Verfilmung „Gone Girl – Das perfekte Opfer (Gone Girl, USA 2014) (Buch- und Filmkritik)

Meine Besprechung von Gilles Paquet-Brenners Gillian-Flynn-Verfilmung „Dark Places – Gefährliche Erinnerung“ (Dark Places, USA/Frankreich 2015)

Steve McQueen über den Film

Steve McQueen und Gillian Flynn über den Film

Steve McQueen, Viola Davis, Michelle Rodriguez und Elizabeth Debicki über den Film


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