Neu im Kino/Filmkritik: „Predator – Upgrade“ wirklich nötig?

September 14, 2018

Auf den ersten Blick ist Shane Black der richtige Mann, um die doch arg vor sich hin siechende, eigentlich tote „Predator“-Reihe auf den neuesten Stand und in eine glorreiche Zukunft zu schicken. Immerhin war sein erstes Drehbuch „Lethal Weapon – Zwei stahlharte Profis“ (Leathal Weapon) ein Wahnsinnserfolg. Drei weitere „Leathal Weapon“-Actionkomödien mit Mel Gibson und Danny Glover folgten. Seit 2016 gibt es eine TV-Serie. Seine nächsten Drehbücher waren an der Kinokasse ähnlich erfolgreich. Hollywood zahlte damals Millionen für seine Bücher. Nach einer alkoholbedingten Auszeit kehrte er 2005 mit der Noir-Komödie „Kiss Kiss Bang Bang“ zurück. Der von ihm inszenierte Film war kein Kassenhit, aber unter Noir- und Filmfans ist er sehr beliebt. „The Nice Guys“ (2016) war dann eine, nun, nennen wir es erfolgreiche Variation davon. Dazwischen schrieb und drehte er „Iron Man 3“. Ein Erfolg bei der Kritik und dem Publikum, das sich jeden Marvel-Film begeistert ansieht.

Schon im Juni 2014 kündigte Fox ein Remake von „Predator“ (Predator, USA 1987) an. Mit Black, der im ersten „Predator“-Film auch eine kleine Rolle hatte (er ist der erste Tote im Film), als Drehbuchautor und Regisseur. Aus dem Remake oder Reboot wurde schnell eine Fortsetzung, die von Anfang an auf eine hohe Freigabe spekulierte. Entsprechend blutig wird jetzt in „Predator – Upgrade“ getötet.

Als vor wenigen Monaten Meldungen über umfangreiche Nachdrehs auftauchten, machte sich Skepsis breit. So soll nach Testvorführungen der gesamte dritte Akt neu gedreht worden sein. Nach einer alten Hollywood-Weisheit sind Nachdrehs ein Zeichen für massive Probleme beim Film.

Aber am Ende zählt das Ergebnis und nicht der Weg, auf dem die Macher dahin gelangten. Meistens erfährt man eh nichts darüber.

Black lässt seinen „Predator“-Film gleich mit dem Absturz eines Raumschiffs beginnen. Es stört damit in Mexiko einen nächtlichen Einsatz von dem Söldner Quinn McKenna (Boyd Holbrook) und seinem Team. Der Predator tötet erst einmal alle Menschen, die seinen Weg kreuzen. McKenna schnappt sich einige Teile der Alien-Rüstung und verschwindet.

Damit der Beweis für sein Erlebnis an einem sicheren Ort ist, schickt er die Gegenstände in einem Paket an seine mit ihm zerstrittene Frau und seinem autistischen Sohn Rory (Jacob Tremblay). Der beginnt gleich mit den Gegenständen zu spielen. Er löst ein Signal aus, das andere Predatoren zu ihm führt. Immerhin wollen sie ihr Eigentum zurückhaben.

Währenddessen wird McKenna vom Geheimdienst gefangen genommen und verhört. Während des Verhörs bricht aus dem gleichen Gebäude ein Predator aus. Auf seiner Flucht tötet er, wieder äußerst blutig, jeden Menschen, der seinen Weg kreuzt. McKenna, der gerade mit einigen anderen Militär-Gefangenen (sozusagen die Truppe der Wahnsinnigen und Verrückten) an einen anderen Ort befördert werden sollte, mischt sich ein.

Die Evolutionsbiologin Dr. Casey Brackett (Olivia Munn), die ebenfalls vor Ort ist und die verdammt gut mit Waffen umgehen kann, stößt zu ihnen.

Ab diesem Moment sind alle für den SF-Actionfilm wichtigen Charaktere eingeführt. Ab diesem Moment kämpft eine Gruppe verrückter Soldaten gegen den Predator. Dabei versuchen sie gleichzeitig McKennas Sohn zu retten.

Bis zum Abspann ist „Predator – Upgrade“ dann nur noch eine ermüdende Abfolge von blutigen Kämpfen und Kameradie unter Soldaten. Dabei – und das unterscheidet „Predator – Upgrade“ von anderen aktuellen Actionfilmen wie „Mission: Impossible – Fallout“ oder „Avengers: Infinity War“ – verraten die Actionszenen nichts über den Charakter, das man nicht schon beim ersten Mal wusste (sie sind alle sehr tapfer), und sie steigern sich in ihrer Dramatik nicht. Es ist immer rennen, ballern und aufschlitzen in dunklen Locations. Das ist einerseits verständlich, weil der Film vor allem nach Sonnenuntergang spielt. Andererseits sieht man erschreckend wenig. Jedenfalls in der 3D-Fassung, die zwischen dunkel und sehr dunkel schwankt (und viel dunkler als der Trailer ist).

Während man in dem ersten „Predator“-Film über das außerirdische Raubtier nur erfuhr, dass es fast unbesiegbar ist, erfährt man jetzt, warum die Predatoren auf der Erde jagen: sie tun es, weil die Menschen die besten Jäger im Universum sind. Durch Upgrades mit menschlicher DNA wollen die Predatoren zu besseren Jägern werden. Diese Erklärung ist so bescheuert, dass man sie sofort vergessen kann.

Predator – Upgrade“ ist eine schon lange vor dem Finale ermüdende, dumme Schlachtplatte, die mehr 1988 als 2018 ist. Von Shane Black hätte ich mehr erwartet.

Predator – Upgrade (The Predator, USA 2018)

Regie: Shane Black

Drehbuch: Fred Dekker, Shane Black (basierend auf den Charakteren von Jim Thomas und John Thomas)

mit Boyd Holbrook, Trevante Rhodes, Jacob Tremblay, Keegan-Michael Key, Olivia Munn, Thomas Jane, Alfie Allen, Sterling K. Brown, Augusto Aguilera, Jake Busey

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Predator – Upgrade“

Metacritic über „Predator – Upgrade“

Rotten Tomatoes über „Predator – Upgrade“

Wikipedia über „Predator – Upgrade“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Shane Blacks „Iron Man 3“ (Iron Man 3, USA 2013)

Meine Besprechung von Shane Blacks „The Nice Guys“ (The Nice Guys, USA 2016) und der Blu-ray

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Neu im Kino/Filmkritik: Was ist „The Book of Henry“?

September 22, 2017

Henry (Jaeden Lieberher) ist ein hochintelligenter Junge, der entdeckt, dass die Nachbarstochter von ihrem Stiefvater missbraucht wird. Dummerweise ist Glenn (Dean Norris) der Polizeichef der Kleinstadt und alle Versuche von Henry, die Obrigkeiten über den Missbrauch zu informieren, versanden. Also entschließt er sich, ihn umzubringen. In dem titelgebenden „Book of Henry“ schreibt er seinen Plan bis ins letzte Detail auf.

So beginnt „The Book of Henry“ und die Verwirklichung dieses Plans steht auch im Mittelpunkt des Films. Aber anders, als man es nach diesem Anfang erwartet.

Das Drehbuch für „The Book of Henry“ ist von Gregg Hurwitz, der vor allem als Thrillerautor bekannt und erfolgreich ist. Er schrieb die erste Version des Drehbuchs vor fast zwanzig Jahren. „Es lebte die ganze Zeit in mir fort. Tatsächlich bin ich mit dem dem Drehbuch erwachsen geworden. Es hat diese jugendliche Energie und über die Jahre, die ich es überarbeitet habe, war ich in der Lage all diese Dinge, die ich gelernt habe, darin unterzubringen. Eines Tages hatte ich Kinder und ich konnte das einbringen, was ich als Elternteil gelernt habe.“

Colin Trevorrow inszenierte vor „The Book of Henry“ die hochgelobte Indie-Komödie „Journey of Love – Das wahre Abenteuer ist die Liebe“ (Safety Not Guaranteed) und den Blockbuster „Jurassic World“. Vor wenigen Tagen wurde er als Regisseur von „Star Wars Episode IX“ gefeuert.

Mit „The Book of Henry“ drehte er eine herrlich abgedrehten Offbeat-Komödie, deren Charme im ständigen Durchbrechen der Erwartungen, dem Wechsel von Genres und Genreerwartungen, ihrem Humor und ihren Charakteren liegt. So ist Henry quasi das unumstrittene, vernünftige Familienoberhaupt. In der Schule beschützt er seinen jüngeren Bruder Peter (Jacob Tremblay). Auch das Nachbarmädchen Christina (Maddie Ziegler) will er, wie gesagt, beschützen. Nebenbei organisiert er die familiären Finanzen so gut, dass ihre Mutter nicht mehr arbeiten müsste. Aber Susan (Naomi Watts) will in einem Diner weiterarbeiten, wenn sie nicht gerade begeistert Computerspiele spielt. Sie ist das Kind der Familie – und ein Teil des Humors von „The Book of Henry“ besteht darin, dass Menschen Dinge tun, für die sie zu jung oder zu alt sind oder Dinge wissen, für die sie zu jung sind. Zum Beispiel wenn Henry sich mit seinem Doktor fachmännisch über eine für ihn gestellte Diagnose unterhält, während Susan sich verzweifelt fragt, was sie ohne Henry tun soll. Ein anderer Teil des Humors kommt aus der liebevollen Versponnenheit seiner Charakter. Denn so richtig „normal“ ist in „The Book of Henry“ niemand, aber jeder lebt in seiner Fantasiewelt oder jagt seinem Traum hinterher.

Und die Geschichte mit ihren überraschenden Wendungen und damit verbundenen Stimmungs- und Genrewechseln spricht vieles an, was zum Erwachsenwerden dazugehört. Neben der ersten Liebe gehören auch Tod und Verlust dazu. Allerdings gehen Hurwitz und Trevorrow mit diesen Problemen anders um, als man es erwarten würde.

Denn „The Book of Henry“ steht näher bei Filmen wie Emir Kusturicas „Arizona Dream“ oder Hal Ashbys „Harold und Maude“ oder, um mal das Genre zu wechseln, an Alfred Hitchcocks „Psycho“ (wo die Protagonistin nach 45 Minuten in der Dusche ermordet wird) als an aktuelle Feelgood- und Comig-of-Age-Filme, deren Geschichte man nach dem Ansehen des Trailers kennt. „The Book of Henry“ beginnt als Schulkomödie für Kinder und Jugendliche, wird zum Sterbedrama und endet, immer weniger für Kinder geeignet, als Thriller, den man nicht zu ernst nehmen sollte.

Das ist vielleicht auch der Grund, weshalb „The Book of Henry“ bei der US-Kritik so schlecht ankam.

Denn „The Book of Henry“ ist ein höchst unterhaltsamer Film. Für eine bestimmte Klientel, die Offbeat-Humor und Filme liebt, die sich bewusst zwischen alle Stühle setzen. Für die könnte er zu einem Kultfilm werden.

*

(unsichtbarer Infokasten) Naomi Watts ist aktuell auch in „Schloss aus Glas“, der Verfilmung von Jeanette Wallis‘ autobiographischem Roman, zu sehen.

Ihre beiden Filmkindern kennt sie aus „Shut in“ (Jacob Tremblay) und „St. Vincent“ (Jaeden Lieberher).

Lieberher hat in der nächste Woche startenden, sehr gelungenen und an der US-Kinokasse sehr erfolgreichen Stephen-King-Verfilmung „Es“ eine Hauptrolle.

*

The Book of Henry (The Book of Henry, USA 2017)

Regie: Colin Trevorrow

Drehbuch: Gregg Hurwitz

mit Naomi Watts, Jaeden Lieberher, Jacob Tremblay, Lee Pace, Dean Norris, Sarah Silverman, Bobby Mynihan, Maxwell Simkins

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „The Book of Henry“

Metacritic über „The Book of Henry“

Rotten Tomatoes über „The Book of Henry“

Wikipedia über „The Book of Henry“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Colin Trevorrows „Jurassic World“ (Jurassic World, USA 2015)

Homepage von Gregg Hurwitz

Meine Besprechung von Gregg Hurwitz/David Finchs „Batman – The Dark Knight: Angst über Gotham (Band 2)“ (Batman: The Dark Knight # 10 – 15, August 2012 – Februar 2013)

Meine Besprechung von Gregg Hurwitz/Ethan van Sciver/Szymon Kudranskis „Batman – The Dark Knight: Liebe und Wahn (Band 3)“ (Batman: The Dark Knight 16 – 21, Batman: The Dark Knight Annual 1, März 2013 – August 2013)

Gespräch mit Colin Trevorrow über seinen Film


Neu im Kino/Filmkritik: Naomi Watts ist „Shut in“. Aber wo?

Dezember 15, 2016

Naomi Watts wollte wieder einmal in einem Horrorfilm mitspielen – soweit man „Shut in“ einen Horrorfilm nennen kann. Doch dazu später mehr. Also nahm sie die Rolle der Kinderpsychologin Mary an, die in Neuengland in einem einsam im Wald gelegenem Anwesen, in dem sie auch ihre Praxis hat, lebt.

Vor einigen Monaten gab es einen schrecklichen Autounfall, bei dem ihr Mann starb und ihr Stiefsohn schwer verletzt überlebte. Seit dem Unfall pflegt sie ihren vollständig gelähmten, achtzehnjährigen Stiefsohn Stephen (Charlie Heaton) in dem Haus.

Einer ihrer Patienten ist der taube, verhaltensauffällige Waisenjunge Tom (Jacob Tremblay).

An einem Winterabend steht er vor ihrer Haustür. Kurz darauf verschwindet das Kind und alle nehmen an, dass Tom sich im Wald verirrte und tot ist.

Seitdem hat Mary Visionen oder Alpträume oder etwas ganz anderes, in denen Tom auftaucht.

Regisseur Farren Blackburn (u. a. die TV-Serien „The Fades“ und „Daredevil“) will sich in seinem Spielfilmdebüt nicht entscheiden, welche Fährten er für die Zuschauer auslegen soll. Also ob er einen Thriller erzählen will, in dem Mary in den Wahnsinn getrieben wird oder ob er ein Drama erzählt, in dem sie von ihren Schuldkomplexen gequält (Mann tot, Sohn im Rollstuhl, Patient spurlos verschwunden), wahnsinnig wird oder ob er einen Horrorfilm erzählen will, in dem Mary von für sie von höchst realen Dämonen gequält wird. Jede Richtung ergäbe vielleicht keinen brillanten, aber in jedem Fall okayen Film. Blackburn schlägt allerdings keine Richtung ein und so ist „Shut in“ über weite Strecken ein Geisterhorrorfilm, der nicht ängstigen will und bei dem man sich fragt, was er erzählen will.

Im langen dritten Akt gibt es dann eine Auflösung, die hoffnungslos unglaubwürdig ist. Einerseits weil sie nicht vorbereitet wird, andererseits weil sie nicht funktioniert. Weder in der Realität, noch in der Filmrealität.

Shut in“ ist ein Film zum Vergessen. Trotzt Naomi Watts, Oliver Platt (als ihr Psychologe, der sie via Skype berät) und Jacob Tremblay, der allerdings schnell im Schnee verschwindet. Oder doch nicht.

shut-in-plakat

Shut in (Shut in, USA/Kanada/Frankreich 2016)

Regie: Farren Blackburn

Drehbuch: Christina Hodson

mit Naomi Watts, Oliver Platt, Jacob Tremblay, Charlie Heaton, David Cubitt, Clémentine Poidatz

Länge: 95 Minuten

FSK:ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Shut in“

Metacritic über „Shut in“

Rotten Tomatoes über „Shut in“

Wikipedia über „Shut in“

Meine Besprechung von Farren Blackburns „The Fades“ (The Fades, GB 2011)


Neu im Kino/Filmkritik: „Before I wake“ sollte ich einschlafen

November 11, 2016

Cody (Jacob Tremblay) hat Angst vor dem Einschlafen. Dabei hat der achtjährige Waisenknabe es gut erwischt. Nach dem Unfalltod ihres Kindes nehmen Jessie (Kate Bosworth) und Mark (Thomas Jane) Cody bei sich auf und sie bemühen sich wirklich, die Traumeltern zu sein, die sich jedes Kind wünscht.

Codys Einschlafunwille hat aber einen sehr nachvollziehbaren Grund: wenn er schläft, werden seine Träume Realität. Nicht immer eine unbedingt schöne Realität. Vor allem nachdem durch Codys Träume Jessies in der heimischen Badewanne ertrunkener Sohn zurückkehrt – und wir wissen alle, was für Probleme zurückkehrende Tote verursachen. Egal in welcher Form.

Bevor Mike Flanagan den gelungenen Sechziger-Jahre-Horrorfilm „Ouija: Ursprung des Bösen“, der vor einigen Tagen in unseren Kinos anlief, drehte, drehte er „Before I wake“, den er eine „Gute-Nacht-Geschichte für Erwachsene“ nennt. Das Drehbuch schrieb er mit seinem Standard-Schreibpartner Jeff Howard. Mit Kate Bosworth und Thomas Jane konnte er für die Hauptrollen auch zwei bekannte Namen verpflichten. Jacob Tremblay, der das Pflegekind spielt, ist bekannt aus „Raum“, wo er die männliche Hauptrolle spielt. Demnächst spielt er in dem Horrorfilm „Shut in“ neben Naomi Watts – und festigt seinen Ruf als Junge, den man nicht in sein Haus lassen sollte.

In „Before I wake“ geht die Bedrohung für das trauernde Ehepaar nämlich von ihm aus. Obwohl er selbst eine gequälte Seele ist. Die Idee von Träumen, die Realität werden, ist natürlich faszinierend, aber auch etwas idiotisch. Denn ohne Schlaf kann niemand lange leben. Aber jedes Mal, wenn Cody einschläft, werden seine Träume und Alpträume, die mehr oder weniger seine Träume sind, Realität. Und, ja, Träume haben in diesem Fall auch etwas mit Verdrängung zu tun.

Before I wake“ ist ein netter kleiner, nicht besonders spektakulärer oder länger im Gedächtnis bleibender Horrorfilm, der sich nicht auf den bekannten Schockmomenten ausruht. Die sind, weil Flanagan seinen Film auch eher als übernatürliches Drama sieht, rar. Stattdessen versucht er wirklich etwas über die Auswirkungen eines tragischen Unfalls – der Sohn von Jessie und Mark ertrinkt in der Badewanne, während Jessie einen kurzen Moment weg ist – auf eine glückliche, normale Familie zu zeigen. Gleichzeitig, was erst im Finale wirklich wichtig wird, hat Cody seine Eltern verloren. Im dritten Akt gibt es dann den erwartbaren Kampf der Mutter gegen das Monster.

before-i-wake-plakat

Before I wake (Before I wake, USA 2015)

Regie: Mike Flanagan

Drehbuch: Mike Flanagan, Jeff Howard

mit Kate Bosworth, Thomas Jane, Jacob Tremblay, Annabeth Gish

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

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Englische Facebook-Seite  zum Film

Moviepilot über „Before I wake“

Metacritic über „Before I wake“

Rotten Tomatoes über „Before I wake“

Wikipedia über „Before I wake“

Meine Besprechung von Mike Flanagans „Ouija: Ursprung des Bösen“ (Ouija: Origin of Evil, USA 2016)

Ein „Collider“-Gespräch mit Mike Flanagan und seiner Frau und Partnerin Kate Siegel über „Ouija: Ursprung des Bösen“, „Before I wake“ und, vor allem, „Hush“


Neu im Kino/Filmkritik: Ein „Raum“, eine Mutter, ihr Sohn und eine Gefangenschaft

März 18, 2016

In „Raum“, dem neuen Film von „Frank“-Regisseur Lenny Abrahamson, sieht man nichts physisch schlimmes. Keine Blutbäder, keine abgetrennten Gliedmaße, keine wüsten Schießereien oder Schlägereien. Es geht ziemlich gesittet zu zwischen Ma (Brie Larson), ihrem fünfjährigem Sohn Jack (Jacob Tremblay) und Old Nick (Sean Bridgers), der Ma vor sieben Jahren entführte und seitdem in einem neun Quadratmeter großem Raum gefangen hält. Und gerade weil jeder sich diese Situation gut vorstellen kann, ist „Raum“ psychisch fordernder als das neueste Horrorfilmblutbad oder irgendein Exploitation-Film.
Ma, die als Siebzehnjährige entführt wurde, versucht Jacob möglichst normal zu erziehen. Für ihn ist daher dieser Raum die Welt. Eine Außenwelt gibt es für ihn nicht. Im Fernsehen sind keine echten Menschen. Und Old Nick versorgt sie, mehr schlecht als recht, mit allem, was sie brauchen.
Aber Jack wird älter, stellt Fragen und Ma überlegt, wie sie flüchten können.
Als in der Filmmitte die Flucht aus dem Raum gelingt, wird zwar der Raum, in dem Ma und Jack leben, größer, aber haben sie wirklich ihr Gefängnis verlassen und wie können sie außerhalb ihres vertrauten Gefängnisses, das sie in den letzten Jahren auch beschützte, überleben? Außerdem veränderte sich die Welt außerhalb des Raums. Mas Eltern, Nancy (Joan Allen) und Robert (William H. Macy), mussten mit dem spurlosen Verschwinden ihrer Tochter umgehen und die Medien interessieren sich für Ma und Jack.
Was das Kammerspiel „Raum“ so grandios macht, ist, dass es auf vielen verschiedenen Ebenen tadellos funktioniert. Es ist an der Oberfläche die Geschichte eines Jungen, der seit seiner Geburt in einem geschlossenen Zimmer lebt und danach die Welt kennenlernt. Es ist auch die Geschichte einer Mutter, die ihr Kind erzieht und vor allen Bedrohungen schützen will. Diese feinfühlig und nuanciert erzählte Mutter-Kind-Geschichte würde schon genügen, um „Raum“ sehenswert zu machen.
Daneben funktioniert „Raum“ auch als Metapher für, nun, je nachdem, wie viel wir den Film hineininterpretieren wollen und welchen Aspekt wir gerade für den Wichtigsten halten, unser Leben, das Erwachsenwerden, das Erkunden der Welt und den sich damit wandelnden Perspektiven. So erscheinen Dinge, die früher für uns groß waren, irgendwann sehr klein. Es geht um die Beziehungen von Eltern zu ihren Kindern und wie damit umgegangen wird.
Die Prämisse von „Raum“ erinnert selbstverständlich an mehrere reale Fälle. Emma Donoghue, die Autorin des Romans und des Drehbuchs, war von dem Fall Elisabeth Fritzl, die von ihrem Vater 24 Jahre in einem Keller gefangen gehalten und mehrfach vergewaltigt wurde und dadurch mehrfache Mutter wurde, inspiriert.
Eine weitere, ebenso offensichtliche und bekannte Inspiration ist der Fall Natascha Kampusch, die acht Jahre in einem Keller gefangen gehalten wurde.
Abrahamson erzählt die Geschichte konzentriert und immer nah an den beiden Hauptfiguren, ihren Gefühlen, ihrer Perspektive und ihrer Wahrnehmung der Wirklichkeit. „Raum“ ist gerade deshalb sehr wahrhaftig und auch unangenehm. Zu gut können wir uns eine solche Gefangenschaft vorstellen. Zu einfach können wir „Raum“ als Metapher für unser eigenes Leben verstehen.
„Raum“ ist beklemmend großartiges Kino, das seine Geschichte ganz altmodisch unaufgeregt und ohne Effekthaschereien erzählt und so auch jede emotionale Distanzierung, jede Flucht aus dem Raum, erschwert.

Raum - Plakat

Raum (Room, Irland/Kanada 2015)
Regie: Lenny Abrahamson
Drehbuch: Emma Donoghue
LV: Emma Donoghue: Room, 2010 (Raum)
mit Brie Larson, Jacob Tremblay, Joan Allen, William H. Macy, Sean Bridgers, Tom McCamus, Cas Anwar
Länge: 118 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Raum“
Metacritic über „Raum“
Rotten Tomatoes über „Raum“
Wikipedia über „Raum“ (deutsch, englisch)
Homepage von Emma Donoghue
Meine Besprechung von Lenny Abrahamsons „Frank“ (Frank, Irland/Großbritannien 2014)

DP/30 redet mit Lenny Abrahamson und Emma Donoghue über „Room“


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