Buch- und DVD-Kritik: „McMafia“ – eine Krimiserie, basierend auf einem Sachbuch

September 5, 2018

2008 veröffentlichte Journalist Misha Glenny eine über fünfhundertseitige Reportage über die Globalisierung des Organisierten Verbrechens nach dem Zusammenbruch des Ostblocks. Denn obwohl das Organisierte Verbrechen schon immer global war, blieben die Mafia, die Cosa Nostra und die Triaden weitgehend unter sich.

2018 lief die auf Glennys Buch basierende zehnteilige TV-Serie im BBC. Eine zweite Staffel ist schon in Arbeit.

Für die in der Gegenwart spielende Serie musste natürlich einiges aktualisiert und alles dramatisiert werden. Denn eine Serie ist kein Dokumentarfilm und kein Sachbuch. Mit Drehbuchautor Hossein Amini („Drive“, „Die zwei Gesichter des Januars [auch Regie]) und James Watkins („Eden Lake“, „Die Frau in Schwarz“) schien das hoch budgetierte Projekt in den richtigen Händen zu sein. Denn die Dreharbeiten erstreckten sich über den halben Globus und mit James Norton, David Strathairn und David Dencik wurden auch international bekannte Namen verpflichtet. Und Misha Glenny schreibt im Vorwort der Neuausgabe von seinem Sachbuch „McMafia“: „Schon nach einem fünfminütigem Gespräch mit den beiden war ich überzeugt: Wenn wir eine Fernsehanstalt dazu bringen konnten, sich des Themas von ‚McMafia‘ anzunehmen, waren sie diejenigen, mit denen ich arbeiten wollte. (…) An den beiden beeindruckte mich vor allem, dass sie die Welt, die ich in dem Buch abbilden wollte, begriffen und richtig einschätzen.“

Der Kosmos des globalen Verbrechens entfaltet sich in der achtteiligen TV-Serie um Alex Godman, den Sohn eines mit seiner Familie aus Russland nach London geflohenen, sich im alkoholgetränkten Ruhestand befindenden Oligarchen. Godman will mit der Welt seines Vaters und seiner Verwandtschaft nichts zu tun haben. Er ist ein Banker und er wird, gegen seinen Willen, in die Welt des internationalen, organisierten Verbrechens involviert.

Das ist die Ausgangslage, von der Amini und Watkins vom globalen Verbrechen erzählen. Leider nicht besonders gelungen, erstaunlich zäh und langweilig. Aus den vielen, rund um den Globus verstreuten Szenen schält sich nur sehr langsam so etwas wie eine Geschichte heraus.

Ein packendes Drama entsteht allerdings nie. Denn eine Story ist nicht erkennbar und alles zieht sich elend lang hin. „McMafia“ ist kein Gangsterthriller, sondern ein verfilmtes Sachbuch, in dem jede Szene eine weitere Seite des Buchs illustriert. Weil es eine Serie ist, wurden die Informationen dann auf einige Sprechende verteilt. Die Schauspieler wirken immer so, als ob sie in die Serie gezwungen wurden und jetzt ihre Texte vom Blatt ablesen. Die Inszenierung bewegt sich, erschreckend einfallslos, auf dem Niveau einer altertümlichen, schon lange vergessenen TV-Serie.

Das hat nichts mit Miniserien wie „The Night Manager“, „Narcos“, „Romanzo Criminale“ oder, um auch ein deutsches Beispiel zu nennen, „Im Angesicht des Verbrechens“ zu tun. An „Im Angesicht des Verbrechens“ hat mir vieles nicht gefallen, aber es hatte immer die packende „ich will wissen, wie es weitergeht“-Qualität, die „McMafia“ nie hat. Hier muss ich mich förmlich zwingen, die nächste Folge zu sehen – und nicht dabei einzuschlafen.

McMafia – Staffel 1 (McMafia, Großbritannien 2018)

Regie: James Watkins

Drehbuch: Hossein Amini, James Watkins, David Farr, Laurence Coriat, Peter Harness

Erfinder: Hossein Amini, James Watkins

mit James Norton, David Strathairn, Juliet Rylance, Merab Ninidze, David Dencik, Aleksey Serebryakov, Maria Shukshina, Caio Blat, Faye Marsay, Kirill Pirogov, Nawazuddin Siddiqui, Karel Roden

DVD

Polyband

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: The Cast, The McMafia World, Bringing The McMafia World to Life

Länge: 450 Minuten (8 x 56 Minuten) (3 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Misha Glenny: McMafia – Die grenzenlose Welt des organisierten Verbrechens

(überarbeitete und ergänzte Neuausgabe)

(übersetzt von Sebastian Vogel)

Tropen, 2018

600 Seiten

14,95 Euro

Deutsche Erstausgabe

Deutsche Verlags-Anstalt, 2008

Originalausgabe

McMafia. Crime without frontiers

The Bodley Head, London, 2008

Hinweise

BBC über „McMafia“

Rotten Tomatoes über „McMafia“

Wikipedia über „McMafia“ (deutsch, englisch) und Misha Glenny (deutsch, englisch)

Perlentaucher über das Buch „McMafia“

Meine Besprechung von James Watkins‘ „Bastille Day“ (Bastille Day, USA/Frankreich/Großbritannien 2016)

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Neu im Kino/Filmkritik: „Flatliners“ – sie wollen wissen, was nach dem Tod passiert

November 30, 2017

Joel Schumachers SF-Horrorfilm „Flatliners“ von 1990 habe ich vor Ewigkeiten gesehen und ich fand ihn nicht so toll. Die Optik überzeugte. Alles andere war erschreckend unlogisch.

Das sage ich, damit niemand von mir den mit tiefer Inbrust vorgetragenen Satz „Das Original ist viel besser!“ oder einen tiefschürenden Vergleich von Original und, hm, Remake erwartet. Denn es ist – und jede Version wurde mal kolportiert – auf den ersten Blick unklar, ob es sich bei Niels Arden Oplevs Film um ein mehr oder weniger freies Remake, eine Neuinterpretation, einen Reboot oder eine Weitererzählung des nun auch schon fast dreißig Jahre alten Films handelt. Immerhin ist Kiefer Sutherland als Mediziner in einer kleinen Rolle dabei. Aber er hat einen anderen Rollennamen; – wobei Rotten Tomatoes ihn noch als „Nelson“ listet. So hieß er in der 1990er „Flatliners“-Version. Und in einem Interview erzählt Oplev von einer geschnittenen Szene, die man so interpretieren könnte, dass Nelson jetzt unter einem anderen Namen praktiziert.

Das ist letztendlich eine Kleinigkeit, die aber schon das Problem das Films andeutet: er hat keine Ahnung, was er als eigenständiger Film erzählen will und in welchem Verhältnis er zum Original steht. Am Ende ist „Flatliners“ ein Remake, in dem zufällig ein Schauspieler mitspielt, der auch im ersten Film dabei war.

In der aktuellen Version spielt Sutherland mit einer gruseligen Frisur, geschmacklos grau gefärbten Haaren und einem Stock (Uh, Dr. House?) Dr. Barry Wolfson, den äußerst anspruchsvollen Klinikleiter und Ausbilder künftiger Ärzte am ehrwürdigen Trinity Emmanuel Medical Center. Er verlangt von ihnen Höchstleistungen und bahnbrechende Forschungen.

Diese Aufforderung braucht Courtney (Ellen Page) nicht. Nachdem vor neun Jahren bei einem von ihr verschuldeten Autounfall ihre jüngere Schwester starb, ist sie vom Leben nach dem Tod besessen. Mit Nahtod-Erfahrungen könnte man, so denkt sie sich, vielleicht herausfinden, was nach dem Tod passiert.

Im Keller des Krankenhauses hat sie einen für den Fall einer Katastrophen vollständig hergerichteten Operationssaal entdeckt. Sie überzeugt ihre Mitkommilitonen Marlo (Nina Dobrev), Sophia (Kiersey Clemons), Jamie (James Norton) und Ray (Diego Luna, mit einem kaum verständlichen Akzent), ihr bei dem Experiment zu helfen. Sie lässt sich eine Minute in den Todeszustand versetzen und dann wieder ins Leben zurückholen. Während ihres Todes sieht sie die Stadt aus bislang unbekannten Perspektiven. Nach ihrem Tod ist sie superintelligent. So liefert sie bei einer Teambesprechung die richtigen Diagnosen noch bevor Dr. Wolfson seine Fragen stellen kann.

Selbstverständlich wollen ihre Freunde danach auch für eine kurze Zeit in den Todeszustand versetzt werden und so ihre Noten ultimativ verbessern.

Ebenso selbstverständlich hat das Experiment für jeden von ihnen seinen Preis. Nach der Todeserfahrung haben sie Visionen, die ihnen schlaflose Nächte bereiten. Falls es nicht nur Wahnvorstellungen sind.

Das für den Film versammelte Talent ist beeindruckend. Drehbuchautor Ben Ripley schrieb die Bücher für „Source Code“, „Der Chor – Stimmen des Herzens“ und, nun ja, „Species 3“ und „Species IV – Das Erwachen“. Niels Arden Oplev ist für „Der Traum“ (Gläserner Bär auf der Berlinale), sein Hollywood-Debüt „Dead Man Down“ und, vor allem, für seine Stieg-Larsson-Verfilmung „Verblendung“ bekannt.

Vor der Kamera stehen Ellen Page („Juno“, „Inception“), Diego Luna („Star Wars: Rogue One“), Nina Dobrev („xXx: Die Rückkehr des Xander Cage“, „The Vampire Diaries“), James Norton („Northmen: A Viking Saga“, „Happy Valley – In einer kleinen Stadt“) und Kiersey Clemons („Dope“) als die fünf forschungsbegeisterten Medizinstudenten. Auch nicht jeder von ihnen allgemein bekannt ist, war in jedem Fall ein neues Brat Pack, eine Versammlung künftiger Filmstars, geplant.

Insgesamt spricht alles für einen guten Film.

Aber irgendwo ging alles so gründlich schief, dass man sich am Ansehen von „Flatliners“ nicht fragt, an welchem Punkt alles schiefging, sondern warum absolut nichts funktioniert. Egal wie das Drehbuch vor dem Drehstart aussah, das Endprodukt ist ein erzählerisches Desaster. Für keinen der fünf Flatliners (wobei Ray dankend auf die Erfahrung verzichtet und nur Wiederbelebungen durchführt) empfinden wir auch nur den Hauch von Sympathie. Sie, ihre Probleme und Sehnsüchte, sind uns egal. Wenn sie in Gefahr sind, haben wir nicht Angst um sie, sondern fragen uns, warum sie sich so idiotisch verhalten. Und wenn ungefähr am Ende des zweiten Aktes (soweit man hier von Akten sprechen kann) Courtney, die bis dahin die Protagonistin war, stirbt, wird ihr Tod schulterzuckend akzeptiert.

Normalerweise wäre, vor allem zu diesem späten Zeitpunkt, ihr Tod ein Problem, das den Film beendet. Genauso wie bei einer TV-Serie der Tod (oder das Ausscheiden) eines wichtigen Charakters auch oft das Ende der Serie bedeutet. Auch wenn noch ein, zwei Staffeln gedreht werden. Mit dem Tod des Sympathieträgers ist auch die Geschichte vorbei.

Ad hoc fällt mir nur ein Beispiel ein, in dem während der Geschichte erfolgreich die Sympathie des Publikums von einem Protagonisten auf einen anderen umgelenkt werden konnte. Es ist Alfred Hitchcocks „Psycho“. Nach dem Tod der Protagonistin in der Dusche werden die Sympathien des Zuschauers von Marion Crane auf Norman Bates umgelenkt.

In „Flatliners“ ist Courtneys Tod kein Problem, weil man sich nicht mit ihr, ihren Leiden und Zielen identifiziert. Sie ist, wie alle Flatliners, eine reine Drehbuchkonstruktion, deren Handlungen nicht aus ihrem Charakter, ihren Wünschen und Zielen, sondern dem Willen des Autors folgen. Deshalb ist die Antwort auf jede ihrer Handlungen ein lautes „weil ich es so will“ des Autors. Courtneys Mitstudenten sind ebenfalls rechte Hohlköpfe, die zur Hälfte reiche Kinder sind, die nur an sich denken und nur deshalb Arzt werden wollen, weil sie dort viel Geld verdienen können. Die anderen beiden – Sophia und Ray – sind auch nicht wirklich sympathischer oder glaubwürdiger, weil wir über sie nichts erfahren, was zum Verständnis ihres Charakters wichtig wäre. Am Ende wissen wir über diese Bande von Ehrgeizlingen nicht mehr als am Anfang.

Das liegt auch daran, dass in der Filmgeschichte einfach nur Szenen hintereinanderklatscht werden, ohne auf ein Ende hinzuarbeiten. Oder anders gesagt: hätten die Macher von Anfang an dieses Ende haben wollen, hätten sie ihre gesamte Geschichte anders strukturieren müssen.

Flatliners“ wirkt, als habe man während des Drehs das eine Drehbuch weggeworfen und schnell aus schon gedrehten Szenen und neuen Szenen, die irgendwie das Ende erklären sollen, irgendetwas zusammengestrickt, das vorne und hinten nicht stimmt.

Flatliners (Flatliners, USA 2017)

Regie: Niels Arden Oplev

Drehbuch: Ben Ripley (nach einer Geschichte von Peter Filardi)

mit Ellen Page, Diego Luna, Nina Dobrev, James Norton, Kiersey Clemons, Kiefer Sutherland

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Flatliners“

Metacritic über „Flatliners“

Rotten Tomatoes über „Flatliners“

Wikipedia über „Flatliners“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Niels Arden Oplevs „Verblendung“ (Män som hatar kvinnor, Schweden/Deutschland/Dänemark 2009)


Neu im Kino/Filmkritik: Die Schlachtplatte „Northmen – A Viking Saga“

Oktober 23, 2014

Es begab sich im Jahr 873 des Herrn eine Horde ausgestoßener Wikinger nach Britannien, wo sie das Kloster Lindisfarne zwecks Rehabilitierung plündern wollten. Aber zuvor stießen sie, nach einem Schiffbruch, auf eine schöne und äußerst wehrhafte Jungfrau von königlichem Blut. Sie befreiten sie gar blutig von ihren Bewachern, die sie zu einer arrangierten Hochzeit bringen sollten, nahmen sie geschwind als Geisel und erbaten von ihrem Vater, einem schottischen König, Geld. Dieser schickte eine überall gefürchtete Söldnerbande, das aus den Karpaten kommende blutrünstige, aber nicht blutsaugende Wolfsrudel, los, seine Tochter zu befreien. Oder umzubringen. Jedenfalls sollen sie die Wikinger nach Walhalla schicken.
Schnell geht es mächtig rund in der einsamen schottischen Landschaft. Neben all dem Morden gibt es auch etwas Liebe, denn die schöne Maid verliebt sich, oh große Überraschung, in einen der ungewaschenen Wikinger. Und sie treffen einen äußerst wehrhaften Mönch, der in einem Turm mit tödlichen Fallen und Notausgang lebt. Die Kampfkunst beherrst der Mann Gottes ebenfalls.
Bei vielen Kritikern kam „Northmen – A Viking Saga“ nicht besonders gut an, wobei ich den Film nicht so schlecht fand, weil er ziemlich genau das liefert, was er verspricht: eine niemals innovative Schlachtplatte, in der immer genug passiert, um nicht gelangweilt zu werden. Garniert mit prächtigen Landschaftsaufnahmen, die zeigen, dass Südafrika, mit der Hilfe von Farbfiltern, sehr gut für Schottland herhalten kann.
Man sollte allerdings nie nach so etwas wie „Logik“ fragen. Da werden die Nordmänner dann ziemlich ungnädig.

Northmen - Plakat

Northmen – A Viking Saga (Northmen – A Viking Saga, Schweiz/Deutschland/Südafrika 2014)
Regie: Claudio Fäh
Drehbuch: Bastian Zach, Matthias Bauer
mit Tom Hopper, Ryan Kwanten, Ken Duken, Charlie Murphy, James Norton, Leo Gregory, Darrell D’Silva, Mark Strepan, Richard Lothian, Ed Skrein, Anatole Taubman, Johan Hegg, Danny Keogh
Länge: 97 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Northmen“
Moviepilot über „Northmen“
Rotten Tomatoes über „Northmen“
Wikipedia über „Northmen“

Und jetzt den Lautstärkeregler auf volle Leistung schieben


TV-Tipp für den 24. August: George Gently – Der Unbestechliche: Adel verpflichtet

August 24, 2014

ZDF, 22.00

George Gently – Der Unbestechliche: Adel verpflichtet (Großbritannien 2012, Regie: Gillies Mackinnon)

Drehbuch: Peter Flannery

LV: Charakter von Alan Hunter

Northumberland, 1968: In einem Auto, das im Fluss liegt, wird die Leiche einer jungen Musikerin gefunden. Von dem Fahrer fehlt jede Spur, aber der Wagen gehörte dem Adligen Hector Blackstone und sein Sohn James ist in der Vergangenheit mehrfach aufgefallen. Inspector George Gently und sein Kollege John Bacchus ermitteln.

Spannender Krimi, der dieses Mal ein Bild der Klassenkonflikte zwischen Bürgerlichen und gar nicht mehr so adligen Adligen um 68 zeichnet und als bitteres Familiendrama endet. Garniert mit einer ordentliche Portion zeitgenössischer Musik. Das ist dann doch meilenweit von „Inspector Barnaby“ entfernt.

mit Martin Shaw, Lee Ingleby, Robert Lloyd Pack, Geraldine Sommerville, James Norton, Ebony Buckle, Christopher Fairbank

Wiederholung: Montag, 25. August, 00.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Fantastic Fiction: Bibliographie Alan Hunter

BBC über George Gently (Pressematerial zu „George Gently“)

ZDF über George Gently

Telegraph: Interview mit Martin Shaw und Lee Ingleby zu „George Gently“ (5. Juli 2008)

Wikipedia über “George Gently – Der Unbestechliche”(deutsch,englisch)

Meine Besprechung von „George Gently – Der Unbestechliche“ (Staffel 1)

Meine Besprechung von „George Gently – Der Unbestechliche“ (Staffel 2 und 3)


Neu im Kino/Filmkritik: „Dido Elizabeth Belle“ sucht ihren Platz in der Gesellschaft

August 14, 2014

Der Film endet mit einem Gemälde, auf dem zwei junge Frauen uns, in einem Garten stehend, anlächeln. Die eine ist schwarz, die andere weiß. Heute ist das nichts besonderes, aber als das Bild gemalt wurde, waren weiße Frauen die Hausherrinen und schwarze Frauen bestenfalls unsichtbare Angestellte im Haushalt. Auf einem Gemälde durften sie höchstens die Hausherrin knieend anbeten. In dem Gemälde stehen sie nebeneinander. „Dido Elizabeth Belle“ erzählt auch die Geschichte von diesem Bild, das Drehbuchautorin Misan Sagay und Regisseurin Amma Asante zu ihrem Film inspirierte.

Die Geschichte der beiden Porträtierten Dido Elizabeth Belle (1761 – 1804) und ihrer Halbcousine Elizabeth Murray (1760 – 1825) beginnt als Sir John Lindsay, Admiral der königlichen britischen Marine, die junge Dido aus den Slums im Hafenviertel von Bristol holt. Das Kind ist seine Tochter und als Vater wird er sich um sie und ihr finanzielles Wohlbefinden kümmern. Vor einer längeren Schiffsreise bringt er sie in das Haus von Lord Mansfield. Sie soll bei seiner Familie auf dem damals ländlich gelegenem Kenwood House bei London leben.

Lindsay stirbt auf der Reise. Die Mansfield erziehen Dido wie ihre eigene Tochter in einem erstaunlich vorurteilsfreiem Haushalt, wovon auch das 1779 entstandene Gemälde zeugt. Kenwood House war ein Kokon, in dem Dido und Elizabeth lebten und ausgebildet wurden.

Erst als Erwachsene, als Dido verheiratet werden soll, bemerkt sie wirklich, in welcher Gesellschaft sie lebt und wie ungewöhnlich ihre Hautfarbe ist. Jedenfalls in dieser Gesellschaftsschicht. Sie könnte damals die einzige gemischtrassige Dame der adligen Gesellschaft im gewesen sein. Die meisten Schwarzen waren damals Sklaven.

Ähnlich wie Steve McQueens etwas später in den USA spielendes Drama „12 Years a Slave“ thematisiert Amma Asantes Film die Sklaverei. Aber während McQueen ein formal strenges und auch ungemütliches Drama inszenierte, geht Asante einen anderen Weg. Sie nimmt die bekannte und beliebte Jane-Austen-Welt der Schönen und Reichen, die prächtigen Paläste und Kostüme und erzählt innerhalb dieser Welt von einem Mischlingskind, das um seinen Platz in dieser Gesellschaft kämpft. Sie muss sich zwischen einer Vernunftheirat und einer Liebesheirat mit einem aufstrebendem, idealistischen Pfarrerssohn und Rechtsgelehrten, der öfters im Kenwood House war, entscheiden. Asante zeigt, wie sehr Hochzeiten damals wirtschaftliche Vereinbarungen waren, die nichts mit Liebe zu tun hatten, weshalb Didos großes Erbe sie zu einer begehrenswerten Frau und ihre arme, ebenfalls gutaussehende Halbcousine zu einem hässlichen Entlein macht.

Neben den eher konfliktfreien Liebesbanden steht der Gerichtsprozess über den Tod von 142 afrikanischen Sklaven 1781 auf dem Sklavenschiff „Zong“, der Didos Bewusstsein für ihre Lage und die Sklaverei schärft, im Zentrum des Films.

Lord Mansfield war damals der oberste Richter Englands. Er musste 1783 in dem aufsehenerregenden und umstrittenen Prozess das Urteil sprechen. Die Sklaven waren während der Schiffspassage über Bord geworfen worden. Die Versicherung weigerte sich, die fälligen zwanzig Pfund pro toten Sklaven, die damals einfach eine versicherungsfähige Fracht waren, zu bezahlen, weil die Reederei die Sklaven niemals bis zum Ziel befördern wollte. Die Reederei zog vor Gericht. Die Gegner der Sklaverei versuchten den Prozess um ein Wirtschaftsverbrechen in einen Prozess gegen die Sklaverei umzuwidmen.

Wenn man „Dido Elizabeth Belle“ aus dieser Jane-Austen-Perspektive betrachtet, entfaltet das brave, auf Tatsachen basierende, gut gespielte Historiendrama mit einer aus heutiger Sicht eher passiven Protagonistin, ständigen und nach dem zweiten Mal ermüdenden Wiederholungen der ökonomischen Dimension von Hochzeiten (was dann fast wie Überlegungen für Firmenfusionen klingt) und dem vorhersehbaren Gerichtsverfahren (jedenfalls in punkto Versicherungsbetrug) ungeahnte Qualitäten. Denn in einer rosarot-kitschigen Friede-Freude-Eierkuchenwelt geht es plötzlich um Menschen und wirkliche Probleme, die ein Publikum, das sich nur an schönen Menschen, die in schöner Landschaft schöne Dinge tun, erfreuen will, zum Nachdenken anregt.

Dido Elizabeth Belle - Poster

 

Dido Elizabeth Belle (Belle, Großbritannien 2013)

Regie: Amma Asante

Drehbuch: Misan Sagay

mit Gugu Mbatha-Raw, Tom Wilkinson, Emily Watson, Sam Reid, Sarah Gadon, Miranda Richardson, Penelope Wilton, Tom Felton, James Norton, Matthew Goode

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Dido Elizabeth Belle“

Moviepilot über „Dido Elizabeth Belle“

Metacritic über „Dido Elizabeth Belle“

Rotten Tomatoes über „Dido Elizabeth Belle“

Wikipedia über „Dido Elizabeth Belle“ und Dido Elizabeth Belle 

 


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