Neu im Kino/Filmkritik: „Es Kapitel 2“ wird aufgeschlagen

September 6, 2019

Am Ende von „Es“ versprachen sich die sieben Jugendlichen feierlich, wenn das Grauen in 27 Jahren wieder auftaucht, zurückzukehren und es endgültig zu besiegen.

Kurz davor hatten sie den Horrorclown Pennywise getötet. Er war in den vergangenen Jahrzehnten alle 27 Jahre aus der Kanalisation in die Kleinstadt Derry zurückgekehrt und holte sich einige Kinder der Stadt. Die Erwachsenen verdrängten die verschwundenen Kinder aus ihrem Bewusstsein. Nur die Teenager Bill Denbrough (Jaeden Lieberher), Ben Hanscom (Jeremy Ray Taylor), Beverly Marsh (Sophia Lillis), Richie Tozier (Finn Wolfhard), Stanley Uris (Wyatt Oleff), Mike Hanlon (Chosen Jacobs) und Eddie Kaspbrak (Jack Dylan Grazer), die sich „Club der Verlierer“ nennen, sahen und bekämpften ihn.

Stephen King erzählte in seinem Roman „Es“ (It, 1986), der in der aktuellen deutschen Ausgabe 1536 Seiten umfasst, diese Geschichte. Der Roman spielt 1957/58 und 1984/85.

Andy Muschietti verfilmte in „Es“ einen Teil des Romans. Nämlich den Teil, der im Roman 1957/58 spielt. Er verlegte die Geschichte ins Jahr 1989 und erzählt die Geschichte einer Gruppe Jugendlicher, die gegen ein Monster kämpft und es besiegt. Der Film, eine Coming-of-Age-Geschichte und die Horrorversion von „Stand by me“, war überaus gelungen und erfolgreich an der Kinokasse.

In „Es – Kapitel 2“ erzählen er und Drehbuchautor Gary Dauberman (der auch einer der Autoren von „Es“ ist), mit einigen eher kurzen Rückblenden, den zweiten Teil des Romans.

27 Jahre nach den Ereignissen von „Es“ kehrt Pennywise zurück. Mike Hanlon (Isaiah Mustafa), der als Bibliothekar in Derry blieb, telefoniert den über die USA verstreuten Club der Verlierer – Bill Denbrough (James McAvoy), Beverly Marsh (Jessica Chastain), Richie Tozier (Bill Hader), Ben Hanscom (Jay Ryan), Eddie Kaspbrak (James Ransome) und Stanley Uris (Andy Bean) – zusammen. Sie sind jetzt in verschiedenen Berufen erfolgreich, aber keiner von ihnen hat Kinder und als sie den Anruf erhalten, hat jeder von ihnen eine Panikattacke. Auch wenn sie die damaligen Ereignisse verdrängt haben und seit Ewigkeiten nicht mehr in ihrer Heimatstadt waren, wissen sie in ihrem Unterbewusstsein, dass damals schreckliche Dinge geschahen. Bei Stanley führt die Panikattacke zum Suizid.

Trotz ihrer Angst vor dem damals erlebten und verdrängten Grauen kehren die verbliebenen Mitglieder des Clubs der Verlierer nach Derry zurück. Zuerst nur zu einem gemeinsamen Abendessen, bei dem sie Erinnerungen austauschen. Das Essen endet mit schrecklichen Visionen. Hanlon kann sie trotzdem überzeugen, ihr damals gehaltenes Versprechen zu halten. Sie nehmen wieder den Kampf gegen den mörderischen Clown Pennywise (Bill Skarsgård) auf.

In dem gut dreistündigem Film gibt es die erwartbaren Schockmomente für den Horrorfan. Aber sie sind eher kurz und mehr Pflicht als Kür. Im Mittelpunkt steht nämlich das Psychogramm von einigen Menschen, die alle einen psychischen Knacks haben und ständig mit ihren größten Ängsten konfrontiert werden. Nach dem gemeinsamen Abendessen trennen sich ihre Wege. Denn sie können Pennywise nur besiegen, wenn sie ihre Ängste kennen lernen. Dieser Mittelteil, in dem sie mit ihren Ängsten und Traumata konfrontiert werden, ist die Ouvertüre für das Finale, in dem sie weiter mit ihren Ängsten konfrontiert werden und gleichzeitig versuchen Pennywise zu besiegen. Die sechs Jugendfreunde sind in einem konstanten, sich steigerndem Schockzustand. Jede Minute des Films zeigt sie nicht als strahlende Sieger, die ein Monster besiegten und ein Dorf retteten, sondern als gebrochene und zutiefst traumatisierte Menschen. Pennywise hat sie damals nicht getötet, aber seelisch gebrochen.

Wenn sie dann im Finale von „Es Kapitel 2“ Pennywise besiegen, verlassen sie nicht als stolze Gewinner das bereits aus „Es“ in Teilen bekannte unterirdische Schlachtfeld, sondern als gebrochene Gestalten, die tief in ihrem Innern fürchten, dass das Grauen wieder zurückkehren wird.

Dieser erzählerische Ansatz ist als düstere, bis auf einen Running Gag konsequent humorfreie künstlerische Vision beeindruckend. „Es Kapitel 2“ ist eine Charakterstudie, bei der die typischen Horrorfilmmomente eher störend sind. Weil die Macher davon ausgehen, dass man „Es“ gesehen hat, werden die Ereignisse aus „Es“ nur kurz angesprochen und zu Pennywises Geschichte fast nichts gesagt. Von der jugendlichen Aufbruchstimmung und der damit verbundenen Hoffnung auf eine glückliche Zukunft ist in „Es Kapitel 2“ nichts mehr vorhanden.

Es Kapitel 2 (It Chapter 2, USA 2019)

Regie: Andy Muschietti

Drehbuch: Gary Dauberman

LV: Stephen King: It, 1986 (Es)

mit Jessica Chastain, James McAvoy, Bill Hader, Isaiah Mustafa, Jay Ryan, James Ransone, Andy Bean, Bill Skarsgård, Jaeden Martell, Wyatt Oleff, Jack Dylan Grazer, Finn Wolfhard, Sophia Lillis, Chosen Jacobs, Jeremy Ray Taylor, Teach Grant, Nicholas Hamilton, Xavier Dolan, Stephen King, Peter Bogdanovich

Länge: 170 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage (mit neuem Cover)

Es von Stephen King

Stephen King: Es

(übersetzt von Alexandra von Reinhardt und Joachim Körber, bearbeitet und teilweise neu übersetzt von Anja Heppelmann)

Heyne, 2017 (Movie Tie-In)

1536 Seiten

14,99 Euro

Erstausgabe der ungekürzten Übersetzung: 2011

Ältere Ausgaben enthalten eine gekürzte Übersetzung.

Originalausgabe

It

Viking, 1986

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film (Dein Kinoticket)

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Es Kapitel 2“

Metacritic über „Es Kapitel 2“

Rotten Tomatoes über „Es Kapitel 2“

Wikipedia über „Es Kapitel 2“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Andy Muschiettis „Mama“ (Mama, Spanien/Kanada 2012)

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Colorado Kid“ (The Colorado Kid, 2005)

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)

Meine Besprechung der auf Stephen Kings Novelle “The Colorado Kid” basierenden TV-Serie “Haven”

Meine Besprechung von Kimberly Peirces Stephen-King-Verfilmung “Carrie” (Carrie, USA 2013)

Meine Besprechung von Tod Williams‘ Stephen-King-Verfilmung „Puls“ (Cell, USA 2016)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Der dunkle Turm: Schwarz“ (The Dark Tower: The Gunslinger, 1982) und von Nikolaj Arcels Romanverfilmung „Der dunkle Turm“ (The dark Tower, USA 2017)

Meine Besprechung von Andy Muschiettis Stephen-King-Verfilmung „Es“ (It, USA 2017)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Friedhof der Kuscheltiere“ (Pet Sematary, 1983) und Kevin Kölsch/Dennis Widmyers Romanverfilmung „Friedhof der Kuscheltiere“ (Pet Sematary, USA 2019)

Stephen King in der Kriminalakte, in seinem Trailer-Park und auf Europa-Tour


TV-Tipp für den 12. Juli: Starlet

Juli 11, 2016

ZDFkultur, 22.00

Starlet (USA 2012, Regie: Sean Baker)

Drehbuch: Sean Baker, Chris Bergoch

Vor „Tangerine L. A.“ (seit Donnerstag im Kino) inszenierte Sean Baker „Starlet“, ein hochgelobtes Indie-Drama über eine Porno-Darstellerin, die sich mit einer älteren Dame befreundet.

Unaufgeregt und ohne die Profession seiner Hauptfigur zu skandalisieren, erkundet der Film das Lebenim sonnendurchfluteten, aber gänzlich unglamourös gezeigten ‚Porn Valley‘.“ (Lexikon des internationalen Films)

mit Dree Hemingway, Stella Maeve, Besedka Johnson, James Ransone, Karren Karagulian

Wiederholung: Mittwoch, 13. Juli, 01.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Starlet“

Metacritic über „Starlet“

Rotten Tomatoes über „Starlet“

Wikipedia über „Starlet“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Sean Bakers „Tangerine L. A.“ (Tangerine, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Tangerine L. A.“ erkundet unbekannte Ecken

Juli 7, 2016

Heiligabend in Los Angeles: Sin-Dee Rella erfährt von ihrer Freundin Alexandra, dass, während sie im Gefängnis saß, ihr Freund Chester eine Affäre mit einer anderen Frau hatte. Wutentbrannt will sie ihn zur Rede stellen. Aber zuerst muss sie ihre Nebenbuhlerin Dinah und dann ihren Freund finden.

Sean Baker („Starlet“) inszenierte diese Liebesgeschichte als Screwball-Comedy. Entsprechend hoch her geht es. Vor allem wenn in einem Donut-Laden in der finalen Konfrontation sich erstmals alle in die Geschichte involvierten Personen treffen und sich ohne jede Schamgrenze anbrüllen. So weit, so konventionell. Dass Sin-Dee und Alexandra Prostituierte sind, ändert daran nichts.

Allerdings sind die beiden Trans-Prostituierte, und das ist dann schon gar nicht mehr so konventionell. Sin-Dee ist über Chesters Seitensprung auch deshalb empört, weil er sie mit einer echten Frau betrogen hat. Mit der Feinfühligkeit einer in einer Ein-Zimmer-Wohnung gezündeten Silvesterrakete, die sich nicht um das von ihr verursachte Chaos kümmert, tobt sie durch ihr Viertel; die filmisch noch nicht erschlossene Gegend um das Santa Monica Boulevard und die Highland Avenue, in dem die Schauspieler von „Tangerine L. A.“ leben und sich mehr oder weniger selbst spielten. Und alle Schauspieler überzeugen in ihren Rollen, die ihnen auf den Leib geschrieben wurden.

So sind die beiden Hauptdarstellerinnen Mya Taylor und Kitana Kiki Rodriguez selbst Transgender-Frauen. Sie lieferten die Inspiration für die Filmgeschichte und die Dynamik zwischen Sin-Dee und Alexandra. Sie waren auch in die weitere Vorbereitung involviert. Sean Baker und sein Co-Autor Chris Bergoch erkundeten vor dem Dreh die Gegend und entwarfen eine Ethnographie der Gegend, der dortigen Subkultur und den dort lebenden und arbeitenden Menschen. In dieser Beziehung hat „Tangerine L. A.“ viel von einem Dokumentarfilm. Realität und Fiktion liegen hier nah beieinander.

Man könnte „Tangerine L. A.“ also als unterhaltsame, teils auch arg vor sich hin plätschernde Screwball-Comedy unter Transgender-Prostituierten, gedreht mit Laienschauspielerinnen, für ein Independent-Publikum, das sich nicht an schrill-vulgären Klischeetransen stört, abtun, wenn es da nicht den technischen Aspekt gäbe.

Denn Sean Baker drehte den gesamten Film mit dem iPhone 5S. Er und sein Kameramann Radium Cheung benutzten beim Dreh anamorphotische Linsen von Moondog Labs, die ihnen Prototypen ihrer Adapter für das iPhone gaben. Die kleinen Kameras ermöglichten ihnen auf der Straße ein ungestörtes Filmen. In der Postproduktion wurden die Bilder bearbeitet und im Kino – ich habe den Film auf einer wirklich großen Leinwand gesehen – überzeugen die Bilder restlos. Es sind Kinobilder, die niemals an verwackelte YouTube-Videos oder die schrecklich unprofessionell und billig aussehenden Video-Aufnahmen erinnern, die es auch in Filmen mit bekannten Schauspielern gibt. Ich hatte beim Ansehen auch niemals das Gefühl, einen für einen kleinen Bildschirm gedrehten Film zu sehen. Die Bilder füllen in jeder Sekunde die gesamte Leinwand aus.

Tangerine L. A.“ zeigt, dass man nicht viel Geld benötigt, um einen gut aussehenden Film für die groooße Leinwand zu drehen.

Man benötigt nur eine gute Geschichte, die dazu passende Schauspieler und das Ziel, einen Kinofilm zu drehen.

Tangerine L A - Plakat 4

Tangerine L. A. (Tangerine, USA 2015)

Regie: Sean Baker

Drehbuch: Sean Baker, Chris Bergoch

mit Kitana Kiki Rodriguez, Mya Taylor, Karren Karagulian, Mickey O’Hagan, Alla Tumanian, James Ransone

Länge: 88 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Tangerine L. A.“

Metacritic über „Tangerine L. A.“

Rotten Tomatoes über „Tangerine L. A.“

Wikipedia über „Tangerine L. A.“ (deutsch, englisch)

Ein Gespräch mit Sean Baker über „Tangerine L. A.“


TV-Tipp für den 3. Februar: Low Winter Sun: 24 lange Stunden

Februar 2, 2015

ZDFneo, 00.10
Low Winter Sun: 24 lange Stunden (USA 2013, Regie: Ernest Dickerson)
Drehbuch: Chris Mundy (basierend auf „Low Winter Sun“ von Simon Donald)
Detroit: Frank Agnew (Mark Strong) und Joe Geddes (Lennie James) bringen ihren korrupten, alkohlsüchtigen Kollegen Brendan McCann, der Agnews Freundin ermordet haben soll, um und lassen es wie einen Suizid erscheinen. Als in McCanns Auto eine verstümmelte Leiche gefunden wird, soll Agnew die beiden Morde aufklären. Dabei war der Verstümmelte ein Informant für den internen Ermittler Simon Boyd (David Costabile), der gegen McCann ermittelte. Und Agnew fragt sich, wie sehr er Geddes, der seit vier Jahren der Partner von McCann war, trauen kann.
„Low Winter Sun“ ist das Remake des gleichnamigen englischen TV-Films von 2006, in dem Mark Strong ebenfalls die Hauptrolle spielte. Aber aus dem Zweistünder wurde jetzt eine zehnteilige TV-Serie, die sich viel Zeit für ihre Charaktere und ihre Verwicklungen nehmen kann. Denn hier hat jeder mindestens einen Grund, seinen Partnern zu misstrauen. Die ersten beiden Folgen machen jedenfalls neugierig.
ZDFneo zeigt die düstere Serie zu einer unchristlichen Zeit, aber dafür immer nur eine Folge.
Mit Mark Strong, Lennie James, James Ransone, Sprague Grayden, Athena Karkanis, Ruben Santiago-Hudson, David Costabile, Billy Lush
Hinweise
ZDFneo über „Low Winter Sun“
Rotten Tomatoes über „Low Winter Sun“
Wikipedia über „Low Winter Sun“ (deutsch, englisch)
Crime Time Preview über „Low Winter Sun“


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