Neu im Kino/Filmkritik: Melissa McCarthy fragt „Can you ever forgive me?“

Februar 21, 2019

Im Gegensatz zu den meisten Kinogängern lernte ich Melissa McCarthy nicht als alle Grenzen austestende Slapstick-Ulknudel, sondern als ernste Schauspielerin kennen. Daher ist für mich ihr neuester Film auch keine Überraschung, sondern die lange erwartete, erhoffte und auch überfällige Rückkehr in das dramatische Fach.

Melissa McCarthy spielt Lee Israel, eine 1939 geborene, 2014 verstorbene Autorin von Star-Biographien, eine Nervensäge und Trinkerin. Ihr neues Buchprojekt über Fanny Brice ist unverkäuflich. Aber die Rechnungen müssen auch im New York der frühen neunziger Jahre bezahlt werden.

Als die Einundfünfzigjährige einen Stapel Bücher antiquarisch verkaufen will (was ungefähr das Doppelte von Nichts einbringt), bemerkt sie, dass für Briefe von Schriftstellern Unsummen bezahlt werden. Für einen von Katherine Hepburn an sie gerichteten und signierten Brief werden ihr 175 Dollar geboten. Sie verkauft den Brief und kann damit einen Teil der Rechnung beim Tierarzt für ihre über alles geliebte, kranke Katze Jersey bezahlen.

Israel beginnt, auch immer wieder angestiftet durch ihren Trinkkumpel Jack Hock (Richard E. Grant), Briefe von bekannten Schriftstellern wie Dorothy Parker, Lilian Hellman, Noel Coward und Ernest Hemingway zu fälschen. Und sie ist verdammt gut darin. Sie trifft den unverwechselbaren Ton der Schreibenden und sie streut immer wieder kleine persönliche Bemerkungen ein. Ihre Abnehmer, Händler, die die Briefe gewinnbringend an Sammler weiterverkaufen, sind begeistert. Nur: wie lange kann das Spiel gut gehen?

Wer den Fall kennt oder Lee Israels Biographie „Can you ever forgive me?“ gelesen hat, weiß, dass Israel sehr lange Fälschungen verkaufte, ehe sie verhaftet wurde. Und auch wer das nicht weiß, dürfte über das Ende nicht sonderlich überrascht sein. Aber der Weg dahin ist höchst vergnüglich. Dank des Drehbuchs, der Regie, der Schauspieler und der Ausstattung, die stimmig die Patina einer computerlosen Zeit, ruhiger Bibliotheken, verrauchter Kneipen und mild verstaubter Antiquariate heraufbeschwört.

Melissa McCarthy ist, nachdem sie für „Brautalarm“ (Bridesmaids, USA 2011) als beste Nebendarstellerin für den Oscar nominiert war, dieses Mal als beste Schauspielerin nominiert. Angesichts der starken Konkurrenz dürfte sie ihn nicht erhalten (meine Wette geht auf „The Favourite“ Olivia Colman). Das ändert nichts daran, dass sie dieses biestige und dennoch liebesbedürftige Weib grandios spielt. Man möchte diese rechthaberische Nervensäge gleichzeitig hochkantig aus der Wohnung werfen und in den Arm nehmen. Das tut dann der ebenfalls Oscar-nominierte Richard E. Grant als flamboyanter Jack Hock, der sich immer noch eine kindliche Unschuld bewahrt hat. Er ist ein Dieb, Trickbetrüger und Schnorrer, dessen Image seine Situation kaum noch tarnen kann. Aber mit dem man viel Spaß haben kann.

Und mehr wollen sie auch nicht von ihm haben. Denn Hock ist, wie Israel, homosexuell und er hat, was gegen Ende unübersehbar wird, AIDS.

Sie bilden ein seltsames, sich gegenseitig stützendes Paar.

Als Verbrecherin wird sie einem sogar zunehmend sympathisch. Einerseits, weil Melissa McCarthy immer mehr Facetten von Lee Israel zeigt. Andererseits weil man sich nie des Eindrucks erwehren kann, dass die Käufer von Israels Briefen ziemlich genau wissen, dass es sich um Fälschungen handelt. Und sie richtet keinen wirklichen Schaden an. Ihre Taten sind harmloser als die von Earl Stone (gespielt von Clint Eastwood in „The Mule“) und Forrest Tucker (gespielt von Robert Redford in „Ein Gauner & Gentleman“ [Kinostart 28. März]) begangenen Taten. Stone war Kartell-Drogenkurier im sehr großen Umfang. Tucker war sein Leben lang ein höflicher Bankräuber und ein ebenso notorischer Ausbrecher aus Gefängnissen. Diese drei jetzt und demnächst im Kino laufenden Filme basieren auf wahren Geschichten und alle drei Filme sympathisieren mit ihren Protagonisten. Es sind gewitzte, keine Gewalt ausübendem Verbrecher, deren Taten und Leben in einem amüsierten, leicht ungläubige ‚Das kann doch nicht wahr sein‘-Tonfall geschildert werden. Das trifft natürlich besonders auf Lee Israel und ihre Fälschungen zu, die sie an die kleine Szene der Händler verkaufte.

Die Drehbuchautoren Jeff Whitty (sein Debüt) und Nicole Holofcener erhielten für ihr Drehbuch ebenfalls eine Oscar-Nominierung. Holofcener schrieb und inszenierte vorher unter anderem „Enough said“. Das feinfühlige Wohlfühl-Drama war der vorletzte Film des früh verstorbenen James Gandolfini.

Inszeniert wurde das Drama feinfühlig von Marielle Heller. Sie überzeugte bereits mit ihrem Spielfilmdebüt, der Komödie „Diary of a Teenage Girl“ über ein sich auch künstlerisch betätigendes Mädchen in San Francisco in den siebziger Jahren.

Can you ever forgive me?“ ist wundervolles Schauspielerkino über ein überhaupt nicht vorbildliches Paar und einige hundert gefälschte Briefe.

Can you ever forgive me? (Can you ever forgive me?, USA 2018)

Regie: Marielle Heller

Drehbuch: Nicole Holofcener, Jeff Whitty

LV: Lee Israel: Can you ever forgive me?, 2008

mit Melissa McCarthy, Richard E. Grant, Dolly Wells, Jane Curtin, Anna Deavere Smith, Stephen Spinelli, Ben Falcone

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Can you ever forgive me?“

Metacritic über „Can you ever forgive me?“

Rotten Tomatoes über „Can you ever forgive me?“

Wikipedia über „Can you ever forgive me?“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood fragt, wer hier mehr geschummelt hat

Meine Besprechung von Marielle Hellers „Diary of a Teenage Girl“ (Diary of a Teenage Girl, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Bad Spies“ sind auch Spione

August 31, 2018

Was ist schlimmer? Wenn der Freund via SMS die Beziehung beendet oder wenn er ein Spion ist? Also kein langweiliger Sesselfurzer, sondern eher so der durchtrainierte, smarte James-Bond-Typ.

Audrey (Mila Kunis) glaubt zuerst ersteres. Aber dann eröffnet ihr ihr lange spurlos verschwundener Freund, dass er ein Spion sei und gerade mächtig Ärger habe. Angesichts der wilden Schießerei in ihrer Wohnung hätte sie das eh vermutet. Kurz bevor er vor ihren Augen erschossen wird, bittet er sie, einen superwichtigen USB-Stick nach Wien zu bringen. Die supergeheimen und in den falschen Händen extrem gefährlichen Informationen dürfen unter keinen Umständen in die falschen Hände fallen.

Zusammen mit ihrer Kindergartenfreundin Morgan (Kate McKinnon) macht Audrey sich von den USA auf den Weg nach Europa zu dem Übergabeort: ein nobles Café in Wien.

Dort geraten sie in die nächste Schießerei. Denn alle Restaurantgäste sind schwerbewaffnete und extrem tötungswillige Agenten., Killer und Verbrecher. So genau kann man das nicht auseinanderhalten.

Audrey und Morgan können unverletzt entkommen und beginnen ihre Tour durch Europa als extrem schusseliges Damenduo, das den extrem gefährlichen Agenten zeigt, dass „Bad Spies“ in diesem Fall die besseren Spione sind. Dabei haben die beiden chaotischen Quasselstrippen die meiste Zeit überhaupt keine Ahnung davon, in welchen Schlamassel sie hineingeraten sind, wer die Guten und wer die Bösen sind, wem sie vertrauen können und gegen wen sie kämpfen.

Vor drei Jahren schickte Paul Feig Melissa McCarthy in „Spy – Susan Cooper Undercover“ (Spy, USA 2015) auf eine ähnliche Mission und sein Film ist ungleich gelungener als Susanna Fogels „Bad Spies“. Das liegt vor allem an den Witzen, die in „Bad Spies“ nicht besonders witzig sind und oft sogar nerven, wenn Mila Kunis und Kate McKinnon ewig improvisieren, ohne zu einem Punkt zu kommen. Es ist der auch aus anderen US-Komödien bekannte Impro-Klamauk.

Die Action ist dagegen gut gemacht, knackig und ziemlich brutal. Das liegt sicher auch daran, dass Stunt-Koordinator und Second-Unit-Regisseur Gary Powell verpflichtet wurde. Er war bei „Ready Player One“, „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“, den letzten James-Bond-Filmen und den Jason-Bourne-Filmen für die Stunts verantwortlich. Und auch für „Bad Spies“ inszenierte er einige beeindruckende Stunt-Sequenzen. Die Härte bei diesen Szenen war von Regisseurin Fogel gewollt: „Es war mir wichtig, dass die Action genauso skrupellos ist wie in einem Film mit männlichen Helden und dass wir nichts zurückhalten oder abmildern.“.

Diese Härte verträgt sich dann nicht besonders gut mit dem leichten Ton der Comedy.

Die Story bemüht sich gar nicht, mehr als der lose Kitt zwischen Action und Blödeleien zu sein. So ist die Actionkomödie mäßig unterhaltsam und schnell vergessen.

Bad Spies (The Spy who dumped me, USA 2018)

Regie: Susanna Fogel

Drehbuch: David Iserson

mit Mila Kunis, Kate McKinnon, Justin Theroux, Gillian Anderson, Sam Heughan, Hasan Minhaj, Ivanna Sakhno, Paul Reiser, Jane Curtin

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Bad Spies“

Metacritic über „Bad Spies“

Rotten Tomatoes über „Bad Spies“

Wikipedia über „Bad Spies“ (deutsch, englisch)


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