Neu im Kino/Filmkritik „Book Club – Das Beste kommt noch“ nach dem Abspann

September 14, 2018

Dürfen ältere Frauen, – also so ungefähr im Alter von meiner Mutter und deiner Großmutter (oder umgekehrt) -, noch Sex haben und darf man einen Film darüber machen? Während diese Fragen in europäischen, siehe „Alles inklusive“, und südamerikanischen Filmen, siehe „Gloria“, schon lange eindeutig beantwortet sind, ist in den prüden USA ein Film wie „Book Club – Das Beste kommt noch“ dagegen eine kleine Sensation.

Denn im Mittelpunkt der Komödie stehen vier ältere, in gut situierten Verhältnissen lebende Frauen, die jetzt in ihrem wöchentlichen Lesekreis „Fifty Shades of Grey“ lesen und wieder Lustgefühle bekommen. Sie wollen, kurz gesagt, wieder Sex haben. So wie früher. Oder, dank des Buchs, noch schlimmer.

Ausgehend von dieser Idee entwickelt sich eine arg vorhersehbar vor sich hin plätschernde, reichlich unwitzige Komödie, bei der nur die Besetzung für Aufmerksamkeit sorgt. Der titelgebende Buchclub besteht aus Diane Keaton (geb. 1946), Jane Fonda (geb. 1937), Mary Steenburgen (geb.1953, das Nesthäkchen) und Candice Bergen (geb. 1946). Sie spielen alle so ungefähr Sixty-Somethings, die teils Kinder haben, teils verwitwet oder geschieden sind und teils erfolgreich berufstätig sind. Sie sind vier ganz normale weiße, bürgerliche Frauen, die seit Jahren ihren Lesezirkel als Anlass zum Tratschen und Wein trinken nehmen. Und sie müssen sich, damit die Liebesgeschichten funktionieren, oft so naiv und weltfremd verhalten, dass man nicht glauben will, dass hier sechzigjährige Frauen, Jahre nach der sexuellen Revolution, ihren zweiten oder dritten Frühling erleben.

Ihre Männer werden gespielt von Andy Garcia (geb. 1956), Don Johnson (geb.1949), Craig T. Nelson (geb. 1944), Richard Dreyfuss (geb. 1947), Wallace Shawn (geb. 1943) und, als Ex-Mann, Ed Begley Jr. (geb 1949).

Für eine kleine Komödie ist das eine beachtliche Besetzung. Auffallend ist außerdem, dass die Frauen hier normalerweise älter als ihre Objekte der Begierde sind. Das dürfte der größte Witz dieser dialoglastigen Komödie sein.

Die Dialoge erschöpfen sich in arg eindeutigen Doppeldeutigkeiten. Besonders witzig oder intelligent ist das nicht. Nur ein Werner-Herzog-Gag fällt positiv auf. Und die herrlich misslungene Tanznummer von Steenburgen und ihrem Filmmann Nelson zu Meat Loaf am Filmende.

Aber vielleicht sieht es das 60+-Zielpublikum anders.

Book Club – Das Beste kommt noch (Book Club, USA 2018)

Regie: Bill Holderman

Drehbuch: Bill Holderman, Erin Simms

mit Diane Keaton, Jane Fonda, Candice Bergen, Mary Steenburgen, Andy Garcia, Don Johnson, Richard Dreyfuss, Ed Begley Jr., Craig T. Nelson, Wallace Shaw, Alicia Silverstone

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Facebook-Seite zum Film

Moviepilot über „Book Club“

Metacritic über „Book Club“

Rotten Tomatoes über „Book Club“

Wikipedia über „Book Club“

Advertisements

Geboxt: Die Spielfilme des Herrn Sorrentino

November 28, 2017

Il Divo“, „Cheyenne“, „La grande Bellezza“ und „Ewige Jugend“ – vier von der Kritik hochgelobte Filme, die auch bei uns im Kino liefen und Paolo Sorrentino weltbekannt machten. So erhielt „Ewige Jugend“ den Europäischen Filmpreis in den Kategorien Bester Film, Regie und Schauspieler (Michael Caine). „La grande Bellezza“ erhielt den Oscar als bester fremdsprachiger Film. „Cheyenne“ erhielt in Cannes den Preis der ökumenischen Jury. Und „Il Divo“ erhielt in Cannes den Preis der Jury. Um nur einige der zahlreichen Preise zu nennen, die diese vier Filme erhielten, die jetzt als „Paolo Sorrentino – Director’s Collection“ erschienenen.

Bei den Filmen fällt auf, wie sehr sie sich, trotz vollkommen verschiedener Geschichten und Genres, ähneln. Alle vier Filme sind geprägt von einem zutiefst melancholischen Blick auf das Leben. Alle Protagonisten verkörpern eine große Ennui, die sich auch durch den gesamten Film zieht. Sie haben schon alles gesehen. Sie wollen nichts mehr erreichen. Sie sind von ihrem Leben und den Menschen gelangweilt. Sie sind milde desinteressiert am Leben. Immer wieder flanieren sie ziellos durch die Stadt. Sie sind, auch wenn sie noch jung sind, alte Männer, die in einer Welt leben, die nur noch für Abgesänge taugt.

Mit „Il Divo“ wurde der 1970 in Neapel geborene Paolo Sorrentino international bekannt. In diesem satirischen Mix aus Polit-Thriller und Biopic porträtiert er den „Democrazia Cristiana“-Politiker Giulio Andreotti (1919 – 2013). Er war zwischen 1947 und 1992 an 33 Regierungen beteiligt, davon sieben Mal als Ministerpräsident. 1992 wurde er zum Senator auf Lebenszeit ernannt. Er wurde immer wieder beschuldigt, Verbindungen zur Mafia zu haben.

In dem vor allem in den frühen Neunziger spielenden Film ist Andreotti bereits ein alter Mann, der keine Miene verzieht und der sich durch ein Panoptikum ebenso versteinerter Gestalten bewegt. Formal knüpft „Il Divo“ sehr gekonnt an die Tradition des italienischen Polit-Thrillers an. Vor allem den Filmen von Francesco Rosi. Beide scheuen sich nicht, den Zuschauer in jeder Beziehungen zu fordern und das italienische politische System bis in seine feinsten Verästelungen zu analysieren.

Cheyenne – This must be the Place“ ist Sorrentinos Ausflug in die USA. Im Mittelpunkt steht der sich im finanziell gut gepolsterten Ruhestand befindende Gothic-Sänger Cheyenne, den anscheinend nichts aus seiner Lethargie reißen kann. Und das will schon etwas heißen bei einem Musikstil, in dem schon pubertierende Musiker eine Weltmüdigkeit und Todessehnsucht verkörpern, die auch Hundertjährige kaum erreichen. Durch die Nachricht vom nahenden Tod seines Vaters, den er seit Ewigkeiten nicht gesehen hat, wird er aus seiner Lethargie gerissen. Er reist zurück in die USA und beginnt nach der Beerdigung seines Vaters einen Roadtrip durch das Land. Er sucht den Mann, der seinen Vater im KZ folterte.

Mit „La grande Bellezza“ kehrt Sorrentino zurück nach Rom. Er porträtiert den von seinem Leben zu Tode gelangweilten Klatschkolumnisten Jep Gambardella, der seinen 65. Geburtstag feiert und sich fragt, was er aus seinem Leben gemacht hat.

In der Box erscheint der Film auf DVD (bzw. Blu-ray) in der nur hier erhältlichen dreißig Minuten längeren166-minütigen „Extended Version“ mit „neuen Szenen, Figuren, Orten und neuem Schnitt“ (Covertext). Sorrentino meint zur neuen Fassung: „Bei meiner ersten Fassung war es noch notwendig, Kompromisse einzugehen und einige Szenen zu opfern. Diese erweiterte Version liefert den Film nun aber in seiner ursprünglichen Gesamtheit, so dass alle Figuren voll zur Geltung kommen.“

Vor allem badet diese Version noch länger in Jep Gambardellas Ennui, den anscheinend nichts mehr begeistern kann, weil er schon alles gesehen hat und das rauschhafte Leben der High Society nur eine Flucht vor der eigenen Bedeutungslosigkeit ist. Die meisten Änderungen sind – wenn ich mich noch richtig an die fabelhafte Kinoversion erinnere – Verlängerungen von Szenen und eine nächtliche Begegnung von Gambardella mit Fanny Ardant, die sich selbst spielt. Das ist schön anzusehen und überzeugt auch in der längeren Fassung, aber im Gegensatz zu Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now Redux“ sind die Veränderungen nicht so gravierend und auffällig, dass man ad hoc, eindeutig eine Fassung gegenüber der anderen bevorzugt.

Diese überbordende Liebeserklärung an Rom und Federico Fellinis Werk dürfte Sorrentinos populärster Film sein.

In seinem letzten, mal wieder top besetztem Spielfilm „Ewige Jugend“ sind die Protagonisten, deren besten Jahre schon einige Jahrzehnte zurückliegen, nicht mehr vom Leben gelangweilt. Sie verbringen den Sommer in der Schweiz in einem edlen Wellness-Tempel. Sie genießen die Ereignislosigkeit. Wobei gerade der Komponist Fred Ballinger und sein Freund, der Drehbuchautor Mick Boyle wehmütig auf ihre früheren Jahre zurückblicken und milde desinteressiert die anderen Hotelgäste beobachten und sich auch manchmal mit ihnen unterhalten. Ab und an wird Ballinger, – weil es doch nicht vollkommen ohne Story geht -, von einem Gesandten der Queen gefragt wird, ob er sein bekanntestes Stück für eine Feier dirigieren möchte. Ballinger lehnt diese Unterbrechung seines Ruhestandes zunächst ab.

In „Ewige Jugend“ gibt es noch nicht einmal die Scheinaktivitäten von Sorrentinos früheren Filmen. Handlungstechnisch passiert nichts. Visuell passiert nichts. Das hat, gerade wegen der Altersweisheit der Charaktere, durchaus seinen Reiz. Wenn man für gepflegte Langeweile und Schönheit empfänglich ist.

Die jetzt von DCM veröffentlichte 4-DVD/Blue-ray-Box enthält die Filme von Sorrentino, die bei uns im Kino liefen. Seine vor „Il Divo“ inszenierten Filme wurden bislang offiziell in Deutschland noch nicht gezeigt. Insgesamt ist die Box eine gelungene Werkschau und ein tolles Weihnachtsgeschenk für Filmfans.

Hinweis für Berliner und Berlin-Besucher: Im Rahmen einer „Hommage an Toni Servillo“ wird der Director’s Cut von „La grande Bellezza – Die große Schönheit“ am Mittwoch, den 20. Dezember, um 20.00 Uhr im Lichtblick Kino, am Freitag, den 22. Dezember, um 17.30 Uhr im Bundesplatz Kino und am Sonntag, den 24. Dezember, um 16.00 Uhr im Il Kino als OmU gezeigt.

Paolo Sorrentino – Director’s Collection

DCM

Bild: 2,35:1 (16:9 anamorph)

Ton: Deutsch, Englisch, Italienisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Interviews mit Paolo Sorrentino, Interviews mit Cast & Crew, Making-of, Trailer

Länge: 513 Minuten (4 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Blu-ray identisch)

enthält

Il Divo – Der Göttliche (Il Divo, Italien/Frankreich 2008)

Regie: Paolo Sorrentino

Drehbuch: Paolo Sorrentino

mit Toni Servillo, Anna Bonaiuto, Piera Degli Espositi, Paolo Graziosi, Giulio Bosetti, Flavio Bucci

Cheyenne – This must be the Place (This must be the Place, Italien/Frankreich/Irland 2011)

Regie: Paolo Sorrentino

Drehbuch: Umberto Contarello, Paolo Sorrentino

mit Sean Penn, Frances McDormand, Judd Hirsch, Eve Hewson, Harry Dean Stanton, David Byrne, Kerry Condon, Joyce van Patten, Heinz Lieven

La grande Bellezza – Die große Schönheit (La grande Bellezza, Italien/Frankreich 2013)

Regie: Paolo Sorrentino

Drehbuch: Paolo Sorrentino, Umberto Contarello

mit Toni Servillo, Carlo Verdone, Sabrina Ferilli, Carlo Buccirosso, Iaia Forte, Pamela Villoresi, Fanny Ardant

Ewige Jugend (Youth, Italien/Frankreich/Schweiz/Großbritannien 2015)

Regie: Paolo Sorrentino

Drehbuch: Paolo Sorrentino

mit Michael Caine, Harvey Keitel, Rachel Weisz, Paul Dano, Jane Fonda, Mark Kozelek, Robert Seethaler, Alex Macqueen

Hinweise

Rotten Tomatoes über Paolo Sorrentino

Wikipedia über Paolo Sorrentino (deutsch, englisch, italienisch)

Meine Besprechung von Paolo Sorrentinos „Cheyenne – This must be the Place“ (This must be the Place, Italien/Frankreich/Irland 2011)

Meine Besprechung von Paolo Sorrentinos „La grande Bellezza – Die große Schönheit“ (La grande Bellezza, Italien/Frankreich 2013)


TV-Tipp für den 17. August: Der elektrische Reiter

August 17, 2016

3sat, 22.25

Der elektrische Reiter (USA 1979, Regie: Sydney Pollack)

Drehbuch: Robert Garland (nach einer Filmstory von Paul Gaer und Robert Garland, nach einer Story von Shelly Burton)

Ex-Rodeo-Reiter Sonny Steele arbeitet inzwischen als Showattraktion für einen Frühstücksflocken-Konzern. Als er in Las Vegas bemerkt, dass das dem Konzern gehörende 12-Millionen-Dollar-Pferd mit Drogen vollgepumpt ist, packt ihn seine Cowboy-Ehre und er reitet mit ihm von der Las-Vegas-Bühne hinaus in die Wildnis. Die Journalistin Hallie Martin verfolgt ihn. Zunächst für eine gute Story über den Aufstand eines Cowboys gegen einen Wirtschaftskonzern.

In der Gegenwart spielender Western, der ein wenig die Industrie kritisiert und in der Landschaft schwelgt – mit Robert Redford, Jane Fonda und einem Pferd.

Der Fischer Film Almanach schrieb damals, als Filme auch durch die ideologische Brille betrachtet wurden (was gar nicht so schlecht ist): „Zwar tippt Regisseur Pollack Zivilisationsflucht und Neokultur kritisch an, bleibt aber im ganzen gesehen eher dem Konservatismus verhaftet. (…) Solcherart plakative und konservative Motive verdecken teilweise die ironischen Moment des Films.“ (Fischer Film Almanach 1981)

Ein sehr optimistisches Stück Traumfabrik.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon)

Robert Redford war zufrieden mit dem Film und freute sich über den riesigen geschäftlichen Erfolg. Es war ihm gelungen, eines seiner wichtigsten Anliegen in eine spannende und unterhaltsame Handlung zu verpacken und an den Mann und die Frau zu bringen.“ (Thomas Jeier: Robert Redford)

Die Außenaufnahmen wurden in Utah, nur wenige Meilen von Redfords Haus gedreht.

Die Musik ist von Dave Grusin und Willie Nelson ist als Sänger dabei.

Morgen, am 18. August, feiert Robert Redford seinen achtzigsten Geburtstag und am 25. August läuft sein neuer Film „Elliot, der Drache“ an. In der gelungenen Realverfilmung des 1977er Disney-Hits „Elliot, das Schmunzelmonster“ hat er eine wichtige Nebenrolle. Denn die Hauptrolle spielen natürlich der Drache und sein junger Freund.

mir Robert Redford, Jane Fonda, John Saxon, Willie Nelson, Nicolas Coster, Timothy Leroy, James B. Sikking

Wiederholung: Freitag, 19. August, 02.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

3sat über die Robert-Redford-Reihe

Rotten Tomatoes über „Der elektrische Reiter“

Wikipedia über „Der elektrische Reiter“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 4. März: Eine Farm in Montana

März 4, 2016

3sat, 22.35

Eine Farm in Montana (USA 1978, Regie: Alan J. Pakula)

Drehbuch: Dennis Lynton Clark

Nach dem zweiten Weltkrieg kehrt Frank Athearn nach Montana zurück. Er will dort eine Farm betreiben, gerät in einen Konflikt mit einem Viehbaron, der das Land aufkaufen will, verbündet sich mit einer Rancherin, die ebenfalls um ihr Land kämpft, und eine Ölfirma will Öl fördern.

Schöner, melancholischer Spätwestern, der damals nicht gut aufgenommen wurde. Denn: „Sie erwarteten von Pakula neue Impulse für das Western-Genre. Doch viele der Überzeugungen, die die Figur von Jane Fonda auszeichnen und die Jane Fonda selbst damals vertrat, gehören zur Grundausstattung des Westerns: die Schlechtigkeit der Großgrundbesitzer, die Liebe zur Natur und die Nähe der Ölmanager zum Gaunertum. In einem Film der fest in der Jetztzeit angesiedelt ist, wären diese Motive revolutionär, aber im Western klingen sie abgedroschen.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon)

Das Drehbuch erhielt 1979 den Spur Award der Western Writers of America.

mit James Caan, Jane Fonda, Jason Robards, George Grizzard, Richard Farnsworth, Jim Davis, Mark Harmon, James Keach

Hinweise

Wikipedia über „Eine Farm in Montana“ (deutsch, englisch)

Rotten Tomatoes über “Eine Farm in Montana”

Reelz: Trailer zum Film


TV-Tipp für den 14. Dezember: Ein Mann wird gejagt

Dezember 14, 2014

Arte, 20.15

Ein Mann wird gejagt (USA 1965, Regie: Arthur Penn)

Drehbuch: Lillian Hellman, Michael Wilson (ungenannt), Horton Foote (ungenannt), Ivan Moffat (ungenannt)

LV: Horton Foote: The Chase (Bühnenstück 1952, später zu einem Roman verarbeitet)

In einer texanischen Kleinstadt jagt ein rachsüchtiger Mob einen entflohenen Häftling. Der Sheriff versucht die Katastrophe zu verhindern.

Hellman jammerte später, die ungenannten Drehbuchautoren hätten ihr Buch verhunzt, Penn autorisierte den Film nicht und dem Studio gefielen die Einnahmen nicht. Kurz: ein ziemliches Desaster, das auch im Rückblick, trotz gelungener Momente, nicht viel besser wird.

„Ein Mann wird gejagt“ ist ein Film, „der über weite Strecken hinter seinen Möglichkeiten bleibt. Seine Bildsymbolik…ist allzu dick aufgetragen, die Topographie der Ortschaft sowie die Hierarchie ihrer Bewohner sind dagegen nicht sorgfältig genug ausgearbeitet, das grandiose Darstellerensemble bleibt sträflich unterfordert.“ (Michael Omasta in Lars-Olav Beier/Robert Müller: Arthur Penn)

Im Anschluss, um 22.25 Uhr, läuft das spielfilmlange Porträt „Marlon Brando – Der Harte und der Zarte“ (Frankreich 2013, Regie: Philippe Kohly).

Am Montag zeigt Arte um 20.15 Uhr „Endstation Sehnsucht“ (USA 1951, Regie: Elia Kazan), ebenfalls mit Marlon Brando.

Mit Marlon Brando, Robert Redford, Jane Fonda, Angie Dickinson, E. G. Marshall, Robert Duvall

Wiederholung: Dienstag, 16. Dezember, 13.45 Uhr

Hinweise

Arte über „Ein Mann wird gejagt“

Rotten Tomatoes über „Ein Mann wird gejagt“

Wikipedia über „Ein Mann wird gejagt“ (deutsch, englisch)

Ein Interview mit Horton Foote

Kriminalakte: Mein Nachruf auf Arthur Penn

Arthur Penn in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: I Origins; Like Father, like Son; Phoenix; Sieben verdammt lange Tage; Ein Sommer in der Provence; Who am I – Kein System ist sicher

September 26, 2014

Wenig Zeit, daher „Kurz & Knapp“ (auch eine Form von KuK) über die Neustarts im Kino am heutigen Donnerstag:

I Origins - Plakat

„I Origins“ ist einer der Filme, von denen ich viel erwartete und dann umso enttäuschter war. Denn die Prämisse, dass jede Iris einzigartig ist und ein Molekularbiologe, der in diesem Forschungsgebiet über die Evolution des Auges bahnbrechendes leistet, entdeckt, dass diese Arbeitshypothese falsch ist und damit seine gesamte Forschung und seine Überzeugungen in Frage stellen würde, verspricht einen philosophischen Science-Fiction-Film.
Aber dann geht es auch um eine Liebesgeschichte, die ungefähr in der Filmmitte ein abruptes Ende findet und später doch wieder wichtig ist. Es geht um Forschungsfragen. Es geht um die Frage nach der Einzigartigkeit des Menschen und um Wiedergeburt, was die Einzigartigkeit der Iris, aber auch etwas viel unangenehmeres beweisen würde. Es gibt auch ein seltsames Forschungsprogramm, das nicht näher erklärt wird, aber für die Fans von Paranoia-Thrillern gedacht ist. Für die gibt es auch eine Szene nach dem Abspann.
Letztendlich begnügt Mike Cahill sich in „I Origins“ mit dem Aufwerfen von Fragen und mehreren überraschenden bis abstrusen Wendungen, die nur verwirren ohne auch nur im Ansatz zu erklären, worum es den Machern ging.
„I Origins“ ist ein frustierender Film. Mit und ohne Seelenwanderung. Und dass Cahill im Presseheft sagt, dass für ihn „I Origins“ nur der Anfang seiner Erforschung des Bereiches zwischen Fakten und Glauben sei und er den Stoff in weiteren Filmen oder einer TV-Serie fortspinnen will, hilft nicht, weil wir dann den Film nicht als eigenständiges, in sich abgeschlossenes Werk, sondern nur als den Auftakt von etwas Größerem ansehen sollen.

I Origins – Im Auge des Ursprungs (I Origins, USA 2014)
Regie: Mike Cahill
Drehbuch: Mike Cahill
mit Michael Pitt, Brit Marling, Astrid Bergès-Frisbey, Steven Yeun, Archie Panjabi, Cara Seymour, Venida Evans, William Mapother, Kashish
Länge: 108 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Film-Zeit über „I Origins“
Moviepilot über „I Origins“
Metacritic über „I Origins“
Rotten Tomatoes über „I Origins“
Wikipedia über „I Origins“ (deutsch, englisch)

Like Father Like Son - Plakat 1

Was wäre, wenn dein Kind bei der Geburt vertauscht worden wäre? Und was würdest du tun? Das muss sich Ryota Nonomiya fragen, als er erfährt, dass genau das vor sechs Jahren geschehen ist. Der distanzierte, statusbewusste Architekt, der in finanzieller Hinsicht alles für seinen Sohn tut, aber wegen der vielen Arbeit ihn fast nie sieht, hat jetzt eine Erklärung für die Defizite und den mangelnden Ehrgeiz seines Sohnes. Aber ist Blut wirklich dicker als Erziehung? Soll er seinen falschen Sohn gegen seinen echten Sohn tauschen, der bei einer zwar liebevollen, aber armen und furchtbar ambitionslosen Familie lebt? Oder soll er dafür kämpfen, das Sorgerecht für beide Kinder zu bekommen?
Hirokazu Kore-eda erhielt für seinen Film „Like Father, like Son“ in Cannes den Preis der Jury und das ist verständlich. Ruhig und aus Ryotas Perspektive erzählt er von diesem Dilemma. Dabei bleiben die Sympathien für den egoistischen Ryota, der das Kind vor allem als Statussymbol braucht, überschaubar. Aber die angesprochenen Fragen sind unversell und Hirokazu Kore-eda behandelt sie auch angemessen komplex in einer scheinbar einfachen Geschichte über zwei Familien und ihre Kinder in einer Gesellschaft, in der – wenn so ein Fehler entdeckt wird – die Kinder getauscht werden und ein Adoptionen selten sind.
Ein sehenswerter Film.


Like Father, like Son (Soshite chichi ni naru, Japan 2013)
Regie: Hirokazu Kore-eda
Drehbuch: Hirokazu Kore-eda
mit Masaharu Fukuyama, Machiko Ono, Keita Ninomiya, Lily Franky, Yoko Maki, Shogen Hwang
Länge: 120 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Like Father, like Son“
Moviepilot über „Like Father, like Son“
Metacritic über „Like Father, like Son“
Rotten Tomatoes über „Like Father, like Son“
Wikipedia über „Like Father, like Son“

Phoenix - Plakat - 4

Nelly hat schwer verletzt und verunstaltet den Zweiten Weltkrieg und Auschwitz überlebt. Ihre Freundin Lene bietet ihr ein neues Leben in Israel mit einem neuen Gesicht an. Aber Nelly will wieder ihr altes Gesicht zurückhaben. Sie will in Deutschland bleiben und sie will wieder ihren Ehemann Johnny treffen. Er ist ihre große Liebe, der sie verraten hatte.
Johnny arbeitet jetzt in Berlin in der Bar „Phoenix“. Als er Nelly trifft, erkennt er sie nicht. Aber er bemerkt eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen der unbekannten Schönheit und seiner toten Frau. Jedenfalls glaubt Johnny, dass Nelly tot ist. Er will die Fremde zu Nellys Ebenbild verändern, um so an Nelly Familienvermögen zu gelangen. Nelly spielt mit.
Cineasten werden in „Phoenix“ sofort eine Variante von Alfred Hitchcocks „Vertigo“ erkennen. Sowieso hat jedes Bild, jeder Satz, jede Geste und jede Szene mindestens eine weitere Bedeutung, was beim Ansehen und Entschlüsseln Spaß macht. Wobei, wie üblich bei Christian Petzold, der Film auch einfach als spannende Geschichte funktioniert. Jedenfalls bis Nelly auf Johnnys Angebot eingeht. Dann fällt die vorher vorhandene Spannung wie ein Soufflé in sich zusammen und die restlichen Minuten, wenn Nelly die Gestik von Nelly einstudiert und sie bei ihren Verwandten, die den Krieg überlebten, vorgestellt wird, haben dann etwa die Spannung von Malen-nach-Zahlen.
„Phoenix“ ist Fritz Bauer, dem Initiator und Ankläger des Auschwitz-Prozesses, gewidmet. Harun Farocki, mit dem Petzold bei, ich glaube, jedem seiner Filme zusammenarbeitete, verstarb kurz vor der Premiere des Films.
Insgesamt ist „Phoenix“ ein sehenswerter Film. Aber Petzolds bester Film ist es nicht.


Phoenix (Deutschland 2014)
Regie: Christian Petzold
Drehbuch: Christian Petzold, Harun Farocki (Mitarbeit)
LV (nach Motiven): Hubert Monteilhet: Le retour des cendres, 1961 (Der Asche entstiegen)
mit Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Nina Kunzendorf, Michael Maertens, Imogen Kogge, Kirsten Block
Länge: 98 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Phoenix“
Moviepilot über „Phoenix“
Rotten Tomatoes über „Phoenix“


Sieben verdammt lange Tage - Plakat


Nach dem Tod ihres Vaters müssen die Mitglieder der Familie Altman, auf Wunsch des Verstorbenen, eine siebentägige Totenwache nach jüdischer Tradition halten, was natürlich dazu führt, dass die gar nicht so gläubige Familie, die uns als dysfunktional vorgestellt wird, über alte und neue Probleme reden muss.
„Sieben verdammt lange Tage“ ist gut besetzt. Jason Bateman als gerade entlassener und getrennt lebender Radio-Producer (seine Frau schlief mit seinem Boss), der jetzt nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll. Tina Fey, Adam Driver und Corey Stoll als seine Geschwister. Jane Fonda (Die soll Jahrgang 1937 sein? Niemals.) als Mutter mit vergrößerter Brust und die ihre Kinder als Studienobjekte für ihre populären Erziehungsratgeber benutzte. In Nebenrollen sind unter anderem Rose Byrne als Batemans alte und neue Freundin und Timothy Olyphant als verblödeter, aber sehr verständnisvoller Nachbar und Ex-Freund von Tina Fey dabei.
Es ist auch gut inszeniert von Shawn Levy (Real Steel, Prakti.com). Jonathan Troppers Drehbuch schmeckt die dramatischen und die komödiantischen Teile in dieser in Richtung harmonieseliger RomCom gehenden Familienzusammenführung ordentlich ab.
Aber die Charaktere, die alle in einem luftleeren Raum abseits von all den normalen Alltagsproblemen lebten, interessierten mich niemals wirklich. Auch die Prämisse wirkte arg ausgedacht. Immerhin versteht die Familie sich gut und sie traf sich in den vergangenen Jahren sicher zum üblichen Thanksgiving-Dinner und dem gemeinsamen Weihnachts-/Silvesterurlaub. Immerhin leben sie doch in und um Long Island, New York, ziemlich nah beieinander.
„Sieben verdammt lange Tage“ ist kein schlechter, aber ein uninteressanter Film.

Sieben verdammt lange Tage (This is where I leave you, USA 2014)
Regie: Shawn Levy
Drehbuch: Jonathan Tropper
LV: Jonathan Tropper: This is where I leave you, 2009 (Sieben verdammt lange Tage)
mit Jason Bateman, Jane Fonda, Tina Fey, Adam Driver, Rose Byrne, Corey Stoll, Kathryn Hahn, Connie Britton, Timothy Olyphant, Dax Shepard, Debra Monk, Abigail Spencer, Ben Schwartz,
Länge: 103 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Sieben verdammt lange Tage“
Moviepilot über „Sieben verdammt lange Tage“
Metacritic über „Sieben verdammt lange Tage“
Rotten Tomatoes über „Sieben verdammt lange Tage“
Wikipedia über „Sieben verdammt lange Tage“ (deutsch, englisch)
Homepage von Jonathan Tropper

Meine Besprechung von Shawn Levys „Real Steel“ (Real Steel, USA 2011)

Meine Besprechung von Shawn Levys „Prakti.com“ (The Internship, USA 2013)

Ein Sommer in der Provence - Plakat

Für die beiden Pariser Teenager Léa und Adrien ist schon die Hinfahrt im Zug eine Tortur, die ihren Höhepunkt erreicht, als sie erfahren, dass das Gut ihres Großvaters ab von jeglicher Zivilisation mitten in der Einöde liegt und dass es dort keinen Handy-Empfang gibt (gut, das Problem wird später gelöst). Für ihren jüngeren, gehörlosen Bruder Théo ist die Zugfahrt wohl eher der Beginn eines großen Abenteuers. Und für ihren Großvater Paul (Jean Reno als grumpy old man) ist der Besuch auch eine höchst unwillkomme Unterbrechung seines geruhsamen Landlebens zwischen Olivenbäumen und funktionierendem Alkoholiker, der sich vor Ewigkeiten so heftig mit seiner Tochter zerstritt, dass er seine Enkelkinder noch nicht gesehen hat.
Dennoch verleben sie einen schönen „Sommer in der Provence“, in dem Léa sich in einen schönen Reiter und Pizzabäcker (mit Nebeneinkommen) verliebt, während ihr Bruder ein Auge auf die ebenfalls etwas ältere Dorfschönheit und Eisverkäuferin wirft. Sie treffen auch, via einer von Adrien gefakten Facebook-Einladung, die alten Freunde von Paul und seiner Frau Irène. Eine Bande echter Rocker. Jedenfalls im Sommer. In den anderen Jahreszeiten gehen sie bürgerlichen Berufen nach. Gemeinsam erinnern sie sich am Lagerfeuer an ihre Jugend, die so um 68 rum war, inclusive einem Besuch des legendären Woodstock-Festivals.
In der Realität hätten die Franzosen damals wohl eher das unbekanntere Isle-of-Wight-Festival besucht, aber diese kleine Ungenauigkeit ändert nichts daran, dass jetzt die 68er alt werden und damit auch neue Themen in das typisch französische „Die Familie verbringt einen Sommer auf dem Land“-Komödie gelangen.
Davon abgesehen ist Rose Boschs „Ein Sommer in der Provence“ die diesjährige Ausgabe dieses Genres, in dem die Familie einen Urlaub auf dem Land macht, die Teenager sich verlieben, die Generationen sich etwas streiten und versöhnen und es viele kleine Episoden für jeden Geschmack gibt. So ist „Ein Sommer in der Provence“ ein luftiger Ensemblefilm, der keinen Protagonisten und keine eindeutige Erzählperspektive hat. Diese Positionslosigkeit im Erzählerischen kann man dem Film vorwerfen, oder sich einfach von den Schönheiten der Landschaft verzaubern lassen.

Ein Sommer in der Provence (Avis de mistral, Frankreich 2014)
Regie: Rose Bosch
Drehbuch: Rose Bosch
mit Jean Reno, Anna Galiena, Chloé Jouannet, Hugo Dessioux, Lukas Pelissier, Tom Leeb, Aure Atika
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Ein Sommer in der Provence“
Moviepilot über „Ein Sommer in der Provence“
AlloCiné über „Ein Sommer in der Provence“
Rotten Tomatoes über „Ein Sommer in der Provence“
Wikipedia über „Ein Sommer in der Provence“ 

Who am I - Plakat

Nachdem seine Freunde in einem Hotelzimmer ermordet wurden, geht Benjamin (Tom Schilling) zur Europol-Cybercrime-Polizistin Hanne Lindberg (Trine Dyrholm), um ihr alles über die von ihm mitgegründete und polizeilich europaweit gesuchte Hackergruppe CLAY (Clowns laughing @ You) zu erzählen. Gemeinsam machten er und seine Kumpels Max (Elyas M’Barek), Stephan (Wotan Wilke Möhring) und Paul (Antoine Monot, Jr.) etliche Anonymus-Aktionen, die meistens mit einem Einbruch oder mindestens einem Hausfriedensbruch und Benjamins überragenden Computerkenntnissen durchgeführt wurden, gerieten in Kontakt mit der Russian Cyber-Mafia und in den Fokus der Polizei, die sie unerbittlich als Großverbrecher verfolgte.
Das klingt jetzt, nach Wikileaks und den NSA-Enthüllungen von Edward Snowden, wie ein schlecht ausgedachter Scherz und genauso unglaubwürdig wirkt dann auch der gesamte Thriller „Who am I – Kein System ist sicher“ mit seinen eindimensionalen, sich unlogisch verhaltenden Charakteren, die wir immer durch Benjamins Augen sehen. Denn fast der gesamte Film besteht aus Benjamins Geständnis.
Für mich hörte sich Benjamins Geschichte allerdings von der ersten bis zur letzten Minute wie eine schlecht ausgedachte Kolportage aus Schlagzeilen und pubertärer Phantasie an, die eine erfahrene Polizistin niemals glauben würde. Das ist allerdings die Voraussetzung dafür, dass sie später Benjamin hilft und die doppelte Schlusspointe funktioniert. Wobei die erste Pointe Benjamins oft vollkommen unglaubwürdige Geschichte erklärt und die zweite ein netter Abschluss eines vermurksten Films über Hacker, Cybercrime, Lug und Trug ist.
Besser man sieht sich noch einmal „Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“ an. Da gibt es auch atmosphärische Berlin-Bilder und einen glaubwürdigeren Einblick in das Hacker-Leben.

Who am I – Kein System ist sicher (Deutschland 2014)
Regie: Baran Bo Odar
Drehbuch: Jantje Friese, Baran Bo Odar
mit Tom Schilling, Elyas M’Barek, Hannah Herzsprung, Wotan Wilke Möhring, Antoine Monot, Jr., Triny Dyrholm, Stephan Kampfwirth
Länge: 106 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Who am I“
Moviepilot über „Who am I“
Wikipedia über „Who am I“
Meine Besprechung von Baran Bo Odars „Das letzte Schweigen“ (Deutschland 2010)


Blu-ray-Kritik: Drei Kult-Regisseure erzählen „Außergewöhnliche Geschichten“

Mai 21, 2014

Das ist schon etwas außergewöhnlich: Jane Fonda, Alain Delon, Brigitte Bardot, Terence Stamp und ein vor „Easy Rider“noch unbekannter Peter Fonda in einem Film, der 1968 seine Premiere auf dem Filmfest in Cannes hatte; der von Roger Vadim, Louis Malle und Federico Fellini inszeniert wurde; dessen Geschichten, wie einige damals erfolgreiche Filme von Roger Corman, die heute Kultfilme sind, auf Erzählungen von Edgar Allan Poe basierten, und der Film erscheint erst jetzt in Deutschland.
Das wäre eine außergewöhnliche Geschichte, ein lange vergessener filmischer Missing Link, wenn „Außergewöhnliche Geschichten“ keiner dieser Omnibusfilme wäre, in denen bekannte Regisseure Kurzfilme drehen, die dann hintereinander als ein Film gezeigt werden. In den sechziger Jahren war das ein bei Produzenten seltsamerweise beliebtes Subgenre, das sich meistens kommerziell nicht besonders lohnte und auch künstlerisch höchstens zwiespältige Ergebnisse zustande brachte.
Sowohl als Einzelfilm, bei dem die verschiedenen Herangehensweisen der Regisseure für produktive Reibungen sorgen könnten, als auch im Oeuvre des Regisseurs, wo es oft noch nicht einmal als Nebenwerk oder Experiment interessant ist. Da ist es fast überflüssig zu sagen, dass Omnibusfilme fast nie im Fernsehen gezeigt werden und als Einzelfilm fast unbekannt sind. Manchmal sind einzelne Kurzfilme, die dann auch als Einzelwerk gezeigt werden, beliebter. Auch „Außergewöhnliche Geschichten“ gehört in diese Kategorie der von der Allgemeinheit schnell vergessenen Filme.
Roger Vadim erzählt in „Metzengerstein“ die Geschichte der schönen Contessa Frederique de Metzengerstein (Jane Fonda), die noch nie von einem Mann zurückgewiesen wurde. Als ihr Cousin, mit dessen Familien die Metzengersteins schon seit Generationen verfeindet sind, es doch tut, nimmt das Schicksal, also eine von ihr angestoßene Verkettung unglücklicher Umstände die immer weiter ins Verderben führt, seinen Lauf.
Wer von einem Film mehr als eine durch die Landschaft reitende und alte Gemäuer stolzierende Jane Fonda erwartet, wird enttäuscht werden.
Der zweite Kurzfilm, „William Wilson“ von Louis Malle, ist die beste außergewöhnliche Geschichte. Zum ersten Mal begegnete der Sadist William Wilson (Alain Delon) seinem Doppelgänger in der Schule. Schon damals sabotierte der Doppelgänger Wilsons Stellung. Später begegnet er ihm immer wieder und ihr Kampf findet seinen Höhepunkt, als er, inzwischen ein geachtet-gefürchteter Offizier, gegen eine dunkelhaarige Schönheit (Brigitte Bardot mit schwarzen Haaren) Karten spielt.
„William Wilson“ ist ein schöner, eher kühl inszenierter Abstieg in den Wahnsinn eines arroganten Arschlochs, der von seinen Dämonen gejagt wird. Louis Malle inszenierte die Geschichte in Rückblenden. Der ängstliche Wilson beichtet einem Priester seine Sünden. Er behauptet, von einem Dämon verfolgt zu werden, dem er zum ersten Mal als Jugendlicher begegnete. Durch diese Struktur stehen wir auf der Seite des verfolgten Wilson und wir sind gespannt auf die Auflösung der Geschichte.
Federico Fellinis „Toby Dammit“ ist ein Über-Fellini, der Rom als eine alptraumhafte Dystopie zeichnet und auch eine Satire auf den Kunstbetrieb ist. In diesem Film wird der englische Filmstar Toby Dammit (Terence Stamp), eine Art Über-Richard-Burton-Marlon-Brando-auf-Droge, nach Italien eingeladen, um dort einen Film zu drehen. Doch vor dem Dreh muss er in einer TV-Sendung auftreten und einer Preisverleihung beiwohnen. Gut, dass es überall Drogen und Frauen gibt.
„Toby Dammit“ ist, wie Vadims „Metzengerstein“ eindeutig zu lang geraten, was auch daran liegen kann, dass diese Geschichte, wie die beiden vorherigen, zielstrebig auf den Tod des nicht besonders liebenswerten Protagonisten zusteuert. Aber während man bei William Wilson noch, bedingt durch die Struktur der Geschichte – sie entfaltet sich in Rückblenden während einer Beichte -, sein Leid mitfühlen kann und Contessa Frederique de Metzengerstein als zurückgewiesene Braut immerhin schön anzusehen ist, ist Toby Dammit einfach nur ein seelisches Wrack auf Droge. Immerhin benimmt er sich so schlecht, dass das schon wieder witzig ist.
Im Bonusmaterial besteht die Möglichkeit, die Filme einzeln anzusehen. Und wahrscheinlich sollte man die Filme als Einzelwerke genießen.
Insgesamt ist es schön, dass diese Lücke geschlossen wurde, aber letztendlich ist „Außergewöhnliche Geschichten“ doch nur etwas für Komplettisten, die jeden Film von Louis Malle oder Federico Fellini haben wollen. Bei Roger Vadim genügt wohl „Barbarella“ mit Jane Fonda.

Außergewöhnliche Geschichten - Blu-ray

Außergewöhnliche Geschichten (Histoires Extraordinaires, Frankreich/Italien 1968)
Regie: Roger Vadim, Louis Malle, Federico Fellini
Drehbuch: Roger Vadim, Pascal Cousin, Louis Malle, Daniel Boulanger, Clement Biddle Wood, Federico Fellini, Bernardino Zapponi
LV: Edgar Allan Poe: Metzengerstein (1832), William Wilson (1839), Never bet the Devil your Head (1841)
mit Jane Fonda, Peter Fonda, Philippe Lemaire, Alain Delon, Brigitte Bardot, Katia Cristina, Umberto d’Orsi, Terence Stamp, Vincent Price (Erzähler in der englischen Version)

Blu-ray
Koch Media (Masterpieces of Cinema)
Bild: 1.78:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Französisch, Englisch (DTS-HD Master Audio 2.0)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Bonusmaterial: Französischer Trailer, Bildergalerie
Länge: 121 Minuten
FSK: frei ab 16 Jahre

Hinweise
Rotten Tomatoes über „Außergewöhnliche Geschichten“
Wikipedia über „Außergewöhnliche Geschichten“ (deutsch, englisch, französisch)
Die Geschichten „Metzengerstein“ (1832) (deutsch), „William Wilson“ (1839) (deutsch) und „Never bet the Devil your Head“ (1841) von Edgar Allan Poe
Meine Besprechung von Louis Malles „Fahrstuhl zum Schafott“ (L’Ascenceur pour l’échafaud, Frankreich 1957)


%d Bloggern gefällt das: