Neu im Kino/Filmkritik: „Alois Nebel“ – das Gegenteil von Walt Disney

Dezember 12, 2013

Alois Nebel ist der ältere, allein lebende Fahrdienstleiter an dem kleinen Bahnhof Bílý Potok im Nirgendwo der tschechoslowakisch-polnischen Grenze, der seine Arbeit liebt, alte Fahrpläne sammelt und unbeeindruckt von den weltpolitischen Umbrüchen des Jahres 1989 ist. Wenn es neblig wird, erinnert er sich an die Vergangenheit: vor allem die Deportationen der Juden, die anschließende Vertreibung der Deutschen, die er als Kind miterlebte, und die sowjetische Besatzung. Während seine Alpträume immer schlimmer werden, er auch in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wird, blüht der grenznahe Schmuggel von Waren und Menschen – und ein geheimnisvoller Mann, nur „Der Stumme“ genannt, taucht auf. Er will sich für die Nachkriegsgräuel rächen.

Alois Nebel“ ist die mit einigen Preisen, wie dem Europäischen Filmpreis als bester Animationsfilm, ausgezeichnete Verfilmung mehrerer Comics von Autor Jaroslav Rudis und Zeichner Jaromir 99, in der in einem großen Bogen anhand einiger Charaktere die Geschichte des Sudetenlandes, von weltpolitischen Veränderungen, die sich im alltäglichen Leben spiegeln und von Schuld und Sühne erzählt wird. Aber was im Comic funktioniert, führt im Film schnell zu einem Übermaß an Exposition und einem erzählerischem Stillstand. So ziehen sich die knapp neunzig Minuten des Trickfilms schnell wie Kaugummi; auch weil die Geschichte, die eher eine essayistische Collage von mehreren miteinander verknüpften Episoden mit schweigsam-introvertierten Charakteren ist, sehr reizarm erzählt wird. So spiegelt sich, wenn gegen Ende die Handlung actionlastiger wird und auch ein blutiger Mord geschieht, die Bilder nicht im Ton wieder. Davor gibt es lange Aufnahmen, von vor sich hin brütenden Menschen.

Tomás Lunák drehte den Film im Rotoskopie-Verfahren, in dem Realbilder auf eine Mattglasscheibe projiziert und abgezeichnet werden. So schwanken die faszinierenden Schwarz-Weiß-Bilder auch immer wieder zwischen einer sehr realistischen und einer abstrakten Wiedergabe der Ereignisse. In Richard Linklaters Philip-K.-Dick-Verfilmung „A Scanner Darkly – Der dunkle Schirm“ führte das Rotoskopie-Verfahren zu einem überzeugenden Ergebnis. In Christian Volckmans Science-Fiction-Noir „Renaissance“, der ebenfalls mit extrem stilisierten Schwarz-Weiß-Bildern (hier sogar unter dem Verzicht auf jegliche Grautöne) arbeitete, war das Ergebnis ein stilistisch beeindruckender, erzählerisch unbeeindruckendes Werk.

Auch „Alois Nebel“ beeindruckt nur als Stilübung, bei der die einzelnen Filmbilder und der Trailer interessanter als der Film sind.

Alois Nebel - Plakat - 4

Alois Nebel (Alois Nebel, Tschechien/Deutschland 2011)

Regie: Tomás Lunák

Drehbuch: Jaroslav Rudis, Jaromir 99 (Pseudonym von Jaromír Svejdík)

LV: Jaroslav Rudis/Jaromir 99: Alois Nebel, 2006 (Gesamtausgabe des Comics, Alois Nebel)

mit Miroslav Krobot, Marie Ludvíková, Karel Roden, Leos Noha, Alois Svehlík, Tereza Vorísková, Ján Sedal

Länge: 84 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Alois Nebel“

Moviepilot über „Alois Nebel“

Rotten Tomatoes über „Alois Nebel“

Wikipedia über „Alois Nebel“ (deutsch, englisch)

Homepage von Jaroslav Rudis

Homepage von Jaromir 99

Die Kinotour zum Film

12.12.   20:00Uhr / Filmpalette, Köln (Tomáš Luňák)

12.12.   20:30Uhr / Prager Frühling, Leipzig (Jaroslav Rudiš)

13.12.   19:00Uhr / Kommunales Kino, Weimar (Tomáš Luňák)

13.12.   21:00Uhr / Kinoklub Hirschlachufer, Erfurt (Tomáš Luňák)

13.12.   18:45Uhr / Cinema im Ostertor, Bremen (Jaroslav Rudiš)

14.12.   19:30Uhr / Luchs, Halle (Tomáš Luňák)

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