Neu im Kino/Filmkritik: Ziemlich „Kalte Füße“

Januar 11, 2019

Weil Denis (Emilio Sakraya) bei Adam (Aleksandar Jovanovic) seine Schulden nicht bezahlen kann, macht dieser ihm eines dieser Angebote, das er nicht ablehnen kann. Denis soll die einsam gelegene Villa von Raimund Groenert (Heiner Lauterbach) ausräumen. Der Hausherr ist nicht da und auch sonst sei niemand in der Villa. Denis muss also nur einbrechen, die Wertsachen einsammeln und verschwinden.

Was kann da schon schiefgehen?

Außer dass der nach einem Schlaganfall fast vollständig gelähmte Hausherr einen Tag früher aus dem Krankenhaus entlassen wird und schon grummelnd auf dem Boden liegt und dass Groenerts Enkelin Charlotte (Sonja Gerhardt) von ihrer überaus beschäftigten Mutter verpflichtet wurde, die Nacht auf ihren Großvater, den sie seit Ewigkeiten nicht gesehen hat, aufzupassen. Am nächsten Tag soll dann ein Krankenpfleger kommen. Oh, sie ist auch eine angehende Polizistin.

Damit ist in Groenerts Villa das Personal für eine ordentliche Portion Chaos und Verwechslung versammelt.

Denn selbstverständlich hält Charlotte Denis für den Pfleger von Groenert. Und weil Denis seine Anwesenheit in dem Haus nicht anders erklären kann, bestätigt er ihre Vermutung. Notgedrungen muss er den miesepetrigen Hausherrn pflegen, ohne wirklich eine Ahnung von der Krankenpflege zu haben. Entsprechend unorthodox und auch respektlos ist sein Umgang mit Groenert, der sich nach dem Schlaganfall nur noch mit Lauten, Augen- und wenigen Armbewegungen äußern kann.

Diese Prämisse von Wolfgang Groos‘ Komödie „Kalte Füße“ erinnert unübersehbar an den französischen Komödienerfolg „Ziemlich beste Freunde“. Neil Burgers US-Remake „Mein Bester & Ich“ (The Upside) mit Kevin Hart, Bryan Cranston und Nicole Kidman startet am 21. Februar in unseren Kinos.

Aber „Kalte Füße“ erzählt eine andere Geschichte. In der Nacht schneit es so sehr, dass Denis, Groenert und Charlotte die nächsten Tage gemeinsam im Haus bleiben müssen. Schnell verliebt Denis sich in Charlotte, die nicht erfahren sollte, warum er hier ist. Außerdem hat sie einen Freund. Und der fast vollständig gelähmte Groenert denkt nicht daran, Denis laufen zu lassen. Trotz seiner Lähmung kann er sich wehren. Und er tut das mit diebischer Freude gegenüber allen Menschen, die ihn bestehlen wollen. Oder die er nicht mag.

Weil Denis gegenüber Adam immer neue Ausreden erfindet, um den Diebstahl nicht durchzuführen, wird Adam ungeduldig. Mit seinem Bodyguard taucht er in Groenerts Villa auf. Er will das Geld aus dem Safe haben. Notfalls mit Gewalt.

So ist „Kalte Füße“ dann doch kein Remake von „Ziemlich beste Freunde“, sondern eine Gaunerkomödie zwischen Klamauk und Slapstick. Mal mehr, mal weniger gelungen. Es ist eine Verwechslungskomödie mit simpel gestrickten Figuren und vorhersehbaren Verwechslungen und Wendungen, die fast ausschließlich in dem in keinster Weise behindertengerechten Anwesen von Groenert spielt.

Kalte Füße (Deutschland 2018)

Regie: Wolfgang Groos

Drehbuch: Christof Ritter

mit Heiner Lauterbach, Emilio Sakraya, Sonja Gerhardt, Aleksandar Jovanovic, Michael Ostrowski, Gerti Drassl, Alexander Czerwinski, Ischtar Isik, Jasmin Gerat

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Kalte Füße“

Moviepilot über „Kalte Füße“

Wikipedia über „Kalte Füße“

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DVD-Kritik: „The Team“ jagt einen Menschenhändler

Mai 18, 2015

Vor der TV-Ausstrahlung rührte das ZDF eifrig die Werbetrommel. Denn „The Team“ ist nicht nur, wie viele andere Krimiserien, eine Co-Produktion, sondern sie hat auch drei aus verschiedenen Ländern stammende Ermittler und die Ermittlungen finden in mehreren Ländern statt. Das Budget betrug zehn Millionen Euro, die Dreharbeiten dauerten acht Monate und gedreht wurde in einem halben Dutzend Länder. „The Team“ ist also eine große Produktion. Aber ist es auch eine gute Produktion?
Der achtstündige Krimi, der im TV in vier jeweils zweistündigen Folgen gezeigt wurde und auf DVD als Achtteiler geschnitten ist, beginnt flott. Gleich in den ersten Minuten werden in Berlin, Antwerpen und Kopenhagen Prostituierte ermordet. Aufgrund des Tathergangs (Schuss ins linke Auge, Finger abgetrennt) stellt Europol ein staatenübergreifendes Ermittlerteam zusammen. Denn es wird vermutet, dass es sich um den gleichen Täter handelt. Sein Motiv ist unklar. Ebenso, ob er weitere Morde begeht. In der Vergangenheit hat er allerdings schon mindestens einmal gemordet.
Harald Bjørn (Lars Mikkelsen), Hauptkommissar im Morddezernat Kopenhagen, Jackie Mueller (Jasmin Gerat), Hauptkommissarin im BKA Berlin, und Alicia Verbeek (Veerle Baetens), Kommissarin im Morddezernat in Antwerpen, sollen ihn überführen.
Auch die Ermittlungen laufen zügig an. Schnell haben sie einen Verdächtigen: Jean Louis Poquelin (Carlos Leal), der dann doch nicht der Täter ist. Er schreibt an einem Enthüllungsbuch über Marius Loukauskis (Nicholas Ofczarek), ein Verbrecher, der überall seine Finger drin hat.
Als Loukauskis von den Morden erfährt, fragt er sich, wer ihn anschwärzen will. Das ist am Ende der zweiten Episode (von acht). Ungefähr in diesem Moment haben die Autoren ihr Figurenensemble aufgefächert und wir dürfen ab jetzt mehreren parallel verlaufenden Handlungen (wobei ich immer wieder den Eindruck hatte, dass eine Gleichzeitigkeit suggeriert wurde, die nicht stimmte) folgen, die immer mehr in private Subplots abgleiten. Bjørn wird Vater. Verbeek kümmert sich um ihre Mutter, eine Alkoholikerin, und ihre Schwester, eine Prostituierte. Mueller um ihre beiden Kinder und ihren fremdgehenden Ehemann, über den wir – zum Glück – nichts Wesentliches erfahren. Eine ständig alkoholisierte Jazzsängerin, deren beste Tage schon lange vorüber sind und die eine Beziehung zu Loukauskis hat, torkelt immer wieder durch den Film, während die Ermittler viel telefonieren (der Einsatz der modernen Kommunikationsmittel ist angenehm unaufgeregt, wird aber auch zunehmend penetrant) und zwischen Berlin, Antwerpen, Kopenhagen und den Alpen hin und her pendeln, während der Fall sich über mehrere Episoden höchstens im Schneckentempo voranbewegt bis zum plötzlichen Ende, bei dem man fast übersieht, wer der Täter ist und sich zusammenpuzzeln muss, wie das jetzt alles zusammen hängt und was genau das Motiv war.
Trotz der bombastischen Werbung reiht „The Team“ sich unaufgeregt in die typisch skandinavischen Krimis ein: einige gruselige Morde, etwas Sozialkritik (hier gegen Menschenhändler, Zwangsprostitution und Ausbeutung), viele zeitraubende Privatgeschichten und eine lieblose Lösung, über die man nicht genauer nachdenken sollte. Bei „The Team“ gibt es außerdem etliche groß eingeführte Charaktere und Subplots, die plötzlich fallengelassen werden. Nein, wirklich begeistern kann das „Team“ nicht.
Auf der DVD ist die Originalfassung und die deutsche Fassung enthalten. Für die deutsche Fassung wurde alles konsequent eingedeutsch. Damit wurde die Serie gerade um ihren besonderen Aspekt beraubt. Deshalb sollte man die Originalfassung ansehen. In ihr reden die Ermittler, wie in der Realität, untereinander englisch und, wenn sie mit Kollegen, ihren Partnern und Verdächtigen reden, in ihrer Landessprache.
Als Bonusmaterial gibt es ein fünfzehnminütiges „Making of“ und Kurzbiographien der drei Ermittler und des Bösewichts, die man sich in sechs Minuten ansehen kann. Das Bonusmaterial ist, nett, begrenzt informativ (das Booklet ist informativer) und gänzlich spoilerfrei.

The Team - DVD-Cover 4

The Team (The Team, Dänemark/Deutschland/Österreich/Schweiz/Belgien 2015)
Regie: Katherine Windfeld, Kasper Gaardsøe
Drehbuch: Mai Brostrøm, Peter Thorsboe
mit Lars Mikkelsen, Jasmin Gerat, Veerle Baetens, Carlos Leal, Miriam Stein, Hilde Van Mieghem, Alexandra Rapaport, Andreas Pietschmann, Leo Gregory, Marc Benjamin, Filip Peeters, Sunnyi Melles, André Hennicke, Peter Benedict, Nadeshda Brennick

DVD
Edel
Bild: 16:9
Ton: Deutsch, mehrsprachige Originalfassung (Dänisch, Deutsch, Englisch, Flämisch, Französisch, Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of, Kurzclips über die Hauptfiguren, 16-seitiges Booklet
Länge: 486 Minuten (4 DVDs)
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
ZDF über „The Team“
Moviepilot über „The Team“
Wikipedia über „The Team“


Neu im Kino/Filmkritik: „Nicht mein Tag“ ist nicht mein Film

Januar 17, 2014

 

Vor fünfzehn Jahre drehte Peter Thorwarth „Bang Boom Bang – Ein todsicheres Ding“. Vor acht Jahren drehte er „Goldene Zeiten“, den Abschluss seiner Unna-Trilogie und seinen bislang letzten Spielfilm.

Mit „Nicht mein Tag“ kehrt er zurück und ist, mit leicht veränderten Vorzeichen, wieder in der Welt von „Bang Boom Bang“, der kultigen Ruhrpott-Kleingangsterkomödie, gelandet. Nappo Navroki (Moritz Bleibtreu) war einige Jahre im Bau. Das liefert sofort die Vorlage für einen „im Bau“/“auf dem Bau“-Witz, der das Niveau des Films gleich ziemlich tief legt. Mit einem Bankkredit will er sein neues Auto, einen Ford Mustang Fastback GT, Baujahr 1968, finanzieren. Sein Bankberater Till Reiners (Axel Stein) gibt ihm, wegen fehlender Sicherheiten, das Geld nicht. Ach ja: Reiners Name wird öfters mit Til Schweiger verwechselt. Das ist, bis der andere Til kurz auftaucht, der Running Gag des Films.

Nappo der unbedingt den Ford Mustang will, um dann mit seiner Freundin nach Cherbourg zu fahren (den Gag könnt ihr euch denken), raubt kurzentschlossen und gänzlich improvisiert die Bank aus und nimmt, weil alles schief geht, Till als Geisel.

Jetzt könnte ein flottes Road-Movie beginnen, in dem Geisel und Geiselnehmer sich näher kommen, während sie von der Polizei verfolgt werden. Nappo und Till kommen sich zwar näher, entdecken Gemeinsamkeiten (wie die Liebe zur Rockband Donar [gespielt von „Cowboys on Dope“]), aber die Verfolger spielen keine Rolle. Auch Tills Frau steckt gerade, wegen Beziehungsstress, in einem Mega-Nachrichtenloch und bekommt, weil der Drehbuchautor es so will, absolut nichts von der Geiselnahme mit. Damit hat die Geiselnahme dann auch ungefähr die Spannung eines Landausflugs. Immerhin verbringen Nappo und Till in einer Gartenlaube einen bierseligen Abend mit Klampfenmusik und Lagerfeuer.

Nach dem ersten Drittel lässt Nappo seine Geisel frei – und damit ist die Filmgeschichte eigentlich zu Ende. Der Konflikt ist gelöst und beide könnten wieder getrennte Wege gehen.

Nur weil Nappo von einem Verbrecherkumpel das Angebot für ein illegales Geschäft in Amsterdam erhält, bei dem auch ein „Zivilist“ zwecks Studium der Papiere benötigt wird (weil der Drehbuchautor es so will), und Till, als er in sein Reihenhaus zurückkehrt einen fremden Mann im Ehebett entdeckt und glaubt, dass seine Frau gerade duscht (es ist ihre Freundin, die den Irrtum allerdings nicht aufklärt; ebenfalls weil der Drehbuchautor es so will), dann Nappo nach Amsterdam begleitet, geht der Film in einer sich endlos hinziehenden Abfolge von Episoden und Episödchen weiter, in der beste Witz im Trailer verraten wird: „Das ist wie Osten. Nur im Westen.“ Ansonsten sind die Witze und der Humor aus dem letzten Jahrhundert.

Axel Stein, der bislang als Schauspieler noch nicht wirklich auffiel, überzeugt als biederer und begriffsstutziger Bankbeamter. Jedenfalls am Anfang. Nachdem er sich freiwillig mit Nappo auf den Amsterdam-Ausflug begibt, gibt es dann das Standardprogramm von Alkohol, Drogen, Ausfällen, Action, Chaos und entsprechenden Witzen. Moritz Bleibtreu, der zuletzt in „Inside Wikileaks“ und „Vijay und ich – Meine Frau geht fremd mit mir“ schauspielerisch überzeugte, liefert hier nur das Klischees eines Proll-Gangsters mit überschüssiger Macker-Allüre und arg beschränktem Verstand, das schon zu „Bang Boom Bang“-Zeiten anachronistisch war und seine wahre Heimat in deutschen Kriminalfilmen aus den Siebzigern und Achtzigern hat, die manchmal im Spätprogramm laufen.

Nicht mein Tag - Plakat

Nicht mein Tag (Deutschland 2014)

Regie: Peter Thorwarth

Drehbuch: Stefan Holtz

LV: Ralf Husmann: Nicht mein Tag, 2008

mit Axel Stein, Moritz Bleibtreu, Jasmin Gerat, Anna Maria Mühe, Nele Kiper, Ben Ruedinger, Kasem Hoxha, Ralf Richter

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Nicht mein Tag“

Moviepilot über „Nicht mein Tag“

Wikipedia über „Nicht mein Tag“

 

 


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