Neu im Kino/Filmkritik: Ein Mann und eine Frau erinnern sich an „Die schönsten Jahre eines Lebens“

Juli 1, 2020

Vor über fünfzig Jahren begegneten sich ein Mann und eine Frau. Heute sind sie älter und Claude Lelouch erzählt, wie Jean-Louis Duroc und Anne Gauthier jetzt leben, was sie in den vergangenen Jahrzehnten taten und wie sie sich an diese Begegnung, die Lelouch 1966 in seinem Film „Ein Mann und eine Frau“ erzählte, erinnern. Der Liebesfilm, mit Jean-Louis Trintignant und Anouk Aimée in den Hauptrollen, war damals ein Kassenerfolg. Die ins Ohr gehenden Chansons von Francis Lai halfen. Die Story ist reinster Kitsch. Aber die Idee, dass der Mann und die Frau verwitwet sind und alleine ihr Kind, ein Junge und ein Mädchen, groß ziehen müssen, verlieh der Geschichte einen neuen und sehr zeitgemäßen Touch. Die Machart, es wurde schnell und mit einem geringen Budget gedreht, sorgte für Authentizität. Heute gilt das Liebesdrama als Nouvelle-Vague-Klassiker; – wobei bei dieser Labelung ein sehr weiter Begriff von Nouvelle Vague benutzt wird.

Vor über dreißig Jahren drehte Lelouch, wieder mit Trintignant und Aimée, die Fortsetzung „Ein Mann und eine Frau: Zwanzig Jahre später“ (Un homme et une femme, Frankreich/USA 1986), die den Erfolg des ersten Films nicht wiederholen konnte und die, soweit ich es überblicke, für den dritten Film mit dem Traumpaar Aimée/Trintignant ignoriert wurde.

Der frühere Rennfahrer Jean-Louis Duroc lebt inzwischen in einem Altersheim und ist mit den normalen Gebrechen des Alters geschlagen. Die Beine machen nicht mehr mit. Das Gedächtnis ebenso. Dafür erinnert er sich umso lieber an seine Vergangenheit, vor allem an die Begegnung mit dem Skriptgirl Anne Gauthier und ihre kurze, aber unglückliche Beziehung.

Deshalb besucht sein Sohn Antoine die immer noch überaus agile Anne. Sie lebt in der Normandie, führt einen kleinen Laden und ist Großmutter. Antoine hofft, dass eine neuerliche Begegnung mit Anne eine positive Auswirkung auf den Zustand seines Vaters hat.

Anne besucht Jean-Louis in der mondänen Seniorenresidenz. Beim Anblick seiner verflossenen großen Liebe beginnt er aufzublühen. Er erzählt dieser Frau, die ihn an Anne erinnert, von Anne.

Wie schon in „Ein Mann und eine Frau“ bestand das Drehbuch für „Die schönsten Jahre eines Lebens“ nur aus wenigen Seiten. Wieder wurde sehr schnell gedreht (laut Lelouch dauerten die Dreharbeiten 13 Tagen) und beim Dreh wurde viel improvisiert. Im Schneideraum destillierte Lelouch dann aus dem Material den Film, der vor allem von seiner Stimmung lebt.

Denn „Die schönsten Jahre eines Lebens“ ist ein Erinnerungsfilm. Anne und Jean-Louis sind von ihrer Vergangenheit, den wenigen Tagen, die sie damals zusammen verbrachten, umstellt. Sie reden darüber. Langsam, tastend, immer in Andeutungen, die es ihnen ermöglichen, sich zurückzuziehen. Das ist, vor allem in der ersten, 19 Minuten dauernden Begegnung zwischen Jean-Louis und Anne im Park des Seniorenheims, große Schauspielkunst. Trintignant und Aimée führen ein spontan klingendes, aber in diesem Fall aufgeschriebenes und von Lelouch während des Drehs gesteuertes Gespräch, das präzise die Struktur von Erinnerungen erfasst.

Später besuchen Anne und Jean-Louis wieder die Orte, an denen sie vor über fünfzig Jahren waren. Die Vergangenheit durchdringt dabei immer wieder die Gegenwart. Mal subtil, mal eindeutig, wenn Jean-Louis vor einem Hotel sein damaliges Auto sieht.

Dazu zeigt Lelouch minutenlang Bilder aus „Ein Mann und eine Frau“ und aus seinem neunminütigem Kurzfilm „C’était un rendez-vous“ (1976). Die Bilder des Kurzfilms zeigen jetzt, wie Jean-Louis (in Wirklichkeit war Lelouch der Fahrer) durch das frühmorgendliche Paris rast und alle roten Ampeln ignoriert, um rechtzeitig am Bahnhof anzukommen, um Anne seine Liebe zu gestehen. Auch über diese teils farbentsättigten, teils schwarzweißen Bilder reden sie. Oder es ertönen Chansons, die bis zur letzten Minute ausgespielt werden und teilweise schon aus „Ein Mann und eine Frau“ bekannt sind.

Lelouch verwebt diese Erinnerungen mit zwei Interviews mit Anne und Fantasien von Jean-Louis, der sie als Bonnie und Clyde Polizisten töten und Tankstellen überfallen sieht. Ihr Fluchtfahrzeug ist dabei eine Ente, die aber, wenn Jean-Louis sie fährt, mindestens hundert Stundenkilometer fährt.

Lelouch zeichnet sehr genau die Struktur von Erinnerungen, das Irrlichtern zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Tagträumen nach. Jean-Louis Trintignant und Anouk Aimée spielen sich wie ein altes Ehepaar die Bälle zu. Die Chansons und die Bilder aus „Ein Mann und eine Frau“ (den man nicht gesehen haben muss, um „Die schönsten Jahre eines Lebens“ zu genießen, ich würde sogar behaupten, nicht gesehen haben sollte, weil „Die schönsten Jahre eines Lebens“ nicht wie eine Fortsetzung von „Ein Mann und eine Frau“, sondern wie ein Palimpset funktioniert.) wecken wohlige Erinnerungen an die Vergangenheit. Es geht um Stimmungen, Bilder, Gedanken und das endlose Umkreisen und Verweilen in einem Moment.

Die schönsten Jahre eines Lebens (Les plus belles années d’une vie, Frankreich 2019)

Regie: Claude Lelouch

Drehbuch: Claude Lelouch, Valérie Perrin, Pierre Uytterhoeven

mit Anouk Aimée, Jean-Lous Trintignant, Souad Amidou, Antoine Sire, Marianne Denicourt, Monica Belluci, Tess Lauvergne, Vincent Vinel

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 6 Jahre (empfohlen allerdings eher ab 60 Jahre, denn mit 66 fängt das Leben an und, wie Victor Hugo sagte: „Die besten Jahre eines Lebens sind all jene, die man noch nicht gelegt hat.“)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Die schönsten Jahre eines Lebens“

AlloCiné über „Die schönsten Jahre eines Lebens“

Rotten Tomatoes über „Die schönsten Jahre eines Lebens“

Wikipedia über „Die schönsten Jahre eines Lebens“


TV-Tipp für den 15. Februar: Auf Liebe und Tod

Februar 15, 2015

Tele5, 00.00

Auf Liebe und Tod (Frankreich 1983, Regie: Francois Truffaut)

Drehbuch: Francois Truffaut, Suzanne Schiffman, Jean Aurel

LV: Charles Williams: The long saturday night, 1962 (Die lange Samstagnacht, Auf Liebe und Tod)

Sekretärin Barbara versucht zu beweisen, dass ihr Chef nicht den Liebhaber seiner Frau und anschließend sie umgebracht hat. Aber die Beweise sprechen eine andere Sprache.

„Kriminalkomödie, die darüber hinaus formal und inhaltlich wie eine Anthologie eines Vierteljahrhunderts Truffaut wirkt, und das ohne Staubwolken und Nostalgie. ‘Auf Liebe und Tod’ ist ein frischer kleiner Spaß, den der Regisseur sich (um sich von ‘La femme d’à côte’ zu erholen) und den Samstagabendzuschauern gönnt, die sich unterhalten lassen sollen, ohne sich hinterher schämen zu müssen.“ (Fischer Film Almanach 1985)

„Auf Liebe und Tod“ „ist eine Rückbesinnung auf seine Kino-Vorlieben der Zeit, in der er mit dem Filmemachen begann, es ist eine Hommage an den ‘Film Noir’. Allerdings eine, die sich vor allem auf die ästhetischen Muster bezieht und weniger die Figuren und Geschichten umschließt.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms, 1985/1993)

mit Fanny Ardant, Jean-Lous Trintignant, Philippe Laudenbach, Caroline Sihol, Philippe Morier-Genoud

Hinweise

Wikipedia über Charles Williams und Francois Truffaut (deutsch, englisch, französisch)

Arte über Francois Truffaut

Kriminalakte über Francois Truffaut


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