(Wieder) Neu im Kino/Filmkritik: „Léon – der Profi“, 4K restauriert und immer noch frisch

September 29, 2019

Léon – Der Profi“ ist einer von Luc Bessons großen Filmen. Einer der Filme, neben „Subway“, „Im Rausch der Tiefe“ (seinen etwas unbekannteren früheren Filme), „Nikita“ und „Das fünfte Element“, die seinen Ruf als visionärer und sehr stilbewusster Regisseur begründen. Sein aktuelles Spätwerk beschränkt sich auf läppische Wiederholungen alter Erfolge. Da ist die nur am Montag, den 30. September, im Kino laufende (jaja, bei Erfolg gibt es weitere Vorführungen) in 4K restaurierte Fassung des Director’s Cut von „Léon – Der Profi“ eine willkommene Gelegenheit, sich den Film von 1994 wieder auf der großen Leinwand anzusehen. Und, ehe wir zum Film kommen: das Bild sieht fantastisch aus.

Die Geschichte dürfte bekannt sein: Léon (Jean Reno) ist ein Mafia-Profikiller, der zurückgezogen in einem New Yorker Mietshaus lebt. Als ein Nachbar, der in Rauschgiftgeschäfte verwickelt ist, und seine Familie von Norman Stansfield (Gary Oldman) und seinen DEA-Kollegen niedergemetzelt werden, muss Léon sich entscheiden, ob er die zwölfjährige Nachbarstochter Mathilda Lando (Natalie Portman) in seine Wohnung lässt. Er tut es.

Zwischen dem neunmalklugen Kind, das ihren kleinen Bruder rächen will, und dem Killer, der mental noch ein Kind ist, entwickelt sich eine Vater-Kind-Beziehung mit sexuellen Untertönen. Dieser pädophile Unterton störte mich damals im Kino nicht. Rückblickend würde ich sagen, dass ich ihn überhaupt nicht als irgendwie problematisch wahrnahm. Außerdem ist Léon ein Mann, der mit seinem kindlichen Gemüt und seinen nicht passenden Kleidern an einen traurigen Clown erinnert. Rückblickend sahen es damals auch die meisten Kritiken so. Es wurde vor problematisiert, dass ein Mann, ohne moralische Skrupel, ein Kind zu einer Killerin ausbildet, sie gemeinsam Morde begehen und der Film das als cool zeigt. Mathilda wird zu einem richtigen ‚Hit-Girl‘. Währenddessen sucht der korrupte und hoffnungslos durchgeknallte Drogenpolizist Stansfield sie.

Die finale Konfrontation zwischen ihnen ist, mit ihrer schonungslosen Gewalt und den vielen Toten, heute immer noch atemberaubend.

Im zwanzig Minuten längeren Director’s Cut, der jetzt wieder im Kino läuft, wird die Beziehung zwischen Léon und Mathilda ausführlicher gezeigt. Diese Fassung lief auch 1996 in den deutschen Kinos.

Léon – Der Profi“ ist ein amoralisches Noir-Märchen, das dann doch einer höheren Moral gehorcht, Réno, Portman und Oldman treten in heute für sie immer noch ikonischen Rollen auf. Und Besson war damals auf dem Höhepunkt seines Könnens, der in jeder Minute Kino macht.

Léon – Der Profi“ ist daher definitiv ein Wiedersehen auf der großen Leinwand wert.

Für den 24. Oktober hat Studiocanal, mit viel Bonusmaterial, die DVD-, Blu-ray- und 4KUHD-Veröffentlichung angekündigt.

Léon – Der Profi (Léon, Frankreich 1994)

Regie: Luc Besson

Drehbuch: Luc Besson

mit Jean Réno, Gary Oldman, Natalie Portman, Danny Aiello, Peter Appel, Michael Badalucco, Ellen Greene

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Léon – Der Profi“

AlloCiné über „Léon – Der Profi“

Metacritic über „Léon – Der Profi“

Rotten Tomatoes über „Léon – Der Profi“

Wikipedia über „Léon – Der Profi“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Luc Bessons „The Lady – Ein geteiltes Herz“ (The Lady, Frankreich/Großbritannien 2011)

Meine Besprechung von Luc Bessons „Lucy“ (Lucy, Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Luc Bessons „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ (Valerian and the City of a thousand Planets, Frankreich 2017)

Meine Besprechung von Luc Bessons „Anna“ (Anna, Frankreich 2019)

Luc Besson in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 30. Juli: Mission: Impossible

Juli 30, 2018

Kabel 1, 20.15

Mission: Impossible (Mission: Impossible, USA 1996)

Regie: Brian de Palma

Drehbuch: David Koepp, Robert Towne (basierend auf der TV-Serie von Bruce Geller)

Wenige Tage vor dem Kinostart von „Mission: Impossible – Fallout“ am Donnerstag (dann gibt’s die Jubelarie) können wir uns noch einmal den ersten Einsatz von Tom Cruise als Ethan Hunt ansehen. Damals bildetete der Thriller den fulminanten Start von Tom Cruises Karriere als Produzent. Damals wurde auch darüber gemeckert, dass aus dem MI-Team der TV-Serie eine Tom-Cruise-Soloshow mit viel Action wurde.

Nach einer unglücklich verlaufenenen Aktion in Prag, bei der das MI-Team in eine tödliche Falle gelockt wurde, soll Hunt als Verräter gehenkt werden. Hunt beginnt die Verräter in den eigenen Reihen zu suchen.

Cruise bietet knapp zwei Stunden spannende Unterhaltung.“ (Fischer Film Almanach 1997)

Anschließend, um 22.35 Uhr, zeigt Kabel 1 „Mission: Impossible 2“ (USA 2000)

mit Tom Cruise, Emmanuelle Béart, Jon Voight, Henry Czerny, Jean Reno, Emilio Estevez, Ving Rhames, Kristin Scott-Thomas, Vanessa Redgrave

Wiederholung: Mittwoch, 1. August, 22.50 Uhr (davor, um 20.15 Uhr, „Mission: Impossible 3“, danach, um 01.00 Uhr „Mission: Impossible 2“)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Mission: Impossible“

Wikipedia über „Mission: Impossible“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Brad Birds „Mission: Impossible – Phantom Protokoll“ (Mission: Impossible – Phantom Protocoll, USA 2011)

Meine Besprechung von Christopher McQuarries „Mission: Impossible – Rouge Nation“ (Mission Impossible: Rouge Nation, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: I Origins; Like Father, like Son; Phoenix; Sieben verdammt lange Tage; Ein Sommer in der Provence; Who am I – Kein System ist sicher

September 26, 2014

Wenig Zeit, daher „Kurz & Knapp“ (auch eine Form von KuK) über die Neustarts im Kino am heutigen Donnerstag:

I Origins - Plakat

„I Origins“ ist einer der Filme, von denen ich viel erwartete und dann umso enttäuschter war. Denn die Prämisse, dass jede Iris einzigartig ist und ein Molekularbiologe, der in diesem Forschungsgebiet über die Evolution des Auges bahnbrechendes leistet, entdeckt, dass diese Arbeitshypothese falsch ist und damit seine gesamte Forschung und seine Überzeugungen in Frage stellen würde, verspricht einen philosophischen Science-Fiction-Film.
Aber dann geht es auch um eine Liebesgeschichte, die ungefähr in der Filmmitte ein abruptes Ende findet und später doch wieder wichtig ist. Es geht um Forschungsfragen. Es geht um die Frage nach der Einzigartigkeit des Menschen und um Wiedergeburt, was die Einzigartigkeit der Iris, aber auch etwas viel unangenehmeres beweisen würde. Es gibt auch ein seltsames Forschungsprogramm, das nicht näher erklärt wird, aber für die Fans von Paranoia-Thrillern gedacht ist. Für die gibt es auch eine Szene nach dem Abspann.
Letztendlich begnügt Mike Cahill sich in „I Origins“ mit dem Aufwerfen von Fragen und mehreren überraschenden bis abstrusen Wendungen, die nur verwirren ohne auch nur im Ansatz zu erklären, worum es den Machern ging.
„I Origins“ ist ein frustierender Film. Mit und ohne Seelenwanderung. Und dass Cahill im Presseheft sagt, dass für ihn „I Origins“ nur der Anfang seiner Erforschung des Bereiches zwischen Fakten und Glauben sei und er den Stoff in weiteren Filmen oder einer TV-Serie fortspinnen will, hilft nicht, weil wir dann den Film nicht als eigenständiges, in sich abgeschlossenes Werk, sondern nur als den Auftakt von etwas Größerem ansehen sollen.

I Origins – Im Auge des Ursprungs (I Origins, USA 2014)
Regie: Mike Cahill
Drehbuch: Mike Cahill
mit Michael Pitt, Brit Marling, Astrid Bergès-Frisbey, Steven Yeun, Archie Panjabi, Cara Seymour, Venida Evans, William Mapother, Kashish
Länge: 108 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
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Film-Zeit über „I Origins“
Moviepilot über „I Origins“
Metacritic über „I Origins“
Rotten Tomatoes über „I Origins“
Wikipedia über „I Origins“ (deutsch, englisch)

Like Father Like Son - Plakat 1

Was wäre, wenn dein Kind bei der Geburt vertauscht worden wäre? Und was würdest du tun? Das muss sich Ryota Nonomiya fragen, als er erfährt, dass genau das vor sechs Jahren geschehen ist. Der distanzierte, statusbewusste Architekt, der in finanzieller Hinsicht alles für seinen Sohn tut, aber wegen der vielen Arbeit ihn fast nie sieht, hat jetzt eine Erklärung für die Defizite und den mangelnden Ehrgeiz seines Sohnes. Aber ist Blut wirklich dicker als Erziehung? Soll er seinen falschen Sohn gegen seinen echten Sohn tauschen, der bei einer zwar liebevollen, aber armen und furchtbar ambitionslosen Familie lebt? Oder soll er dafür kämpfen, das Sorgerecht für beide Kinder zu bekommen?
Hirokazu Kore-eda erhielt für seinen Film „Like Father, like Son“ in Cannes den Preis der Jury und das ist verständlich. Ruhig und aus Ryotas Perspektive erzählt er von diesem Dilemma. Dabei bleiben die Sympathien für den egoistischen Ryota, der das Kind vor allem als Statussymbol braucht, überschaubar. Aber die angesprochenen Fragen sind unversell und Hirokazu Kore-eda behandelt sie auch angemessen komplex in einer scheinbar einfachen Geschichte über zwei Familien und ihre Kinder in einer Gesellschaft, in der – wenn so ein Fehler entdeckt wird – die Kinder getauscht werden und ein Adoptionen selten sind.
Ein sehenswerter Film.


Like Father, like Son (Soshite chichi ni naru, Japan 2013)
Regie: Hirokazu Kore-eda
Drehbuch: Hirokazu Kore-eda
mit Masaharu Fukuyama, Machiko Ono, Keita Ninomiya, Lily Franky, Yoko Maki, Shogen Hwang
Länge: 120 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
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Film-Zeit über „Like Father, like Son“
Moviepilot über „Like Father, like Son“
Metacritic über „Like Father, like Son“
Rotten Tomatoes über „Like Father, like Son“
Wikipedia über „Like Father, like Son“

Phoenix - Plakat - 4

Nelly hat schwer verletzt und verunstaltet den Zweiten Weltkrieg und Auschwitz überlebt. Ihre Freundin Lene bietet ihr ein neues Leben in Israel mit einem neuen Gesicht an. Aber Nelly will wieder ihr altes Gesicht zurückhaben. Sie will in Deutschland bleiben und sie will wieder ihren Ehemann Johnny treffen. Er ist ihre große Liebe, der sie verraten hatte.
Johnny arbeitet jetzt in Berlin in der Bar „Phoenix“. Als er Nelly trifft, erkennt er sie nicht. Aber er bemerkt eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen der unbekannten Schönheit und seiner toten Frau. Jedenfalls glaubt Johnny, dass Nelly tot ist. Er will die Fremde zu Nellys Ebenbild verändern, um so an Nelly Familienvermögen zu gelangen. Nelly spielt mit.
Cineasten werden in „Phoenix“ sofort eine Variante von Alfred Hitchcocks „Vertigo“ erkennen. Sowieso hat jedes Bild, jeder Satz, jede Geste und jede Szene mindestens eine weitere Bedeutung, was beim Ansehen und Entschlüsseln Spaß macht. Wobei, wie üblich bei Christian Petzold, der Film auch einfach als spannende Geschichte funktioniert. Jedenfalls bis Nelly auf Johnnys Angebot eingeht. Dann fällt die vorher vorhandene Spannung wie ein Soufflé in sich zusammen und die restlichen Minuten, wenn Nelly die Gestik von Nelly einstudiert und sie bei ihren Verwandten, die den Krieg überlebten, vorgestellt wird, haben dann etwa die Spannung von Malen-nach-Zahlen.
„Phoenix“ ist Fritz Bauer, dem Initiator und Ankläger des Auschwitz-Prozesses, gewidmet. Harun Farocki, mit dem Petzold bei, ich glaube, jedem seiner Filme zusammenarbeitete, verstarb kurz vor der Premiere des Films.
Insgesamt ist „Phoenix“ ein sehenswerter Film. Aber Petzolds bester Film ist es nicht.


Phoenix (Deutschland 2014)
Regie: Christian Petzold
Drehbuch: Christian Petzold, Harun Farocki (Mitarbeit)
LV (nach Motiven): Hubert Monteilhet: Le retour des cendres, 1961 (Der Asche entstiegen)
mit Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Nina Kunzendorf, Michael Maertens, Imogen Kogge, Kirsten Block
Länge: 98 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
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Film-Zeit über „Phoenix“
Moviepilot über „Phoenix“
Rotten Tomatoes über „Phoenix“


Sieben verdammt lange Tage - Plakat


Nach dem Tod ihres Vaters müssen die Mitglieder der Familie Altman, auf Wunsch des Verstorbenen, eine siebentägige Totenwache nach jüdischer Tradition halten, was natürlich dazu führt, dass die gar nicht so gläubige Familie, die uns als dysfunktional vorgestellt wird, über alte und neue Probleme reden muss.
„Sieben verdammt lange Tage“ ist gut besetzt. Jason Bateman als gerade entlassener und getrennt lebender Radio-Producer (seine Frau schlief mit seinem Boss), der jetzt nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll. Tina Fey, Adam Driver und Corey Stoll als seine Geschwister. Jane Fonda (Die soll Jahrgang 1937 sein? Niemals.) als Mutter mit vergrößerter Brust und die ihre Kinder als Studienobjekte für ihre populären Erziehungsratgeber benutzte. In Nebenrollen sind unter anderem Rose Byrne als Batemans alte und neue Freundin und Timothy Olyphant als verblödeter, aber sehr verständnisvoller Nachbar und Ex-Freund von Tina Fey dabei.
Es ist auch gut inszeniert von Shawn Levy (Real Steel, Prakti.com). Jonathan Troppers Drehbuch schmeckt die dramatischen und die komödiantischen Teile in dieser in Richtung harmonieseliger RomCom gehenden Familienzusammenführung ordentlich ab.
Aber die Charaktere, die alle in einem luftleeren Raum abseits von all den normalen Alltagsproblemen lebten, interessierten mich niemals wirklich. Auch die Prämisse wirkte arg ausgedacht. Immerhin versteht die Familie sich gut und sie traf sich in den vergangenen Jahren sicher zum üblichen Thanksgiving-Dinner und dem gemeinsamen Weihnachts-/Silvesterurlaub. Immerhin leben sie doch in und um Long Island, New York, ziemlich nah beieinander.
„Sieben verdammt lange Tage“ ist kein schlechter, aber ein uninteressanter Film.

Sieben verdammt lange Tage (This is where I leave you, USA 2014)
Regie: Shawn Levy
Drehbuch: Jonathan Tropper
LV: Jonathan Tropper: This is where I leave you, 2009 (Sieben verdammt lange Tage)
mit Jason Bateman, Jane Fonda, Tina Fey, Adam Driver, Rose Byrne, Corey Stoll, Kathryn Hahn, Connie Britton, Timothy Olyphant, Dax Shepard, Debra Monk, Abigail Spencer, Ben Schwartz,
Länge: 103 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
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Film-Zeit über „Sieben verdammt lange Tage“
Moviepilot über „Sieben verdammt lange Tage“
Metacritic über „Sieben verdammt lange Tage“
Rotten Tomatoes über „Sieben verdammt lange Tage“
Wikipedia über „Sieben verdammt lange Tage“ (deutsch, englisch)
Homepage von Jonathan Tropper

Meine Besprechung von Shawn Levys „Real Steel“ (Real Steel, USA 2011)

Meine Besprechung von Shawn Levys „Prakti.com“ (The Internship, USA 2013)

Ein Sommer in der Provence - Plakat

Für die beiden Pariser Teenager Léa und Adrien ist schon die Hinfahrt im Zug eine Tortur, die ihren Höhepunkt erreicht, als sie erfahren, dass das Gut ihres Großvaters ab von jeglicher Zivilisation mitten in der Einöde liegt und dass es dort keinen Handy-Empfang gibt (gut, das Problem wird später gelöst). Für ihren jüngeren, gehörlosen Bruder Théo ist die Zugfahrt wohl eher der Beginn eines großen Abenteuers. Und für ihren Großvater Paul (Jean Reno als grumpy old man) ist der Besuch auch eine höchst unwillkomme Unterbrechung seines geruhsamen Landlebens zwischen Olivenbäumen und funktionierendem Alkoholiker, der sich vor Ewigkeiten so heftig mit seiner Tochter zerstritt, dass er seine Enkelkinder noch nicht gesehen hat.
Dennoch verleben sie einen schönen „Sommer in der Provence“, in dem Léa sich in einen schönen Reiter und Pizzabäcker (mit Nebeneinkommen) verliebt, während ihr Bruder ein Auge auf die ebenfalls etwas ältere Dorfschönheit und Eisverkäuferin wirft. Sie treffen auch, via einer von Adrien gefakten Facebook-Einladung, die alten Freunde von Paul und seiner Frau Irène. Eine Bande echter Rocker. Jedenfalls im Sommer. In den anderen Jahreszeiten gehen sie bürgerlichen Berufen nach. Gemeinsam erinnern sie sich am Lagerfeuer an ihre Jugend, die so um 68 rum war, inclusive einem Besuch des legendären Woodstock-Festivals.
In der Realität hätten die Franzosen damals wohl eher das unbekanntere Isle-of-Wight-Festival besucht, aber diese kleine Ungenauigkeit ändert nichts daran, dass jetzt die 68er alt werden und damit auch neue Themen in das typisch französische „Die Familie verbringt einen Sommer auf dem Land“-Komödie gelangen.
Davon abgesehen ist Rose Boschs „Ein Sommer in der Provence“ die diesjährige Ausgabe dieses Genres, in dem die Familie einen Urlaub auf dem Land macht, die Teenager sich verlieben, die Generationen sich etwas streiten und versöhnen und es viele kleine Episoden für jeden Geschmack gibt. So ist „Ein Sommer in der Provence“ ein luftiger Ensemblefilm, der keinen Protagonisten und keine eindeutige Erzählperspektive hat. Diese Positionslosigkeit im Erzählerischen kann man dem Film vorwerfen, oder sich einfach von den Schönheiten der Landschaft verzaubern lassen.

Ein Sommer in der Provence (Avis de mistral, Frankreich 2014)
Regie: Rose Bosch
Drehbuch: Rose Bosch
mit Jean Reno, Anna Galiena, Chloé Jouannet, Hugo Dessioux, Lukas Pelissier, Tom Leeb, Aure Atika
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Ein Sommer in der Provence“
Moviepilot über „Ein Sommer in der Provence“
AlloCiné über „Ein Sommer in der Provence“
Rotten Tomatoes über „Ein Sommer in der Provence“
Wikipedia über „Ein Sommer in der Provence“ 

Who am I - Plakat

Nachdem seine Freunde in einem Hotelzimmer ermordet wurden, geht Benjamin (Tom Schilling) zur Europol-Cybercrime-Polizistin Hanne Lindberg (Trine Dyrholm), um ihr alles über die von ihm mitgegründete und polizeilich europaweit gesuchte Hackergruppe CLAY (Clowns laughing @ You) zu erzählen. Gemeinsam machten er und seine Kumpels Max (Elyas M’Barek), Stephan (Wotan Wilke Möhring) und Paul (Antoine Monot, Jr.) etliche Anonymus-Aktionen, die meistens mit einem Einbruch oder mindestens einem Hausfriedensbruch und Benjamins überragenden Computerkenntnissen durchgeführt wurden, gerieten in Kontakt mit der Russian Cyber-Mafia und in den Fokus der Polizei, die sie unerbittlich als Großverbrecher verfolgte.
Das klingt jetzt, nach Wikileaks und den NSA-Enthüllungen von Edward Snowden, wie ein schlecht ausgedachter Scherz und genauso unglaubwürdig wirkt dann auch der gesamte Thriller „Who am I – Kein System ist sicher“ mit seinen eindimensionalen, sich unlogisch verhaltenden Charakteren, die wir immer durch Benjamins Augen sehen. Denn fast der gesamte Film besteht aus Benjamins Geständnis.
Für mich hörte sich Benjamins Geschichte allerdings von der ersten bis zur letzten Minute wie eine schlecht ausgedachte Kolportage aus Schlagzeilen und pubertärer Phantasie an, die eine erfahrene Polizistin niemals glauben würde. Das ist allerdings die Voraussetzung dafür, dass sie später Benjamin hilft und die doppelte Schlusspointe funktioniert. Wobei die erste Pointe Benjamins oft vollkommen unglaubwürdige Geschichte erklärt und die zweite ein netter Abschluss eines vermurksten Films über Hacker, Cybercrime, Lug und Trug ist.
Besser man sieht sich noch einmal „Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“ an. Da gibt es auch atmosphärische Berlin-Bilder und einen glaubwürdigeren Einblick in das Hacker-Leben.

Who am I – Kein System ist sicher (Deutschland 2014)
Regie: Baran Bo Odar
Drehbuch: Jantje Friese, Baran Bo Odar
mit Tom Schilling, Elyas M’Barek, Hannah Herzsprung, Wotan Wilke Möhring, Antoine Monot, Jr., Triny Dyrholm, Stephan Kampfwirth
Länge: 106 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Who am I“
Moviepilot über „Who am I“
Wikipedia über „Who am I“
Meine Besprechung von Baran Bo Odars „Das letzte Schweigen“ (Deutschland 2010)


Neu im Kino/Filmkritik: „Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück“ oder Die Suche nach tiefschürenden Erkenntnissen

August 14, 2014

Hector ist ein erfolgreicher Psychiater in London, glücklich verheiratet und in einer ausgewachsenen Sinnkrise. Denn er glaubt, dass er seine Patienten nicht wirklich glücklich macht. Aber was ist „Glück“? Um das Herauszufinden, macht sich Hector auf den Weg um den Globus. Seine Gattin lässt er in London zurück. Seine Erkenntnisse notiert er in einer Kladde. Gerne mit einer niedlichen Zeichnung.

Na, das ist doch eine hübsche Idee, die schon als Roman ein Bestseller war und als Feelgood-Movie nur dann funktioniert, wenn man keine Fragen stellt, sich naiver als ein Fünfjähriger gibt und sich nicht an den Klischees und Kalendersprüchen stört, die noch nicht einmal ein vulgärphilosophisches Niveau erreichen. Denn Hectors ekletische Erkenntnisse über das Glück passen auf alles und nichts, regen höchstens zum zustimmenden Nicken, aber nie zum Nachdenken, geschweige denn zum Widerspruch oder zu einer Diskussion über den Begriff „Glück“ ein.

Und die Erlebnisse, die der für einen erfolgreichen Psychiater arg naive Hector hat und die ihn zu Glückskeks-Erkenntnissen wie „Unglück vermeiden ist nicht der Weg zum Glück“ oder „Glück ist, wenn man sich rundum lebendig fühlt“ führen, sind keine netten kleine Episoden, sondern eine einzige Klischeeparade, die man sich aus banalen Komödien der fünfziger und sechziger Jahre zusammensuchte und die wohlig vertraut, aber doch ziemlich antiquiert sind.

So trifft der vollkommen lebensuntüchtig wirkende Hector (Simon Pegg, liebenswert) auf dem Flug nach Shanghai Edward, einen Investmentbanker, der nur ans Geldverdienen denkt und Hector (was im wirklichen Leben nie passiert) großmütig durch das pulsierende Nachtleben führt. In der Nacht bandelt Hector mit Ying Li an, verliebt sich sofort in diese junge, überaus willige Schönheit und muss am nächsten Tag – Überraschung! – feststellen, dass sie eine Prostituierte ist. Seine Erkenntnis aus diesem Erlebnis: „Manchmal bedeutet Glück, etwas nicht zu wissen.“

Dann wandert Hector zu tibetanischen Mönchen, die den Errungenschaften der Moderne nicht abgeneigt sind. In Südafrika trifft er einem befreundeten Arzt, der jetzt Bedürftigen hilft und mit seinem Freund zusammen lebt. Unser Hans im Glück gerät in typisch afrikanische Kriegswirren und er befreundet sich mit einem gefürchteten kolumbianischen Drogenhändler. Auf seiner letzten Reisestation, in Los Angeles, trifft Hector seine großer Liebe wieder, zu der er seit Ewigkeiten keinen Kontakt mehr hatte und die jetzt eine glücklich verheiratete Mutter ist.

Aber diese Ortswechsel führen nie zu tieferen Erkenntnissen oder einer sich auf ein bestimmtes Ende hin bewegenden Geschichte. Sie sind nur die weitgehend austauschbare Kulisse für die Auftritte bekannter Schauspieler wie Veronica Ferres (im Original mit einem schönen deutsch-englischem Sprachmischmasch), Stellan Skarsgard, Jean Reno, Toni Colette und Christopher Plummer.

Man kann dem Film nicht wirklich böse sein, weil er so harmlos, nett und gefällig wie ein Heinz-Erhardt-Film ist. Aber gerade diese durchaus gut präsentierte durchgehende Ambitionslosigkeit verärgert auch. Immerhin drehte Regisseur Peter Chelsom unter anderem „Hear my Song“ und „Funny Bones“.

Dagegen ist „Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück“ nur das filmische Äquivalent zu einem Buch, das man jemand schenkt, den man nicht kennt.

Mein Tipp: Besser noch einmal Ben Stillers fantastisches „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ über dessen Suche nach der Essenz des Lebens ansehen.

Hectors Reise - Plakat

 

Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück (Hector and the Search for Happiness, Kanada/Deutschland 2014)

Regie: Peter Chelsom

Drehbuch: Maria von Heland, Peter Chelsom, Tinker Lindsay

LV: Francois Lelord: Le voyage d’Hector ou la recherche du bonheur, 2002 (Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück)

mit Simon Pegg, Toni Collette, Rosamund Pike, Stellan Skarsgard, Jean Reno, Veronica Ferres, Christopher Plummer, Ming Zhao, Barry Atsma

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 12 Jahre (keine Ahnung warum es keine FSK-6 wurde)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Hectors Reise“

Moviepilot über „Hectors Reise“

Metacritic über „Hectors Reise“

Rotten Tomatoes über „Hectors Reise“

Wikipedia über „Hectors Reise“ 

Perlentaucher über den Roman „Hectors Reise“

 


TV-Tipp für den 24. Januar: Cash – Abgerechnet wird zum Schluss

Januar 24, 2014

ZDFneo, 22.00

Cash – Abgerechnet wird zum Schluss (Frankreich 2008, R.: Eric Besnard)

Drehbuch: Eric Besnard

Trickbetrüger Cash bestiehlt besonders gerne Verbrecher. Jetzt will der Gentleman-Gauner Maxime bestehlen. Dummerweise interessiert sich auch eine Europol-Polizistin für Maxime.

Es muss nicht immer „Ocean’s Eleven“, „Die Unfassbaren“, „Der Clou“ oder „Ihr Auftritt, Al Mundy!“ (It takes a Thief) sein für einen vergnüglichen Abend mit sich gegenseitig bestehlenden, betrügenden und belügenden Gaunern.

Unterhaltsame Kriminalkomödie voller überraschender Charaden.“ (Lexikon des internationalen Films)

mit Jean Dujardin, Jean Reno, Valeria Golino, Alice Taglioni, Francois Berléand, Ciarán Hinds

auch bekannt als „Ca$h – Wer zuletzt lacht…“

Hinweise

Wikipedia über „Cash“ (deutsch, englisch, französisch)


TV-Tipp für den 3. August: Armored

August 3, 2013

 

Sat.1, 22.15

Armored (USA 2009, R.: Nimrod Antal)

Drehbuch: James V. Simpson

Die Mannschaft eines Geldtransporters will einen Überfall fingieren und mit der Beute (42 Millionen Dollar) verschwinden. Selbstverständlich geht der Plan schief und die Jungs gehen sich gegenseitig an die Gurgel.

Geradliniges B-Movie, das ohne Überraschungen sein Programm abspult und seinen hochkarätigen Cast vollkommen verschenkt. Sogar für die Die-Hard-Heist-Movie-Fans eine enttäuschende Angelegenheit, weil die Diskrepanz zwischen Besetzung, Anspruch und Wirklichkeit zu groß ist.

mit Matt Dillon, Jean Reno, Fred Ward, Columbus Short, Skeet Ulrich, Laurence Fishburne, Amaury Nolasco, Milo Ventimiglia

Wiederholung: Sonntag, 4. August, 01.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Armored“

Metacritic über „Armored“

Rotten Tomatoes über „Armored“

John Robert Marlow interviewt Drehbuchautor James V. Simpson


DVD-Kritik: „Alex Cross“ jagt einen wirklich bösen Killer

März 6, 2013

Krimileser kennen den von Bestsellerautor James Patterson erfundenen Polizeipsychologen Alex Cross schon seit zwanzig Jahren. Filmfans dürften sich an die beiden Alex-Cross-Filme „Denn zum Küssen sind sie da“ (Kiss the Girls, USA 1997) und „Im Netz der Spinne“ (Along came a Spider, USA 2001) mit Morgan Freeman in der Hauptrolle erinnern. Aber das ist schon über zehn Jahre her.

Jetzt gibt es mit „Alex Cross“ den Versuch, eine neue Serie von Alex-Cross-Filmen zu etablieren. Und auf dem Papier sah es auch gut aus. Rob Cohen übernahm die Regie. Kein Kritikerliebling, aber mit „Daylight“, „The Fast and the Furious“, „XXX“ und „Die Mumie: Das Grabmal des Drachenkaisers“ (The Mummy: Tomb of the Dragon Emperor) reüssierte er an der Kinokasse.

Das Drehbuch ist von Kerry Williamson und Marc Moss, der bereits das Buch für die Alex-Cross-Verfilmung „Im Netz der Spinne“ schrieb.

Die Schauspieler sind vielleicht nicht die wirklich großen Stars und bei uns in Deutschland eher unbekannt, aber in den USA kennt man Tyler Perry, Matthew Fox, Edward Burns und Jean Reno. Gut, Reno kennen wir hier auch, aber man muss sich nicht wirklich jeden Film mit ihm ansehen.

Kleinere Rollen übernahmen bekannte Gesichter wie John C. McGinley („Scrubbs“) und Giancarlo Esposito (zuletzt unter anderem „Breaking Bad“).

Das hört sich vielversprechend an, aber irgendwann ging irgendetwas vollkommen schief bei „Alex Cross“, das zwar auf dem Roman „Cross“ von James Patterson basieren soll, mit dem Buch aber eigentlich nichts mehr gemein hat. Im Film ist Alex Cross ein Polizist des Detroit Police Department und glücklich verheiratet mit zwei Kindern. Er ist psychologisch geschult und kann beim Betreten eines Tatortes sofort, Sherlock-Holmes-würdig, den Tathergang rekonstruieren und ein Täterprofil erstellen. An seinem neuesten Tatort hat ein Killer in einer Villa eine Konzern-Managerin und ihre Leibwächter ermordet. Die Managerin hat er vorher noch gefoltert. Cross schließt messerscharf, dass der Killer die Konzernspitze (Jean Reno) töten will und sich dafür die Hierarchieebenen nach oben mordet. Den zweiten Mord des Killers, dessen Motiv bis zum Schluss im Dunkeln bleibt, können die tapferen Polizisten verhindern. Dabei geht etwas Mobiliar zu Bruch und einige deutsche Leibwächter (die in der Originalfassung auch Deutsch reden) sterben.

Doch dann ändert der Killer seine Pläne und – Gähn! – er nimmt auch Alex Cross und dessen glückliche Familie ins Fadenkreuz.

Aber viel schlimmer als die ausgelutschte 08/15-Geschichte des Films ist die inkompetente Regie, die niemals auch nur einen Hauch von Atmosphäre oder Spannung aufkommen lässt, und die Neuorientierung im Charakter von Alex Cross, die ihn zu einem x-beliebigem Cop, der im Zweifelsfall erst zuschlägt und dann fragt, werden lässt. Alex Cross setzt im Kampf gegen den Killer nicht mehr auf sein Gehirn, sondern auf seine Fäuste und großkalibrige Schusswaffen. Das ganze kulminiert in einem erschreckend schlecht inszeniertem Schlusskampf.

Insgesamt sieht und wirkt „Alex Cross“, abgesehen vom Breitwandbild, immer wie ein schlecht inszenierter TV-Film, der in den USA zu recht von den Kritikern verrissen wurde und bei uns, ebenfalls zu recht, keinen Kinostart erlebte. Es ist einfach ein langweilig-schlechter, klischeebeladener und -triefender Cop-Thriller ohne Thrill.

Das Bonusmaterial bewegt sich so gerade an der Wahrnehmbarkeitsschwelle. Es gibt den Trailer und dieses Gespräch zwischen James Patterson und Tyler Perry (der für seine Interpretation der Rolle eine Razzie-Nomierung erhielt):

Alex Cross - DVD-Cover

Alex Cross (Alex Cross, USA 2012)

Regie: Rob Cohen

Drehbuch: Marc Moss, Kerry Williamson

LV: James Patterson: Cross, 2006 (Blood [jaja, das ist der deutsche Titel])

mit Tyler Perry, Matthew Fox, Edward Burns, Jean Reno, Carmen Ejogo, Cicely Tyson, Rachel Nichols, John C. McGinley, Werner Daehn, Yara Shahidi, Sayeed Shahidi, Bonnie Bentley, Stephanie Jacobsen, Giancarlo Esposito

DVD

Ascot-Elite

Bild:1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DTS 5.1, Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Im Gespräch mit Tyler Perry und James Patterson, Deutscher Trailer, Originaltrailer, Wendecover

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Metacritic über „Alex Cross“

Rotten Tomatoes über „Alex Cross“

Wikipedia über „Alex Cross“

Homepage von James Patterson

The Rap Sheet über James Patterson

Fantastic Fiction über James Patterson 

James Patterson auf der Krimi-Couch

Meine Besprechung von James Patterson/Michael Ledwidges „Im Affekt“ (The Quickie, 2007)

James Patterson in der Kriminalakte

Und noch zwei Gespräche mit James Patterson zum Filmstart. Im ersten Clip spricht er auch darüber, wie wichtig es ist, dass wir unsere Kinder zum Lesen bringen:

 

 


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