Neu im Kino/Filmkritik: „Leave no trace“ hinterlässt Spuren

September 16, 2018

Ich kann es kurz machen: der neue Film von „Winter’s Bone“-Regisseurin Debra Granik ist selbstverständlich ein Pflichttermin.

Dabei hat der Film ein Problem: im Gegensatz zu „Winter’s Bone“, der seit seiner Premiere überall abgefeiert und so schnell zu einem langersehnten cineastischen Pflichttermin wurde, wird ihr neuer Film „Leave no trace“ nicht von so einer Welle euphorischer Vorabmeldungen und Festivalbesprechungen begleitet. Dabei sind die Kritiken, wie ein Blick auf „Rotten Tomatoes“ zeigt, noch besser als bei „Winter’s Bone“. Bei fast zweihundert Besprechungen fanden die Seite keine einzige negative.

Auch meine Besprechung reiht sich mühelos in den Kanon ein.

In „Leave no trace“ erzählt Granik die Geschichte von Will (Ben Foster) und seiner jugendlichen Tochter Tom (Thomasin Harcourt McKenzie). Er war Soldat, erhält eine Invalidenrente und er hat sich mit seiner Tochter in den Wald zurückgezogen. Nach seinen Kriegserlebnissen kann er nicht mehr in der Gesellschaft leben – und die Gesellschaft, also das Militär und der Staat, kümmern sich auch nicht weiter um ihn, solange er regelmäßig seinen Scheck und die ihm verschriebenen Medikamente abholt. Ob er sie anschließend nimmt oder verkauft, ist egal.

Die beiden leben autark und unerkannt im Forest Park, einem riesigen Waldgebiet am Rand von Portland, Oregon. Er erzieht sie, so gut er kann und ohne sie irgendwie zu indoktrinieren. Im Gegensatz zu „Captain Fantastic“ kann und will er sie nicht von einer Lebensphilosophie überzeugen. Sie haben ein richtiges partnerschaftliches und rundum harmonisches Verhältnis.

Eines Tages werden sie entdeckt. Jetzt schlagen die Mühlen der Verwaltung zu. Tom ist nämlich schulpflichtig. Sie werden in einem ländlich gelegenem Haus einquartiert. Will wird Waldarbeiter. Aber können Tom und Will sich an die neue Situation gewöhnen?

Graniks Film ist inspiriert von einer wahren Geschichte über einen Vater, der mit seiner Tochter vier Jahre bei Portland im Wald lebte. Peter Rock verarbeite, neben anderen Autoren, die Geschichte in seinem Roman „My Abandonment“, der als Vorlage für den Film diente.

Granik erzählt in „Leave no trace“ die Geschichte von dem an einer Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) leidendem, verwitweten Will und seiner Tochter Tom, die für ihn die beste Medizin ist, mit wenig Dialog. Die beiden sind so vertraut miteinander, dass sie wenig reden müssen. Die Schauspieler Ben Foster und Thomasin Harcourt McKenzie (die Astrid aus „Der Hobbit: Die Schlacht der fünf Heere“) sind so gut, dass sie alleine durch die Art, wie sie miteinander umgehen, alles nötige sagen. Granik erzählt gewohnt subtil und offen für zahlreiche Zwischentöne. Mit endloser Geduld beobachtet sie die beiden und wie sich ihr Leben nach ihrer Entdeckung verändert und wie sie ihr weiteres Leben gestalten wollen.

Dabei hat Tom, die sich natürlich auch damit beschäftigen muss, wie sie erwachsen werden will, mehr Zeit für ihr Erwachsen werden als Ree (Jennifer Lawrence) in „Winter’s Bone“, die ihren spurlos verschwundenen Vater vor einem nahenden Gerichtstermin finden muss.

Leave no trace“ ist ein wundervoller, auch bedrückender und zutiefst wahrhaftiger Film, der auch einiges über Amerika verrät, Ein Film wie ein Gedicht: zart, fragil und in jeder Beziehung sehr präzise.

Jetzt ist nur zu hoffen, dass nicht wieder acht Jahre bis zu Debra Graniks nächstem Film vergehen.

Leave no trace (Leave no trace, USA 2018)

Regie: Debra Granik

Drehbuch: Debra Granik, Anne Rossellini

LV: Peter Rock: My Abandenment, 2009

mit Ben Foster, Thomasin Harcourt McKenzie, Jeff Kober, Dale Dickey, Isaiah Stone, Michael Hurley, Marisa Anderson

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Leave no trace“

Metacritic über „Leave no trace“

Rotten Tomatoes über „Leave no trace“

Wikipedia über „Leave no trace“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Debra Graniks „Winters’s Bone“ (Winter’s Bone, USA 2010)

Interview mit Debra Granik über ihren neuen Film

Q&A mit Debra Granik und Derek Drescher (Larry im Film) über ihren Film

 


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