Veronica Mars ermittelt „Mörder bleiben nicht zum Frühstück“

September 23, 2015

Thomas - Graham - Veronica Mars - Mörder bleiben nicht zum Frühstück - 2

Wer „Krimi“ mit „der Kommissar ermittelt den Mörder“ übersetzt, muss nicht weiterlesen. Denn in „Veronica Mars: Mörder bleiben nicht zum Frühstück“ ermittelt eine Privatdetektivin und einen Mordfall gibt es auch nicht. Es gibt nur eine vergewaltigte und fast tot geprügelte Frau, die behauptet, sich mehrere Monate nach der Tat an den Täter zu erinnern. Es ist Miguel Ramirez, der inzwischen von der Immigrationsbehörde nach Mexiko abgeschoben wurde und dort untergetaucht ist. Im Auftrag der Versicherungsgesellschaft des Nobelhotels Neptune Grand soll Veronica herausfinden, ob die Behauptung des Opfers, der neunzehnjährigen Grace Elizabeth Manning, stimmt. Veronica kennt ihre Schwester Meg Manning von früher (und wir aus der ersten und zweiten Staffel von „Veronica Mars“).
Natürlich nimmt Veronica Mars den Auftrag an und ebenso natürlich will sie den Täter finden, der nicht Miguel, sondern wahrscheinlich ein Hotelgast ist. Dummerweise gelang es dem Täter, Meg aus dem Hotel zu schmuggeln, ohne von einer der Überwachungskameras aufgenommen zu werden.
Veronica Mars begegneten wir erstmals in der von Rob Thomas erfundenen TV-Serie „Veronica Mars“ (USA 2004 – 2007), die immer noch eine sehr treue Fanbasis hat, die seit dem Ende der Serie nach weiteren Abenteuern von Veronica Mars verlangte. Deshalb entstand 2014 ein Spielfilm, in dem Kristen Bell wieder Veronica Mars spielte und viele Schauspieler wieder in ihren Serienrollen auftraten. Der Film wurde auch per Crowdfunding finanziert und die äußerst erfolgreiche Kampagne zeigte in harten Zahlen, wie sehr die Serienfans auch Jahre nach dem Ende der Serie mehr von Veronica Mars wollen.
Die von Serienerfinder Rob Thomas und Jennifer Graham geschriebenen Veronica-Mars-Romane spielen nach dem Spielfilm und erzählen die weiteren Abenteuer der in dem südkalifornischen Küstenort Neptune groß gewordenen Privatdetektivin, die nach ihrem Studium zurückkehrte und Partnerin in der Detektei ihres Vaters Keith Mars wurde.
Neptune ist als eine durch und durch korrupte Kleinstadt natürlich eine aktuelle Version von Dashiell Hammetts „Rote Ernte“-Ort Personville/Poisonville (bzw. Pissville in der deutschen Übersetzung) und Veronica Mars war in der TV-Serie die Teenie-Version des Hardboiled-Detektiv. Inzwischen ist sie kein auf die Schule gehender Teenager mehr. Aber Neptune ist immer noch ein Ort des Verbrechens und viele ihrer alten Schulfreunde, die mehr oder weniger große Auftritte in der TV-Serie hatten, leben noch in Neptune.
Diese umfangreiche Serienhistorie führt dann auch dazu, dass „Mörder bleiben nicht zum Frühstück“, der zweite Veronica-Mars-Roman, für meinen Geschmack etwas zu sehr mit Hinweisen auf die TV-Serie gefüttert ist. Natürlich begegnet Veronica ständig alten Bekannten, die auch immer wieder in Verbrechen verwickelt sind. Natürlich erinnert sie sich an ihre mehr oder weniger gemeinsame Vergangenheit und ihre damit zusammenhängenden alten Fälle. Das geschieht eher beiläufig in Nebensätzen und weckt bei allen, die die Serie gesehen haben, wohlige Erinnerungen. Aber Rob Thomas und Jennifer Graham schleppen hier mehr Ballast mit, als wir es von anderen Privatdetektiv-Krimis kennen. Ich rede jetzt nicht von dem Continental Op oder Philip Marlowe, die anscheinend keine Familie, Verwandschaft und Freunde hatten. Auch Spenser oder Matt Scudder haben als Einzelgänger ein überschaubares soziales Umfeld. Veronica hat Familie, Freunde, Freundinnen, Bekannte und, als altbekannten Gegner, Sheriff Lamb. Wobei dieser, weil gerade Wahlkampf ist, plötzlich eine aussichtsreiche Gegenkandidatin hat, die Keith Mars aus seiner Jugend kennt.
Das gesagt, ist „Mörder bleiben nicht zum Frühstück“ ein kurzweiliger PI-Krimi, der auch Krimifans gefallen dürfte, die die Serie nicht kennen.
Den Serienfans dürfte er auch gerade wegen der Referenzen zur Serie gefallen.

Rob Thomas/Jennifer Graham: Veronica Mars: Mörder bleiben nicht zum Frühstück
(übersetzt von Sandra Knuffinke und Jessika Komina)
script5, 2015
368 Seiten
14,95 Euro

Originalausgabe
Mr. Kiss and Tell
Vintage Books, 2015

Hinweise

Homepage von Rob Thomas

Facebook-Seite zu den Veronica-Mars-Romanen

Rob Thomas Book Club

Word & Film: Kurzes Interview mit Jennifer Graham (25. März 2014)

PopBytes: Längeres Interview mit Jennifer Graham (31. März 2014)

Wikipedia über Veronica Mars

Thrilling Detective über Veronica Mars

Englische Veronica-Mars-Fanseite

Meine Besprechung von Rob Thomas’ „Veronica Mars“ (Veronica Mars, USA 2014)

Meine Besprechung von Rob Thomas’ „Veronica Mars“ (Veronica Mars, USA 2014) (DVD-Besprechung)

Meine Besprechung von Rob Thomas/Jennifer Grahams „Veronica Mars: Zwei Vermisste sind zwei zu viel“ (Veronica Mars: The Thousand Dollar Tan Line, 2014)


Veronica Mars glaubt „Zwei Vermisste sind zwei zu viel“

August 12, 2014

Spring Break ist eine für uns esoterische Sitte von US-Studenten, die sich tagelang in Massen betrinken und die Bewohner ihrer Reiseziele mit den üblichen Ausfällen von erhöhtem Drogengebrauch nerven. Aber für die lokale Wirtschaft ist der Spring Break ein gutes Geschäft.

Ein vermisster Teenager ist dagegen sehr schlecht für das Geschäft und weil Dan Lamb, der Sheriff von Neptune, Kalifornien, eine von den lokalen Honoratioren eingesetzte Null ist, beauftragt Petra Landros, Ex-Unterwäschemodell, Nobelhotelbesitzerin und Vorsitzende der Handelskammer von Neptune, Veronica Mars, ebenfalls die während des Spring Breaks verschwundene achtzehnjährige Hayley Dewalt zu suchen.

Veronica Mars erblickte 2004 in der gleichnamigen, von Rob Thomas erfundenen TV-Serie das Licht der Welt. Damals war sie eine 17-jährige Schülerin, die den Tod ihrer besten Freundin aufklären wollte und nebenbei ihrem Vater in der Detektei half. Die Serie, eine gelungene und witzige Verbindung von Highschool-Drama und Hardboiled-Privatdetektiv-Serie mit zahlreichen Anspielungen für den Genre-Junkie, wurde drei Jahre lang ausgestrahlt und hatte viele treue Fans, die später auch den Spielfilm „Veronica Mars“ mit einem Rekord-Crowfunding-Ergebnis ermöglichten.

Mit „Zwei Vermisste sind zwei zu viel“ erschien jetzt der erste Roman mit Veronica Mars, der zeitlich einige Wochen nach dem Spielfilm spielt und auch für Fans von Privatdetektiv-Romanen eine gelungene Lektüre ist. Dabei hat Veronica, wie die Fans der Serie wissen, für einen Hardboiled-Detektiv erstaunlich viele Freunde und Helfer und eine gute Beziehung zu ihrem Vater, bei dem sie inzwischen wieder lebt. Außerdem ist sie gar nicht so hartgesotten, trink- und schlagfreudig wie ihre zahlreichen männlichen und weiblichen Vorgänger. Sie hat noch nicht einmal eine Waffe. Obwohl ihr Vater Keith Mars ihr in dem Roman einen Revolver schenkt und sie zum Schießtraining schickt. Wenn sie nach ihrem Studium schon Privatdetektivin sein will, so der väterliche Befehl, muss sie auch eine Schusswaffe haben und mit ihr umgehen können.

Veronicas Ermittlungen in dem Fall des vermissten Teenagers führen sie zu einer Nobelvilla, in der täglich eine gut organisierte Spring-Break-Party stattfindet, unter anderem mit kostenlosen Drogen, bewaffneten Bodyguards, die alle kontrollieren, und einem unbekannten Organisator. Auf dieser Party wurde Hayley vor einigen Tagen zuletzt gesehen. Auf ihrer Facebook-Seite postete sie ein Bild, das sie, wie Veronica auf der Party erfährt, mit Rico Gutiérrez Ortega in einer eindeutigen Pose zeigt. Er ist einer der beiden Organisatoren der Partys, die am Hearst College studieren und künftige Erben eines mexikanischen Drogenkartells sind.

Da verschwindet ein zweites Mädchen: Aurora Scott, die sechzehnjährige, am Hearst College studierende Stieftochter von Veronicas Mutter Lianne. Die Alkoholikerin verließ sie vor elf Jahren. Seitdem hatten sie keinen Kontakt mehr zueinander. Jetzt ist Lianne scheinbar glücklich mit einem ebenfalls trockenen Alkoholiker verheiratet.

Aurora wurde zuletzt von Veronica auf der Party von Ortega und Eduardo Gutiérrez Costillo gesehen.

Zwei Vermisste sind zwei zu viel“ (wobei mir der Retro-Originaltitel „The Thousand Dollar Tan Line“ besser gefällt) ist die von Rob Thomas und Jennifer Graham (die wahrscheinlich die gesamte Schreibarbeit übernahm) geschriebene spannende Fortführung der vertrauten „Veronica Mars“-Serienwelt in Buchform, bei der die bekannten Charaktere aus der Serie gleich im Dutzend auftreten, was den Fan erfreut, den Neuling wegen der vielen Charaktere etwas verwirrt. Immerhin sind hier mehr Charaktere dabei, als andere Detektive in ihrem gesamten Leben treffen.

Der Fall selbst ist sauber geplottet mit etlichen Überraschungen bei der Aufklärung und, verglichen mit den vielen blutgetränkten Serienkillerthrillern, angenehm unblutig und realistisch. Lange Zeit ist sogar unklar, ob die vermissten Teenager tot sind.

Es gibt, wie schon in der TV-Serie und dem Film, ein bitterböses Porträt einer Dashiell Hammettschen „Red Harvest“-Stadt und sobald wir mehr über Hayley und Aurora erfahren, gibt es, wie bei Ross Macdonalds ebenfalls in Kalifornien ermittelnden Privatdetektiv Lew Archer, einen Blick in verkorkste Familien und ihre Vergangenheit. Das bewegt sich immer gelungen und kurzweilig in den vertrauten Hardboiled-Privatdetektivkrimipfaden, wobei Veronica gar nicht so hartgesotten wie der Continental Op, Sam Spade, Philip Marlowe oder Lew Archer ist.

Der zweite „Veronica Mars“-Roman „Mr. Kiss and Tell“ (wieder ein schöner Originaltitel) erscheint in den USA am 28. Oktober. Wenn die Verkaufszahlen gut sind, wird es sicher weitere Romane mit der smarten Privatdetektivin gegen – und das ist gut so.

Thomas - Veronica Mars - 4

Rob Thomas/Jennifer Graham: Veronica Mars: Zwei Vermisste sind zwei zu viel

(übersetzt von Silvia Kinkel)

script 5, 2014

336 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Veronica Mars: The Thousand Dollar Tan Line

Alloy Entertainment, 2014

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Veronica Mars“

Moviepilot über „Veronica Mars“

Metacritic über „Veronica Mars“

Rotten Tomatoes über „Veronica Mars“

Wikipedia über „Veronica Mars“

Thrilling Detective über Veronica Mars

Meine Besprechung von Rob Thomas’ „Veronica Mars“ (Veronica Mars, USA 2014)

Meine Besprechung von Rob Thomas‘ „Veronica Mars“ (Veronica Mars, USA 2014) (DVD-Besprechung)


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