Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Agentin „Red Sparrow“ macht Jungs ganz wuschig

März 1, 2018

In der Realität die wir aus den Nachrichten kennen, sind russische Spione alte Männer mit dem Sex-Appeal einer vertrockneten Büropflanze.

In der Fiktion sehen Spione besser aus. Zum Beispiel wie Jennifer Lawrence. Und auch die Seite der Männer ist mit Matthias Schoenaerts, Jeremy Irons und Ciarán Hinds sehr präsentabel besetzt. Sie spielen alle wichtige Rollen in der Verfilmung von Jason Matthews‘ Agententhriller „Red Sparrow“, der 2013 im Original erschien. 2015 gab es eine deutsche Übersetzung. Der Thriller erhielt den Edgar und den ITW Thriller Award als bester Debütroman. Die Filmrechte verkaufte er bereits vor der Publikation von „Red Sparrow“ für eine, so wird gesagt, siebenstellige Summe an Hollywood.

Der Thriller kann als eine Mischung aus Ian Fleming und John le Carré beschrieben werden. Wobei er von Fleming das Pulpige und den Sex, aber nicht das Mondäne und die Action übernommen hat. Im Roman gibt es keine Action und auch im Film muss man die Actionszenen mit der Lupe suchen. Von le Carré übernahm Matthews die komplizierten Spiegelfechtereien der Nachrichtendienste mit ihren Doppelagenten und Landesverrätern und das Wissen um die Arbeit von Geheimagenten, die er sehr akkurat beschreibt.

Das verwundert wenig. Denn vor seiner Karriere als Autor war Matthews 33 Jahre CIA-Agent.

Seit der Veröffentlichung von „Red Sparrow“ schrieb Matthews zwei weitere, bislang nicht übersetzte Agententhriller mit den Charakteren aus „Red Sparrow“; also, denen, die den Roman überleben. Damit ist genug Material für zwei weitere Filme vorhanden.

In „Red Sparrow“ geht es in schönster Agententhrillertradition um die Jagd nach einem Doppelagenten.

Die Geschichte beginnt in Moskau. Nachts trifft CIA-Agent Nate Nash (Joel Edgerton) MARBLE, einen hochrangigen SWR-Mann, der schon seit Jahren den Amerikanern brisantes Material übergibt. Zufällig werden sie bei ihrem Treffen durch eine Patrouille gestört. Nash gelingt es, die Flucht von MARBLE zu decken und mit dem brisanten Material vor seinen Verfolgern in die US-Botschaft zu flüchten.

In dem Moment weiß der russische Auslandsnachrichtendienst SWR, dass sie einen Verräter in den eigenen Reihen haben. Der Erste Stellvertretende Direktor Vanya Egorova (Matthias Schoenaerts) schlägt vor, seine Nichte auf Nash anzusetzen. Dominika Egorova (Jennifer Lawrence) ist eine ehemalige Balletttänzerin, die er nach einem Tanzunfall mit einem Angebot erpresste, das sie nicht ablehnen konnte: wenn sie ihm hilft, kann ihre kranke Mutter weiterhin in der Wohnung leben und sie wird medizinisch versorgt werden. Dominika ist einverstanden. Auf einer abgelegenen Schule wird sie zu einem ‚Sparrow‘ ausgebildet. Das sind Spione, die Sex einsetzen, um ihre Ziele zu erreichen. Im Buch gibt es etliche Sex-Szenen. Der Film ist da, trotz einiger für einen Hollywood-Mainstream-Film erstaunlich offenherziger Szenen, deutlich prüder geraten.

In Budapest (im Buch Helsinki) trifft sie Nash. Während sie versucht, von ihm Informationen über den Verräter zu erhalten, versucht Nash sie als Informantin zu gewinnen. Dabei, was ein Bruch mit allen geschriebenen und ungeschriebenen Regeln ist, verlieben sie sich ineinander.

Justin Haythe hatte die undankbare Aufgabe, aus dem gut siebenhundertseitigem Roman eine Geschichte herauszudestillieren, die in zwei Stunden erzählt werden kann. In seinem Drehbuch ließ er vor allem einige Subplots und Episoden aus dem Agentenleben weg, kürzte und verdichtete sie. Das ist okay, weil der Roman sich teilweise wie die Vorlage für eine Mini-Agentenserie liest und daher teilweise arg vor sich hin plätschert. Da wird dann der Hauptplot mal links liegen gelassen, um ausführlich die Geschichte einer Senatorin, die den Russen Top-Secret-Informationen verkauft, zu erzählen. Im Film kommt sie als Komposition von zwei Buchcharakteren. Zwei Buchplots werden im Film zu einem Plot, der eigentlich nur aus einer Szene besteht, in der Mary-Luise Parker als Schnapsdrossel ihr komödiantisches Talent ausspielen kann. Eine andere Änderung ist, dass im Film die Identität von MARBLE viel später als im Buch enthüllt wird. Hier spielt Haythe, wie öfter, mit überraschenden Wendungen und Enthüllungen, während Matthews in seinem Roman für den Leser die Karten immer sehr früh aufdeckt. Die Spannung entsteht aus dem Wissen um die Pläne der verschiedenen Agenten, wie sie gegeneinanderprallen und was aus diesem Zusammenprall entsteht.

Am Filmende gibt es eine große Abweichung vom Buchende, die eine große Schwäche von Francis Lawrences Film offenlegt. Lawrence gelingt es nicht, sich zu entscheiden, welchen Konflikt er in den Mittelpunkt seiner Coming-of-Age-Geschichte stellen will. Über weite Strecken des Films folgt er der umfangreichen und verzweigten Romangeschichte, ohne den Mut zu finden, den Film auf schlanke zwei Stunden zu kürzen. So ist „Red Sparrow“ mit 140 Minuten länger als nötig geraten. Zu oft plätschert die Geschichte vor sich hin. Die Charaktere sind für einen Agententhriller der le-Carré-Schule zu eindimensional. Die sexy Spionin, die Sex und Kampfkunst miteinander verbindet, ist schön anzusehen, aber nicht abendfüllend. Die Doppelspiele der Spione mit ihren Landesverrätern, Doppelagenten und Intrigen sind dann doch nicht so reizvoll. Jedenfalls wenn unklar ist, ob eine Coming-of-Age-Geschichte, eine Rachegeschichte, eine Liebesgeschichte oder eine traditionelle Agentengeschichte mit viel Verrat und Gegenverrat bei der Suche nach einem Verräter im Mittelpunkt stehen soll.

Am Ende ist „Red Sparrow“ die zu lang geratene, sehr gediegene Version eines Pulp-Agententhrillers, in der Lawrence nach drei „Tribute von Panem“-Filmen Jennifer Lawrence wieder sehr fotogen in Szene setzt.

Red Sparrow (Red Sparrow, USA 2018)

Regie: Francis Lawrence

Drehbuch: Justin Haythe

LV: Jason Matthews: Red Sparrow, 2013 (Operation Red Sparrow, Red Sparrow)

mit Jennifer Lawrence, Joel Edgerton, Matthias Schoenaerts, Charlotte Rampling, Mary-Louise Parker, Ciarán Hinds, Joely Richardson, Bill Camp, Jeremy Irons, Thekla Reuten, Sakina Jaffrey, Sebastian Hulk

Länge: 141 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Jason Matthews: Red Sparrow

(übersetzt von Michael Benthack)

Goldmann, 2018

672 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Operation Red Sparrow

Goldmann, 2015

Originalausgabe

Red Sparrow

Scribner, Simon & Schuster, New York, 2013

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Red Sparrow“

Metacritic über „Red Sparrow“

Rotten Tomatoes über „Red Sparrow“

Wikipedia über „Red Sparrow“ (deutsch, englisch) und Jason Matthews

Meine Besprechung von Francis Lawrences „Die Tribute von Panem – Catching Fire“ (The Hunger Games: Catching Fire, USA 2013)

 

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Neu im Kino/Filmkritik: Nach dem Tod von Superman muss die „Justice League“ ran

November 16, 2017

Am Anfang von „Justice League“, dem neuen Film aus dem DC Extended Universe, ist Superman immer noch tot. ‚Batman‘ Bruce Wayne und „Wonder Woman“ Diana Prince bekämpfen weiterhin Bösewichter. Insofern läuft alles seinen gewohnten Gang. Seltsam ist nur die auch für Batman-Verhältnisse Häufung seltsamer Bösewichter, die in letzter Zeit vermehrt auftauchen. Wayne glaubt, dass sie die Vorboten einer irgendwo aus dem Weltall kommenden großen Attacke auf die Menschheit sind.

Deshalb will er ein Team talentierter Personen (also Männer) zusammenstellen. Die titelgebende „Justice League“. Am Ende besteht das Team aus Aquaman (der mit den Fischen reden kann), Flash (der unglaublich schnell ist, weniger schnell ißt und für den Humor zuständig ist), Cyborg (der im Zweifelsfall irgendwie alles kann), Wonder Woman, Batman und einem Überraschungsgast, der dann doch nicht so super überraschend ist. Sie müssen gegen Steppenwolf kämpfen, der die drei Mother Boxes zusammenfügen will. Das wäre der Untergang der Welt, wie wir sie kennen. Deshalb wurden die Mother Boxes vor Ewigkeiten, nach einer großen Schlacht, an verschiedenen Orten versteckt. Eine in der Welt von Wonder Woman, eine in der von Aquaman und eine an einem unbekannten Ort.

Das ist die mühsam über den halben Film entwickelte Prämisse, die dann schnell in dem unvermeidlichen Finale mündet, bei dem höchstens überrascht, dass nichts überrascht. Bis dahin ist der Film voller Exposition, in der zwei Charaktere, meistens bewegungslos, sich erklären, was sie gerade fühlen und dabei den Plot zum nächsten Plot Point schieben. Das ist dann ungefähr emotional so involvierend wie das Studium eines Bauplans.

Entsprechend zäh gestalten sich die zwei Filmstunden, in denen die Mitglieder der Justice League blasse Gesellen bleiben. Im Gegensatz zu den Avengers von der deutlich unterhaltsameren Marvel-Konkurrenz.

Davon abgesehen erzählt „Justice League“ die Geschichte von „Batman v Superman: Dawn of Justice“ fort und baut darauf, dass man auch die DCEU-Filme „Man of Steel“ und „Wonder Woman“ (jau, der war gut) gesehen hat. Dann versteht man einige Anspielungen und Szenen besser und man weiß, warum so viele bekannte und großartige Schauspieler, wie Amy Adams, Jeremy Irons, Diane Lane und J. K. Simmons (in seinem Debüt als Commissioner Gordon), teilweise in Minirollen dabei sind.

Ben Affleck schaut als Bruce Wayne so missmutig in die Kamera, dass man förmlich hört, wie er sich die ganze Zeit fragt, was er in dem Scheiss sucht. Vielleicht weil der Ärger mit seinem Batman-Film sich während dem Dreh von „Justice League“ kontinuierlich steigerte. Der Hauptdreh für „Justice League“ war von April bis Oktober 2016. Im Frühjahr gab es, nachdem Zack Snyder im März wegen dem Suizid seiner Tochter die Arbeit niederlegte, zwei Monate Nachdrehs. Joss Whedon hatte die Regie übernommen und auch das Drehbuch überarbeitet. Es hieß auch, dass nach dem überragenden Erfolg von „Wonder Woman“ die Tonalität des Film geändert werden sollte.

Affleck, der den nächsten Batman-Film nach seinem Drehbuch inszenieren sollte, trat zwischen diesen beiden Drehs von der Regie für den geplanten Batman-Film zurück. Matt Reeves übernahm die Regie. Ihm gefiel Afflecks Drehbuch (Hey, gibt es das irgendwo im Netz?) nicht und anscheinend wird jetzt ein vollkommen neues Drehbuch geschrieben. Es gab auch Gerüchte, dass Warner überlegte, Afflecks Batman aus dem DCEU herauszuschreiben. Das alles ist bei einem Big-Budget-Film, vor allem vor Drehbeginn, nicht unbedingt ungewöhnlich, aber dass Affleck nach dem ganzen Ärger nach einem Weg aus dem Franchise sucht, ist nachvollziehbar. In aktuellen Interviews spricht er, ohne irgendetwas genaues zu sagen, über ein mögliches Ende seines Batmans. Es würde auch sein lustlos-verbissenes Spiel erklären.

Gal Gadot stahl in „Batman v Superman“ in ihren wenigen Szenen als Wonder Woman den Superhelden-Jungs mühelos die Show. In ihrem Solofilm „Wonder Woman“ war sie eine in jeder Beziehung willkommene Überraschung. In „Justice League“ wird sie hoffnungslos unter Wert verkauft.

Die anderen, ähem, Charaktere sind dann nur noch Staffage. Henry Cavill als Superman hat letztendlich nur eine Nebenrolle. Auch weil er die meiste Filmzeit tot ist. Und wenn er dann wiederbelebt wird, liefert er sich erst einmal eine Klopperei mit der Justice League, ehe er tiefsinnig über riesige Maisfelder blicken darf. Jason Momoa als Aquaman Arthur Curry und Ray Fisher als Cyborg Victor Stone sind blass. Ezra Miller als The Flash Barry Allen ist für den in Richtung des letzten Spider-Man-Films „Homecoming“ gehenden stubenreinen Pennäler-Humor zuständig. Schnell nervt dieser Humor und man wünscht sich noch langen vor dem Abspann Jesse Eisenberg zurück. In „Batman v Superman“ spielte er den bekannten Superman-Antagonisten Lex Luthor. Seine Spiel war zwar in Fankreisen umstritten, aber auch absolut bizarr und kurzweilig.

Dieses Mal ist der Bösewicht Steppenwolf, ein zweieinhalb Meter großer Krieger von der Alptraumwelt Apokolips. Viel mehr gibt es über ihn nicht zu sagen. Es ist eine CGI-Gestalt, die im Original von Ciarán Hinds gesprochen und wohl auch etwas gespielt wurde.

Und damit kommen wir zu Zack Snyder, dem Mastermind im DCEU-Filmkosmos. Wieder hat er die Regie übernommen und wieder gibt es Michael Bay für griesgrämige Comic-Nerds. Daran ändert der Wechsel des Regisseurs nichts. Whedon drückte dem Film nicht seinen Stempel auf, sondern er ergänzte in Snyders Sinn. Auch wenn man sich nach dem Erfolg von „Wonder Woman“ um eine andere Tonalität bemüht und alles bunter ist, ist der Grundton immer noch düster und schwermütig. Wie eine missglückte Pseudo-Doom-Metal-Version eines Beatles-Songs. – – Hm, im Abspann gibt es mit dem Beatles-Cover „Come together“ von Junkie XL, feat. Gary Clark Jr., so etwas ähnliches.

Die Bilder erinnern, wie man es von Zack Snyder gewohnt ist, an Comic-Panels. Das sieht unbestritten gut aus. Aber der gesamte Film sieht, abgesehen von einem kurzen „Watchmen“-Selbstzitat in den ersten Minuten, wie eine Abfolge von Panels aus. Nur ergibt eine Abfolge von Standbildern keinen Film. Das zeigt sich in den Actionszenen, die alle wenig dynamisch sind. Dialoge sind banale Schuss-Gegenschuss-Montagen, die mit einer Bräsigkeit zelebriert werden, die ihnen jedes Leben aussagen bis sie zu einem Standbild gefrieren. Da hat sogar ein Dialog in einer 08/15-TV-Serie oder einer TV-Show mehr Dynamik. Alles in „Justice League“ ist statisch. Nichts hat einen eigenständigen Rhythmus.

Das Drehbuch ist nur eine Abfolge von Plot Points, die eine niemals überraschende Geschichte erzählen. Im Gegensatz zu „Batman v Superman“ ist die Geschichte wenigstens immer nachvollziehbar und in sich schlüssig. Die Charaktere sind durchgehend eindimensional. Ihre Dialoge banal. Für keinen Schauspieler gibt es etwas, mit dem er arbeiten könnte. Sie müssen nur die Stichworte für den nächsten Plot Point geben. Entsprechend blass bleiben sie.

Wie bei Marvel gibt es im Abspann zwei Szenen, wobei die zweite die gelungenere ist. Sie teast auch den nächsten Film an, der – die Hoffnung stirbt zuletzt – besser als „Justice League“ sein könnte. Wenn sie bei DC endlich einmal Geld für ein schlüssiges, überraschendes, wendungs- und facettenreiches Drehbuch ausgeben. Bis dahin wird man diesen Langweiler, der nichts aus seinem Budget von dreihundert Millionen US-Dollar macht, vergessen haben.

Justice League (Justice League, USA 2016)

Regie: Zack Snyder, Joss Whedon (ungenannt)

Drehbuch: Chris Terrio, Joss Whedon (nach einer Geschichte von Chris Terrio und Zack Snyder)

mit Ben Affleck, Henry Cavill, Amy Adams, Gal Gadot, Ezra Miller, Jason Momoa, Ray Fisher, Jeremy Irons, Diane Lane, Connie Nielsen, J. K. Simmons, Ciarán Hinds, Amber Heard, Joe Morton, Lisa Loven Kongsli, Ingvar Sigurdsson, David Thewlis, Sergi Constance

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Warner/DC-Facebook-Seite

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Justice League“

Metacritic über „Justice League“

Rotten Tomatoes über „Justice League“

Wikipedia über „Justice League“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Zack Snyders „Batman v Superman: Dawn of Justice“ (Batman v Superman: Dawn of Justice, USA 2016)


TV-Tipp für den 13. Oktober: Appaloosa

Oktober 13, 2017

Kabel 1 Doku, 20.15/23.00

Appaloosa (USA 2008, Regie: Ed Harris)

Drehbuch: Robert Knott, Ed Harris

LV: Robert B. Parker: Appaloosa, 2005 (Appaloosa)

Die Gesetzeshüter Virgil Cole und Everett Hitch sollen in Appaloosa für Recht und Ordnung sorgen. Denn Farmer Bragg terrorisiert die Einwohner und er hat auch den vorherigen Marshall erschossen.

Gelungene, werkgetreue Verfilmung eines Westerns von Robert B. Parker, dem Autor der Spenser- und Jesse-Stone-Kriminalromane, der seine bekannten Themen von Freundschaft, Loyalität, Recht und Gesetz in einem anderen Setting ausprobiert.

„Appaloosa“ erhielt beim Boston Film Festival den Preis für den besten Film und das beste Drehbuch.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Romans.

mit Ed Harris, Viggo Mortensen, Renée Zellweger, Jeremy Irons, Lance Henriksen

 Der Roman

Parker - Appaloosa - Europa Verlag 2

Robert B. Parker: Appaloosa

(übersetzt von Emanuel Bergmann)

Europa Verlag AG Zürich, 2012

208 Seiten

22 Euro

Hinweise

Homepage von Robert B. Parker

Mein Porträt der Spenser-Serie und von Robert B. Parker

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Die blonde Witwe“ (Widow’s walk, 2002)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Alte Wunden” (Back Story, 2003)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der gute Terrorist“ (Now & Then, 2007)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Hundert Dollar Baby” (Hundred Dollar Baby, 2006)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Trügerisches Bild“ (Painted Ladies, 2010)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Bitteres Ende” (The Professional, 2009)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Wildnis“ (Wilderness, 1979)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Appaloosa“ (2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Appaloosa“ (Appaloosa, 2005) (Übersetzung)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Das dunkle Paradies” (Night Passage, 1997)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Miese Geschäfte“ (Bad Business, 2004)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Resolution“ (Resolution, 2008)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Mord im Showbiz“ (High Profile, 2007)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der Killer kehrt zurück“ (Stranger in Paradise, 2008)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Brimstone“ (Brimstone, 2009)

Mein Nachruf auf Robert B. Parker

Robert B. Parker in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Assassin’s Creed“, vom Stehen auf Häuserdächern

Dezember 27, 2016

Nach der gar nicht so schlechten Computerspielverfilmung „Warcraft: The Beginning“ von Duncan Jones, die vor einem halben Jahr in den Kinos lief, schien der Bann, dass Computerspiele die Grundlage für schlechte Filme sind, gebrochen zu sein. Justin Kurzels „Assassin’s Creed“ sollte die nächste gute Computerspielverfilmung werden.

Mit einem mehr als ordentlichem Budget von 125 Millionen US-Dollar (frühere Zahlen waren teilweise deutlich höher), einem Regisseur, dessen bisherige Werke Kritikererfolge waren und der mit seinem „Macbeth“-Team (vor und hinter der Kamera) „Assassin’s Creed“ inszenieren durfte, und einer Top-Besetzung (Michael Fassbender, Marion Cotillard [beide „Macbeth“], Jeremy Irons, Brendan Gleeson, Charlotte Rampling, Michael K. Williams) standen die Zeichen äußerst günstig für eine gute Spieleverfilmung, die Fans des Spiels und Filmfans gefallen könnte. Immerhin wurde der Film, unter anderem, von dem „Assassin’s Creed“-Spielehersteller Ubisoft, die sich anscheinend auf dem „Marvel“-Weg sahen, und Hauptdarsteller Michael Fassbender produziert. Er war vorher Executive Producer des schönen Western „Slow West“.

Er spielt Cal Lynch, einen aus den bisherigen „Assassin’s Creed“-Computerspielen unbekannten Charakter. Lynch ist ein zum Tod Verurteilter (warum und weshalb wird vielleicht in einem Extended Cut erklärt), der nach seinem Tod in einem pompösen Forschungslabor/Krankenhaus/Gefängnis von Abstergo Industries mit Erinnerungen von Aguilar de Nerha gefüttert wird. De Nerha war im 15. Jahrhundert in Spanien ein Mitglied der Assassinen. Sie kämpfen gegen die Tempelritter um den aus der Bibel bekannten „Apfel von Eden“, der in dem Film wirklich ein Apfel und der klassische, in diesem Fall mit Scheinbedeutung hoffnungslos überladene MacGuffin ist. Dabei hätte man aus der hinter dem Apfel der Erkenntnis stehenden Idee wirklich etwas machen können.

Denn in der Filmlesart steht der Apfel als Symbol des freien Willens für Mord und Totschlag, Chaos und Anarchie. Die Tempelritter wollen die Menschheit davor beschützen. Und damit stellt sich die Frage, ob die im Film bösen Tempelritter nicht in Wahrheit die Guten sind.

Aber an solchen philosophischen Diskursen hatten die Macher kein Interesse.

Stattdessen gibt es, wenn nicht gerade endlos irgendetwas erklärt wird, unzusammenhängende Kampfszenen, in denen meistens unklar ist, wie die Leute in die Situation kamen und worum es geht. Außer dem Offensichtlichstem, wie „Kind retten“ oder „Apfel klauen“. Und halt Mord und Totschlag, Chaos und humorlose Endloskloppereien und Verfolgungsjagden.

Diese Szenen sind, auch wenn sie nicht gerade im Mittelalter und parallel in der Gegenwart spielen (Lynch spielt die Erinnerungen seines Urahnen nach), so konfus inszeniert, dass man zwischen wild entfesselter Kamera, Sekundenschnitten und 3D-Pixelgewitter jeden Überblick verliert. Entsprechend gelangweilt folgt man den Kämpfen von schwarz gekleideten Menschen, die mit anderen schwarz gekleideten Menschen kämpfen und über Dächer flüchten oder auf Dächern bedeutungsschwanger warten, weil Menschen auf Dächern immer wichtig aussehen.

In diesen Momenten sieht man, dass Justin Kurzel sich stilistisch an seiner optisch beeindruckenden Shakespeare-Verfilmung „Macbeth“ orientiert. „Macbeth“-Kameramann Adam Arkapaw half ihm dabei. Die erste Staffel von „True Detective“ und „The Light between Oceans“ (ebenfalls mit Michael Fassbender) gehen ebenfalls auf sein Konto.

Aber was in „Macbeth“ bildgewaltig und entsprechend beeindruckend ist, versumpft in „Assassin’s Creed“ – jedenfalls in der von mir gesehenen Vorführung – in viel zu dunklen Bildern und schlechtem 3D, das in dieser Form schon lange Vergangenheit sein sollte.

Dazu kommt eine wirre und konfuse Story, die Nicht-Kenner des Spiels ratlos zurücklässt. Über lose Enden, Logiklöcher und Unplausibilitäten muss hier nicht gesprochen werden. Denn all das setzt ein Mindestmaß an Plausibilität und Nachvollziehbarkeit voraus. „Assassin’s Creed“ ist dagegen nur eine Ansammlung von unzusammenhängenden Szenen, die vielleicht für die Kenner des Spiels verständlich sind.

Für alle anderen ist „Assassin’s Creed“ in jeder Beziehung Zeitverschwendung.

assassin-s-creed-plakat

Assassin’s Creed (Assassin’s Creed, USA 2016)

Regie: Justin Kurzel

Drehbuch: Michael Lesslie, Adam Cooper, Bill Collage

mit Michael Fassbender, Marion Cotillard, Jeremy Irons, Brendan Gleeson, Charlotte Rampling, Michael K. Williams, Ariane Labed, Matias Varela, Denis Menochet

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Assassin’s Creed“

Metacritic über „Assassin’s Creed“

Rotten Tomatoes über „Assassin’s Creed“

Wikipedia über „Assassin’s Creed“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Justin Kurzels „Die Morde von Snowtown“ (Snowtown, Australien 2011)

Meine Besprechung von Justin Kurzels „Macbeth“ (Macbeth,Großbritannien 2015)

Cast und Crew stellen den Film vor


Buch- und DVD-Kritik: Ben Wheatleys J.-G.-Ballard-Verfilmung „High-Rise“

November 21, 2016

Die DVD-Veröffentlichung von „High-Rise“ ist eine gute Gelegenheit, sich den Film wieder anzusehen und mit der Vorlage, die zum Filmstart wieder veröffentlicht wurde, zu vergleichen.

Damals schrieb ich über den Film:

Wer sich „High-Rise“ ansieht, ohne irgendetwas über den Film zu wissen, wird glauben, das es sich um einen Film aus den Siebzigern handelt, der bislang von Filmenthusiasten schmählich ignoriert wurde. Denn Ben Wheatley hat seine J.-G.-Ballard-Verfilmung nicht nur, wie den Roman, 1975 angesiedelt, sondern auch die gesamte Optik, die Erzählweise und die Sozialkritik auf diese Zeit fokussiert.

Der Junggeselle Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston) zieht in ein neues Apartmenthaus ein, in dem es für die Bewohner alles gibt, was sie zum Leben brauchen (Lebensmittelladen) und brauchen könnten (Schwimmbad). Es ist ein mitten im Nirgendwo liegender brutalistischer Betonklotz, den die anzugtragenden Bewohner im Gleichschritt verlassen und betreten. Zurückgezogen auf dem Dach des riesigen, autonomen Gebäudes lebt Royal (Jeremy Irons), der Architekt. Laing lernt einige Bewohner des Komplexes kennen und er wird von Royal in seinen Bekanntenkreis, die vermögenden Bewohner, eingeführt. Währenddessen verfällt die dekadente Hausgesellschaft, garniert mit Sex und Orgien jeglicher Couleur, immer mehr.

High-Rise“ ist ein Sittengemälde einer dekadenten Gesellschaft, die sich selbst feiert. Niemand will die zunehmend aus dem Ruder laufende Party verlassen; auch wenn jeder der Bewohner jederzeit den Komplex verlassen könnte. Aber sie bleiben über Tage und Wochen, immer weiter degenerierend, in einem zunehmend funktionsunfähigem Haus, ohne dass es dafür im Film eine plausible Erklärung gibt. In David Cronenbergs 1975 entstandenem Horrorfilm „Shivers“ (Parasiten-Mörder; Shivers – Der Parasitenmörder), der ebenfalls in einem neuen, hochmodernem und autonomen Wohnkomplex spielt, gibt es eine Erklärung. Der Film spielt innerhalb einer Nacht und das Grauen verbreitet sich rapide. Auch andere grandiose Satiren aus den Siebzigern, wie „Das große Fressen“, „Die 120 Tage von Sodom“, „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ und „Das Gespenst der Freiheit“, fallen ein. „Zardoz“, obwohl er als Science-Fiction-Film nicht ganz in diese Reihe passt, kann auch als lose Inspiration genannt werden. Immerhin ist Ben Wheatley ein Fan des Films und der im Film geschilderte Klassenkampf passt dann doch wieder zu dem gesellschaftskritischen Anliegen der vorher genannten Filme. Diese Filme beschreiben auch das Problem von „High-Rise“. Die alten Filme waren, trotz aller Übertreibungen, Fiktionalisierungen und Surrealismen, immer Porträts der Gegenwart. Ihr wurde ein Zerrspiegel vorgehalten. Sie waren Abrechnungen mit der Bourgeoisie, Standesdünkel und der Klassengesellschaft. Sie hatten einen konkreten Gegner. In „High-Rise“ ist dieser Gegner das Großbritannien von 1975, das es Heute nicht mehr gibt. Damit richtet sich Wheatleys Kritik, gerade weil er in jeder Beziehung auf Aktualisierungen verzichtet, an die Vergangenheit, obwohl die im Film angesprochenen Probleme heute nicht nur aktuell, sondern aktueller als damals sind. Genau dieser Punkt macht aus „High-Rise“ eine hoffnungslos veraltet wirkende Stilübung, die die damaligen Filme perfekt imitiert.

Deshalb ist „High-Rise“ eine durchaus in jedem Punkt gelungene, sehr stylische, aber seltsam überholt wirkende Satire auf den Kapitalismus und die Wohlstandsgesellschaft mit einer aus heutiger Sicht schnell erkennbaren und eher platten Botschaft, die 1975 vielleicht noch revolutionär war.

Da war David Cronenberg 1996 mit seiner J.-G.-Ballard-Verfilmung „Crash“ schon weiter.

Hm, vielleicht verkläre ich „Crash“ etwas zu sehr. Jedenfalls konnte James Graham Ballard die Verfilmung seines Romans „High-Rise“ nicht mehr sehen. Er starb bereits 2009. Aber wahrscheinlich hätte ihm gefallen, wie Buch und Film in einem seltsamen und produktivem Spannungsverhältnis stehen.

Der Roman ist eindeutig ein Kind seiner Zeit und dass das Hochhaus eine Metapher für die englische Klassengesellschaft ist, wird von Ballard so oft im Roman betont, dass auch der letzte Trottel es versteht. In dem Roman ignorieren die Hochhausbewohner von der ersten Seite an die Regeln der Zivilisation; fast so, als seien sie vom Haus in seinen Bann gezogen. Im Gegensatz zum Film gibt es daher im Roman keine wirkliche Verfallsgeschichte (auch wenn es auf der Suche nach einem neuen Gleichgewicht immer schlimmer wird), sondern primär eine Zustandsbeschreibung. Ballard erzählt die Romangeschichte zwar chronologisch, aber mehr wie eine Zusammenstellung von Kurzgeschichten und Impressionen mit verschiedenen, wiederkehrenden Hauptcharaktere. Deshalb verschwinden der neu zugezogene Dr. Robert Laing, der Fernsehjournalist Richard Wilder und der Architekt Anthony Royal immer wieder für ganze Kapitel aus dem Roman. In dem Roman ist auch nachvollziehbarer als im Film, wo wir immer wieder sehen, dass die Bewohner einfach flüchten könnten, warum sie im Hochhaus bleiben. Einerseits, weil das Haus eine seltsame Faszination auf sie ausübt, weil es die Welt der Bewohner ist und weil das Hochhaus eine Metapher für die Klassengesellschaft ist, aus der man auch nicht flüchten kann. Aber die unteren Schichten können gegen die oberen Schichten (vulgo Stockwerke) revolutionieren. Insofern ist der Roman zeitloser als der Film, der, wegen seiner Bilder, immer wie ein Relikt aus der Vergangenheit, als man noch stilvoll dekadent sein konnte, wirkt.

Aber verdammt edel, suggestiv und sehr stilbewusst zelebriert Ben Wheatley den Verfall der Zivilisation.

Dabei kann man schnell vergessen, dass die Weltsicht, die Botschaft und die Gesellschaftsanalyse heute immer noch gültig sind.

Das Bonusmaterial ist mit einer Stunde zwar üppig ausgefallen. Aber in diesem Fall schlägt Quantität Qualität. Es gibt ein kurzes, angesichts der literarischen Bedeutung von Ballard und der Schwierigkeiten der Verfilmung ein erschreckend belangloses Featurette „Vom Roman zum Film“ (3:38 Minuten) und etliche während der Dreharbeiten für die Werbung erstellte Interviews mit Tom Hiddleston (9:32 Minuten), Jeremy Irons (9:54 Minuten, der etwas unkonzentriert wirkt), Luke Evans (10:05 Minuten, begeistert im Oliver-Reed-Look), Sienna Miller (4:33 Minuten), Elisabeth Moss (3:47 Minuten), Regisseur Ben Wheatley (13:05 Minuten, der etliche Hintergründe zur Produktion und zum Film erklärt) und Set-Designer Mark Tildesley (4:59 Minuten), die alle begeistert vom Drehbuch sind, Fans von Ben Wheatley sind und die tolle Stimmung am Set loben, nachdem sie den von ihnen gespielten Charakter vorgestellt haben.

high-rise-dvd-cover

High-Rise (High-Rise, Großbritannien 2015)

Regie: Ben Wheatley

Drehbuch: Amy Jump

LV: J. G. Ballard: High-Rise, 1975 (Der Block, Hochhaus, High-Rise)

mit Tom Hiddleston, Jeremy Irons, Sienna Miller, Luke Evans, Elisabeth Moss, James Purefoy, Keeley Hawes, Peter Ferdinando, Sienna Guillory

DVD

DCM World

Bild: 2.40:1 (16:9 anamorph)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Vom Roman zum Film, Interviews mit Cast & Crew, Trailer, Wendecover

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Ballard - High-Rise

J.G. Ballard: High-Rise

(aus dem Englischen von Michael Koseler)

Diaphanes, 2016

256 Seiten

17,95 Euro

Es handelt sich um die revidierte Fassung der 1992 im Suhrkamp Verlag als „Hochhaus“ erschienenen Übersetzung.

Im Heyne Verlag erschien 1982 als „Der Block“ eine Übersetzung des Romans von Walter Brumm.

Originalausgabe

High-Rise

Jonathan Cape, 1975

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „High-Rise“

Metacritic über „High-Rise“

Rotten Tomatoes über „High-Rise“

Wikipedia über „High-Rise“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ben Wheatleys „Sightseers“ (Sightseers, Großbritannien 2012)

Meine Besprechung von Ben Wheatleys „High-Rise“ (High-Rise, Großbritannien 2015)

Im AOL Building stehen Tom Hiddleston, Sienna Miller, Luke Evans und Ben Wheatley Rede und Antwort

„Film Night“ Paul Jensen unterhält sich mit Ben Wheatley über sein neuestes Werk


Neu im Kino/Filmkritik: „Zeit für Legenden“ während der Olympiade 1936 in Berlin

Juli 29, 2016

Adolf Hitlers Propagandashow. Leni Riefenstahls legendärer, zweiteiliger Dokumentarfilm „Olympia“, von dem heute vor allem die ikonischen Bilder bekannt sind. Und Jesse Owens, der eine Goldmedaille nach der nächsten gewann, und dessen Leistungen, das habe ich irgendwo gelesen, heutige Läufer, wenn sie nicht ihre modernen Hosen und Schuhe hätten, immer noch alt aussehen lassen würden. Das ist natürlich ein Filmstoff und das achtzigjährige Jubiläum dieser Spiele ist da ein guter Anlass, die Geschichte mehr oder weniger umfassend für die große Leinwand zu erzählen.

Stephen Hopkins, der nach einigen Kinofilmen wie „Judgment Night – Zum Töten verurteilt“, „Explosiv – Blown Away“ und „Lost in Space“ in den vergangenen Jahren vor allem für das Fernsehen arbeitete (u. a. mehrere „24“-Folgen, die Miniserie „Traffic“ und „The Life and Death of Peter Sellers“, der bei uns auch im Kino lief), wählte für seine Rückkehr ins Kino den ziemlich umfassenden Ich-muss-alles-erzählen-Blick.

So erfahren wir, wie der neunzehnjährige Jesse Owens (Stephan James) an der Ohio State University von Larry Snyder (Jason Sudeikis) trainiert wird, erste Erfolge bei Wettbewerben hat und sich für die Olympiade qualifiziert.

In diesem Moment berät das Olympische Komitee der USA, ob die USA sich an den Olympischen Spielen in Berlin beteiligen sollen. Immerhin wird Deutschland von dem Diktator Adolf Hitler regiert und der Umgang mit Minderheiten ist, ähem, problematisch. Avery Brundage (Jeremy Irons) soll sich daher als Gesandter des Komitees in Deutschland umsehen. Brundage glaubt, dass Sport und Politik strikt getrennt werden müssen. Die ersten Eindrücke aus Berlin begeistern den Bauunternehmer nicht. Aber nachdem Propagandaminister Joseph Goebbels (Barnaby Metschurat) auf seine Bedingungen nach optisch sauberen Spielen eingeht und er von Goebbels den Auftrag erhält, die deutsche Botschaft in Washington zu bauen, steht den sauberen Spielen nichts mehr im Weg.

In Berlin gibt es dann Konflikte zwischen den Sportlern, den Beginn der Freundschaft zwischen Jesse Owens und dem deutschen Läufer Carl ‚Luz‘ Long (David Kross), Ränkespiele im Hintergrund und missgünstige Richter im Stadion, die Jesse Owens‘ Siegesserie verhindern wollen. Trotzdem läuft er von Goldmedaille zu Goldmedaille.

Und „Triumphs des Willens“-Regisseurin Leni Riefenstahl (Carice van Houten) läuft burschikos Bilder für ihre Dokumentation „Olympia“ machend durch das Bild.

Das ist eine Menge Stoff für zwei Stunden Film und es spricht für das Drehbuch von Joe Shrapnel und Amanda Waterhouse und Regisseur Stephen Hopkins, dass wir bei all den Handlungssträngen und handelnden Personen niemals den Überblick verlieren und immer ihre Konflikte verstehen. Es entsteht auch niemals der Eindruck, dass durch die Geschichte gehetzt wird. Stattdessen hat jede Geschichte, jede Episode, den nötigen Raum.

Und trotzdem will sich keine richtige Begeisterung einstellen. Denn es ist auch alles immer eine Spur zu abgewogen, zu sehr auf Konsens und zu wenig auf Zuspitzung und irgendeine Form von Anklage erzählt. „Zeit für Legenden“ will alles verstehen, aber nichts verurteilen.

Wenn es am Ende eine Szene gibt, in der Jesse Owens als mehrfacher Olympiagewinner bei einer Feier zu seinen Ehren den Hintereingang benutzen muss und in einer Texttafel gesagt wird, dass Owens erst 1976 in das Weiße Haus zur Überreichung der Medal of Freedom eingeladen wurde, dann fällt auch auf, dass „Zeit für Legenden“ das Problem des Rassismus in den USA durchgehend ignorierte, weil der Rassismus der Nazis ja viel schlimmer war. In dem bei uns kaum bekanntem, grandiosen Biopic „42 – Die wahre Geschichte einer Sportlegende“ über Baseballer Jackie Robinson steht sie im Mittelpunkt.

Zeit für Legenden“ ist gutes Erzählkino. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Zeit für Legenden - Plakat

Zeit für Legenden (Race, Frankreich/Deutschland/Kanada 2016)

Regie: Stephen Hopkins

Drehbuch: Joe Shrapnel, Amanda Waterhouse

mit Stephan James, Jason Sudeikis, Jeremy Irons, William Hurt, Carice van Houten, Eli Goree, David Kross, Barnaby Metschurat, Tony Curran, Shanice Banton

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Zeit für Legenden“

Metacritic über „Zeit für Legenden“

Rotten Tomatoes über „Zeit für Legenden“

Wikipedia über „Zeit für Legenden“ (deutsch, englisch) und Jesse Owens (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über den Wahrheitsgehalt der „Zeit für Legenden“

Meine Besprechung von Stephen Hopkins Mark-Billingham-Verfilmung „Der Kuss des Sandmanns – Tom Thorne ermittelt“ (Thorne: Sleepyhead, GB 2010)

Stephen Hopkins, Stephan James und Jason Sudeikis sprechen über den Film


Neu im Kino/Filmkritik: „High-Rise“ – eine Wohnung in der Paradies/Hölle

Juni 30, 2016

Wer sich „High-Rise“ ansieht, ohne irgendetwas über den Film zu wissen, wird glauben, das es sich um einen Film aus den Siebzigern handelt, der bislang von Filmenthusiasten schmählich ignoriert wurde. Denn Ben Wheatley hat seine J.-G.-Ballard-Verfilmung nicht nur, wie den Roman, 1975 angesiedelt, sondern auch die gesamte Optik, die Erzählweise und die Sozialkritik auf diese Zeit fokussiert.

Der Junggeselle Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston) zieht in ein neues Apartmenthaus ein, in dem es für die Bewohner alles gibt, was sie zum Leben brauchen (Lebensmittelladen) und brauchen könnten (Schwimmbad). Es ist ein mitten im Nirgendwo liegender brutalistischer Betonklotz, den die anzugtragenden Bewohner im Gleichschritt verlassen und betreten. Zurückgezogen auf dem Dach des riesigen, autonomen Gebäudes lebt Royal (Jeremy Irons), der Architekt. Laing lernt einige Bewohner des Komplexes kennen und er wird von Royal in seinen Bekanntenkreis, die vermögenden Bewohner, eingeführt. Währenddessen verfällt die dekadente Hausgesellschaft, garniert mit Sex und Orgien jeglicher Couleur, immer mehr.

High-Rise“ ist ein Sittengemälde einer dekadenten Gesellschaft, die sich selbst feiert. Niemand will die zunehmend aus dem Ruder laufende Party verlassen; auch wenn jeder der Bewohner jederzeit den Komplex verlassen könnte. Aber sie bleiben über Tage und Wochen, immer weiter degenerierend, in einem zunehmend funktionsunfähigem Haus, ohne dass es dafür im Film eine plausible Erklärung gibt. In David Cronenbergs 1975 entstandenem Horrorfilm „Shivers“ (Parasiten-Mörder; Shivers – Der Parasitenmörder), der ebenfalls in einem neuen, hochmodernem und autonomen Wohnkomplex spielt, gibt es eine Erklärung. Der Film spielt innerhalb einer Nacht und das Grauen verbreitet sich rapide. Auch andere grandiose Satiren aus den Siebzigern, wie „Das große Fressen“, „Die 120 Tage von Sodom“, „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ und „Das Gespenst der Freiheit“, fallen ein. „Zardoz“, obwohl er als Science-Fiction-Film nicht ganz in diese Reihe passt, kann auch als lose Inspiration genannt werden. Immerhin ist Ben Wheatley ein Fan des Films und der im Film geschilderte Klassenkampf passt dann doch wieder zu dem gesellschaftskritischen Anliegen der vorher genannten Filme. Diese Filme beschreiben auch das Problem von „High-Rise“. Die alten Filme waren, trotz aller Übertreibungen, Fiktionalisierungen und Surrealismen, immer Porträts der Gegenwart. Ihr wurde ein Zerrspiegel vorgehalten. Sie waren Abrechnungen mit der Bourgeoisie, Standesdünkel und der Klassengesellschaft. Sie hatten einen konkreten Gegner. In „High-Rise“ ist dieser Gegner das Großbritannien von 1975, das es Heute nicht mehr gibt. Damit richtet sich Wheatleys Kritik, gerade weil er in jeder Beziehung auf Aktualisierungen verzichtet, an die Vergangenheit, obwohl die im Film angesprochenen Probleme heute nicht nur aktuell, sondern aktueller als damals sind. Genau dieser Punkt macht aus „High-Rise“ eine hoffnungslos veraltet wirkende Stilübung, die die damaligen Filme perfekt imitiert.

Deshalb ist „High-Rise“ eine durchaus in jedem Punkt gelungene, sehr stylische, aber seltsam überholt wirkende Satire auf den Kapitalismus und die Wohlstandsgesellschaft mit einer aus heutiger Sicht schnell erkennbaren und eher platten Botschaft, die 1975 vielleicht noch revolutionär war.

Da war David Cronenberg 1996 mit seiner J.-G.-Ballard-Verfilmung „Crash“ schon weiter.

High Rise - Plakat

High-Rise (High-Rise, Großbritannien 2015)

Regie: Ben Wheatley

Drehbuch: Amy Jump

LV: J. G. Ballard: High-Rise, 1975 (Der Block, Hochhaus, High-Rise)

mit Tom Hiddleston, Jeremy Irons, Sienna Miller, Luke Evans, Elisabeth Moss, James Purefoy, Keeley Hawes, Peter Ferdinando, Sienna Guillory

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „High-Rise“

Metacritic über „High-Rise“

Rotten Tomatoes über „High-Rise“

Wikipedia über „High-Rise“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ben Wheatleys „Sightseers“ (Sightseers, Großbritannien 2012)

Pünktlich zum Filmstart erscheint „High-Rise“ in einer neuen deutschen Ausgabe

Ballard - High-Rise

J.G. Ballard: High-Rise

(aus dem Englischen von Michael Koseler)

Diaphanes, 2016

256 Seiten

17,95 Euro


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