Neu im Kino/Filmkritik: „John Wick: Kapitel 3“ wird aufgeschlagen

Mai 23, 2019

Am Ende von „John Wick: Kapitel 2“ hatte der ehemalige Profikiller John Wick (Keanu Reeves) es sich mit der Hohen Kammer, dem obersten Entscheidungsgremium der streng geheimen, obskuren Regeln folgenden und Killern umfassenden Schutz gebenden Assassinen-Gilde, gründlich verscherzt. Er hatte am falschen Ort ein anderes Mitglied der Profikiller-Gilde getötet. Die Strafe dafür ist ein Ausschluss aus dem Verein. Und als ob das noch nicht genug wäre, setzt die Hohe Kammer ein Kopfgeld von vierzehn Millionen auf ihn aus.

John Wick: Kapitel 3“ beginnt unmittelbar danach. In einem verregneten „Blade Runner“-New York läuft John Wick um sein Leben. In wenigen Minuten, um 18.00 Uhr, ist er excommunicado und damit Freiwild. Ab diesem Moment werden aller Killer und Möchtegernkiller in der Millionenstadt versuchen, ihn zu töten.

Nach dem ersten Kampf, einer epischen, in einer Bibliothek beginnenden Schlacht durch halb Manhattan, geht Wick zum Angriff über. Er will ein Gespräch mit The Elder, einem der wichtigsten und respektiertesten Mitglieder der Hohen Kammer. Er will, dass sein Todesurteil rückgängig gemacht wird.

Sein Reise führt ihn zunächst nach Marokko, wo schon die nächsten Killer auf ihn warten.

Viel mehr Plot benötigen Autor Derek Kolstad und Regisseur Chad Stahelski, von denen auch die ersten beiden „John Wick“-Filme sind, nicht. Der erste Film erzählte noch eine klassische B-Picture-Rachegeschichte, in der John Wicks Rache für seinen toten Hund für einen grotesk-blutigen Gewaltexzess sorgte. In „John Wick: Kapitel 3“ haben sie sich von traditionellen Hollywood-Erzählmustern verabschiedet. Die Geschichte und damit die Logik des Filmplots gehorcht der Dramaturgie von Comicheften, die weitgehend unabhängig voneinander gelesen werden können. Es gibt grandiose Actionszenen, garniert mit kurzen Auftritten bekannter Schauspieler (als überzeugende und erinnerungswürdige Neuzugänge sind Anjelica Huston und Halle Berry dabei), und einem Minimalplot, der der Action immer vor einem Abgleiten in das reine l’art pour l’art abhält. Dabei sind die Charaktere höchst sparsam charakterisiert. Laurence Fishburne heißt nur Bovery King, Anjelica Huston ist The Director (vom der Tarkovsky Ballettschule/Theater), Asia Kate Dillon ist The Adjudicator, Mark Dascados ist Zero, Saïd Taghmaoui ist The Elder, Ian McShane ist immer noch Winston, der Manager des New Yorker Continental Hotel, und Lance Reddick ist immer noch Charon, der überaus diskrete und höfliche Concierge des Continental Hotel.

Allein schon die Namen deuten an, wie viel Spaß die Macher beim Entwerfern ihrer Comicwelt hatten, in der Killer Mitglieder einer quasi-religiösen Gilde sind, deren Regeln befolgen und niemals Ärger mit der Polizei haben. Denn in der Welt von John Wick gibt es keine Polizei.

Und die Action – mit Fäusten, Messern, Schusswaffen, zu Fuß, auf dem Pferd und Motorrad – ist mal wieder grandios mit wenigen Schnitten und viel Stilbewusstsein inszeniert. Sie sind hyper-ästhetisiert, einfallsreich, abwechslungsreich und sie liefern den Fans der ersten beiden „John Wick“-Filme das, was sie und Actionfilmfans lieben: handgemachte Action, die zwar unwahrscheinlich, aber nicht vollkommen unmöglich ist. Sie wurde auch, teils mit der Hilfe von Drähten, durchgehend live vor Kamera ausgeführt.

Neben den Kämpfen in „John Wick: Kapitel 3“ wirkt der Schlusskampf in „Avengers: Endgame“ wie ein schlecht choreographiertes, zu dunkel inszeniertes, mit CGI zugekleistertes laues Lüftchen.

Insgesamt entwickelt „John Wick: Kapitel 3“ konsequent die Stärken der vorherigen beiden „John Wick“-Filme weiter. Stahelski nimmt sich dabei noch mehr Zeit für die Actionszenen. Die stilisierte Neo-Noir-Optik gefällt. Die von Kolstak erfundene Mythologie entwirft eine vergnügliche, aber auch vollkommen abstruse Parallelwelt. Und die Schauspieler sind mit offensichtlichem Vergnügen dabei. Mit 132 Minuten ist „John Wick: Kapitel 3“ der längste Film der Serie.

Vor „John Wick: Kapitel 3“ sagten die Macher zwar, dass sie das „John Wick“-Franchise nicht bis in alle Ewigkeit fortführen würden und deuteten an, dass der dritte „John Wick“-Film auch der letzte sei.

Das Ende von „John Wick: Kapitel 3“ ist allerdings so, dass es unbedingt nach einem vierten „John Wick“-Film verlangt. Inzwischen und nach dem überaus erfolgreichen Kinostart in den USA ist der vierte „John Wick“-Film für den 21. Mai 2021 angekündigt.

John Wick: Kapitel 3 (John Wick: Chapter 3 – Parabellum, USA 2019)

Regie: Chad Stahelski

Drehbuch: Derek Kolstad, Shay Hatten, Chris Collins, Marc Abrams (nach einer Geschichte von Derek Kolstad) (basierend auf von Derek Kolstad erfundenen Charakteren)

mit Keanu Reeves, Halle Berry, Ian McShane, Laurence Fishburne, Mark Dacascos, Asia Kate Dillon, Lance Reddick, Tobias Segal, Anjelica Huston, Saïd Taghmaoui, Jerome Flynn, Randall Duk Kim, Margaret Daly, Robin Lord Taylor, Susan Blommaert

Länge: 132 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „John Wick: Kapitel 3“

Metacritic über „John Wick: Kapitel 3“

Rotten Tomatoes über „John Wick: Kapitel 3“

Wikipedia über „John Wick: Kapitel 3“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Chad Staheskis „John Wick“ (John Wick, USA 2014)

Meine Besprechung von Chad Stahelskis „John Wick: Kapitel 2“ (John Wick: Chapter 2, USA 2017)

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DVD-Kritik: Verbrecherjagd in der „Ripper Street“

Juli 9, 2014

London, East End, April 1889: Jack the Ripper pausiert seit einem halben Jahr, aber nicht das Verbrechen in Whitechapel, weshalb es für Inspector Edmund Reid und die von ihm geleitete H Division, die eigentlich den Frauenmörder finden sollte, genug zu tun gibt. Die BBC-Serie „Ripper Street“ erzählt die Abenteuer der Polizeieinheit, ihres Privatlebens und des Lebens in Whitechapel.
Dabei gelingt den Machern in den einzelnen Episoden der ersten, aus acht Folgen bestehenden Staffel ein saftiges Sittenporträt mit einer ordentlichen Portion Sex und Gewalt. Es ist ein schonungsloser Blick auf das damalige Verbrechen, die Zustände in London und das damalige Leben in einer für uns heute oft unvorstellbaren Armut. Es geht um Straßenbanden, Krankheiten (beziehungsweise Terror mit der Cholera), revolutionäre Umtriebe, Arbeiterkämpfe, Sklavenhandel und Pornographie. Auch die Polizeimethoden waren noch sehr archaisch. So wurde schon einmal ein Geständnis aus einem Verdächtigen herausgeprügelt. Aber – immerhin haben wir unseren Sherlock Holmes gelesen – die moderne Wissenschaft wurde damals auch in der Kriminalitätsbekämpfung immer wichtiger. Reid, der Chef der Einheit, weiß das. Deshalb nimmt er sich Homer Jackson, einen zwiespältigen, aus der USA geflohenen Charakter, der mit einer Bordellbesitzerin zusammenlebt, als Gehilfen. Jackson untersucht die Leichen und auch an den Tatorten ist er eine große Hilfe. Seiner Vergangenheit müssen er und seine Freundin Long Susan sich in „Einer meiner Männer“ stellen, als Besuch aus den USA kommt und die Pinkerton-Männer London als einen Teil des Wilden Westens betrachten.
Für die normale Arbeit, verstanden als Lauf- und Schlagarbeit, hat Reid Sergeant Bennet Drake und die anderen Polizisten der Polizeistation.
„Ripper Street“ ist eine spannende Krimiserie, die auch ein Blick ins Geschichtsbuch ist, das immer wieder wahre Begebenheiten anspricht, und dabei durchaus interessante Parallelen zwischen der damaligen Zeit und der Gegenwart aufzeigt. Immerhin mussten die Menschen damals und heute mit gewaltigen Umwälzungen umgehen. Doch in erster Linie sind die lose miteinander verknüpften „Ripper Street“-Episoden spannende Unterhaltung, wobei die Episoden, in denen die Ermittler und ihre Probleme im Mittelpunkt stehen zu den schwächeren gehören.
In England wurde bereits eine zweite Staffel ausgestrahlt. Eine dritte Staffel war wegen der hohen Kosten eine Zeit lang fraglich. Aber jetzt laufen die Dreharbeiten.

Ripper Street - Staffel 1 - DVD-Cover

Ripper Street – Staffel 1 (Ripper Street, Großbritannien 2012)
Erfinder: Richard Warlow
mit Matthew Macfadyen (Det. Insp. Edmund Reid), Jerome Flynn (Det. Sgt. Bennet Drake), Adam Rothenberg (Captain Homer Jackson), David Wilmot (Sgt. Donald Artherton), MyAnna Buring (Long Susan), David Dawson (Fred Best), Charlene McKenna (Rose Erskine), Jonathan Barnwell (P.C. Dick Hobbs), Clive Russell (Chief Inspector Fred Abberline)

DVD
Polyband
Bild: 1,78:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Bonusmaterial: WAS (12 Minuten)
Länge: 400 Minuten (8 x 50 Minuten, 3 DVDs)
FSK: ab 16 Jahre

Die ersten bluttriefenden Besuche in der „Ripper Street“
Ich brauche Licht (I need light)
Regie: Tom Shankland
Drehbuch: Richard Warlow

Der schweigende Junge (In my Protection)
Regie: Tom Shankland
Drehbuch: Richard Warlow

König Cholera (The King came calling)
Regie: Andy Wilson
Drehbuch: Declan Croghan, Richard Warlow

Die Edlen der Stadt (The God of this City)
Regie: Andy Wilson
Drehbuch: Julie Rutterford, Richard Warlow

Das Totengericht (The Weight of One Man’s Heart)
Regie: Colm McCarthy
Drehbuch: Toby Finlay

Die Schatten (Tournament of Shadows)
Regie: Colm McCarthy
Drehbuch: Toby Finlay

Einer meiner Männer (A Man of My Company)
Regie: Andy Wilson
Drehbuch: Richard Warlow

Wozu die Mühe? (What Use Our Work?)
Regie: Andy Wilson
Drehbuch: Richard Warlow

Hinweise
BBC über „Ripper Street“
ZDF über „Ripper Street“
Fernsehserien über „Ripper Street“
Wikipedia über „Ripper Street“ (deutsch, englisch)


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