Neu im Kino/Filmkritik: „Ein letzter Job“ für die alten Herren

April 25, 2019

Trend? Zufall? Clint Eastwood spielte vor einigen Monaten in „The Mule“ einen Drogenkurier. Robert Redford war vor einigen Wochen im Kino „Ein Gauner & Gentleman“. Und jetzt erledigen Michael Caine, Tom Courtenay, Jim Broadbent und Michael Gambon einen letzten Job. Tatkräftig unterstützt von den Jungspunden Ray Winstone und Paul Whitehouse, die einen 61- und einen 59-jährigen Verbrecher spielen. Sie sind Berufsverbrecher, die sich auf einer Trauerfeier wieder begegnen und in Erinnerungen schwelgen. Es sind Erinnerungen an frühere Verbrechen. Und weil sie alle eine ordentliche Aufbesserung ihres Bankkontos vertragen können, entschließen sie sich, angeführt von Brian Reader (Michael Caine), im Londoner Diamantenviertel die Schließfächer der Hatton Garden Safe Deposit zu leeren. Schon bei der Planung müssen sie, neben den üblichen Details (Alarmanlage, Videokameras, Wachleute, notwendiges Werkzeug), auch auf ihre zunehmend eingeschränkten körperlichen Fähigkeiten und die regelmäßige Einnahme ihrer Medikamente achten.

Für seinen neuen Film „Ein letzter Job“ hatte der frühere Dokumentarfilmer James Marsh eine exzellente Gruppe britischer Altstars (Älteststars?), die in den vergangenen Jahrzehnten in vielen, teils im Film zitierten Klassikern mitspielten, und eine ebenso unglaubliche, wie wahre Geschichte als Vorlage.

Es ist die Geschichte vom Hatton Garden Raub, der 2015 an Ostern stattfand. Er gilt als größter Einbruch in der britischen Justizgeschichte. Die Beute betrug, je nach Schätzung, zwischen 200 Millionen Britische Pfund (erste Schätzungen) und 14 Millionen Britische Pfund (aktuellste Schätzung). Wenige Monate nach der Tat wurden die Einbrecher verhaftet und zu Haftstrafen verurteilt. Das letzte Urteil erging am 15. März 2019 gegen Michael Seed, aka Basil (Charlie Cox). Er gab Reader den Tipp zu dem Einbruch.

Schon vor dem Beginn der Dreharbeiten für „Ein letzter Job“ gab es zwei Filme, eine TV-Serie und mehrere Bücher über den Einbruch, über den selbstverständlich auch in den Medien ausführlich berichtet wurde.

Damit ist auf der Insel die Geschichte allgemein bekannt und niemand dürfte über das Ende überrascht sein.

Die Produzenten des Films sicherten sich früh die Rechte an allen Artikeln, die der langjährige „Guardian“-Kriminalreporter Duncan Campbell über das Verbrechen schrieb. Campbell unterstützte die Filmemacher auch mit weiteren Informationen und Ermittlungsprotokollen. All diese Informationen und der Verlauf der wahren Ereignisse sind nur ein großer Haufen unsortiertes Material. Eine Geschichte und ein Film wird erst daraus, wenn die Macher das Material in einer bestimmten Weise anordnen und eine Perspektive auf und eine Haltung dazu entwickeln.

Aus der wahren Geschichte macht Marsh, nach einem Drehbuch von Joe Penhall (u. a. „The Road“), eine nette, fast schon bräsig erzählte, den bekannten Mustern des Heist-Movies folgende Gaunerschnurre, die in der zweiten Hälfte (also nach dem erfolgreichen Einbruch) zu einer vom Tonfall nicht zur witzigen ersten Hälfte passendem Drama mit Noir-Anklängen wird. Denn plötzlich gibt es keine Witzeleien mehr über die körperlichen Beschwerden alter Männer, sondern ein Drama über Verbrecher, die sich misstrauen. Und gnadenlos von der Polizei verfolgt werden, die sich mit der Idee anfreunden muss, dass die alten Männer, die sie beim Einbruch auf den Überwachungskameras sehen, keine verkleideten jungen Männer, sondern wirklich alte Männer sind.

Ein letzter Job“ wirkt wie eine Kreuzung aus „Topkapi“ und „Rififi“ (in dieser Reihenfolge). Das ist durchaus unterhaltsam. Aber aus dem Material und mit den sich glänzend verstehenden Schauspielern hätte man mehr als einen harmlosen, nostalgischen Spaß machen können.

Ein letzter Job (King of Thieves, Großbritannien 2018)

Regie: James Marsh

Drehbuch: Joe Penhall

mit Michael Caine, Tom Courtenay, Jim Broadbent, Ray Winstone, Michael Gambon, Charlie Cox, Paul Whitehouse

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Ein letzter Job“

Metacritic über „Ein letzter Job“

Rotten Tomatoes über „Ein letzter Job“

Wikipedia über „Ein letzter Job“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von James Marshs David-Peace-Verfilmung „1980“ (Red Riding: In the Year of Our Lord 1980, Großbritannien 2009)

Meine Besprechung von James Marshs „Shadow Dancer“ (Shadow Dancer, Großbritannien/Irland/Frankreich 2012)

Meine Besprechung von James Marshs „Vor uns das Meer“ (The Mercy, Großbritannien 2017)

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TV-Tipp für den 1. März: Cloud Atlas – Der Wolkenatlas

März 1, 2017

BR, 23.30

Cloud Atlas – Der Wolkenatlas (USA/Deutschland 2012, Regie: Lana & Andy Wachowski, Tom Tykwer)

Drehbuch: Lana & Andy Wachowski, Tom Tykwer

LV: David Mitchell: Cloud Atlas, 2004 (Der Wolkenatlas)

„Cloud Atlas“ ist ein dreistündiger, auf sechs Zeitebenen zwischen 1849 und 2346 spielender Trip, bei dem sechs miteinander verwobene Geschichten, die auch alle unterschiedliche Genres bedienen, zu einer Vision verbunden werden, die auch den Eindruck von viel Lärm um Nichts hinterlässt. Aber die Wachowski-Geschwister und Tom Tykwer liefern einen kurzweiligen, immer interessanten und sehenswerten Film ab, bei dem die Stars, teils kaum erkennbar, in verschiedenen Rollen auftreten.

In meiner Besprechung gehe ich ausführlicher auf die Probleme ein, die ich mit dem Film habe. Dort gibt es auch etliche Clips mit Hintergrundinformationen.

mit Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent, Hugo Weaving, Jim Sturgess, Doona Bae, Ben Whishaw, James D’Arcy, Zhou Xun, Keith David, Susan Sarandon, Hugh Grant, David Gyasi, Martin Wuttke, Götz Otto, David Mitchell (Cameo als Spion)

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Cloud Atlas“

Metacritic über „Cloud Atlas“

Rotten Tomatoes über „Cloud Atlas“

Wikipedia über „Cloud Atlas“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Lana & Andy Wachowski/Tom Tykwers „Cloud Atlas“ (Cloud Atlas, USA/Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Lana & Andy Wachowskis „Jupiter Ascending“ (Jupiter Ascending, USA 2015)

Meine Besprechung von Tom Tykwers Dave-Eggers-Verfilmung „Ein Hologramm für den König“ (Deutschland/Großbritannien 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Die „Legend of Tarzan“ kehrt zurück

Juli 28, 2016

Tarzan, der Herrscher des Urwalds ist zurück – und „Legend of Tarzan“ ist viel besser als der letzte Tarzan-Film „Tarzan 3D“, bei dem nur die computergenerierten Bilder als Leistungsschau der Hersteller überzeugten. Manchmal.

Davor gab es in den letzten Jahrzehnten einige Tarzan-Filme, die sich – auch wenn „Greystoke – Die Legende von Tarzan“ (Großbritannien 1984, von Hugh Hudson) und „Tarzan – Herr des Urwalds“ (USA 1981, von John Derek mit Bo Derek als sexy Dame in ständig feuchter Bekleidung) die Grenzen zwischen Kunst und Trash markierten – bei weiten nicht so in das kollektive Gedächtnis einbrannten wie die legendären Tarzan-Filme mit Johnny Weissmuller.

Legend of Tarzan“, der kein naiver Abenteuerfilm sein will, wird das gleiche Schicksal des schnellen Vergessens ereilen. Daran ändert auch die lange Entwicklungsgeschichte des Films (wobei das 2006er Tarzan-Projekt von Guillermo del Toro mit diesem Film sicher nichts mehr zu tun hat) und das exorbitante Budget von offiziell 180 Millionen US-Dollar nichts.

Dieses Mal lebt Tarzan (Alexander Skarsgård) schon seit längerem unter seinem bürgerlichem Namen John Clayton III, fünfter Lord Greystoke, auf seinem Landsitz und er erledigt klaglos seine Pflichten als Lord und Hausherr. Da wird er vom Parlament gebeten, als Sonderbotschafter für Handelsfragen in den Kongo zu reisen.

Auf seiner Fahrt in seine alte Heimat begleiten ihn seine Freundin Jane (Margot Robbie), die ebenfalls alte Bekanntschaften auffrischen will, und der US-Amerikaner George Washington Williams (Samuel L. Jackson als doofer, alle Klischees bestätigender Sidekick), der Beweise für einen florierenden Sklavenhandel finden will.

In Afrika werden, kurz nach ihrer Ankunft in seinem Heimatdorf, Jane und etliche Dorfbewohner bei einem nächtlichen Überfall entführt und das Dorf verwüstet.

Verantwortlich dafür ist der Belgier Leon Rom (Christoph Waltz). Der Händler und Bösewicht des Films wollte in der Nacht eigentlich den legendären Tarzan entführen.

Lord Greystoke, der entkommen konnte, reißt sich seine Kleider vom Leib und beginnt als Tarzan Rom und seine Bande quer durch den Dschungel und die Steppe und Steinwüsten und Gewässer und Seen zu jagen, weil in Afrika alle Landschaften in Lianenentfernung sind.

Es gibt in „Legend of Tarzan“ zwischen all den CGI-Effekten (so sehen wir nur CGI-Tiere, die auch fast immer so aussehen) einige Momente, die schmerzlich zeigen, was für ein grandioser Film aus dem Stoff hätte werden können. So in Richtung Sam Peckinpahs Spätwestern „The Wild Bunch“. Allerdings n Afrika spielend und den Kolonialismus, die Zerstörung von Menschen, Tieren und Natur, der Ausbeutung eines Kontinents und der Grundsteinlegung von noch heute virulenten Konflikte ansprechend. In dem Wissen, dass der von Tarzan und Jane und seinen afrikanischen Freunden, in trauter Einheit mit den Tieren, gelebte glückliche Naturzustand (der natürlich auch immer nur eine Fiktion war) schon damals nicht mehr existierte. Es hätte also ein bildgewaltiger Abenteuerfilm mit einer ernsten Grundierung werden können.

Entstanden ist ein von einem Komitee gemachter Film. Nichts fügt sich sinnvoll zusammen, weil jeder eine Idee in den Film einbringen durfte. Es gibt immer wieder haarsträubende erzählerische Mängel und inszenatorische Schwächen. So erfahren wir wichtige Teile von Roms Plan erst viel zu spät, teilweise erst am Ende. Auch den Grund für den Konflikt zwischen Tarzan und Häuptling Mbonga (Djimon Hounsou) erfahren wir viel zu spät. Wenn man das alles (ja, Spoilervermeidung) am Anfang weitgehend verraten hätte, hätte man in diesem Moment den Grundstein für eine kraftvolle Geschichte gelegt. Denn in diesem Moment wäre der Grundkonflikt zwischen Tarzan, Rom und Mbonga etabliert gewesen und man hätte ausgehend von dieser Prämisse ein Netz von Konflikten und Beziehungen zwischen den Charakteren aufgespannt. So plätschert der Film vor sich hin, während er erzählt, wie Tarzan seine Frau retten will.

Die zahlreichen Rückblenden, die David Yates wild über den Film verteilt, sind bestenfalls manieristisch, schlimmstenfalls nervig. Der Geschichte hätten sie mehr gedient, wenn sie an den wenigen Punkten in der Geschichte, in der sie erzählerisch Sinn machen, präsentiert worden wären. Also wenn Tarzan von Vertretern des Parlaments gebeten wird, nach Afrika zurückzukehren, hätte man eine große Rückblende mit seiner Geschichte, wie seine Eltern sterben, er von Affen großgezogen wird, Jane kennen lernt und nach England zurückkehrt, einfügen können. Denn in diesem Moment steht John Clayton vor der Frage, ob er wieder in seine Vergangenheit zurückkehren will. Yates verteilt diese Hintergrundgeschichte auf mehrere Rückblenden, die dann nur unnötig die Haupthandlung verlangsamen. Denn letztendlich kenne wir doch alle die Geschichte von Tarzan.

Und dann etabliert „Harry Potter“-Regisseur mehrmals Ort so ungeschickt und auch unlogisch, dass man glaubt, gerade habe man eine Szene verpasst zu haben. So scheint, um nur ein Beispiel zu nenne, das Dorf, in dem Tarzan seine alten Freunde nach einem langen Fußmarsch durch trockenes Grasland, mitten in einer wasserlosen Gegend zu liegen. In der Nacht werden sie von Roms Männern überfallen und Jane wird auf einen Dampfer entführt, der anscheinend wenige Meter neben dem Dorf anlegte.

Wo „Legend of Tarzan“ schon auf der erzählerischen Ebene Schiffbruch erleidet, bringen die überall eingesetzten CGI-Effekte das Schiff dann endgültig zum Sinken. Und im Finale wird dann, während eine Horde CGI-Tiere eine Hafenstadt verwüstetet, auch munter Schiffe versenken gespielt. Das ist visuell selten überzeugend, meistens spektakulär langweilig und wenig beeindruckend.

Legend of Tarzan“ ist wohl der Tarzan-Film mit den meisten verpassten Chancen.

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Legend of Tarzan (The Legend of Tarzan, USA 2016)

Regie: David Yates

Drehbuch: Adam Cozad, Craig Brewer (nach einer Geschichte von Craig Brewer und Adam Cozad, basierend auf den „Tarzan“-Geschichten von Edgar Rice Burroughs)

mit Alexander Skarsgård, Christoph Waltz, Samuel L. Jackson, Margot Robbie, Djimon Hounsou, Sidney Ralitsoele, Osy Ikhile, Mens-Sana Tamakloe, Rory J. Saper, Christian Stevens, Jim Broadbent, Ben Chaplin

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Lesetipp

Die Johnny-Weismuller-“Tarzan“-Filme laufen ja immer wieder und für mich sind sie die klassischen und definitiven „Tarzan“-Filme. Immerhin sah ich sie als Kind.

Aber man kann die jetzige Verfilmung auch als Gelegenheit nehmen, einen Blick in die Vorlage, die „Tarzan“-Romane von Edgar Rice Burroughs zu werfen. Denn der Heyne-Verlag bietet, mit einem kundigen Nachwort von Georg Seeßlen, einen Sammelband mit drei „Tarzan“-Romanen an. Enthalten sind die Ursprungsgeschichte „Tarzan bei den Affen“ (Tarzan of the Apes, 1912) und die beiden deutlich kürzeren „Tarzan“-Romane „Tarzan und die Schiffbrüchigen“ (Tarzan and the Castaways, 1940/1941/1964) und „Tarzan und der Verrückte“ (Tarzan and the Madman, 1964) und die ersten Seiten lesen sich verdammt gut.

Burroughs - Tarzan - 4

Edgar Rice Burroughs: Tarzan – Drei Romane in einem Band

Heyne, 2013

688 Seiten

11,99 Euro

Taschenbuch-Ausgabe entspricht der Ausgabe von Walde & Graf, Zürich 2012.

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Legend of Tarzan“

Metacritic über „Legend of Tarzan“

Rotten Tomatoes über „Legend of Tarzan“

Wikipedia über „Legend of Tarzan“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Maggie Smith ist „The Lady in the Van“

April 14, 2016

Als Alan Bennett 1970 in sein Haus in der Gloucester Crescent in Camden Town einzieht, ist sie bereits da. Miss Shepherd lebt in einem nicht mehr wirklich fahrtüchtigem Kleinbus und niemand weiß irgendetwas über sie, aber in Camden Town, einem eher noblen Londoner Stadtviertel, wird die Obdachlose toleriert, gegrüßt und auch ab und an mit Essen verwöhnt. Sie gehört halt einfach dazu.

Bennett, ein bekannter Theaterschriftsteller, gewöhnt sich ebenfalls schnell an den Kleinbus und seine Besitzerin. Er wird, während er, am Schreibtisch sitzend, mit seinem Alter Ego und seinen Stücken kämpft, zu einem Teil der Aussicht aus seinem Arbeitszimmer.

Einige Jahre später steht ihr Bus in der Einfahrt von Bennetts Haus. Er erlaubte es ihr, um schnell ein scheinbar kleines Problem zu umgehen und natürlich glaubt er, dass sie ihr Auto schnell weiterbewegt zum nächsten Anwesen.

Aber sie bleibt fünfzehn Jahre bis zu ihrem Tod 1989 und, auch wenn sie außer gelegentlichen Toilettenbesuchen keinen Kontakt zu Bennett hat, wird er zu so etwas wie ihrem Vertrauten, Leumund und Quasi-Bevollmächtigten. Jedenfalls wenden sich Staatsdiener immer vertrauensvoll an ihn, weil ja ihr Auto auf seinem Grundstück steht.

Nach ihrem Tod schreibt Alan Bennett für die London Review of Books diese im Oktober 1989 publizierte Erinnerung an die „Lady in the Van“ auf. Erst danach erfährt er über den Bruder von Miss Shepherd einiges über ihre Vergangenheit. 1999 macht er aus seinem Zusammenleben mit Miss Shepherd ein Theaterstück, in dem Maggie Smith die schrullige Dame spielte. Für den in Camden Town gedrehten, in der Gegenwart endenden Spielfilm schlüpfte sie wieder in die Rolle und sie ist grandios. Denn allzu leicht hätte man aus diesem Charakter eine in irgendeine Richtung übertriebene Parodie machen können. Für ihr Spiel erhielt sie eine Golden-Globe- und Bafta-Nominierung.

Alex Jennings spielt die Doppelrolle von Alan Bennett und seinem Alter Ego ähnlich feinfühlig. In dieser zweiten Geschichte geht es um das Leben und die Arbeit eines Schriftstellers, wie er sich von realen Ereignissen inspirieren lässt und wie er damit umgeht. Entsprechend vielschichtig ist dann im gesamten Film das Verhältnis zwischen Fakten und Fiktion. Denn „The Lady in the Van“ erzählt keine „true story“, sondern eine „mostly true story“.

Die sich über zwei Jahrzehnte erstreckende Geschichte ist allerdings keine sich auch nur halbwegs dynamisch in irgendeine Richtung bewegende Geschichte, sondern eine vieles ansprechende Zustandsbeschreibung einer Nicht-Beziehung. Wegen der Schauspieler, den oft nebenbei angesprochenen Themen, den Humor und dem Setting sieht man sich „The Lady in the Van“ dann doch gerne an. Es ist aber auch eine typisch britische Geschichte. Oder glauben Sie, dass es auch in Deutschland diese höfliche Toleranz gegenüber einer Frau in einem Bus geben würde, die sich einfach in eine Hauseinfahrt stellt?

The Lady in the Van - Plakat

The Lady in the Van (The Lady in the Van, Großbritannien 2015)

Regie: Nicholas Hytner

Drehbuch: Alan Bennett (nach seinen Erinnerungen)

mit Maggie Smith, Alex Jennings, Jim Broadbent, Frances De La Tour, Roger Allam

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „The Lady in the Van“

Metacritic über „The Lady in the Van“

Rotten Tomatoes über „The Lady in the Van“

Wikipedia über „The Lady in the Van“

Die Pressekonferenz zum Film beim London Film Festival

Ein Gespräch mit den beiden Hauptdarstellern

und eines mit Alex Jennings und Alan Bennett


Neu im Kino/Filmkritik: Saoirse Ronan ist in „Brooklyn“

Januar 22, 2016

Irland, fünfziger Jahre. Keine Gegend, in der man unbedingt leben möchte. Immerhin ist es die tiefste Provinz, in der jeder jeden kennt und alles über einen weiß und es wenig Arbeit gibt. Also entschließt sich die junge, introvertierte Eilis Lacy (Saoirse Ronan), angestoßen von ihrer Schwester, das heimatliche Dorf Enniscorthy, ihre Mutter und ihre Schwester, zu verlassen und in den USA ihr Glück zu versuchen. Über den irischstämmigen Geistlichen Father Flood (Jim Broadbent) hat sie in Brooklyn ein Zimmer in dem Haus von Mrs. Kehoe (Julie Walters) und eine Anstellung als Verkäuferin in einem Kaufhaus bekommen. Dennoch hat sie Heimweh, bis sie den jungen, charmanten italienischen Klempner Tony Fiorello (Emory Cohen) kennen lernt.
Doch dann stirbt ihre Schwester und muss sie zurück nach Enniscorthy und plötzlich scheint in ihrer alten Heimat alles Bestens zu laufen: sie erhält eine Büroarbeit und der umschwärmte Rugby-Spieler Jim Farrell (Domhnall Gleeson) interessiert sich für sie.
Wenn man „Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten“, der unter anderem für den Oscar als bester Film des Jahres nominiert ist, so zusammenfasst, dann klingt es nach einer banalen Liebesgeschichte und man könnte nicht mehr daneben liegen. Denn John Crowley erzählt, nach einem Drehbuch von Nick Hornby, eine Auswanderergeschichte, bei der nicht, wie gewohnt, ein Mann, sondern eine Frau im Mittelpunkt steht. Allein das verleiht „Brooklyn“, wie der vor wenigen Wochen bei uns gestarteten Patricia-Highsmith-Verfilmung „Carol“ (über eine lesbische Liebe in den Fünfzigern in New York), schon eine besondere Note. Und wie „Carol“ ist „Brooklyn“ in erster Linie ein feinfühliges Charakterporträt einer Frau, die ihren Weg finden muss. Die sich zwischen zwei Welten und damit verbundenen Lebensentwürfen entscheiden muss. Soll sie wieder zurück in das dörfliche und beengte Enniscorthy oder doch wieder zurück in das großstädtische und weltoffene New York? Obwohl sie einmal betont, sie wohne nicht in New York, sondern in Brooklyn und auch hier gibt es Grenzen, Vorurteile und die Suche nach dem Traummann. Mrs. Kehoe führt ihre Pension, in der nur junge, alleinstehende Frauen wohnen, mit strenger Hand und sie hat immer eine eindeutige Meinung. Vor allem bei den gemeinsamen Abendessen. Die einzelnen Ethnien, im Film die Iren und die Italiener, bleiben untereinander. So ist Eilis erstaunt, dass sie auf einer irischen Feier einen Italiener kennen lernt. Vor dem Abendessen bei Tonys Familie wird sie auf das Essen von italienischem Essen vorbereitet und das Abendessen verläuft zunächst, dank gegenseitiger Vorurteile und Rücksichtnahmen, in äußerst gedrückter Stimmung.
John Crowley setzte Nick Hornbys präzises Oscar-nominiertes Drehbuch formidabel und wohltuend unaufgeregt um. „Brooklyn“ wirkt in seiner langsamen, sich auf die Menschen und ihr Leben einlassenden Erzählweise als sähe man einen Film aus den Fünfzigern, der auch eine kleine, fast schon ethnographische Gesellschaftsanalyse ist.
Getragen wird der Film von Saoirse Ronan, die hier eine sehr introvertierte Person spielt, die immer wenig bis nichts von sich verrät und allen, weil sie ungern im Mittelpunkt steht, höflich-reserviert begegnet. Und trotzdem interessiert man sich für sie. Das brachte ihr, neben etlichen weiteren Nominierungen und Preisen, eine Oscar-Nominierung als beste Schauspielerin ein.
„Brooklyn“ ist ein ruhiger, schöner, sehr introvertiertes Drama, das, wie „Carol“ etwas Geduld verlangt, weil auf die üblichen Mittel der Emotionalisierung, was bei einem Liebesdrama natürlich Kitsch in großen Portionen ist, verzichtet wird.

Brooklyn - Plakat

Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten (Brooklyn, Irland/Großbritannien/Kanada 2015)
Regie: John Crowley
Drehbuch: Nick Hornby
LV: Colm Tóibín: Brooklyn, 2009 (Brooklyn)
mit Saoirse Ronan, Domhnall Gleeson, Emory Cohen, Jim Broadbent, Julie Walters, Jane Brennan, Fiona Glascott, Eileen O’Higgins, Brid Brennan, Emily Beth Rickards, Eve Macklin, Nora-Jane Noone, Jessica Paré
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Brooklyn“
Metacritic über „Brooklyn“
Rotten Tomatoes über „Brooklyn“
Wikipedia über „Brooklyn“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 24. Dezember: Cloud Atlas

Dezember 23, 2015

Nach der Bescherung, auf der Sinnsuche

Eins Festival, 21.40

Cloud Atlas – Der Wolkenatlas (USA/Deutschland 2012, Regie: Lana & Andy Wachowski, Tom Tykwer)

Drehbuch: Lana & Andy Wachowski, Tom Tykwer

LV: David Mitchell: Cloud Atlas, 2004 (Der Wolkenatlas)

„Cloud Atlas“ ist ein dreistündiger, auf sechs Zeitebenen zwischen 1849 und 2346 spielender Trip, bei dem sechs miteinander verwobene Geschichten, die auch alle unterschiedliche Genres bedienen, zu einer Vision verbunden werden, die auch den Eindruck von viel Lärm um Nichts hinterlässt. Aber die Wachowski-Geschwister und Tom Tykwer liefern einen kurzweiligen, immer interessanten und sehenswerten Film ab, bei dem die Stars, teils kaum erkennbar, in verschiedenen Rollen auftreten.

In meiner Besprechung gehe ich ausführlicher auf die Probleme ein, die ich mit dem Film habe. Dort gibt es auch etliche Clips mit Hintergrundinformationen.

mit Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent, Hugo Weaving, Jim Sturgess, Doona Bae, Ben Whishaw, James D’Arcy, Zhou Xun, Keith David, Susan Sarandon, Hugh Grant, David Gyasi, Martin Wuttke, Götz Otto, David Mitchell (Cameo als Spion)

Wiederholung: Sonntag, 27. Dezember, 01.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Cloud Atlas“

Metacritic über „Cloud Atlas“

Rotten Tomatoes über „Cloud Atlas“

Wikipedia über „Cloud Atlas“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Lana & Andy Wachowski/Tom Tykwers „Cloud Atlas“ (Cloud Atlas, USA/Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Lana & Andy Wachowskis „Jupiter Ascending“ (Jupiter Ascending, USA 2015)


TV-Tipp für den 4. Oktober: Cloud Atlas – Der Wolkenatlas

Oktober 4, 2014

RBB, 23.05

Cloud Atlas – Der Wolkenatlas (USA/Deutschland 2012, Regie: Lana & Andy Wachowski, Tom Tykwer)

Drehbuch: Lana & Andy Wachowski, Tom Tykwer

LV: David Mitchell: Cloud Atlas, 2004 (Der Wolkenatlas)

„Cloud Atlas“ ist ein dreistündiger, auf sechs Zeitebenen zwischen 1849 und 2346 spielender Trip, bei dem sechs miteinander verwobene Geschichten, die auch alle unterschiedliche Genres bedienen, zu einer Vision verbunden werden, die auch den Eindruck von viel Lärm um Nichts hinterlässt. Aber die Wachowski-Geschwister und Tom Tykwer liefern einen kurzweiligen, immer interessanten und sehenswerten Film ab, bei dem die Stars, teils kaum erkennbar, in verschiedenen Rollen auftreten.

In meiner Besprechung gehe ich ausführlicher auf die Probleme ein, die ich mit dem Film habe. Dort gibt es auch etliche Clips mit Hintergrundinformationen.

mit Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent, Hugo Weaving, Jim Sturgess, Doona Bae, Ben Whishaw, James D’Arcy, Zhou Xun, Keith David, Susan Sarandon, Hugh Grant, David Gyasi, Martin Wuttke, Götz Otto, David Mitchell (Cameo als Spion)

 

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Cloud Atlas“

Metacritic über „Cloud Atlas“

Rotten Tomatoes über „Cloud Atlas“

Wikipedia über „Cloud Atlas“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Lana & Andy Wachowski/Tom Tykwers „Cloud Atlas“ (Cloud Atlas, USA/Deutschland 2012)


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