Neu im Kino/Filmkritik: „We have always lived in the Castle“ und hüten unsere Geheimnisse

Oktober 7, 2019

Die Familie Blackwood lebt abseits des Dorfes in ihrem Schloss, das inzwischen doch etwas verwahrlost ist und, angesichts der wenigen Bewohner, auch größtenteils unbewohnt ist. Seit vor fünf Jahren mehrere Familienmitglieder an einer nie vollständig aufgeklärten Arsenvergiftung starben, leben nur noch Merricat, ihre ältere Schwester Constance und der im Rollstuhl sitzende Onkel Julian in dem Anwesen.

Die Dorfbewohner halten Abstand. Letztendlich ist der einzige Kontakt zwischen ihnen die wöchentliche Einkaufstour von Merricat in das Dorf; – äh, ja, die Geschichte spielt in den frühen sechziger Jahren. Da gab es noch keinen 24/7-Lieferservice für Lebensmittel, Bücher und allem, was zum gehobenen Leben dazu gehört.

Eines Tages kommt Cousin Charles.

We have always lived in the Castle“ basiert auf Shirley Jacksons gleichnamigem Roman von 1962. Es war ihr letzter Roman und allgemein wird er als ihr bester Roman eingeschätzt. Ihr auch bei uns bekanntester Horrorroman dürfte, vor allem wegen der zahlreichen Verfilmungen, dagegen „The Haunting of Hill House“ (1959) sein. Die erste war 1963. Heute gilt Robert Wises „Bis das Blut gefriert“ als Klassiker des Horrorfilms. Die letzte war 2018 für Netflix als Mini-TV-Serie und sie soll auch gelungen sein.

Das kann nicht unbedingt über Stacie Passons „We have always lived in the Castle“ gesagt werden. Der Verleih beschreibt den Film als Mischung aus Murder Mystery und Haunted House Story. Dummerweise ist der Film weder das eine, noch das andere, weil all die Ereignisse sich niemals zu einer kohärenten Geschichte zusammenfügen.

Es sind einfach Bilder und Szenen, die für sich allein beeindruckend sind. Zum Beispiel der Garten und das halb verfallene Haus der Blackwoods. Zum Beispiel Merricats merkwürdiges Gebaren im Schlossgarten. Zum Beispiel wenn Merricat in das Dorf geht und von allen wie eine unerwünschte Verwandte gemieden wird. Oder wenn das Dorf sich wie ein feiersüchtiger Mob vor dem brennenden Blackwood-Haus versammelt. Wenn die Dörfler am nächsten Morgen gute Gaben vor der Haustür deponieren, hat man das Gefühl, dass zwischen der fanatisierten Masse und den stumm um Vergebung bittenden Individuen mindestens zwei erklärende Szenen fehlen. Wobei schon unklar war, warum die Dörfler das nächtliche Feuer so feierten.

Wenn Cousin Charles auftaucht, denkt der Cineast sofort an Alfred Hitchcocks „Im Schatten des Zweifels“ (Shadow of a doubt, 1942), wo Joseph Cotten den lange verschwundener Lieblingsonkel Charlie Oakley spielt. Dass er gleichzeitig ein gesuchter Mehrfachmörder ist, weiß die von ihm besuchte Familie in dem Moment nicht. Aber seine Nichte ahnt etwas. Welche finsteren Absichten dagegen Cousin Charles hat, bleibt länger im Dunkeln. Aber dass sie nicht lauter und edel sind, ist schon klar, wenn er mit gewinnendem Verkäuferlächeln seine Verwandtschaft begrüßt.

We have always lived in the Castle (We have always lived in the Castle, USA 2018)

Regie: Stacie Passon

Drehbuch: Mark Kruger

LV: Shirley Jackson: We have always lived in the Castle, 1962 (Wir haben schon immer im Schloss gelebt)

mit Taissa Farmiga, Alexandra Daddario, Sebastian Stan, Crispin Glover, Paula Malcomson, Peter Coonan, Ian Toner, Joanne Crawford, Anna Nugent

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „We have always lived in the Castle“

Metacritic über „We have always lived in the Castle“

Rotten Tomatoes über „We have always lived in the Castle“

Wikipedia über „We have always lived in the Castle“ (deutsch, englisch)

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DVD-Kritik: Die Sharon-Bolton-Verfilmung „Sacrifice – Todesopfer“

April 23, 2017

Nach einer Fehlgeburt zieht die Ärztin Dr. Tora Hamilton mit ihrem Mann Duncan Guthrie aus New York ans andere Ende der Welt und vom stressigen Großstadtleben in die menschenleere Einsamkeit und Ruhe der Shetlandinseln. Denn Duncan kommt von dort. Aus einer vermögenden, seit Ewigkeiten dort lebenden Familie. Und die Landschaft ist, wie die vielen Landschaftsaufnahmen in der Sharon-Bolton-Verfilmung „Sacrifice – Todesopfer“ beweisen, wirklich schön. Auch wenn der Film, wie der Abspann verrät, „Filmed on Location in Co. Wicklow and Co. Dublin, Ireland“.

Oh, well. Auch eine schöne Insel.

Tora beginnt im Krankenhaus zu arbeiten. Mit Duncans Familie versteht sie sich. Alles ist perfekt. Bis sie auf ihrem Grundstück im Torfboden eine Frauenleiche findet, die erst seit wenigen Jahren dort liegen kann und kurz vor ihrem Tod ein Kind bekam.

Und wie es sich für einen Krimi gehört, beginnt sie neugierig herumzuschnüffeln. Sie fragt sich, wer die kürzlich Ermordete ist. Sie will wissen, was die runenartigen Symbole bedeuten, die sie überall, auch bei der Leiche, entdeckt. Und was das alles mit den vielen in den vergangenen Jahren verschwundenen Frauen und adoptierten Kindern, via einer modernen Adoptionsklinik auf einer der Inseln, zu tun hat.

Im wirklichen Leben hätte das alles nichts miteinander zu tun. Aber in einem Kriminalfilm sind das selbstverständlich alles Teile eines riesigen Puzzle, das Regisseur Peter A. Dowling todernst präsentiert. So ist „Sacrifice – Todesopfer“ ein absurdes B-Picture, das sich seiner Absurdität nie bewusst ist. Zum Beispiel die unglaublich hohe Zahl verschwundener Frauen, die in der Kleinstadt (und das sind die Shetlandinseln) in einer menschenleeren Landschaft (die jedes Bild betont) niemandem auffallen oder kümmern. Denn dass das uralte Ritual, worauf die Runen aus der Wikinger-Zeit hindeuten, in der Gegenwart ungefähr bei jeder sich im gebärfähigen Alter befinden Shetland-Frau durchgeführt wird ohne dass die Frauen sich dagegen wehren, ist ziemlicher Quatsch. Immerhin adoptieren die mehr oder weniger allein stehenden Männer der Insel eifrig Kinder.

Ein weiteres großes Problem der Thriller-Verfilmung Krimis ist die fehlende Chemie zwischen Radha Mitchell, die Tora spielt, und Rupert Graves, der ihren Mann Duncan spielt. Nie glaubt man, dass sie verheiratet sind. Nie glaubt man, dass sie jemals ineinander verliebt waren. Deshalb ist es auch vollkommen rätselhaft, warum sie mit ihm in seine alte Heimat zieht.

Weil die Liebe zwischen ihnen nur eine Drehbuchbehauptung ist, funktioniert das Finale emotional nicht. Anstatt mit ihnen mitzufiebern, verfolgt man gelangweilt einen Schnelldurchlauf durch die bekannten Horrorfilm- und Thrillerklischees von Flucht, Verfolgung und Kloppereien, garniert mit hanebüchenen Erklärungen.

Sacrifice – Todesopfer“ ist ein in jeder Beziehung konventioneller und vernachlässigbarer Thriller, garniert mit vielen Bildern aus dem Tourismusprospekt. Als habe man über eine Pilcher/Lindström-Film etwas Krimisauce gegossen.

Regisseur Peter A. Dowling schrieb das Drehbuch zu Robert-Schwentkes-Flugzeugparanoiathriller „Flight Plan“ (mit Jodie Foster) und er inszenierte den Horrorfilm „Stag Night“.

Sacrifice – Todesopfer (Sacrifice, Irland 2016)

Regie: Peter A. Dowling

Drehbuch: Peter A. Dowling

LV: Sharon Bolton: Sacrifice, 2008 (Todesopfer)

mit Radha Mitchell, Rupert Graves, Ian McElhinney, Hilary Rose, David Robb, Joanne Crawford, Rachel Oliva

DVD

EuroVideo

Bild: 16:9 anamorph

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Trailer

Länge: 87 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Romane von Sharon Bolton erscheinen bei Manhattan und Goldmann.

Hinweise

Moviepilot über „Sacrifice – Todesopfer“

Metascritic über „Sacrifice – Todesopfer“

Rotten Tomatoes über „Sacrifice – Todesopfer“

Wikipedia über „Sacrifice – Todesopfer“ und Sharon Bolton (deutsch, englisch)

Homepage von Sharon Bolton


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