Neu im Kino/Filmkritik: Das Biopic „Mary Shelley“

Dezember 28, 2018

Frankenstein.

Auch zweihundert Jahre nach der ersten Publikation von „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ ist der Horrorroman immer noch bekannt. Er wird immer wieder neu aufgelegt und verfilmt. Entsprechend bekannt ist die Geschichte von Victor Frankenstein und seiner Kreatur.

Weil Mary Shelley (geborene Godwin am 30. August 1797 in London – gestorben am 1. Februar 1851 in London) in einem Vorwort zu „Frankenstein“ die Entstehung ihres Romans schildert, dürfte auch diese Geschichte bekannt sein. Im Sommer 1816 gastierte sie mit ihrem Geliebten und späteren Ehemann Percy Shelley, John Polidori und ihrer Stiefschwester Claire Clairmont bei Lord Byron am Genfer See. Während einer stürmischen Nacht hatte Lord Byron die Idee, in einem Wettbewerb herauszufinden, wer von ihnen die beste Gruselgeschichte erzählen könnte. 1986 erzählte Ken Russell in seinem Film „Gothik“ die Ereignisse dieser Nacht.

Und damit dürfte sich das Wissen über Mary Shelley, bzw. Mary Wollstonecraft Shelley, erschöpfen.

Haifaa Al-Mansours Biopic mit Elle Fanning als Mary Shelley könnte da Abhilfe schaffen. In ihrem Film konzentriert sie sich auf die frühen und sehr turbulenten Jahre der Autorin. 1814 lernt die schreib- und literaturbegeisterte sechzehnjährige Mary Godwin den berühmten romantischen und schon verheirateten Dichter Percy Bysshe Shelley (Douglas Booth) kennen. Sie verliebt sich. Sie haben Sex und Kinder. Nach dem Suizid von Shelleys Ehefrau heiratet sie ihre große Liebe. Er ist ein Verfechter der freien Liebe. Sie ist von dieser Idee nicht so begeistert. Sie haben kein Geld.

1816 verbringen sie, alle bürgerlichen Konventionen missachtend, den Sommer bei Lord Byron (Tom Sturridge).

Herausgefordert von dem ebenfalls berühmten Lord Byron beginnt sie „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ zu schreiben. Das Buch wird zuerst anonym veröffentlicht. Mit der Enthüllung ihrer wahren Identität endet der Film und auch die im Film angelegte Emanzipationsgeschichte.

Im Film ist, auch wenn die Shelley-Forschung es nicht so eindimensional sieht, Shelleys Horrorroman eine kaum verklausulierte autobiographische Erzählung ihres bisherigen Lebens. Mit dieser filmisch leichter zu bewältigenden Gleichsetzung von persönlichen Erlebnissen und literarischen Erzeugnissen huldigt der Film dann dem platten Kult, dass großes Leid zu großer Literatur führt. Das intellektuelle und damit sehr unfilmische Umfeld, in dem Mary Shelley sich bewegte – ihre kurz nach ihrer Geburt verstorbene Mutter Mary Wollstonecraft war eine Schriftstellerin und Feministin, ihr Vater William Godwin war Sozialphilosoph und Begründer des politischen Anarchismus, die damaligen Denker verkehrten in der Buchhandlung ihres Vaters – wird dagegen kaum beachtet.

Haifaa Al-Mansour („Das Mädchen Wadjda“) erzählt das alles chronologisch als biederes, feministisch grundiertes Ausstattungskino, in dem erst am Ende der rote Faden zwischen den einzelnen Episoden aus Mary Shelleys Leben sichtbar wird. Entsprechend desinteressiert folgt man den Ereignissen und wartet auf die Nacherzählung des legendären Sommers am Genfer See. Diese ist erst ziemlich spät im Film.

Während Mary Shelley ein dreidimensionaler Charakter ist, sind die sie umgebenden Männer alle arg dimensional gezeichnet. Vor allem ihre große Liebe Percey Shelley und Lord Byron werden so sehr überzeichnet, dass man schon bei ihrem ersten Auftritt eine gepflegte Antipathie gegen diese egomanischen Trottel hat.

In dem Moment läuft auch die feministische Lesart, die Mary Shelley als damals (und auch heute noch) moderne Frau und als Vorbild für junge Frauen zeigen möchte, ins Leere. Denn es ist vollkommen rätselhaft, warum Mary Shelley und auch sonst irgendjemand diese Männer bewundern und sich in sie verlieben könnte.

Mary Shelley (Mary Shelley, Großbritannien/Irland/Luxemburg 2017)

Regie: Haifaa Al-Mansour

Drehbuch: Emma Jensen, Haifaa Al-Mansour

mit Elle Fanning, Douglas Booth, Tom Sturridge, Bel Powley, Stephen Dillane, Joanne Froggatt, Ben Hardy

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Mary Shelley“

Metacritic über „Mary Shelley“

Rotten Tomatoes über „Mary Shelley“

Wikipedia über „Mary Shelley“ (deutsch, englisch) und Mary Shelley (deutsch, englisch)

Werbeanzeigen

Neu im Kino/Filmkritik: Wie „Bob, der Streuner“ ein Leben rettete

Januar 14, 2017

James Bowen (Luke Treadaway) schlägt sich in London als Straßenmusiker mehr schlecht als recht durch und kämpft mehr oder weniger erfolglos mit seiner Drogensucht. Seine erfolgreiche Teilnahme an einem Methadonprogramm ist daher ständig gefährdet. Als letzte Chance erhält der Obdachlose von seiner Betreuerin Val (Joanne Frogatt) eine kleine Sozialwohnung in Hackney, die kaum mehr als ein Dach über dem Kopf ist.

Eines Abends entdeckt er einen unangemeldeten Besucher: eine Katze, die sich verletzt hat. Er pflegt sie, bezahlt sogar die Arztrechnung für sie und will sie möglichst schnell wieder los werden. Immerhin kriegt er noch nicht einmal sein eigenes Leben auf die Reihe. Wie soll er da für jemand anderes sorgen?

Aber Bob – so nennt er die Katze – weicht ihm nicht von der Seite – und wer in den vergangenen Jahren zu den Millionen Lesern von James Bowens „Bob, der Streuner“ gehört, kennt auch die weitere Geschichte.

Wer das Buch nicht kennt, dürfte ebenfalls wenig überrascht von der gut ausgehenden Geschichte sein. Denn dank Bob bekommt James, wie schon der Werbespruch des Films „Manchmal braucht es neun Leben um eines zu retten“ verrät, sein Leben auf die Reihe. Heute tourt er mit Bob durch die Welt, erzählt von seinem Leben, macht auf die Probleme von Obdachlosen aufmerksam und versucht ihnen zu helfen.

Regisseur Roger Spottiswoode hat in der Vergangenheit mit Rettungsmissionen von der globalen Sorte („James Bond – Der Morgen stirbt nie“) und Menschen helfenden Tieren, wie einem Hund im ungeplanten Polizeieinsatz („Scott & Huutsch“) schon Erfahrungen gesammelt. Jetzt verfilmte er vor Ort in London, mit zahlreichen Außendrehs (20 der 35 Drehtage), die Geschichte von James Bowen und seiner Katze Bob als zu Herzen gehendes Feelgood-Movie mit realistischen Untertönen, die den der Geschichte innewohnenden Kitschfaktor auf ein erträgliches Maß zurechtstutzen.

Bob, der Streuner“ erzählt in einfachen Bildern eine kleine Geschichte von zwei verlorenen Seelen, die sich finden und ihr Leben zum Besseren wenden.

Ach ja: die Filmkater wird von Bob höchstpersönlich gespielt.

bob-der-streuner-plakat

Bob, der Streuner (A Street Cat named Bob, Großbritannien 2016)

Regie: Roger Spottiswoode

Drehbuch: Tim John, Maria Nation

LV: James Bowen/Garry Jenkins: A Street Cat named Bob, 2012 (Bob, der Streuner)

mit Luke Treadaway, Ruta Gedmintas, Joanne Froggatt, Anthony Head, Beth Goddard, Darren Evans, Caroline Goodall, James Bowen (Cameo)

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 12 Jahre (wegen Bowens Umfeld und seiner Drogensucht, inklusive einem Entzug)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Bob, der Streuner“

Metacritic über „Bob, der Streuner“

Rotten Tomatoes über „Bob, der Streuner“

Wikipedia über „Bob, der Streuner“ (englisch)

 


Neu im Kino/Filmkritik: Eddie Marsan, „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“

September 5, 2014

In den vergangenen Jahren spielte Eddie Marsan in hundert Filmen und TV-Serien mit. Etliche seiner Filme, wie zuletzt „Drecksau“, „The World’s End“, „Snow White and the Huntsman“, „Gefährten“, „London Boulevard“, „Sherlock Holmes – Spiel der Schatten“ und „Sherlock Holmes“, waren Kassenhits und trotzdem muss ich jedes Mal zweimal hinsehen, um ihn zu erkennen. In „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ spielt er in seiner ersten Hauptrolle den titelgebenden Mr. John May, einen unauffälligen Beamten bei der Londoner Stadtverwaltung, der die personifizierte Biederkeit, Korrektheit und klaglose Pflichterfüllung ist. Sein Büro ist in einem Kellerkabuff, was aber seiner Kundschaft herzlich egal ist. Denn er ist „Funeral Officer“. Er kümmert sich um die Beerdigungen von Menschen, die keine Angehörigen oder Freunde haben. Dennoch sucht er akribisch nach Angehörigen. Manchmal wochenlang. Er vertieft sich in ihr Leben. Er schreibt, ausgehend von ihren Hinterlassenschaften, eine Trauerrede. Er organisiert für sie eine schöne Beerdigung. Mit ihm als einzigem Trauergast.

Auch sein Chef zollt seiner Pflichterfüllung Respekt und entlässt ihn, weil er viel zu langsam arbeitet und er seine Aufgabe viel zu teuer erfüllt. Denn anstatt den pompösen Beerdigungen mit Sarg, Geistlichem und Grabstätte hätte es doch auch eine Einäscherung nach einer knapp bemessenen Schamfrist und einer kurzen Recherche nach etwaigen Verwandten im Telefonbuch getan.

Nach seiner Entlassung hat der alleinstehende Mr. May nur einen Wunsch: er möchte noch seinen letzten Fall abschließen. Zur Not auf eigene Kosten und nach seiner Entlassung. Es ist Billy Stoke, ein Alkoholiker, der einsam in seiner verwahrlosten Wohnung starb. In seinen Habseligkeiten findet Mr. May einige Hinweise auf Stokes früheres Leben. Eine Tochter. Eine kurze Karriere als Soldat. Ein Gefängnisaufenthalt. Mr. May macht sich auf die Reise.

Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ ist ein stilles Drama über den Wert des Lebens und eine Paraderolle für Eddie Marsan, der beim Edinburgh International Film Festival für seine Rolle den Preis als bester Hauptdarsteller erhielt. Er zeigt mit minimalen Mitteln, was in Mr. May vorgeht, was er fühlt und wie die Reise in Stokes Vergangenheit auch in ihm etwas verändert.

Diese Veränderung wird von Uberto Pasolini (nicht verwandt mit Pier Paolo Pasolini, sondern mit Luchino Visconti) in seinem zweiten Spielfilm mit einem präzisen Blick für Details und seiner Inszenierung, wozu die Bildeinstellungen und die Farben gehören, unauffällig unterstützt. „Ich wollte einen zurückhaltenden Film, um die Emotionen der Zuschauer anzusprechen. Eddies Talent, seine Meisterschaft und Menschlichkeit brachten eine große Wahrhaftigkeit in die Handlungen und die kleinen Veränderungen, die das Leben der Figur charakterisieren“, sagt Pasolini zutreffend. Daher gibt es auch keine großen Emotionen und keine theatralischen Gefühlsausbrüche, sondern nur eine große Sympathie für die lebenden und toten Charaktere, ein großes Interesse an den Menschen und der Frage nach dem Wert eines Lebens, garniert mit einem subtilem Humor.

Pasolini, der auch „Ganz oder gar nicht“ produzierte, inszenierte einen zum Nachdenken anregenden Feelgood-Film über den Tod und das Leben.

Das Ende wirkt zunächst arg abrupt, aber Uberto Pasolini, der auch „Ganz oder gar nicht“ produzierte, beendet „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ mit zwei sehr schönen und versöhnlichen Schlussbildern, die die Botschaft des Films, nämlich dass jedes Leben wichtig ist, eindrucksvoll zeigt. Dafür benötigt Pasolini dann keine Worte une es ist ein Ende, das Mr. May gefallen hätte.

Mr May und das Flüstern der Ewigkeit - Plakat 4

 

Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit (Still Life, Großbritannien/talien 2013)

Regie: Uberto Pasolini

Drehbuch: Uberto Pasolini

mit Eddie Marsan, Joanne Froggatt, Karen Drury, Neil D’Souza, Andrew Buchan

Länge: 92 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“

Moviepilot über „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“

Rotten Tomatoes über „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“


%d Bloggern gefällt das: