Neu im Kino/Filmkritik: Über Thomas Vinterbergs U-Boot-Tatsachendrama „Kursk“

Juli 11, 2019

Nach einer Explosion eines Torpedos sinkt im August 2000 das russische Atom-U-Boot K-141 Kursk auf den Grund der Barentssee. Als kurz darauf bekannt wird, dass es Überlebende gibt, beginnen die Rettungsaktionen. Weil Russland noch dem Denken des Kalten Kriegs verhaftet ist und Angst vor westlicher Spionage hat, wird über mehrere Tage ausländische Hilfe abgelehnt. Auch später verlaufen die internationalen Rettungsversuche, aufgrund der zahlreichen russischen Restriktionen, sehr schleppend.

Die Weltöffentlichkeit verfolgte, soweit es mit den spärlichen offiziellen Informationen möglich war, die Rettungsversuche. Am 21. August bestätigen die norwegischen Rettungstaucher, dass kein Besatzungsmitglied das Unglück überlebte. Damit gehört der Untergang der Kursk mit 118 Toten zu den größten U-Boot-Unglücken.

2002 veröffentlicht Robert Moore das Sachbuch „A Time to Die“ über die erfolglose Rettungsaktion. Das Buch ist die Grundlage für Thomas Vinterbergs Survivaldrama „Kursk“, das sich, teils notgedrungen, künstlerische Freiheiten nimmt. Er konzentriert sich dabei auf die die Explosion überlebenden 23 Besatzungsmitglieder und ihre Angehörigen. Die Marinesoldaten warten in der Kursk in einer vom restlichen U-Boot abgeschlossenen Kammer auf Rettung, während sie um ihr Überleben kämpfen. Von Anfang an sind Nahrung und Luft Mangelware, das kalte Ozeanwasser dringt in das havarierte U-Boot ein und sie können sich nur durch Klopfzeichen bemerkbar machen. Zur gleichen Zeit versuchen ihre Frauen, Kinder und Eltern im Marinestützpunkt herauszufinden, was passiert ist. Auch sie sind zur Untätigkeit verdammt. Und das russische Militär mauert. Zunächst gibt es keine Informationen, später falsche. Auch die Hilfsangeboten verschiedener westlicher Staaten werden aus ziemlich ausführlich geschilderten politischen Motiven abgelehnt.

Vladimir Putin, der damals seit Mai Präsident der Russischen Föderation war, hat allerdings keinen Auftritt in dem Spielfilm. Noch vor den Dreharbeiten wurde seine Rolle aus dem Drehbuch gestrichen zugunsten des menschlichen Dramas im U-Boot und auf dem Marinestützpunkt.

Kursk“ ist keine patriotische Heldensaga. Das liegt auch daran, dass der Film von Luc Bessons EuropaCorp produziert wurde (Keine Panik. Mit den üblichen Actionfilmen hat er nichts zu tun) und dass es keine russische Beteiligung gibt. Gedreht wurde vor allem in Belgien. Auf Englisch. Deshalb ist auch nichts gegen die deutsche Synchronisation einzuwenden, in der konsequent Deutsch gesprochen wird.

Die Schauspieler kommen aus ganz Europa. Trotzdem spielen erstaunlich viele uns sehr vertraute deutsche Schauspieler mit. Meistens in kleinen Rollen und weil sie international unbekannter sind, erleiden einige von ihnen einen überraschend schnellen Filmtod. Matthias Schweighöfer, August Diehl, Martin Brambach gehören zur U-Boot-Besatzung. Peter Simonischek spielt Admiral Gruzinsky, den russischen kommandierenden Offizier der Marineübung an der die Kursk teilnahm. Er trauert dem Kalten Krieg hinterher. Damals war die Flotte größer und die Übungen imposanter.

Dazu kommen etliche Stars des europäischen Kinos. Matthias Schoenaerts als Mikhail Averin, den kommandierenden Offizier der Kursk. Léa Seydoux als seine schwangere Frau Tanya. Max von Sydow als Admiral Petrenko, der auch das Gesicht der russischen Regierung ist und der die Bedürfnisse des Staates über das Überleben der Soldaten stellt. Und Colin Firth als britischer Commodore David Russell, der den Russen Hilfe bei der Rettung der Kursk-Besatzung anbietet. Der echte David Russell beriet auch das Filmteam und Colin Firth.

Allein schon diese äußeren Umstände sprechen gegen das patriotische Hohelied auf den tapferen russischen Soldaten.

Am wichtigsten ist allerdings Vinterbergs betont nüchterne Erzählweise. Sie bereitet einen schon lange vor dem Ende auf das düstere Ende vor. Sie verhindert allerdings auch einen zu großen emotionalen Überschwang. Die Taschentücher müssen bei diesem Überlebensdrama nicht ausgepackt werden. Pulstreibend spannend wird es bei den zahlreichen russischen Rettungsversuchen, die alle aufgrund des maroden und veralteten Materials scheitern, auch nicht. Gleichzeitig verschont Vinterberg einen vor dem überbordenden Pathos der Michael-Bay-Schule.

Kursk (Kursk, Belgien/Frankreich/Norwegen 2018)

Regie: Thomas Vinterberg

Drehbuch: Robert Rodat

LV: Robert Moore: A Time to Die: The Untold Story of the Kursk Tragedy, 2002 (aktualisierte Neuausgabe unter „Kursk“)

mit Matthias Schoenaerts, Léa Seydoux, Peter Simonischek, August Diehl, Max von Sydow, Colin Firth, Bjarne Henriksen, Magnus Millang, Artemiy Spiridonov, Joel Basman, Matthias Schweighöfer, Pernilla August, Martin Brambach

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Kursk“

Metacritic über „Kursk“

Rotten Tomatoes über „Kursk“

Wikipedia über „Kursk“ und die Kursk (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Thomas Vinterbergs „Am grünen Rand der Welt“ (Far from the Madding Crowd, USA/Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Thomas Vinterbergs „Die Kommune“ (Kollektivet, Dänemark 2016)

Werbeanzeigen

Neu im Kino/Filmkritik: „Papillon“ will raus aus dem Knast

Juli 27, 2018

Beginnen wir mit den Fußstapfen, in die „Nordvest – Der Nordwesten“-Regisseur Michael Noer mit seiner Verfilmung von Henri Charrières autobiographischem Romanbestseller „Papillon“ hineintritt: die erste Verfilmung des Romans. Das damalige Drehbuch wird in den Credits, neben dem Roman, explizit als eine Quelle genannt.

In der 1973er Verfilmung spielen die Kinostars Steve McQueen und Dustin Hoffman die Hauptrollen. McQueen als Charrière, Hoffman als ihm helfender und freundschaftlich verbundener Fälscher Louis Dega. Das Drehbuch ist von Dalton Trumbo („Spartacus“) und Lorenzo Semple Jr. („Zeuge einer Verschwörung“). Regisseur ist Franklin J. Schaffner („Planet der Affen“). Allein schon diese Namen verraten, dass „Papillon“ ein Hollywood-A-Produkt ist. Inzwischen ist der Gefängnisfilm ein immer wieder gern gesehener und immer noch packender Klassiker. Schaffner erzählt eine ebenso einfache, wie universelle und zeitlos gültige Geschichte: ein unschuldig verurteilter Mann versucht aus einem Gefängnis auszubrechen. Der Mann ist der Pariser Tresorknacker Henri ‚Papillon‘ Charrière (1906 – 1973). Ihm wird 1931 der Mord an einem Zuhälter angehängt. Er wird zu lebenslanger Haft in der Strafkolonie St. Laurent in Französisch-Guayana verurteilt. Von dort ist eine Flucht unmöglich. Aber Papillon versucht es trotzdem. Immer wieder, während die Strafen immer härter werden.

In seinem Remake erzählt Michael Noer diese Geschichte mit Charlie Hunnam als Steve-McQueen-Ersatz und Rami Malek als Dustin-Hoffman-Ersatz noch einmal, ohne dass klar wird, warum. Denn in dem Buch „Papillon“ und in Schaffners Verfilmung geht es nur um ein Thema: den Drang nach Freiheit und welche Qualen jemand auf sich nimmt, um einem repressiven System zu entfliehen. Diese Geschichte spielt in einer traumhaften Landschaft. In dem Remake wird ein real existierendes, unmenschliches, nur an Bestrafung und Erniedrigung interessiertes mittelalterliches System schön ausgeleuchtet museal ausgestell, aber niemals wirklich erfahrbar gemacht; – wobei, zugegeben, die Erinnerung an Charrières Buch und Schaffners Verfilmung, die ich beide als Jugendlicher genossen hatte, diese Werke etwas verklären können. Außerdem lässt man sich als Jugendlicher leichter beeindrucken. In „Banco“, auf dem Noers Film aus mir vollkommen rätselhaften Gründen ebenfalls basieren soll, erzählt Charrière dann, was er nach seinem erfolgreichen Gefängnisausbruch erlebte. Diese Sammlung von Abenteuern ist erheblich schwächer als „Papillon“ und auch deutlich unbekannter.

Es sind große Fußstapfen, in die Noer hineintritt mit seiner nicht wirklich dringenden Neuverfilmung, die einfach noch einmal die bekannte Ausbruchsgeschichte erzählt. Trotzdem hätte er in seiner Neuverfilmung nur von dem unbändigen Drang nach Freiheit erzählen müssen. Viele Regiseure taten das bereits erfolgreich in unzähligen Knast- und Ausbruchsfilmen, wie „Das Loch“, „Gesprengte Ketten“, „Flucht von Alcatraz“, „Midnight Express“ und „Die Verurteilten“. Bei Noer plätschert die Geschichte die er, im Gegensatz zum 150-minütigem Original in unter zwei Stunden erzählt, vor sich hin. Gefühlt dauert der Film dann doppelt so lang.

Ein weiterer großer Unterschied zwischen den beiden Filmen ist der Anfang. Schaffners Film beginnt mit der Deportation der Verurteilten in die Kolonie. Noer erzählt noch die Vorgeschichte. Wir erfahren also einiges über Charrières Leben in Paris als vergnügungssüchtiger Verbrecher und von seiner Verurteilung. Das ist nicht sonderlich interessant und nicht wichtig für die Filmgeschichte. Es verwässert sogar die Anklage gegen das damalige inhumane französische Strafsystem.

Für Charlie Hunnam, der mit der TV-Serie „Sons of Anarchy“ bekannt wurde, ist „Papillon“ ein weiterer glückloser Versuch, seine TV-Karriere zu einer erfolgreichen Kinokarriere auszubauen. Seine bisherigen Kinofilme, wie „King Arthur“, „Die versunkene Stadt Z“, „Crimson Peak“ und „Pacific Firm“, überzeugten alle an der Kinokasse nicht sonderlich. In keinem der Filme hinterließ er einen nachhaltigen Eindruck.

P. S.: Gesehen wurde die knapp zweistündige deutsche Fassung. Die Originalfassung ist eine viertel Stunde länger und könnte bei uns später auf DVD veröffentlicht werden.

Papillon (Papillon, USA 2017)

Regie: Michael Noer

Drehbuch: Aaron Guzikowski

LV: Henri Charrière: Papillon, 1969 (Papillon), Banco, 1973 (Banco)

mit Charlie Hunnam, Rami Malek, Roland Møller, Joel Basman, Yorick Van Wageningen, Tommy Flanagan, Eve Hewson

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Papillon“

Metacritic über „Papillon“

Rotten Tomatoes über „Papillon“

Wikipedia über „Papillon“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 17. August: Wir sind jung. Wir sind stark.

August 17, 2017

ZDF, 22.15

Wir sind jung. Wir sind stark. (Deutschland 2014, Regie: Burhan Qurbani)

Drehbuch: Martin Behnke, Burhan Qurbani

Ostdeutsche Willkommenskultur. Burhan Qurbani rekonstruiert in seinem Spielfilm die fremdenfeindlichen Übergriffe in Rostock-Lichtenhagen im Sommer 1992, die Deutschland schockierten. Sehenswert und zu Diskussionen anregend.

Mit Jonas Nay, Joel Basman, Saskia Rosendahl, David Schütter, Trang Le Hong, Devid Striesow

Hinweise

Filmportal über „Wir sind jung. Wir sind stark.“

Moviepilot über „Wir sind jung. Wir sind stark.“

Wikipedia über „Wir sind jung. Wir sind stark.“

Die Premiere des Films in Rostock


Neu im Kino/Filmkritik: „Unter dem Sand – Das Versprechen der Freiheit“ nach der Minenräumung

April 8, 2016

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs befürchteten Adolf Hitler und die Oberste Heeresleitung, dass die Invasion der Alliierten über die dänische Westküste erfolgen würde. Deshalb ließen sie dort ungefähr 2,2 Millionen Landminen vergraben.

Nach dem Ende des Krieges mussten sie ausgegraben werden.

Die britischen Besatzungstruppen schlugen vor, sie von deutschen Kriegsgefangen ausgraben zu lassen. Die meisten deutschen Gefangenen gehörten zum „Volkssturm“, dem letzten Aufgebot der Nazis. Zu ihm gehörten auch Jugendliche, die keinerlei Kampfausbildung und -erfahrung hatten und jetzt die Minen entschärfen sollten. Denn, so ein dänischer Hauptmann in Martin Zandvliets „Unter dem Sand“: „Wer alt genug ist, in den Krieg zu ziehen, ist auch alt genug, danach aufzuräumen.“

Mit seinem Film rückt Zandvliet ein vergessenes Kapitel der dänischen Geschichte in den Mittelpunkt, das für uns zuerst etwas gewöhnungsbedürftig ist, weil die bekannte Konstellation von bösen Nazis und guten Einheimischen hier spiegelverkehrt ist. Die Jugendlichen, Deutsche zwar, aber zu jung, um im Nazi-Regime eine aktive Rolle gespielt zu haben, sind die fast unschuldigen Opfer. Kriegsgefangen eben, die letztendlich zu tödlichen Zwangsarbeiten verpflichtet werden. Die Dänen, die jahrelang unter der deutschen Besatzung litten, sind jetzt die Täter, die sich an den ehemaligen Unterdrückern rächen können.

Auch Unteroffizier Carl Rasmussen (Roland Møller) will das tun. Er befehligt eine Gruppe von zehn deutschen Jungs zwischen 15 und 19 Jahren, die innerhalb von drei Monaten einen abgelegenen Strandabschnitt von 45.000 Tretminen säubern sollen. Zuerst hält er das Selbstmordkommando für die gerechte Strafe. Aber dann sieht er, wie jung und unerfahren seine Schützlinge sind. Und er sieht, wie sie beim Entschärfen der Minen, wenn sie einen Fehler machen oder Unaufmerksam sind, sterben.

Aus dieser Situation zieht Zandvliet eine beträchtliche Spannung. Auf weitere Dramatisierungen, wie Gefangenenrevolten und Fluchtversuche, verzichtet er. Die Jugendlichen erfüllen, wie Schafe, ihren Auftrag, während sie hoffen, ihn zu Überleben und nach Deutschland zurückgeschickt zu werden. Deshalb funktioniert „Unter dem Sand“ vor allem als Beschreibung einer Situation und des Gesinnungswandels seines Protagonisten Carl Rasmussen.

Durch die Konzentration auf eine Minenräumgruppe wird auch das größere Bild ignoriert. Es geht nicht um die Vorgeschichte. Die wird als allgemein bekannt vorausgesetzt. Über die Charaktere erfahren wir nicht mehr, als unbedingt nötig ist. Was sie vor und während des Krieges taten, gehört nicht dazu. Die juristischen Implikationen werden ignoriert. Das wäre auch ein anderer Film. So ist „Unter dem Sand“ ein entsprechend düster geratenes, humanistisch geprägtes Drama das in Dänemark einen verdrängten Teil der eigenen Geschichte auf die Tagesordnung bringt und international als leidlich spannendes, emotional bedrückendes Drama funktioniert.

Zandvliet meint im Presseheft zu seinem Film: „Mir ist es wichtig zu sagen, dass dieser Film keine Verteidigung der Deutschen darstellen soll, überhaupt nicht. Es kann gut sein, dass diese Jungen schreckliche Dinge getan haben, bevor sie zum Minenräumen abkommandiert wurden. Und wir wissen natürlich, dass Deutschland Gräueltaten begangen hat, die nicht mit denen, die an der dänischen Nordsee passiert sind, verglichen werden können. Der springende Punkt ist, dass diese ‚Auge um Auge‘-Mentalität uns alle zu Verlierern macht.“

Zwischen dem 11. Mai 1945 und dem 4. Oktober 1945 entfernten die Räumkommandos 1.402.000 Minen. 2013 wurde Dänemark für minenfrei erklärt. Unmittelbar vor den Dreharbeiten fanden sie beim Errichten des Sets eine weitere Mine aus dem Zweiten Weltkrieg am Strand.

UDS_Artwork_Poster_031215.indd

Unter dem Sand – Das Versprechen der Freiheit (Under sandet, Deutschland/Dänemark 2015)

Regie: Martin Zandvliet

Drehbuch: Martin Zandvliet

mit Roland Møller, Mikkel Boe Følsgaard, Laura Bro, Louis Hofmann, Joel Basman, Oskar Bökelmann, Emil Belton, Oskar Belton, Leon Seidel, Karl Alexander Seidel, Maximilian Beck

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Unter dem Sand“

Moviepilot über „Unter dem Sand“

Rotten Tomatoes über „Unter dem Sand“

 


TV-Tipp für den 8. April: Wir sind jung. Wir sind stark.

April 7, 2016

Arte, 20.15

Wir sind jung. Wir sind stark. (Deutschland 2014, Regie: Burhan Qurbani)

Drehbuch: Martin Behnke, Burhan Qurbani

Ostdeutsche Willkommenskultur. In seinem in jedem Fall sehenswertem und zu Diskussionen anregendem Spielfilm rekonstruiert Burhan Quarbani die fremdenfeindlichen Übergriffe in Rostock-Lichtenhagen im Sommer 1992, die Deutschland schockierten.

Mit Jonas Nay, Joel Basman, Saskia Rosendahl, David Schütter, Trang Le Hong, Devid Striesow

Hinweise

Filmportal über „Wir sind jung. Wir sind stark.“

Moviepilot über „Wir sind jung. Wir sind stark.“

Wikipedia über „Wir sind jung. Wir sind stark.“

Die Premiere des Films in Rostock


Neu im Kino/Filmkritik: „Als wir träumten“ war die DDR weg und Deutschland ein Land

Februar 26, 2015

Als sie dreizehnjährige Schüler waren, gab es die DDR noch. Kurz darauf ist sie weg und die Freunde Dani, Mark, Rico, Pitbull und Paul schlagen sich reichlich ziellos im Nachwende-Leipzig durch. Irgendwo zwischen Abitur und der Zeit davor und danach. Das klingt jetzt etwas unspezifisch, beschreibt aber präzise das Problem von Andreas Dresens neuem Film „Als wir träumten“, der einen Zeitraum von einigen Jahren, wahrscheinlich zwei bis drei Jahre, mit einigen Rückblenden in die DDR, umfasst. Der historische Hintergrund ist so weit in den Hintergrund gerückt, dass der Film fast überall spielen könnte, so lange wir eine Gruppe Jugendlicher haben, die sich mit kleinkriminellen Taten über Wasser halten, zu viele Drogen nehmen und auch ein Lokal betreiben. Weil die Geschichte in den Neunzigern spielt, ist es eine Techno-Disco in einer alten Fabrik. Die Disco interessiert auch eine Nazi-Gang (erkennbar an ihren Frisuren und ihrem Outfit) und einer der Jungs verliebt sich auch in eine Frau, die mit dem Chef der Nazi-Gang, die wohl eher eine stinknormale Verbrecherbande ist, liiert ist.
Weil Dresen diese Episoden mit Zwischentiteln (die eher störend als erhellend sind), einer Erzählerstimme, die lange keinem Charakter zugeordnet werden kann, und betont unchronologisch erzählt, wirkt „Als wir träumten“ immer wie ein Konglomerat aus mäßig interessanten, beliebig austauschbaren Episoden. Denn es werden keine Entwicklungen aufgezeigt, sondern es wird willkürlich zwischen der Gegenwart und der nahen Vergangenheit (erkennbar an dem gleichen Aussehen der fünf Hauptcharaktere) hin und her gesprungen.
Diese erzählerische Entscheidung führt dazu, dass ich immer auf Distanz zu den Charakteren blieb, die mir immer reichlich egal waren, und, aufgrund meines Vorwissens, Lücken ausfüllte. Zum Beispiel über das Erstarken des Rechtsradikalismus in der ehemaligen DDR, über den Zusammenbruch der dortigen Industrie und die gestiegene Arbeitslosigkeit, die Abwesenheit der Eltern, die alles übernehmenden Westler, den Zusammenbruch der bekannten Strukturen, undsoweiter, die alle bestimmte Entwicklungen begünstigten und einiges erklären, aber nicht jeder ostdeutsche Jugendliche wurde zum Verbrecher.
Dieser spartanisch gezeichnete gesellschaftliche Hintergrund – immerhin ist „Als wir träumten“ keine Geschichtsdokumentation – wäre verzeihbar, wenn die Charaktere überzeugen würden.
Allerdings gewinnt kein Charakter echte individuelle Züge. Sie bleiben eindimensional (der Boxer, der Dealer, der Denker) und, im schlechten Sinn, rätselhaft. Obwohl sie zur Schule gehen und irgendwann anscheinend auch das Abitur machen (es wird in einem Nebensatz erwähnt), spielt die Nachwende-Schule im Film absolut keine Rolle. Erwachsene und Auteritätspersonen fehlen ebenso. Sie leben – so können wir uns denken – in einer Käseglocke der Selbstbefriedigung, in der sie einfach die Freiheiten eines neuen Systems wahrnehmen und es keine gefestigten staatlichen Strukturen gibt. Es ist eine Zeit, der Anarchie, in der alles möglich ist und es keine Grenzen gibt. Deshalb können sie auch eine Techno-Disco eröffnen, Drogen nehmen, kleinkrimelle Verbrechen begehen und betrunken in geklauten Autos mit lauter Musik durch die Stadt rasen. Und damit unterscheiden sie sich nicht von irgendwelchen anderen Jugendlichen.
Außerdem liegen diese soziologischen Erklärungen außerhalb des Films, der durch seine Struktur den Zuschauer konsequent auf Distanz hält und über die Motive und Entwicklungen der fünf Jungs rätseln lässt.
So wird einer der Freunde drogensüchtig; was wir dadurch erfahren, dass er am Filmbeginn aus einer Entzugsklinik ausgebrochen ist. Kurz darauf ist er – nach längeren Rückblenden – tot. Der Weg in die Sucht und wie die Freunde auf ihren süchtigen Freund reagieren, sehen wir nicht. Und dass einer der Freunde den Verstorbenen mit Drogen versorgte, erfahren wir erst auf der Beerdigung. Was aber anscheinend keine weiteren Konsequenzen hat.
Ein anderes Mal wird Dani, nach einer längeren Verfolgungsjagd, von den Nazis zusammengeschlagen. Sein Aufenthaltsort wurde ihnen von Rico verraten. Nach einem „Entschuldige, es tut mir leid“ am Krankenhausbett ist die Sache vergessen. Dabei wäre es doch interessant zu erfahren, wie sich ein solcher Verrat auf ihre Beziehungen untereinander auswirkt.
Dass Rico von einer Karriere als Boxer träumte, erfahren wir erst gegen Ende, als im Fernsehen einer der 1995er Boxkämpfe von Henry Maske und Graciano Rocchigiani gezeigt wird und Rico sich an seinen letzten Kampf erinnert. Das soll dann wohl ein „Million Dollar Baby“-Moment sein (als Clint Eastwood am Filmanfang einen Boxkampf im Fernsehen beobachtet), ist hier aber grotesk verschenkt, weil uns nichts auf diesen Moment vorbereitet und er auch keine Folgen hat. Denn Ricos glorreiche Boxkarriere ist schon länger vorbei und es hat auch anscheinend keine Konsequenzen für ihn.
Diese Szenen sind allerdings keine Ausreiser, sondern das Ergebnis eines Drehbuchs und einer Regie, die lieber beliebige Momentaufnahmen aus dem Leben der Jugendlichen zeigen. Dabei wäre es interessanter, zu erfahren, wie die Charaktere dorthin gekommen sind. Also, zum Beispiel, wie aus einem normalen Schüler ein Drogenhändler wird und was das für seine Freunde bedeutet.
Deshalb haben auch die Rückblenden in ihre DDR-Schulzeit, als die fünf Freunde dreizehn Jahre alt waren (wie wir Westler aus dem Abspann erfahren, die Ostler haben es an der Uniform erkannt), keine emotionale Wirkung. Es ist ein Blättern in einem Fotoalbum, das eine schön aufgeräumte DDR zeigt, aber nicht erklären kann, warum aus normalen, angepassten Schülern Drifter und Verbrecher werden.
Auch der Titel „Als wir träumten“ kann wohl nur ironisch verstanden werden. Denn Dani, Rico, Mark, Pitbull und Paul haben keine Träume. Sie wollen nirgendwohin. Sie driften einfach durch das Nachwendeleipzig und die Kamera verfolgt sie.
Nein, von Andreas Dresen und Wolfgang Kohlhaase, die schon bei „Sommer vorm Balkon“ und „Whisky mit Wodka“ zusammen arbeiteten, wäre wirklich mehr als dieses bestenfalls halbgare, irgendwo im nirgendwo spielende Halbstarken-Jugenddrama zu erwarten gewesen.

Als wir träumten - Plakat

Als wir träumten (Deutschland/Frankreich 2015)
Regie: Andreas Dresen
Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase
LV: Clemens Meyer: Als wir träumten, 2006
mit Merlin Rose, Julius Nitschkoff, Joel Basman, Marcel Heuperman, Frederic Haselon, Ruby O. Fee, Chiron Elias Krase, Luna Rösner, Tom von Heymann, Nico Ramon Kleemann, Kilian Enzweiler, Henning Thaddäus Beeck, Ronald Kukulies, Regine Seidler, Roman Weltzien, Clemens Meyer (Polizist auf der Wache)
Länge: 117 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Als wir träumten“
Film-Zeit über „Als wir träumten“
Moviepilot über „Als wir träumten“
Wikipedia über „Als wir träumten“ und Clemens Meyer
Berlinale über „Als wir träumten“
Homepage von Clemens Meyer
Perlentaucher über Clemens Meyers „Als wir träumten“

Und noch einige O-Töne: Andreas Dresen über seinen Film

Clemens Meyer über die Verfilmung


Neu im Kino/Filmkritik: Eine Komödie mit Behinderten: „Vielen Dank für Nichts“

Juni 5, 2014

Diese Behinderten nerven.
Zum Glück!
Denn es sind Menschen, die in „Vielen Dank für Nichts“ auch ohne falsche Scheuklappen gezeigt werden. Im Mittelpunkt steht Valentin, eine Sportskanone, die wahrscheinlich in der Schule auch der arrogante Mädchenschwarm war, bis er beim Snowboarden einen Unfall hatte und seitdem querschnittgelähmt ist. Seine alten Freunde kennen ihn nicht mehr und die neuen, die er jetzt während eines mehrwöchigen Theaterprojekts mit Übernachtungsmöglichkeit, in das er von seiner Mutter gesteckt wurde, kennen lernt, will er nicht kennen. Spastiker und Bekloppte, die keinen Satz sagen können. Erwachsene, die Windeln tragen. Nein, sein Leben hat er sich definitiv anders vorgestellt.
Aber sein Zimmernachbar Titus und Lukas, der nur mit einem Sprachcomputer normal reden kann, lassen nicht locker. Die das Haus leitende Sozialpädagogin weist ihn für sein arrogantes Auftreten gegenüber den Anderen zurecht. Der italienische Theaterregisseur, der kein Wort deutsch spricht und „Hamlet“ ohne Worte inszenieren will, ist konstant euphorisch über die Leistungen der Behinderten. Und dann ist da auch noch Mira, eine junge Pflegerin. Sie kann Valentin aus seiner welthassenden Verbitterung holen. Allerdings verliebt er sich auch in sie und sie bestärkt ihn mit ihrem ungezwungenem Verhalten in seinen Gefühlen.
Als Titus ihm sagt, dass Mira einen Freund hat, beschließt Valentin die Tankstelle, in der er arbeitet, zu überfallen.
Und allein schon der Tankstellenüberfall der Rollstuhlfahrer Valentin und Lukas, die nicht den Hauch einer Fluchtchance haben, ist den Kinobesuch wert.
Davor zeigen die Filmemacher Stefan Hillebrand und Oliver Paulus, die die Filmgeschichte mit den behinderten Darstellern entwickelten, vor allem das Leben der Behinderten in all seinen Facetten und wir lernen sie alle lieben, weil wir ihnen auf Augenhöhe begegnen und wir sehen, wo sie Probleme haben, aber auch, wie sie mit ihren Behinderungen umgehen, sie teilweise zu ihrem Vorteil ausnutzen und sich auf ihre Art ausdrücken.
Dass dabei die Geschichte vom Überfall, der zuerst eine spinnerte Idee ist, zur bei den Vorbereitungen immer wieder umwerfend komischen Nebensache gerät, und der Flirt zwischen Valentin und Mira teilweise einen zu großen Raum einnimmt, ist kein Problem. Denn gerade die Abschweifungen, Beobachtungen und kleinen Szenen gefallen.

Vielen Dank für Nichts - Plakat

Vielen Dank für Nichts (Schweiz/Deutschland 2013)
Regie: Stefan Hillebrand, Oliver Paulus
Drehbuch: Stefan Hillebrand, Oliver Paulus
mit Joel Basman, Nikki Rappl, Bastian Wurbs, Anna Unterberger, Isolde Fischer, Antonio Viganò, Georg Kaser
Länge: 98 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Vielen Dank für Nichts“
Moviepilot über „Vielen Dank für Nichts“


%d Bloggern gefällt das: