Neu im Kino/Filmkritik: Nicole Kidman, „Der verlorene Sohn“, „Mein Bester & Ich“

Februar 22, 2019

Es scheint, als habe Nicole Kidman ihrem Agenten gesagt, sie wolle in ihren nächsten Filmen möglichst unterschiedliche Rollen haben und so ihr Können zeigen. Anders ist ihre aktuelle Rollenauswahl kaum zu erklären. Im Dezember war sie in dem quietschbunten DC-Superheldenepos „Aquaman“ eine Meeresgöttin. Demnächst ist sie in dem zwiespältigen harten Polizeithriller „Destroyer“ (Kinostart 14. März, Besprechung folgt) eine süchtige Polizistin. In den in der Gegenwart spielenden Teilen ist sie kaum erkennbar. Und in den beiden Filmen mit ihr, die heute im Kino anlaufen, ist sie einmal eine aufgedonnerte Südstaaten-Mutter, einmal eine verhuschte Sekretärin.

Die verhuschte Sekretärin spielt sie in „Mein Bester & Ich“. Ihr stinkreicher Chef ist nach einem Sportunfall fast vollständig gelähmt. Jetzt benötigt er einen neuen Pfleger und, weil er gerade an Suizid denkt, nimmt er sich von allen Pflegern, die sich bei ihm um die Stelle bewerben, die Person, die am allerwenigsten für den Job geeignet ist und die beim Vorstellungsgespräch auch offensiv sagt, dass sie die Arbeit überhaupt nicht haben wolle.

Und wer jetzt denkt, dass ihn das an „Ziemlich beste Freunde“ erinnere, liegt richtig. „Mein Bester & Ich“ ist das US-Remake der Geschichte.

Olivier Nakache und Éric Toledanos Film ist von 2011 und die wahre Geschichte ereignete sich in den neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts. 2001 veröffentlichte Philippe Pozzo di Borgo seine Autobiographie „Le Second souffle“ in der er über seinen Gleitschirmunfall, die Folgen und seine Freundschaft zu seinem Pflegehelfer Abdel Yasmin Sellou schrieb. Es ist eine Geschichte, die wegen ihrer Gegensätze – arm und reich, schwarz und weiß – und ihrem Ende – aus dem Pfleger und seinem Patienten werden Freunde – förmlich nach einer Verfilmung schreit.

Aber während Nakache und Toledanos im unglaublich erfolgreichen Original die Geschichte als lockere Komödie inszenierten, inszenierte Neil Burger sie als Drama. Das ist, nachdem die ersten Minuten der US-Version die französische Vorlage fast 1-zu-1 schlecht nachstellten, ein deutlich anderer Tonfall. Daran ändern auch die später eingestreuten wenigen und in jeder Beziehung sehr deplatzierten Witzversuche nichts.

Die in der Gegenwart spielende Geschichte selbst folgt dagegen fast sklavisch dem Original. Die Kleinigkeiten, die geändert wurden, verändern nichts wesentliches. Ob einem jetzt diese oder jene Lösung besser gefällt, ist letztendlich Geschmacksache. Wobei die von Nicole Kidman gespielte Hausdame und damit auch persönliche Sekretärin des gelähmten Milliardärs hier deutlich konservativer als im Original ist.

Bryan Cranston ist als Gelähmter gewohnt überzeugend. Nicole Kidman blass bis zum gehtnichtmehr. Sie hat zwar einen guten Uniabschluss, aber sie ist so schüchtern, dass sie am liebsten mit der Tapete verschmelzen würde. Kevin Hart, der sonst für kindlich-vulgären Klamauk zuständig ist, bemüht sich hier als Pfleger um eine schauspielerische Leistung. Gegenüber Omar Sy, der im Original den Pfleger als einen breit grinsenden Sunnyboy mit Jean-Paul-Belmondo-Charisma spielte, ist Hart allerdings nur ein latent schlechte Stimmung verbreitender Stinkstiefel.

Wie bei den meisten US-Remakes von erfolgreichen Nicht-US-Filmen gilt auch hier die altbekannte Regel: Wer das Original bereits kennt, kann das US-Remake getrost ignorieren. „Mein Bester & Ich“ ist keine Neuinterpretation, sondern eine Nacherzählung von „Ziemlich beste Freunde“ in einem anderen Tonfall.

Neil Burgers Feelgood-Drama hatte seine Premiere 2017 beim Toronto International Film Festival. Die Weinstein Company wollte den Film in den USA verleihen. Mit dem allseits bekannten Weinstein-Skandal und der damit verbundenen Insolvenz der Firma zerschlugen sich diese Pläne. In den USA lief der Film, jetzt verliehen von STX Entertainment und Lantern Entertainment, im Januar an.

 

Auch der zweite Film mit Nicole Kidman, der heute anläuft, beruht auf einer wahren Geschichte, ist ein kleiner Film und sie spielt eine Nebenrolle. In „Der verlorene Sohn“ spielt sie die in schönster Südstaaten-Tradtion aufgedonnerte Mutter von Jared Eamons (Lucas Hedges, wieder als Junge mit Problemen). Ihr Mann Marshall (Russell Crowe) ist Autohändler und Baptistenprediger. Entsprechend textgetreu bibelnah gefestigt sind seine Moralvorstellung. Auch zur Homosexualität.

Als der neunzehnjährige Jared seinen Eltern seine Homosexualität gesteht, gibt es für Marshall nur eine Lösung: Jared wird in eine von Victor Sykes (Joel Edgerton) für Love in Action durchgeführte Reparativtherapie (auch bekannt als Konversionstherapie) gesteckt.

Diese findet über zwölf Tage in einer von außen, wie ein Gefängnis, hermetisch abgeschlossenen Einrichtung statt. In ihr führen der sich wie ein Guru benehmende Sykes und seine Untergebenen ein strenges und streng religiöses Regiment. Jared darf zwar, wie die anderen Teilnehmer, in den Nächten zurück zu seiner Mutter ins Hotel. Aber er darf mit ihr nicht über seine Erlebnisse in der Einrichtung sprechen. Er darf auch nicht mit anderen Teilnehmern darüber sprechen.

Durchgeführt werden diese Therapien meist von Vertretern der überwiegend evangelikal geprägten Ex-Gay-Bewegung. Ziel der Therapie ist es, den Homosexuellen von seinen homosexuellen Neigungen zu heilen. Denn Homosexualität sei eine sehr schlimme Krankheit, die geheilt werden könne.

Das ist unwissenschaftlicher und gefährlicher Humbug, der inzwischen von allen führenden internationalen psychiatrischen und psychologischen Fachgesellschaften und dem Weltärztebund abgelehnt wird. Depressionen, Angstzustände und selbstzerstörerisches Verhalten wurde bei LGBTQ-Jugendlichen nach einer Reparativtherapie beobachtet. Anstatt einer Heilung wurde das Gegenteil erreicht und die Schuldgefühle und Selbstzweifel der Jugendlichen verstärkt. Eine richtige Therapie will und muss das Gegenteil erreichen.

In den USA ist die Reparativtherapie in vierzehn Staaten (vor allem an der Ost- und Westküste) und in Washington, D. C., verboten. In Deutschland hat Gesundheitsminister Jens Spahn kürzlich einen Gesetzentwurf zum gesetzlichen Verbot von Reparativtherapien angekündigt.

In seinem zweiten Spielfilm zeichnet Joel Edgerton, der auch das Drehbuch schrieb und die Rolle des Therapieleiters Sykes übernahm, sehr genau und detailliert die Therapie und ihre Probleme nach. Denn es geht nicht um eine Heilung (auch wenn das von den evangelikalen Verfechtern behauptet wird), sondern um Gehirnwäsche und Psychofolter. Und es ist erschreckend, dass diese Humbug-Therapie heute immer noch angewandt wird.

Allerdings ist der gesamte Film zu dröge inszeniert und die Charaktere und ihre Dynamik zu flach, um wirklich zu begeistern. „Der verlorene Sohn“ wirkt dann eher wie ein mild dramatisierter Lehrfilm und nicht wie ein packendes Drama über die Rettung einer verlorenen Seele. Es geht vor allem um einen gläubigen Jungen, der versucht herauszufinden, wer er ist und, in zweiter Linie, eine gläubige Mutter, die sich, als sie sieht, wie ihr Sohn auf die Therapie reagiert, zwischen ihrem Mann und ihrem Sohn entscheiden muss. Nicole Kidman hat zwar nur eine Nebenrolle, aber es ist eine wichtige und sehr eindrücklich gespielte Nebenrolle.

Die Vorlage für die Filmgeschichte war die autobiografische Erzählung „Boy erased“ von Garrard Conley, der 2004 bei „Love in Action“ eine solche Therapie erlebte. Nach der Veröffentlichung wurde er zu einem der Sprecher der LGBTQ-Bewegung gegen die Reparativtherapie.

Am Ende überzeugt „Der verlorene Sohn“ vor allem wegen seinem Anliegen als gut gemachter und gespielter Aufklärungsfilm.

Das sieht auch Regisseur Edgerton so: „Wenn wir unsere Arbeit mit dem Film richtig machen, haben wir die Chance, eine größere Diskussion über ein Thema anzustoßen, das Aufmerksamkeit bedarf. Die Reparativtherapie im Allgemeinen existiert in vielen verschiedenen Varianten, in hundert verschiedenen Ländern. Es wird auf verschiedene Weise ständig wiederholt. Einige davon basieren auf Religion, andere nicht. Einige werden mit Psychotherapie kombiniert. Doch eines haben sie alle gemeinsam: Reparativtherapie richtet unglaublich großen Schaden an.“

Mein Bester & Ich (The Upside, USA 2017)

Regie: Neil Burger

Drehbuch: Jon Hartmere (nach dem Drehbuch „Intouchables“ von Olivier Nakache und Éric Toledano)

mit Kevin Hart, Bryan Cranston, Nicole Kidman, Golshifteh Farahani, Julianna Margulies, Aja Naomi King, Suzanne Savoy

Länge: 126 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

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History vs. Hollywood vergleicht die Fakten mit der Fiktion

Der verlorene Sohn (Boy Erased, USA 2018)

Regie: Joel Edgerton

Drehbuch: Joel Edgerton

LV: Garrard Conley: Boy Erased: A Memoir of Identity, Faith, and Family, 2016 (Boy Erased. Autobiografische Erzählung)

mit Lucas Hedges, Joel Edgerton, Nicole Kidman, Russell Crowe, Joe Alwyn, Flea, Britton Sear, Xavier Dolan, David Craig, Troye Sivan

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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TV-Tipp für den 17. August: Midnight Special

August 17, 2018

Pro7, 22.55

Midnight Special (Midnight Special, USA 2015)

Regie: Jeff Nichols

Drehbuch: Jeff Nichols

In Texas sind zwei Männer mit einem Jungen, der eine Schutzbrille trägt, auf dem Weg zu einem geheimnisvollen Treffpunkt. Wenn sie nicht vorher von ihren Häschern geschnappt werden.

Ein Film mit einer geheimnisvollen Atmosphäre, texanischen Sonnenauf- und Untergängen, guten Schauspielern und einer „Twilight Zone“-würdigen Prämisse. Trotzdem war ich letztendlich enttäuscht.

Warum verrate ich in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Michael Shannon, Joel Edgerton, Kirsten Dunst, Adam Driver, Jaeden Lieberher, Sam Shepard, Sean Bridgers, Paul Sparks, Bill Camp

Wiederholung: Samstag, 18. August, 03.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
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Berlinale über „Midnight Special“

Meine Besprechung von Jeff Nichols‘ „Midnight Special“ (Midnight Special, USA 2015)

Meine Besprechung von Jeff Nichols‘ „Loving“ (Loving, USA/Großbritannien 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Der „Gringo“ nervt

April 7, 2018

Harold Soyinka (David Oyelowo) ist ein vorbildlicher Angestellter. Ehrlich, zuverlässig und glücklich verheiratet mit Bonnie (Thandie Newton). Er arbeitet in Chicago in einer Pharmafirma, die auch eine Zweigstelle in Mexico hat. Ihr neuestes Produkt ist, dank neuer Gesetze legal, ein medizinisches Marihuana-Produkt. Seine Vorgesetzten – Richard (Joel Edgerton), ein Universitätsfreund, und Elaine (Charlize Theron) – schicken ihn nach Mexiko City, um dort mit den Herstellern ihres neues Produkts zu verhandeln.

Überraschend begleiten sie ihn nach Mexiko. Denn Richard und Elaine, beides Arschlöcher vor dem Herrn, haben noch ein kleines illegales Geschäft am Laufen, das sie gerne beenden möchten, weil eine Firmenfusion geplant ist (die Harold arbeitslos machen würde) und weil sie dank der Legalisierung nicht mehr auf die Hilfe des Kartells beim Import ihres Produkts angewiesen sind. Außerdem haben sie eine sexuelle Beziehung. Das wäre kein Problem, wenn Richard nicht auch mit Bonnie Sex hätte. Diese Beziehung sorgt im Verlauf von Nash Edgertons Actionkomödie „Gringo“ für zusätzliche Probleme.

Denn der Kartellboss, ein Pablo-Escobar-Lookalike mit vergleichbarem Geschäftsgebaren, möchte nicht auf das lukrative Geschäft verzichten. Er schickt seine Männer los. Sie sollen Harold zu ihm bringen.

Ungefähr zur gleichen Zeit erhält Richard in Chicago einen Anruf: Harold wurde entführt.

In diesem Moment wissen wir, dass Harold seine Entführung vortäuscht. Er hat nämlich davor erfahren, dass die Firma verkauft werden soll und seine Frau ihn verlässt. Kurz gesagt: sein gesamtes Leben ist zerstört. Jetzt möchte er seinen Teil vom Kuchen.

Allerdings weiß er nicht, dass in diesem Moment der Drogenboss ihn auf seine Abschussliste gesetzt hat und dass Richard das Lösegeld nicht bezahlen will. Vor allem nachdem ihm, nach einem Blick in verschiedene Verträge und Versicherungen, die die Firma für seine Angestellten abschlossen hat, eine wesentlich lukrativere Option präsentiert wird.

Auf dem Papier ist „Gringo“ eine starbesetzte, schwarzhumorige Actionkomödie, in der jeder jeden betrügt und alle Pläne, die grandiosen und die weniger grandiosen, kläglich scheitern.

In der Realität ist „Gringo“ dann ein ziemlicher Langweiler, der mit gut zwei Stunden eine halbe Stunde zu lang ist. Jede Szene ist zu lang geraten. Vieles ist witzig gemeint, aber nicht witzig. Die Pointen zünden nicht. Situationen, wie Harolds Anruf bei Richard, in dem er behauptet, entführt worden zu sein, lesen sich vielleicht witzig. Im Film sind sie es nicht. Alle Figuren sind eine Spur zu eindimensional geraten, um zu überzeugen. Joel Edgerton, der als fieser Vorgesetzter eine wichtige Rolle hat, wirkt immer so, als würde er am liebsten sofort seinen Anzug gegen seine „Jane got a Gun“-Cowboykluft tauschen. Charlize Theron übertreibt als skrupellose Femme Fatale so sehr, dass sie nur noch die Cartoonversion einer Femme Fatale ist. Immerhin ist David Oyelowo nett.

Und wer jetzt, – durchaus zutreffend -, meint, bei einer Komödie käme es nicht unbedingt auf vielschichtige Charaktere an, dem sie gesagt, dass in diesem Fall auch das Timing nicht stimmt. Das ist bei einer Komödie allerdings sehr wichtig. Es unklar ist, um was es dieser Komödie geht.

Außer dass einige Filmstars in Mexiko ihren Spaß haben wollten.

Gringo (Gringo, USA/Australien 2018)

Regie: Nash Edgerton

Drehbuch: Anthony Tambakis, Matthew Stone (nach einer Geschichte von Matthew Stone)

mit David Oyelowo, Charlize Theron, Joel Edgerton, Amanda Seyfried, Thandie Newton, Sharlto Copley, Harry Treadaway, Kenneth Choi, Alan Ruck

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

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Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Agentin „Red Sparrow“ macht Jungs ganz wuschig

März 1, 2018

In der Realität die wir aus den Nachrichten kennen, sind russische Spione alte Männer mit dem Sex-Appeal einer vertrockneten Büropflanze.

In der Fiktion sehen Spione besser aus. Zum Beispiel wie Jennifer Lawrence. Und auch die Seite der Männer ist mit Matthias Schoenaerts, Jeremy Irons und Ciarán Hinds sehr präsentabel besetzt. Sie spielen alle wichtige Rollen in der Verfilmung von Jason Matthews‘ Agententhriller „Red Sparrow“, der 2013 im Original erschien. 2015 gab es eine deutsche Übersetzung. Der Thriller erhielt den Edgar und den ITW Thriller Award als bester Debütroman. Die Filmrechte verkaufte er bereits vor der Publikation von „Red Sparrow“ für eine, so wird gesagt, siebenstellige Summe an Hollywood.

Der Thriller kann als eine Mischung aus Ian Fleming und John le Carré beschrieben werden. Wobei er von Fleming das Pulpige und den Sex, aber nicht das Mondäne und die Action übernommen hat. Im Roman gibt es keine Action und auch im Film muss man die Actionszenen mit der Lupe suchen. Von le Carré übernahm Matthews die komplizierten Spiegelfechtereien der Nachrichtendienste mit ihren Doppelagenten und Landesverrätern und das Wissen um die Arbeit von Geheimagenten, die er sehr akkurat beschreibt.

Das verwundert wenig. Denn vor seiner Karriere als Autor war Matthews 33 Jahre CIA-Agent.

Seit der Veröffentlichung von „Red Sparrow“ schrieb Matthews zwei weitere, bislang nicht übersetzte Agententhriller mit den Charakteren aus „Red Sparrow“; also, denen, die den Roman überleben. Damit ist genug Material für zwei weitere Filme vorhanden.

In „Red Sparrow“ geht es in schönster Agententhrillertradition um die Jagd nach einem Doppelagenten.

Die Geschichte beginnt in Moskau. Nachts trifft CIA-Agent Nate Nash (Joel Edgerton) MARBLE, einen hochrangigen SWR-Mann, der schon seit Jahren den Amerikanern brisantes Material übergibt. Zufällig werden sie bei ihrem Treffen durch eine Patrouille gestört. Nash gelingt es, die Flucht von MARBLE zu decken und mit dem brisanten Material vor seinen Verfolgern in die US-Botschaft zu flüchten.

In dem Moment weiß der russische Auslandsnachrichtendienst SWR, dass sie einen Verräter in den eigenen Reihen haben. Der Erste Stellvertretende Direktor Vanya Egorova (Matthias Schoenaerts) schlägt vor, seine Nichte auf Nash anzusetzen. Dominika Egorova (Jennifer Lawrence) ist eine ehemalige Balletttänzerin, die er nach einem Tanzunfall mit einem Angebot erpresste, das sie nicht ablehnen konnte: wenn sie ihm hilft, kann ihre kranke Mutter weiterhin in der Wohnung leben und sie wird medizinisch versorgt werden. Dominika ist einverstanden. Auf einer abgelegenen Schule wird sie zu einem ‚Sparrow‘ ausgebildet. Das sind Spione, die Sex einsetzen, um ihre Ziele zu erreichen. Im Buch gibt es etliche Sex-Szenen. Der Film ist da, trotz einiger für einen Hollywood-Mainstream-Film erstaunlich offenherziger Szenen, deutlich prüder geraten.

In Budapest (im Buch Helsinki) trifft sie Nash. Während sie versucht, von ihm Informationen über den Verräter zu erhalten, versucht Nash sie als Informantin zu gewinnen. Dabei, was ein Bruch mit allen geschriebenen und ungeschriebenen Regeln ist, verlieben sie sich ineinander.

Justin Haythe hatte die undankbare Aufgabe, aus dem gut siebenhundertseitigem Roman eine Geschichte herauszudestillieren, die in zwei Stunden erzählt werden kann. In seinem Drehbuch ließ er vor allem einige Subplots und Episoden aus dem Agentenleben weg, kürzte und verdichtete sie. Das ist okay, weil der Roman sich teilweise wie die Vorlage für eine Mini-Agentenserie liest und daher teilweise arg vor sich hin plätschert. Da wird dann der Hauptplot mal links liegen gelassen, um ausführlich die Geschichte einer Senatorin, die den Russen Top-Secret-Informationen verkauft, zu erzählen. Im Film kommt sie als Komposition von zwei Buchcharakteren. Zwei Buchplots werden im Film zu einem Plot, der eigentlich nur aus einer Szene besteht, in der Mary-Luise Parker als Schnapsdrossel ihr komödiantisches Talent ausspielen kann. Eine andere Änderung ist, dass im Film die Identität von MARBLE viel später als im Buch enthüllt wird. Hier spielt Haythe, wie öfter, mit überraschenden Wendungen und Enthüllungen, während Matthews in seinem Roman für den Leser die Karten immer sehr früh aufdeckt. Die Spannung entsteht aus dem Wissen um die Pläne der verschiedenen Agenten, wie sie gegeneinanderprallen und was aus diesem Zusammenprall entsteht.

Am Filmende gibt es eine große Abweichung vom Buchende, die eine große Schwäche von Francis Lawrences Film offenlegt. Lawrence gelingt es nicht, sich zu entscheiden, welchen Konflikt er in den Mittelpunkt seiner Coming-of-Age-Geschichte stellen will. Über weite Strecken des Films folgt er der umfangreichen und verzweigten Romangeschichte, ohne den Mut zu finden, den Film auf schlanke zwei Stunden zu kürzen. So ist „Red Sparrow“ mit 140 Minuten länger als nötig geraten. Zu oft plätschert die Geschichte vor sich hin. Die Charaktere sind für einen Agententhriller der le-Carré-Schule zu eindimensional. Die sexy Spionin, die Sex und Kampfkunst miteinander verbindet, ist schön anzusehen, aber nicht abendfüllend. Die Doppelspiele der Spione mit ihren Landesverrätern, Doppelagenten und Intrigen sind dann doch nicht so reizvoll. Jedenfalls wenn unklar ist, ob eine Coming-of-Age-Geschichte, eine Rachegeschichte, eine Liebesgeschichte oder eine traditionelle Agentengeschichte mit viel Verrat und Gegenverrat bei der Suche nach einem Verräter im Mittelpunkt stehen soll.

Am Ende ist „Red Sparrow“ die zu lang geratene, sehr gediegene Version eines Pulp-Agententhrillers, in der Lawrence nach drei „Tribute von Panem“-Filmen Jennifer Lawrence wieder sehr fotogen in Szene setzt.

Red Sparrow (Red Sparrow, USA 2018)

Regie: Francis Lawrence

Drehbuch: Justin Haythe

LV: Jason Matthews: Red Sparrow, 2013 (Operation Red Sparrow, Red Sparrow)

mit Jennifer Lawrence, Joel Edgerton, Matthias Schoenaerts, Charlotte Rampling, Mary-Louise Parker, Ciarán Hinds, Joely Richardson, Bill Camp, Jeremy Irons, Thekla Reuten, Sakina Jaffrey, Sebastian Hulk

Länge: 141 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Jason Matthews: Red Sparrow

(übersetzt von Michael Benthack)

Goldmann, 2018

672 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Operation Red Sparrow

Goldmann, 2015

Originalausgabe

Red Sparrow

Scribner, Simon & Schuster, New York, 2013

Hinweise

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Moviepilot über „Red Sparrow“

Metacritic über „Red Sparrow“

Rotten Tomatoes über „Red Sparrow“

Wikipedia über „Red Sparrow“ (deutsch, englisch) und Jason Matthews

Meine Besprechung von Francis Lawrences „Die Tribute von Panem – Catching Fire“ (The Hunger Games: Catching Fire, USA 2013)

 


Neu im Kino/Filmkritik: „It comes at Night“ und tagsüber ist man auch nicht in Sicherheit

Januar 22, 2018

Paul (Joel Edgerton), seine Frau Sarah (Carmen Ejogo) und ihr siebzehnjähriger Sohn Travis (Kelvin Harrison, Jr.) leben in einem großen Farmhaus im Wald. Die nächsten Häuser sind, in den USA nicht ungewöhnlich, meilenweit weg. Es ist einsam, aber – auf den ersten Blick – ein guter Ort zum Leben. Wenn es nicht einige seltsame Dinge gäbe. Im Freien tragen sie oft Gasmasken. Die Fenster und Türen sind verbarrikadiert. Sie haben eine panische Angst vor dem Einbruch der Dunkelheit. Als ob dann Monster kämen.

Und so ist es auch. Anscheinend – das wird im Film nie geklärt – vernichtete eine tödliche Infektionskrankheit, gegen die es kein Gegenmittel gibt, die Menschheit. Es muss noch weitere ‚Dinge‘ geben, die Paul, Sarah und Travis bedrohen und die nur nach Einbruch der Dunkelheit auftauchen. Um sich und seine Familie vor der Bedrohung zu schützen, hat Paul ein entsprechend rigides Regelwerk etabliert.

Eines Nachts hören sie Geräusche. Sie finden heraus, dass ein Mensch bei ihnen eingebrochen ist. Es ist Will (Christopher Abbott), der für sich und seine Familie etwas zu Essen sucht.

Nachdem Paul sich überzeugt hat, dass Will gesund ist, nehmen sie ihn, seine Frau Kim (Riley Keough) und ihr kleines Kind bei sich auf. Es könnte der Beginn einer neuen Gemeinschaft sein.

Aber können sie ihnen wirklich vertrauen? Und können sie sich vor dem Virus schützen?

Troy Edward Shults‘ Horrorfilm „It comes at Night“ ist ein extrem düsteres Kammerspiel voller Suspense, das mit zunehmender Laufzeit auch zunehmend frustrierender wird. Denn Shults liefert keine Erklärung für die Katastrophe. Er liefert keine wirklich handfesten Informationen über sie und den durch sie verursachten Zusammenbruch der Zivilisation. Die Bedrohung für die sechs freiwillig in dem Haus lebenden Menschen bleibt anonym. Sie ist zugleich unsichtbar für das menschliche Auge und kann durch eine Holztür abgehalten werden. Deshalb ist auch unklar, wie sehr die Bedrohung real und wie sehr sie ein paranoides Wahngebilde von Paul ist. Es gibt, das wird mit zunehmender Laufzeit immer deutlicher, keine Hoffnung für die Bewohner des Hauses, die trotzdem nicht daran denken, es zu verlassen.

So überzeugt „It comes at Night“ vor allem als kompromisslos auf ein düsteres Ende hin erzählte fatalistische Noir-Geschichte. Shults‘ zweiter Spielfilm ist die perfekte Feelbad-Unterhaltung für notorische Schwarzseher.

It comes at Night (It comes at Night, USA 2017)

Regie: Trey Edward Shults

Drehbuch: Trey Edward Shults

mit Joel Edgerton, Riley Keough, Christopher Abbott, Carmen Ejogo, Kelvin Harrison Jr., Griffin Robert Faulkner

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „It comes at Night“

Metacritic über „It comes at Night“

Rotten Tomatoes über „It comes at Night“

Wikipedia über „It comes at Night“ (deutsch, englisch)

Ein Gespräch mit Trey Edward Shults, Joel Edgerton, Kelvin Harrison Jr. und Carmen Ejogo


Neu im Kino/Filmkritik: „Loving“ – eine Liebe, die Rechtsgeschichte schrieb

Juni 17, 2017

Am 12. Juni war ‚Loving Day‘.

Was?

Ein alljährliches Gedenken an ein Gerichtsurteil, ein Feiertag in einigen Städten und in Caroline County, Virginia, und die größte multirassische Feier in den USA.

Denn am 12. Juni 1967 urteilte der Oberste Gerichtshof einstimmige, dass ein Verbot von Eheschließungen aufgrund von Rassenmerkmalen verfassungswidrig und eine Verletzung des 14. Zusatzes der Gleichstellungsgarantie sei.

In seinem Film „Loving“, der jetzt endlich bei uns anläuft, erzählt Regisseur Jeff Nichols („Take Shelter“, „Midnight Special“) wie es zu dem Urteil kam. Dabei geht es ihm nicht um die juristischen Winkelzüge, sondern um die beiden Kläger: das Ehepaar Loving. Sie heirateten am 2. Juni 1958 in Washington, D. C., weil sie schwanger war und sie in Virginia, ihrer Heimat, nicht heiraten durften. Denn Richard Loving war ein Weißer und Mildred Jeter eine Schwarze. Sie waren schon als Kinder miteinander befreundet, lebten ärmlich auf dem Land in Central Point im Regierungsbezirk Caroline County, einem ländlichen, von Armut gekennzeichnetem Gebiet.

Richard, wahrlich kein Intellektueller, ignorierte einfach, wie andere County-Bewohner, die damals gültigen und allgemein akzeptierten Rassengrenzen. Mit seinen afroamerikanischen Freunden konnte der Maurer besser an Autos herumbosseln. Außerdem arbeitete sowieso die meiste Zeit gemeinsam, lebte nah beieinander und half sich gegenseitig. Warum, so dachte der schweigsame Richard, sollte er also nicht mit den Menschen zusammen sein, mit denen er sich verstand?

Die anderen Weißen in Caroline County sahen das nicht so entspannt und sie erwirkten – mühelos – ein Gerichtsurteil, das die beiden Lovings verbannte. Der Richter verurteilte sie im Januar 1959 zu einer einjährigen Haftstrafe, die er unter Auflagen aussetzte. Sie mussten den Staat Virginia sofort verlassen und durften in den nächsten 25 Jahren nicht gemeinsam zurückkehren oder sich zur gleichen Zeit in Caroline County aufhalten. Das galt selbstverständlich ohne irgendeine Ausnahme, zum Beispiel für Familienfeiern oder Trauerfälle.

Sie fuhren nach Washington, D. C., zu Mildreds Cousin. Trotzdem fühlten sie sich in der Großstadt unwohl.

Über einen Brief an Präsident John F. Kennedy, den Mildred 1963 in ihrem Exil in Washington, D. C., schrieb, kamen sie in Kontakt mit Anwälten von der Bürgerrechtsorganisation ACLU (American Civil Liberties Union), die ihren Fall zu einem Grundsatzstreit machten.

Dabei wollte sie nur zurück zu ihrer Familie nach Central Point und dort auf dem Land mit ihrem Mann und ihren Kindern leben.

Jeff Nichols erzählt diese in den USA bekannte (in jedem Fall bekanntere) Geschichte strikt chronologisch, langsam und mit dem Ehepaar Loving im Mittelpunkt. Joel Edgerton und, vor allem, Ruth Negga wurden, zu Recht, für ihre Interpretation des Ehepaares Loving mehrfach ausgezeichnet und für etliche prestigeträchtige Preise, wie den Golden Globe, nominiert. Ruth Negga war auch für den Oscar nominiert. Sie gibt Mildred eine stille Kraft, die die Familie zusammen hält und die für ihre Rückkehr in ihr Heimatdorf kämpft. Dafür geht sie auch in die Öffentlichkeit. Richard, ein introvertierter Mann, der auch wenn es sein Anliegen befördern würde, nicht in die Öffentlichkeit geht, ist das Gegenteil. Aber sie liebten sich.

Der Film selbst ist klassisches Hollywood-Erzählkino. Dabei erzählt Nichols die Geschichte etwas spröde, indem er bewusst auf Schmalz, große Emotionen, kitschige Taschentuchszenen und Nicholas-Sparks-Sonnenuntergänge verzichtet und sehr naturalistisch, fast wie ein Dokumentarfilm, erzählt. „Loving“ ist auch eine gelungene Geschichtsstunde über einen Sieg der Bürgerrechtsbewegung. In erster Linie ist es aber die Geschichte zweier Menschen, deren Verbrechen es war, dass sie sich liebten, heirateten, Kinder bekamen und in ihrer Heimat leben wollten.

Loving (Loving, USA/Großbritannien 2016)

Regie: Jeff Nichols

Drehbuch: Jeff Nichols

LV: Nancy Buirski: The Loving Story, 2011 (Dokumentarfilm)

mit Joel Edgerton, Ruth Negga, Marton Csokas, Nick Kroll, Terri Abney, Alano Miller, Jon Bass, Christopher Mann, Sharon Blackwood, Michael Shannon

Länge: 124 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Loving“

Metacritic über „Loving“

Rotten Tomatoes über „Loving“

Wikipedia über „Loving“ (deutsch, englisch)

History vs Hollywood über „Loving“

Meine Besprechung von Jeff Nichols‘ „Midnight Special“ (Midnight Special, USA 2015)

DP/30 unterhält sich mit Jeff Nichols über „Loving“ und den ganzen Rest (Ton wird im Lauf des Gesprächs besser)

DP/30 spricht mit Ruth Negga und Joel Edgerton über den Film

Eine kurze BBC-Reportage über den Fall (BBC World Service – Witness)

 


Neu im Kino/Filmkritik: Über Jeff Nichols‘ „Midnight Special“

Februar 19, 2016

„Midnight Special“ – ein Titel wie ein Joe-R.-Lansdale-Roman oder für eine Anthologie im Geist von „The Twilight Zone“ oder für einen herrlich abgeranzten Südstaaten-Blues voller Sex und Gewalt.
Nun, das ist Jeff Nichols‘ neuer Film nicht. Auch wenn er in den Südstaaten spielt. Zwei schwerbewaffnete Männer fahren mit einem Kind durch Texas, das gewohnt fotogen mit Sonnenauf- und -untergängen in Szene gesetzt wird. Sie werden verfolgt. Von einer Sekte und von der Polizei, die sie sogar über eine öffentliche Fahndung im Fernsehen im Fernsehen sucht. Die beiden Männer wollen den Jungen zu einem Ort bringen, an dem es in wenigen Tagen zu einem wichtigen Ereignis kommen soll. Sie glauben, dass es der Tag des Jüngsten Gerichts ist und der Junge irgendetwas damit zu tun hat.
Aus dieser Ausgangssituation entfaltet Nichols („Take Shelter“, „Mud“) über lange Zeit eine beträchtliche Spannung. Denn nur langsam enthüllen sich für den Zuschauer die Hintergründe und damit auch die Handlungsmotive der verschiedenen Figuren. Der Junge ist ein Medium, das Signale und Botschaften empfängt, und der übernatürliche Fähigkeiten hat, die auch schon einmal ein halbes Haus zerstören können. Oder mehr. Das ist so sehr Stephen-King-Land, dass es erstaunt, dass „Midnight Special“ nicht auf einer seiner Geschichten basiert, sondern eine Originalgeschichte von Nichols ist. Eine andere, ebenso offensichtliche, Inspiration ist natürlich Steven Spielbergs freundlicher Alien-Begegnungs-Science-Fiction-Film „Unheimliche Begegnung der dritten Art“.
Begleitet wird der Junge Alton (Jaeden Lieberher) von seinem Vater Roy (Michael Shannon), der ihn aus der Sekte entführte, und Lucas (Joel Edgerton), einem Schulfreund von Roy, der inzwischen ein State Trooper mit besonderen Fähigkeiten ist. Er hilft ihnen, weil er gesehen hat, wozu Alton fähig ist. Dafür übertritt er auch einige Gesetze und schießt auf Polizisten.
Verfolgt werden die drei von zwei Handlangern der Sekte, die den Jungen zurückbringen sollen, weil er für ihre Gemeinde wichtig ist. Er ist, nun, ihr Heiland. Ihr Jesus-Kind.
Und dann gibt es noch den gesamten Staatsapparat, der Roy, Lucas und Alton, der die meiste Zeit unbeeindruckt „Superman“-Comics liest, einträchtig und ohne irgendein Kompetenzgerangel verfolgt. Die Polizei, das FBI, das helfende Militär und die NSA setzen alles ein, was sie haben. Die wichtigste Person der Verfolger ist der sehr nerdige und schusselige NSA-Analyst Sevier (Adam Driver), der herausfinden will, wie es Alton gelang, an die geheimen, nur über verschlüsselte Leitungen gesendete Informationen zu kommen. Oh, diese Informationen, Koordinaten meist, bildeten den Grundstock der Sekten-Gottesdienste; was ihnen, bis sie vom FBI gestört werden, einen besonderen Touch verleiht.
Das klingt ziemlich krude. Ist es auch. Aber die Geschichte wird von Nichols mit viel Sinn für Atmosphäre und einem Hang zum Siebziger-Jahre-Kino (was uns mit dem Anblick vieler Charakterköpfe und älterer Schauspieler belohnt) konsequent entschleunigt erzählt bis hin zu einem ziemlich hirnrissigen „A world beyond“-Finale. Dabei leben solche Geschichten, in denen sich mehrere Gruppen, mehr oder weniger unabhängig voneinander, auf den Weg zu einem bestimmten Ort, an dem sie zu einem bestimmten Zeitpunkt ein besonderes Ereignis erwarten, ohne zu wissen was sie dort erwartet, von ihrer Auflösung. Also ob die Enthüllung des vorher immer wieder beschworenen Mysteriums so gut ist, wie die davor erzeugten Erwartungen. In „Midnight Special“ werden sie enttäuscht.
Weil Nichols seine Geschichte so unglaublich langsam erzählt und sie sich absolut gradlinig auf ihr Finale hin entwickelt, bleibt schon beim Ansehen des Films viel Zeit, sich mehr oder weniger wichtige Fragen zu stellen, die alle dazu führen, dass die Geschichte insgesamt immer unglaubwürdiger wird.
Letztendlich ist „Midnight Special“ eine große Enttäuschung. Da helfen auch nicht die engagiert spielenden Schauspieler, die Bilder, die über weite Strecken des Films vorhandene latente Spannung, die lässig eingestreuten Witze (vor allem Adam Driver hat die besten Dialogzeilen und Sam Shepard überzeugt in seinem kurzen Auftritt als Sektenführer) und die Anspielungen auf andere Werke.
Stephen King und Joe R. Lansdale hätten aus der Grundidee von „Midnight Special“ ein echtes Midnight Special für die nächste Mitternachtsvorstellung gemacht. Bei Jeff Nichols endet der Ausflug ins Hinterland, in religiösen Wahn, Paranoia und kaputte Familien im strahlenden Sonnenlicht in einer deplatzierten, nichts sinnvoll erklärenden Special-Effects-Orgie.

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Midnight Special (Midnight Special, USA 2015)
Regie: Jeff Nichols
Drehbuch: Jeff Nichols
mit Michael Shannon, Joel Edgerton, Kirsten Dunst, Adam Driver, Jaeden Lieberher, Sam Shepard, Sean Bridgers, Paul Sparks, Bill Camp
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Midnight Special“
Metacritic über „Midnight Special“
Rotten Tomatoes über „Midnight Special“
Wikipedia über „Midnight Special“
Berlinale über „Midnight Special“


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