Neu im Kino/Filmkritik: „Assassination Nation“ – einmal purgen mit YouTube-Zufallsauswahl

November 19, 2018

Am Filmanfang warnt Lily die Zuschauer, dass in dem nun folgenden Film Mobbing, Tod, Alkoholkonsum, Drogenmissbrauch, sexuelle Handlungen, toxische Männlichkeit, Homophobie, Transphobie, Schusswaffen, Nationalismus, Rassismus, Entführung, Sexismus, Flüche, Folter, Gewalt, Blutvergießen und fragile männliche Egos gezeigt werden. Alles wird mit aussagekräftigen Bildern unterlegt, die klarmachen, dass der Film kein harmloses Abendvergnügen wird. Außerdem kündigt die achtzehnjährige Lily an, dass sie uns erzählen werde, wie es dazu kam, dass die Einwohner der US-Kleinstadt Salem sie und ihre drei Schulfreundinnen umbringen wollen.

Damit hat Autor und Regisseur Sam Levinson in seinem neuen Film „Assassination Nation“ in den ersten Minuten fulminant den Ton für die nächsten gut zwei Stunden gesetzt. „Assassination Nation“ wird ein richtiger Rundumschlag gegen die US-Gesellschaft werden. Es wird erzählt werden, wie Mobs entstehen und funktionieren. Und es wird viel Gewalt, Vulgarität und auch die blutige Gegenwehr von Frauen geben. Das versprechen jedenfalls die ersten Minuten.

Dabei sind Lily (Odessa Young) und ihre Freundinnen Bex (Hari Nef), Em (R&B-Sängerin Abra) und Sarah (Suki Waterhouse) normale Schülerinnen. Sie interessieren sich mehr für das gemeinsame Abhängen als für die Hausaufgaben. Das Smartphone ist ihr ständiger Begleiter, dem sie alles anvertrauen. Wie es heute halt alle Teenager und viele Erwachsene tun.

Als eines Tages die persönlichen Daten von einigen wichtigen Bürgern von Salem online veröffentlicht werden, interessiert sie das kaum.

Als einige Tage später die persönlichen Daten von allen Bewohnern der Stadt veröffentlicht werden, interessiert sie das schon. Immerhin sind auch ihre Nacktaufnahmen und privaten Chats dabei. Es hindert sie aber nicht daran, weiterhin ihre persönlichen Informationen dem Computer anzuvertrauen.

Währenddessen sucht die Polizei fieberhaft den Hacker. Lily, die es definitiv nicht war, gerät in den Fokus der Ermittlungen.

Eine Woche später sind die Einwohner von Salem dann im allerschönsten „The Purge“-Modus und Lily, Bex, Em und Sarah sind Freiwild.

Bis es soweit kommt, vergeht weit über die Hälfte des Films.

Bis dahin gibt es einen Einblick in das Leben von Teenagern, der die Stilistik von YouTube-Videos imitiert und teilweise mit Splitscreens aufpeppt. Das könnte man als zeitgemäßes Update von Larry Clarks „Kids“ sehen. Clarks bedrückendes Porträt alleingelassener Jugendlicher zwischen Drogen und Sex in der Großstadt kommt mit einem Minimum an Story aus. Mit seinen Laiendarstellern und dem präzisen Blick eines Dokumentarfotografen erzielt er ein Maximum an Wirkung.

Aber Levinson will eine Geschichte über Amerika und das Entstehen von Hexenjagden erzählen. Nur haben die Veröffentlichungen aus dem Intimleben der High Society von Salem zunächst keinen Einfluss auf die vier Schülerinnen. Sie leben ihr Leben einfach weiter und benutzen ihre Telefone, als sei nichts geschehen. Auch ihr Umfeld reagiert in einer Mischung aus Schulterzucken, Amüsement und, solange der eigene Account nicht gehackt wurde, wohlfeiler Empörung auf die Veröffentlichungen.

In dieser ersten Filmstunde besticht Levinsons Porträt von vier Kleinstadtjugendlichen vor allem durch die YouTube-Videos imitierende Gestaltung.

Später gibt es mit dem Zeitsprung von einer Woche eine Lücke, in der aus friedlichen Einwohnern ein wilder Mob wird. Wie das geschieht, bleibt der Fantasie des Publikums überlassen. Das ist, als ob in einem Rätselkrimi der Detektiv am Ende den Täter präsentiert, aber nicht erklären will wie und warum er zum Täter wurde und seine Tat beging. Damit ignoriert Levinson die wichtigste Frage des Films: Wie kann aus gesitteten Kleinstadtbewohnern ein wilder Mob werden? Wie kann es innerhalb weniger Tage zu einem vollkommen Zusammenbruch der Zivilisation und zu einer Hexenjagd auf unschuldige Frauen kommen?

Im letzten Filmdrittel befinden sich Salem dann im schönsten „The Purge“-Modus und die vier Freundinnen können plötzlich erstaunlich gut mit Waffen umgehen und sich wehren. Diese Minuten lösen zwar einen Teil des am Filmanfang gegebenen Versprechens ein. Aber der Weg dahin ist zäh und ohne Erkenntnisse. Denn es bleibt, im Gegensatz zu den „The Purge“-Filmen, unklar, wogegen der Film sich richtet. Damit laufen auch alle satirischen und anklägerischen Aspekte ins Leere. Dieser mangelnde Fokus kann auch nicht durch die Explosion von Gewalt im letzten Filmdrittel gelöst werden.

Assassination Nation“ ist ein enttäuschender Film.

Assassination Nation (Assasination Nation, USA 2018

Regie: Sam Levinson

Drehbuch: Sam Levinson

mit Odessa Young, Suki Waterhouse, Hari Nef, Abra, Bill Skarsgård, Joel McHale, Bella Thorne, Anika Noni Rose, Colman Domingo, Maude Apatow, Cody Christian, Danny Ramirez, Kelvin Harrison Jr., Noah Galvin

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Assassination Nation“

Metacritic über „Assassination Nation“

Rotten Tomatoes über „Assassination Nation“

Wikipedia über „Assassination Nation“ (deutsch, englisch)

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Neu im Kino/Filmkritik: „The Happytime Murders“ – zerfetzte Puppen und mittendrin Cop Melissa McCarthy

Oktober 11, 2018

Los Angeles, Gegenwart, mit einem kleinen Unterschied: in diesem L. A. leben Puppen, mehr geächtet als geachtet, unter Menschen. Vor Jahren waren die Puppen in einer Familien-TV-Serie sehr beliebt. Phil Philips durfte als Polizist arbeiten. Bis es zu einem Unfall kam. Jetzt ist er ein Privatdetektiv der allseits bekannt-beliebten Hardboiled Schule irgendwo zwischen Sam Spade und Philip Marlowe. Für die Menschen sind die Puppen nur ziemlich verachteter Abschaum. Und die Puppen, nun, sagen wir es mal so: sie haben ähnliche Bedürfnisse wie die Menschen und sie benehmen sich in ihrer Welt der Drogenhöhlen, illegalen Spielclubs und Porno-Videotheken auch genauso schlecht wie die Menschen in ihrer Welt.

Als ein Killer Puppen umbringt, die alle eine Verbindung zu der aus dem TV allseits beliebten Happytime-Gang haben, müssen Phil und sein Ex-Partner Connie Edwards (Melissa McCarthy) notgedrungen zusammen arbeiten.

Das ist die Ausgangslage für eine Abfolge vulgärer Zoten, die witzig sein sollen. Es aber nicht sind. Dafür sind sie zu dumm. Die Geschichte selbst ist ein 08/15-Buddymovie, gekreuzt mit einer Noir-Parodie. Und die Idee, dass Puppen in dieser Welt leben, wurde, auch wenn es da Cartoonfiguren sind, in „Falsches Spiel um Roger Rabbit“ vor dreißig Jahren schon viel besser verwirklicht. Hier, immerhin geht es um die nicht jugendfreie Version dieser Idee, kommt noch eine Portion „Meet the Feebles“ hinzu.

Das ist so unwitzig und zäh, dass die knapp neunzig Minuten (mit Abspann, ohne Abspann müssten es unter achtzig Minuten sein) einem wie eine Ewigkeit vorkommen.

Und die eigentlich immer zuverlässige Melissa McCarthy spult hier auf Autopilot und spürbar gelangweilt ihre altbekannten Sprüche ab.

Als eine halbstündige Episode „Muppets Show“-Episode könnte die Idee von „The Happytime Murders“ funktionieren. Als Spielfilm nicht.

The Happytime Murders“-Regisseur Brian Henson ist der Sohn von „Muppets Show“-Erfinder Jim Henson. Mit seinen Geschwistern führt er seit Jahren den Familienbetrieb fort. Unter anderem bei „Muppets – Die Schatzinsel“ und „Die Muppets Weihnachtsgeschichte“ übernahm er die Regie.

The Happytime Murders – Kein Sesam, nur Straße (The Happytime Murders, USA 2018)

Regie: Brian Henson

Drehbuch: Todd Berger (nach einer Geschichte von Todd Berger und Dee Austin Robertson)

mit Melissa McCarthy, Elizabeth Banks, Maya Rudolph, Joel McHale, Leslie David Baker, Bill Baretta, Ben Falcone (Cameo)

Länge: 92 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Happytime Murders“

Metacritic über „The Happytime Murders“

Rotten Tomatoes über „The Happytime Murders“

Wikipedia über „The Happytime Murders“

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Erlöse uns von dem Bösen“ und den Doors

September 5, 2014

Gleich am Anfang wird uns hoch und heilig versichert, dass diese Exorzismus-Geschichte inspiriert von den Erlebnissen eines NYPD-Cops ist.

Am Filmende steht dann der übliche Satz, dass es sich um eine erfundene Geschichte handelt und als genau das sollte man „Erlöse uns von dem Bösen“ auch behandeln, obwohl der Jerry-Bruckheimer-Film auf dem 2001 erschienenem Sachbuch „Beware the Night“ von Ralph Sarchie basiert. Sarchie wurde in den Neunzigern nach mehreren unerklärlichen Erlebnissen und der Hilfe von zwei katholischen Priestern zu einem Gläubigen. 2004 gab er, nach zwanzig Jahren, seinen Polizeijob auf und wurde zum Dämonologen, der auch regelmäßig bei Exorzismen dabei ist. Das wäre natürlich auch eine Filmgeschichte, aber Scott Derrickson (Der Exorzismus von Emily Rose, Sinister) erzählt eine ganz andere Geschichte, die den vertrauten Mustern folgt.

Der Film beginnt 2010 im Irak, wo drei US-Marines auf eine unterirdische Kammer stoßen und etwas Schreckliches erleben.

2013 in der Bronx in New York: Sergeant Ralph Sarchie (Eric Bana) und sein Partner Butler (Joel McHale) arbeiten in der Nachtschicht und eilen von einem Notfall zum nächsten. Morde, häuslicher Streit, eine Mutter, die ihr Kind in den Löwenkäfig wirft und im Zoo verschwindet oder seltsame Geräusche im Keller eines alten Hauses. Sarchie und Butler sind da. Immer auch auf der Suche nach dem nächsten Adrenalinkick.

Dass darunter Sarchies Eheleben leidet und er sich nur wenig um seine Tochter kümmert, gehört zum Job und den bekannten Polizeifilmklischees.

Während seiner Arbeit trifft Sarchie auf Joe Mendoza (Edgar Ramirez), der eine Inhaftierte besuchen möchte. Der Geistliche mit einer farbigen Vergangenheit und einigen nicht gerade priesterlichen Angewohnheiten, bietet Sarchie seine Hilfe an. Denn Mendoza ist überzeugt, dass das absolut Böse sich jetzt in der Bronx ausbreiten möchte.

Als der zunächst skeptische Sarchie für einige seiner Fälle und Ereignisse keine rationale Erklärung findet, trifft er sich wieder mit Mendoza. Sie verbünden sich und versuchen gemeinsam die Soldaten, die 2010 in Kontakt mit dem Bösen gerieten und jetzt in New York leben, zu heilen und die an alten Schriftzeichen erkennbaren Türen zur Unterwelt zu schließen.

Erlöse von uns dem Bösen“ folgt als Kreuzung aus „Der Exorzist“ und „Sieben“ brav den vertrauten Genrepfaden, nur dass das von Scott Derrickson gezeigte New York noch dunkler und nasser als David Finchers namenlose Stadt ist und die über jeden Zweifel erhabene Musik der Doors eine wichtige Rolle im Film hat.

Störend ist allerdings für einen in der Gegenwart spielendem Großstadtthriller das naive Vertrauen auf eine Teufelsaustreibungen im bekannten „Exorzismus“-Stil, das einen dazu zwingt jede andere rationale Erklärung (die teilweise auf der Hand liegt) strikt zu verneinen. Da war zuletzt der ebenfalls auf Tatsachen basierende Horrorfilm „The Conjuring“, der allerdings in den Siebzigern in einem einsam gelegenem Haus spielt, auch dank seines Retro-Feelings, glaubwürdiger und auch straffer erzählt. Denn gerade am Anfang, wenn sich die Anekdoten aus dem Polizistenleben aneinanderreihen, braucht Scott Derrickson viel Zeit, bis die Story wirklich erkennbar wird und eine Eigendynamik entwickelt.

Dennoch ist „Erlöse uns von dem Bösen“ für den Genrefan ein ordentlicher, aber auch konventionell-vertrauter Mix aus Polizeithriller und Horrorfilm, der mit Eric Bana und Edgar Ramirez zwei überzeugende Hauptdarsteller hat.

Aber auch Scott Derrickson beantwortet nicht die nach dem Genuss von mehreren Exorzismus-Filmen, die natürlich alle auf wirklich wahren Fällen basieren, drängende Frage „Warum werden nur Katholiken vom Teufel heimgesucht?“.

Erlöse uns von dem Bösen - Plakat

Erlöse uns von dem Bösen (Deliver us from Evil, USA 2014)

Regie: Scott Derrickson

Drehbuch: Scott Derrickson, Paul Harris Boardman

LV: Ralph Sarchie (mit Lisa Collier Cool): Beware the Night, 2001

mit Eric Bana, Edgar Ramirez, Joel McHale, Olivia Munn, Lulu Wilson, Sean Harris, Olivia Horton, Dorian Missick, Mike Houston

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Erlöse uns von dem Bösen“

Moviepilot über „Erlöse uns von dem Bösen“

Metacritic über „Erlöse uns von dem Bösen“

Rotten Tomatoes über „Erlöse uns von dem Bösen“

Wikipedia über „Erlöse uns von dem Bösen“ 

History vs. Hollywood über „Erlöse uns von dem Bösen“


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