Neu im Kino/Filmkritik: „Wenn Fliegen träumen“, die andere deutsche Komödie

Juni 26, 2019

Bei dem Anfang wettet niemand auf das Überleben von Naja (Thelma Buabeng). Auf einer für Berliner gut erkennbaren verschneiten Brücke unterhält sie sich mit dem Tod über ihre Beerdigung.

Allerdings könnte es auch ein Traum sein und die ganze Geschichte endet doch gut für Naja.

Bis man das erfährt, nimmt uns Schauspielerin Katharina Wackernagel in ihrer ersten Spielfilmregie, auf eine ziemlich abgedrehte Reise nach Norwegen. 1999 inszenierte sie nach einem Buch von ihrem Bruder Jonas Grosch den Kurzfilm „Think Positive!“. Das Drehbuch für ihr Spielfilmdebüt schrieb ebenfalls Grosch. In den Kinofilmen „Résiste! Aufstand der Praktikanten“, „Die letzte Lüge“ und „bestefreunde“ arbeiteten sie ebenfalls zusammen. Grosch schrieb für die Filme immer das Buch und inszenierte. Wackernagel stand vor der Kamera.

Ihr Roadmovie „Wenn Fliegen träumen“ beginnt mit dem Tod von Najas Vater, zu dem sie keinen Kontakt mehr hatte. Auch nicht zu ihrer suizidgefährdeten Halbschwester Hannah (Nina Weniger). Aber das Erbe muss nun schwesterlich geteilt werden. Es besteht aus einem schrottreifen Feuerwehrauto und einem Haus in Norwegen, über dessen Zustand sie nichts wissen. Kurzentschlossen machen die beiden gegensätzlichen Schwestern sich auf den Weg. Weil Maja eine einsame Psychotherapeutin ist, wird sie von ihrer Therapiegruppe verfolgt. Schließlich können die Mitglieder der Therapiegruppe ohne ihre Therapeutin ihre Therapie nicht fortsetzen. Zur Gruppe gehört auch ein deutscher Autorenfilmer, der in jeder Situation schon Ideen für künstlerisch wertvolle deutsche Filme entwickelt.

Wenn Fliegen träumen“ von Katharina Wackernagel und ihrem Bruder Jonas Grosch ist ein richtiger Independent Film, der sich wenig um Konventionen und Zuschauererwartungen kümmert. Wie es sich für ein Roadmovie gehört, werden locker Reiseerlebnisse aneinandergereiht. Hannah und Naja kommen sich auf der Fahrt näher. Mit Carlos (Johannes Klaussner) haben sie einen jesushaften Reisebegleiter. Und ihre Verfolger finden wundersamerweise in der weiten skandinavischen Landschaft immer wieder die richtigen Spuren. Bei der Interpretation hilft dann der Autorenfilmer.

Sie alle sind eine in jeder Beziehung wundervoll dysfunktionale Familie, die gerade deshalb gut zusammenpasst. Diese schrägen Figuren mit ihrem vielen Komplexen, Eigenheiten und Schrullen torpedieren zuverlässig, allein schon durch ihre Anwesenheit, jeden Ansatz einer auch nur halbwegs stringenten Geschichte.

Wackernagel drehte die wundervolle Offbeat-Komödie mit einem Mini-Budget, viel Enthusiasmus und einem schrägen Humor. Auf Fördergelder und eine TV-Beteiligung verzichteten sie, Grosch und seine Filmproduktionsfirma Résistefilm. Wobei sicher eine Beteiligung von Arte oder dem Kleinen Fernsehspiel drin gewesen wäre. Aber in der Zeit, in der sie auf die zustimmenden Bescheide hätten warten müssen, drehten sie lieber den Film.

Wenn Fliegen träumen (Deutschland 2018)

Regie: Katharina Wackernagel

Drehbuch: Jonas Grosch

mit Thelma Buabeng, Nina Weniger, Niels Bormann, Johannes Klaussner, Katharina Wackernagel, Zoltan Paul, Tina Amon Amonsen, Robert Glazeder, Sebastian Schwarz, Helmut Mooshammer, Sabine Wackernagel, Robert Beyer, Iver Kjekshus, Marie Burchard

Länge: 83 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Der Soundtrack

Bratzgitarren, ordentlich abgehangener Rock und eine mehr als satte Portion Balkan-Folklore dröhnt aus den Boxen. Das macht Spaß, auch wenn man für diesen Soundtrack den Plattenspieler entstauben muss. Oder kaufen muss. Denn der Soundtrack erscheint nur als LP.

Enthalten sind Songs von Bukahara, Ali Gator & His Real Hot Reptile Rockers, Jochen Wenz, Ivana Rushaidat & Rakete, Slowdog und Ray Collins‘ Hot-Club.

Wenn Fliegen träumen (Soundtrack)

off label records/Timezone

Hinweise

Filmportal über „Wenn Fliegen träumen“

Moviepilot über „Wenn Fliegen träumen“

 


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