Neu im Kino/Filmkritik: Wer ist Joseph „Beuys“?

Mai 18, 2017

Ob heutige Jugendliche noch Joseph Beuys kennen?

Ob Ältere die Vergangenheit verklären, wenn sie mit leuchtenden Augen von Künstlern erzählen, die mit ihren Aktionen eine große öffentliche Resonanz erfuhren, ihre Werke von Kreti und Pleti diskutiert wurden und die Künstler aktiv in die Politik eingriffen?

Immerhin gibt es heute in Deutschland das „Zentrum für politische Schönheit“, „Die Partei“ beteiligt sich munter an Wahlen und hier in Berlin sind von Gerhard Seyfried für Christian Ströbele gestalteten Wahlplakate legendär.

Außerdem hat eine Fettecke heute keinen Neuigkeitswert mehr. So wurde über Joseph Beuys Kunstaktion „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“, 1982 auf der documenta 7 1982 in Kassel begonnen, groß berichtet. Neuere Kunstaktionen, in denen Baumpflanzungen mit einer politischen Botschaft verbunden sind, werden medial kaum beachtet oder gehen unter in den zahlreichen TV-Programmen, Zeitungen und Facebook-Seiten.

Insofern kann der Eindruck einfach täuschen; – wobei in den Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern, Künstler aus ihrem Herzen keine Mördergrube machten und offensiv in das öffentliche Leben eingriffen. Heinrich Böll war so präsent, dass Die Grünen ihren politischen Thinktank nach ihm benannten. Die Namenspaten der politischen Stiftungen der andren Parteien sind dagegen Parteipolitiker. Damals gehörten bei Open-Air-Konzerten politische Reden zum Programm.

Auch Joseph Beuys stürzte sich in die Parteipolitik, kandidierte 1979 für das Europarlament und machte in den folgenden Jahren Wahlkampf für die Grünen. Diese Bilder stehen am Ende von Andreas Veiels Dokuporträt „Beuys“, das im Sauseschritt einmal durch das Leben und Wirken von Joseph Beuys (12. Mai 1921 – 23. Januar 1986) führt. Er spricht die großen Kontroversen (Was ist Kunst?), seine Kriegserlebnisse, sein Kunststudium, seine Anfänge in der Provinz, ausgewählte Ausstellungen, seine politischen Interventionen und auch heute eher vergessene Episoden an, wie seine Lehrtätigkeit an der Kunstakademie Düsseldorf und die damit zusammenhängende Proteste gegen seinen Arbeitgeber. Im Gegensatz zu seinen Kollegen nahm er alle Bewerber an.

Veiel beleuchtet das schlaglichtartig in einer Mischung aus aktuellen Interviews und viel Dokumentarmaterial, in dem Beuys ausführlich zu Wort kommt und seine Werke im Umfeld der ursprünglichen Ausstellungen gezeigt werden. Ihnen haftet daher auch nichts museales an.

Das ist unterhaltsam, kurzweilig und auch nicht besonders tiefgründig. Letztendlich ist sogar unklar, warum Beuys und sein erweiterter Kunstbegriff so wichtig waren. Abgesehen davon, dass er gegen die Konventionen und Regeln der Malerei und Bildhauerei verstieß und mit seinen ständigen Grenzverletzungen das Bildungsbürgertum provozierte. Dieser gesellschaftspolitische Hintergrund, vor dem Beuys als Künstler agierte, und die damaligen Umbrüche und Konflikte, die die 68er mit ihren Eltern hatten, erschließen sich teilweise durch die Bilder und die Diskussionen, an denen Beuys teilnahm.

Allerdings – und das ist ein unbestreitbarer Vorteil des Films gegenüber einem Lexikonartikel oder Aufsatz über Beuys – kommen wir durch die Collage von Bildern, Dokumenten und Filmausschnitten dem Menschen Beuys sehr nahe. Er begriff seine Kunst als Intervention in die Welt. Er wollte etwas verändern. Er glaubte, das mit seiner Arbeit machen zu können. Er suchte die Auseinandersetzung. Und er hatte Humor. Denn: „Wollen Sie eine Revolution ohne Lachen machen?“

Beuys“ funktioniert sehr gut als umfassender Überblick über Leben und Werk von Joseph Beuys, der für echte Beuys-Fans wahrscheinlich keine neuen Informationen, sondern nur einige neue Bilder hat. Für den Rest muss man dann eine Beuys-Ausstellung besuchen oder Texte über ihn lesen.

Volksbegehren wie die Initiative ‚Tempelhofer Feld‘ oder die Initiativen zur Re-Demokratisierung der EU jenseits einer neoliberalen Wirtschafts- und Währungsunion folgen der Idee von Beuys von einer gestalterischen Teilhabe als Grundvoraussetzung gelebter Demokratie. Zahlreiche Initiativen greifen Ideen von Beuys wie dem bedingungslosem Grundeinkommen auf und entwickeln sie weiter.

Beuys stellt in einem beharrlichen, subversiv-anarchischen Sinn im Film die Fragen, die auch 30 Jahre nach seinem Tod aktueller denn je sind – etwas nach einer radikalen Demokratisierung, die auch vor einer neuen Ordnung des Geld- und Bankenwesens nicht Halt macht oder der Chancengleichheit in einer immer ungleicheren Welt. (…)

Ich habe mich oft gefragt, warum Beuys zu den wenigen Menschen gehört, die ich auch nach Jahrzehnten nie hinter mir lassen musste. Vielleicht liegt es daran, dass er seine Irrtümer mit Humor ertragen hat. Dass er unvoreingenommen mit jedem geredet hat – was nichts anderes hieß, als dass er jeden Ernst genommen hat, auch in seinem Anders-Sein.“ (Andreas Veiel)

Beuys (Deutschland 2017)

Regie: Andreas Veiel

Drehbuch: Andreas Veiel

mit Joseph Beuys (Archivmaterial), Caroline Tisdall, Rhea Thönges-Stringaris, Franz Joseph van der Grinten, Johannes Stüttgen, Klaus Staeck

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Beuys“

Moviepilot über „Beuys“

Wikipedia über „Beuys“ (deutsch, englisch) und Joseph Beuys (deutsch, englisch)

Berlinale über „Beuys“

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