TV-Tipp für den 12. November: Love & Mercy

November 11, 2020

WDR, 23.30

Love & Mercy (Love & Mercy, USA 2015)

Regie: Bill Pohlad

Drehbuch: Oren Moverman, Michael Alan Lerner

Sehenswertes Biopic über „Beach Boys“-Mastermind Brian Wilson, das sich auf zwei wichtige Abschnitte in Wilsons Leben konzentriert: die Arbeit an der legendären, die Popmusik verändernden LP „Pet Sounds“ und sein Leben in den 80er Jahren als Patient des gemeingefährlichen Dr. Eugene Landy, der nichts von Wilsons neuer Bekanntschaft hält.

Love & Mercy“ ist nicht am chronologischen Abhandeln einer Musikerbiographie, sondern am Porträtieren eines schwierigen Charakters an zwei entscheiden Punkten seines Lebens interessiert.

Für Brian-Wilson-Fans ein Pflichttermin.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit John Cusack, Paul Dano, Elizabeth Banks, Paul Giamatti, Jake Abel, Kenny Wormald, Brett Davern, Graham Rogers

Hinweise

Moviepilot über „Love & Mercy“

Metacritic über „Love & Mercy“

Rotten Tomatoes über „Love & Mercy“

Wikipedia über „Love & Mercy“ (deutsch, englisch), die Beach Boys (deutsch, englisch) und Brian Wilson (deutsch, englisch)

AllMusic über die Beach Boys und Brian Wilson

Meine Besprechung von Bill Pohlands „Love & Mercy“ (Love & Mercy, USA 2015)


TV-Tipp für den 2. Dezember: The Ice Harvest

Dezember 1, 2017

Der Weihnachtsfilm für die Noir-Fans

Sat.1, 00.05

The Ice Harvest (USA 2005, Regie: Harold Ramis)

Drehbuch: Richard Russo, Robert Benton

LV: Scott Phillips: The Ice Harvest, 2000 (Alles in einer Nacht)

Heiligabend in Wichita, Kansas: Anwalt Charlie Arglist hat mit seinem Kumpel Vic einen Mafiaboss um zwei Millionen Dollar erleichtert. Bevor er Wichita verlassen kann, muss er noch den Weihnachtsabend überleben. Denn anscheinend wollen die Verwandtschaft, Kleingangster, eine Femme Fatale, ein Killer, sein nicht vertrauenswürdiger Mitverbrecher und der titelgebende Eissturm seinen Plan durchkreuzen.

Hochkarätig besetzte schwarze Komödie, die bei uns leider nur auf DVD veröffentlicht wurde.

Scott Phillips‘ Debütroman war für den Edgar und Hammett Preis nominiert. Das Drehbuch war auch für einen Edgar nominiert.

Mit John Cusack, Billy Bob Thornton, Connie Nielsen, Randy Quaid, Oliver Platt, Ned Bellamy

Wiederholung: Sonntag, 3. Dezember, 03.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage von Scott Phillips

Amerikanische Homepage zum Film

Rotten Tomatoes über „The Ice Harvest“

Wikipedia über „The Ice Harvest“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 21. Januar: The Ice Harvest

Januar 21, 2017

 

Pro7, 00.30

The Ice Harvest (USA 2005, Regie: Harold Ramis)

Drehbuch: Richard Russo, Robert Benton

LV: Scott Phillips: The Ice Harvest, 2000 (Alles in einer Nacht)

Heiligabend in Wichita, Kansas: Anwalt Charlie Arglist hat mit seinem Kumpel Vic einen Mafiaboss um zwei Millionen Dollar erleichtert. Bevor er Wichita verlassen kann, muss er noch den Weihnachtsabend überleben. Denn anscheinend wollen die Verwandtschaft, Kleingangster, eine Femme Fatale, ein Killer, sein nicht vertrauenswürdiger Mitverbrecher und der titelgebende Eissturm seinen Plan durchkreuzen.

Hochkarätig besetzte schwarze Komödie, die bei uns leider nur auf DVD veröffentlicht wurde.

Scott Phillips‘ Debütroman war für den Edgar und Hammett Preis nominiert. Das Drehbuch war auch für einen Edgar nominiert.

Mit John Cusack, Billy Bob Thornton, Connie Nielsen, Randy Quaid, Oliver Platt, Ned Bellamy

Wiederholung: Sonntag, 22. Januar, 04.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage von Scott Phillips

Amerikanische Homepage zum Film

Rotten Tomatoes über „The Ice Harvest“

Wikipedia über „The Ice Harvest“ (deutsch, englisch)


DVD-Kritik: Die Stephen-King-Verfilmung „Puls“

Januar 18, 2017

Als „Puls“ 2006 erschien, war es noch eine etwas seltsame Horrorvision, in der durch ein Signal, das sich über das Mobilfunknetz verbreitet, plötzlich alle mit ihrem Handy Telefonierenden zu einer Art Zombie mutieren.

Inzwischen ist es keine seltsame Horrorvision mehr. Schließlich scheint fast jeder überall immer nur auf sein Telefon zu starren und blind durch die Gegend zu stolpern. Zweifellos würde heute so ein Signal ziemlich schnell die Menschheit ziemlich umfassend töten.

Das geschieht auch in den ersten Minuten der King-Verfilmung „Puls“, für die King mit Adam Alleca das Drehbuch schrieb. Comiczeichner Clay Riddell (John Cusack) kann auf dem Bostoner Flugplatz der Zombiefizierung entkommen, weil sein Telefon im entscheidenden Moment gerade einen niedrigen Akku-Stand hatte und er deshalb auf ein Festnetz-Telefon ausweichen musste.

Innerhalb weniger Sekunden bricht in der Flughafenhalle eine Massenpanik aus, in der die Zombies (ist halt das beste Wort für diese Phoner) in einem blinden Wutrausch alles angreifen, zerfetzen und fressen, was sich ihnen in den Weg stellt. Sie entwickeln auch schnell eine beängstigende Schwarmintelligenz.

Auf seiner Flucht trifft Riddell auf Tom McCourt (Samuel L. Jackson). Gemeinsam machen sie sich mit Alice (Isabelle Fuhrman), die ebenfalls zu ihnen stößt, auf den Weg in die Vorstädte. Riddell möchte seine Frau und seinem Sohn, die er aus offensichtlichen Gründen telefonisch nicht erreichen kann, wieder sehen.

Und was dann geschieht, haben wir in den vergangenen Jahren, spätestens seit „The Walking Dead“, in unzähligen Variationen gesehen. Mal besser, mal schlechter, aber in jedem Fall so oft, dass der Neuigkeitswert von „Puls“ gegen Null tendiert.

Ein weiteres Problem des Films ist das offene Ende, das sich von dem Romanende unterscheidet und vor allem den Eindruck hinterlässt, nur den Auftakt einer größeren Erzählung gesehen zu haben.

Schlecht, vor allem nicht so grottenschlecht, wie man nach manchen Besprechungen befürchten könnte, ist „Puls“ deshalb nicht. Er ist sogar in dem selbst gesteckten, überschaubarem Rahmen ganz unterhaltsam, aber halt auch in keinster Weise bemerkenswert. Vor allem wenn man sich daran erinnert, dass Regisseur Tod Williams mit der grandiosen John-Irving-Verfilmung „The Door in the Floor“ bekannt wurde und man danach gespannt auf seine nächsten Filme wartete. „Puls“ ist da nur ein Film für einen verregneten Sonntagnachmittag. Daran ändern die gewohnt zuverlässigen Hauptdarsteller und die durchaus furchterregenden Zombies mit ihrem Herdentrieb nichts.

puls-dvd-cover

Puls (Cell, USA 2016)

Regie: Tod Williams

Drehbuch: Stephen King, Adam Alleca

LV: Stephen King: Cell, 2006 (Puls)

mit John Cusack, Samuel L. Jackson, Isabelle Fuhrmann, Stacy Keach

DVD

Concorde Home

Bild: 2,40:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DTS, Dolby Digital 5.1, Dolby Digital 2.0), Englisch, (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Behind the Scenes, Deutscher und Originaltrailer, Wendecover

Länge: 94 Minuten

FSK. Ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Puls“

Metacritic über „Puls“

Rotten Tomatoes über „Puls“

Wikipedia über „Puls“

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Colorado Kid“ (The Colorado Kid, 2005)

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)

Meine Besprechung der auf Stephen Kings Novelle “The Colorado Kid” basierenden TV-Serie “Haven”

Meine Besprechung von Kimberly Peirces Stephen-King-Verfilmung “Carrie” (Carrie, USA 2013)

Stephen King in der Kriminalakte, in seinem Trailer-Park und auf Europa-Tour


TV-Tipp für den 17. März: Das Urteil – Jeder ist käuflich

März 17, 2016

Kabel 1, 20.15

Dar Urteil – Jeder ist käuflich (USA 2003, Regie: Gary Fleder)

Drehbuch: Brian Koppelman, David Levien, Rick Cleveland, Matthew Chapman

LV: John Grisham: The runaway jury, 1996 (Das Urteil)

Die Witwe eines bei einem Amoklauf erschossenen Geschäftsmannes verklagt die Waffenhersteller. Die Angeklagten engagieren Rankin Fitch, ihnen die passenden Geschworenen herauszusuchen. Aber der Geschworene Nick Easter spielt sein eigenes Spiel.

Der erste gemeinsame Film der seit Jahrzehnten befreundeten Stars Gene Hackman (in seinem vorletztem Film vor seinem selbstgewählten Ruhestand) und Dustin Hoffman ist ein spannender Verschwörungsthriller über die Käuflichkeit des us-amerikanischen Justizsystems. Während des Drehs bemerkten die Macher, dass sie zwar einen Hackman/Hoffman-Film drehten, aber keine Hackman/Hoffman-Szene hatten. Also wurde die Toiletten-Szene geschrieben.

Das Drehbuch zu dieser gelungenen Grisham-Verfilmung war 2004 für den Edgar Allan Poe-Preis als bestes Drehbuch nominiert.

Mit John Cusack, Gene Hackman, Dustin Hoffman, Rachel Weisz, Bruce Davison, Jennifer Beals

Wiederholung: Freitag, 18. März, 00.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Das Urteil”

Homepage von John Grisham

Wikipedia über John Grisham (deutsch, englisch) und “Das Urteil” (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über John Grisham

John-Grisham-Fanseite

John Grisham in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Gary Fleders “Homefront” (Homefront, USA 2013)


TV-Tipp für den 26. Juli: Der schmale Grat

Juli 26, 2015

Arte, 20.15
Der scmale Grat (The Thin Red Line, USA 1998)
Regie: Terrence Malick
Drehbuch: Terrence Malick
LV: James Jones: The Thin Red Line, 1962 (Insel der Verdammten)
Als der Film seine Premiere hatte, waren die Kritiker begeistert und er erhielt auf der Berlinale den Goldenen Bären. Nach zwanzig Jahren präsentierte Terrence Malick seinen dritten Spielfilm: ein meditatives Drama über den Kampf um die Pazifikinsel Guadalcanal, das souverän alle Erfordernisse des Kriegsfilms und Starkinos unterläuft und wahrscheinlich genau deswegen ein äußerst präzises Bild vom Krieg liefert.
Es war auch, obwohl ich verstehen kann, wenn Menschen „Der schmale Grat“ nicht mögen (nachdem wir den Film im Unikino gezeigt hatten, meinten einige, das sei der schlechteste Film, den sie jemals gesehen hatten), Malicks letzter wirklich guter Film.
Nachdem er in dreißig Jahren drei Klassiker drehte, gelang es ihm in fünfzehn Jahren mit drei Filmen seinen Ruf gründlich zu ruinieren. „The New World“ (USA 2005) hatte noch etwas, aber mit „The Tree of Life“ (USA 2011) und „To the Wonder“ (USA 2012) verabschiedete er sich endgültig von jeder erzählerischen Fessel zugunsten eines freien Assoziieren für eine überzeugte Gemeinschaft.
Sein nächster Film „Knight of Cups“ startet am 10. September und er hält die Qualität seiner vorherigen Filme. Aber er ist immerhin wenige religiös verbrämt und inzwischen wissen wir, was wir von einem Malick-Film erwarten können.
Laut IMDB hat Malick schon zwei weitere Filme in der Post-Produktion.
mit Sean Penn, Adrien Brody, Jim Caviezel, Ben Chaplin, George Clooney, John Cusack, Woody Harrelson, Elias Koteas, Jared Leto, Nick Nolte, John Savage, John Travolta, Nick Stahl, Miranda Otto
Hinweise
Rotten Tomatoes über „Der schmale Grat“
Wikipedia über „Der schmale Grat“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Terrence Malicks „To the Wonder“ (To the Wonder, USA 2012)

Meine Besprechung von Dominik Kamalzadeh/Michael Peklers „Terrence Malick“ (2013)

Terrence Malick in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Love & Mercy“, die Beach Boys und Brian Wilson

Juni 11, 2015

Die Sommerhits der Beach Boys, wie „Surfin‘ USA“, „I get around“, „Fun, Fun, Fun“ und „Good Vibrations“, kennt heute noch jedes Kind. Immerhin gehören diese Songs, die vor fünfzig Jahren in 2-Minuten-Hymnen den Mythos von Kalifornien als Land des immerwährenden Sommers mit Surfbrettern, lachenden Sonnyboys und fröhlichen Mädels zementierten, zum festen Radioprogramm. Brian Wilson ist dagegen vor allem Musikfans ein Begriff. Er war der kreative Kopf der Beach Boys, viele Jahre litt er an falsch behandelten psychischen Problemen, die er erst mit der Hilfe von seiner Frau Melinda Ledbetter in den Griff bekam. Seitdem veröffentlicht der Perfektionist, mehr oder weniger regelmäßig, neue CDs, die im Schatten seines Frühwerks stehen.
Mit „Love & Mercy“ ist jetzt von Bill Pohlad ein Biopic über Wilsons Leben inszeniert worden, das nicht schlecht ist, aber an seiner Konstruktion leidet, immer wieder zu wenig in die Tiefe geht und sich zu sehr an die Brian-Wilson-Fans richtet. Denn wer die Hintergründe nicht kennt, wird sich mehr als einmal fragen, wie so etwas möglich sein kann und ob das Geschilderte wirklich den Tatsachen entspricht. Tut es, obwohl die Wirklichkeit teilweise noch absurder war.
Beginnen wir mit der Konstruktion: Bill Pohlad erzählt „Love & Mercy“ auf zwei Zeitebenen, zwischen denen er flüssig und gelungen hin und her springt. Der eine Teil spielt in den Sechzigern: die Beach Boys sind eine erfolgreiche Band. Aber Brian Wilson (Paul Dano) will mehr als flauschige Sommerhits abliefern. Während die Band ohne ihn auf Tour geht, zieht er sich ins Studio zurück. Er will die neue LP „Pet Sounds“ aufnehmen. Die Entstehung dieser 1966 veröffentlichte Rock-Symphonie wird ausführlich gezeigt. Aber wer die Platte nicht kennt und nichts über ihre Bedeutung für die Geschichte der Rockmusik weiß, sieht vor allem einen Musiker, der im Studio obsessiv einem bestimmten Sound hinterherjagt.
Der andere Teil spielt zwanzig Jahre später in den späten Achtzigern. Brian Wilson (John Cusack) wird von Dr. Eugene Landy (Paul Giamatti) behandelt und von der Welt abgeschirmt. Aber Wilson entwickelt Gefühle für die junge Cadillac-Autoverkäuferin Melinda Ledbetter (Elizabeth Banks). Das hier mögliche Psychodrama zwischen dem Arzt und seinem Patienten bleibt allerdings in den Anfängen stecken. In erster Linie wird uns die Situation präsentiert, in der Brian Wilson in diesem Moment steckt. Aber zunächst gibt es die im Film nicht erklärte Lücke zwischen dem Sechziger-Jahre-Wilson, der zwar schon psychische Probleme hatte, aber weitgehend normal funktionierte, und dem Achtziger-Jahre Wilson, der unzurechnungsfähig ist und nur unter Aufsicht vor die Haustür gehen darf, weil er anscheinend eine Gefahr für sich selbst und seine Umwelt darstellt. Dabei ist der etwas merkwürdige Wilson auf den ersten Blick ein extrem pflegeleichter Patient. Wie ein kleines Kind akzeptiert er seine Bewacher und er offenbart vor fremden Menschen, wie der Autoverkäuferin, seine tiefsten Gefühle und Verletzungen. Und er ist mit seiner Situation ganz zufrieden. Immerhin wird er beschützt und er kann, was er einige Jahre früher nicht tat, sein Haus verlassen. Nur seine neue Freundin Melinda Ledbetter möchte, je mehr sie über Wilsons Leben erfährt, die seltsame Situation ändern. Aber sie ist, auch wenn dieser Teil aus ihrer Perspektive erzählt wird, als Zufallsbekanntschaft, ein Nebencharakter.
Diese Konstruktion und die Teilung in einen Musikfilm und ein Drama hält einen auf Distanz zum Geschehen. Es gibt auch kein Greatest Hits der Band, sondern eine feinfühlige Annäherung an einen schwierigen Charakter in zwei Lebensphasen. „Love & Mercy“ vermeidet so die typischen Biopic-Fallen. Aber es bleibt auch immer der Eindruck, dass man zwei nicht zueinander passende halbe Filme gesehen hat, die ihr Potential nicht ausschöpfen. Dass nur an der Oberfläche eines Enigmas gekratzt wurde.
Für Fans von Musikfilmen ist „Love & Mercy“ natürlich ein Pflichttermin. Es ist auch ein Musikfilm, der sich für die Arbeit hinter den Kulissen und die seelischen Probleme des Künstlers interessiert, ohne diese sensationslüstern auszubeuten. Denn für den Brian Wilson der achtziger Jahre ist die Musik, die früher sein Leben definierte, unwichtig. Aber die Beziehung zu Melinda Ledbetter, mit der er immer noch verheiratet ist, wird wichtiger.

Love and Mercy - Plakat

Love & Mercy (Love & Mercy, USA 2015)
Regie: Bill Pohlad
Drehbuch: Oren Moverman, Michael Alan Lerner
mit John Cusack, Paul Dano, Elizabeth Banks, Paul Giamatti, Jake Abel, Kenny Wormald, Brett Davern, Graham Rogers
Länge: 122 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Love & Mercy“
Moviepilot über „Love & Mercy“
Metacritic über „Love & Mercy“
Rotten Tomatoes über „Love & Mercy“
Wikipedia über „Love & Mercy“, die Beach Boys (deutsch, englisch) und Brian Wilson (deutsch, englisch)
AllMusic über die Beach Boys und Brian Wilson


DVD-Kritik: Julianne Moore sucht die „Maps to the Stars“

März 9, 2015

Während in den USA David Cronenbergs neuer Film gerade in den Kinos anläuft, erscheint er bei uns schon auf DVD – und ich nehme die Gelegenheit wahr, mir den Film wieder ansehen und meine erste Meinung zu überprüfen.
Zum Kinostart schrieb ich:

Natürlich muss in einem Film nicht alles logisch sein. Manchmal muss man halt die Logik links liegen lassen und wenn der Rest stimmt, habe ich als alter Alfred-Hitchcock-Fan kein Problem damit. Auch eine Abfolge absurder Zufälle kann ich akzeptieren. Wenn der Rest stimmt.
In David Cronenbergs neuem Film „Maps to the Stars“ gibt es eine überschaubare Zahl absurder Zufälle, aber viel zu viele vollkommen unlogische Momente; sowohl in der Realität als auch in der Fantasie und wie beide Welten miteinander zusammenhängen. Denn „Maps to the Stars“ spielt in Hollywood. Die Traumfabrik ist natürlich Thema des Films und fast alle Charaktere haben Probleme mit der Realität. Sie haben immer wieder Visionen und Geister hängen überall herum in der Stadt der Engel. Insofern zeigt Cronenberg wieder einmal eine dystopische Welt, in der Schauspieler von ihren Alpträumen verfolgt werden und sie ein gestörtes Verhältnis zu sich und ihrem Körper haben.
So will Havanna Segrand (Julianne Moore), deren Karriere vor sich hin dümpelt, in einem Biopic unbedingt ihre Mutter, zu der sie keine gute Beziehung hatte, spielen. In ihren Tagträumen wird sie von ihrem Geist verfolgt.
Auch der dreizehnjährige Jungstar Benji Weiss (Evan Bird) sieht Geister. Denn der drogensüchtige, frisch aus der Therapie entlassene Kotzbrocken glaubt, dass alle jüngeren Schauspieler ihm die Show stehlen wollen.
Seine Eltern kümmern sich, abgesehen von seiner Karriere, nicht um ihn. Sie pflegen die Fassade des heilen Familienlebens. Benjis Mutter Cristina (Olivia Williams) managt seine Karriere und damit ihr Einkommen. Sein Vater Stafford (John Cusack) ist ein gut verdienender Selbsthilfeguru mit einer TV-Show, der seine Hollywood-Patienten mit einer Gaga-Therapie therapiert, die – immerhin sind wir in einem Cronenberg-Film – an eine Vergewaltigung, bei der das Opfer Geld dafür bezahlt, erinnert.
Ihre Tochter verleugnen sie so gut, dass anscheinend niemand etwas über sie weiß. Sie wurde einfach vor einigen Jahren aus der Familie ausradiert.
Agatha (Mia Wasikowska), die diese Tochter ist, was wir allerdings erst relativ spät im Film erfahren (bis dahin ist sie nur eine junge, schüchterne Frau mit Verbrennungen), kehrt am Filmanfang aus einer geschlossenen Anstalt (auch das erfahren wir erst sehr spät und noch später erfahren wir, warum sie dort war) vom anderen Ende des Landes in einem Greyhound-Bus nach Hollywood zurück, lässt sich von einem Chaffeur (Robert Pattinson), der natürlich in Hollywood Karriere machen möchte, in einer Nobellimousine wie ein Landei, das zum ersten Mal in Hollywood ist, durch die Stadt kutschieren, steigt dann in einem billigem Motel ab und erhält zufällig eine Arbeit bei Havanna Segrand.
Bei ihren Eltern meldet sie sich nicht. Die erfahren auch nur zufällig, dass ihre Tochter wieder zurück ist.
Gerade am Anfang sieht „Maps to the Stars“ wie eine weitere Satire auf Hollywood auf, die gelungen und mit offensichtlichen Anspielungen an Meisterwerke wie Billy Wilders „Sunset Boulevard – Boulevard der Dämmerung“, Robert Altmans „The Player“ oder David Lynchs „Mulholland Drive“ anknüpft. Schon früh bewegt Cronenberg sich allerdings von der Hollywood-Satire weg zu einem Geisterfilm. Plötzlich hängen überall Geister herum und sie erscheinen auch jedem; oft ohne dass ein direkter und konkreter Bezug zu den Taten, Wünschen und Ängsten der Person, die sie sieht, erkennbar ist. Eben diese Beliebigkeit, die eine gute Szene mehr schätzt als eine sinnvolle Gesamtkonstruktion der Geschichte, lässt das Interesse schnell erlahmen. Denn ein irgendwie nachvollziehbarer Ursache-Wirkungszusammenhang ist nicht mehr zu erkennen.
Aber das ist noch nicht die letzte Drehung in dieser Geschichte, die zunächst wie ein Ensemblefilm angelegt ist. Die verschiedenen Plots laufen, ziemlich gewollt, zu einem Porträt einer dysfunktionalen und vollkommen verkorksten Familie zusammen, das allerdings wenig interessiert, weil in dem Moment nur noch ein Anything-goes-Gefühl herrscht. Entsprechend wenig schockierend fallen dann die letzten Enthüllungen der Geheimnisse der Familie Weiss aus.
Sie bestätigen nur den Eindruck, dass Regisseur David Cronenberg und Autor Bruce Wagner („Wild Palms“) nicht wussten, was sie letztendlich erzählen wollten.
Wenn man den Film allerdings als einen surrealen Traum sieht, bei dem nichts wirklich zusammenpasst, bei dem jede Erklärung von dem nächsten Bild sabotiert wird, bei dem man sich nur auf den Augenblick konzentriert, dann entwickelt er sicher ungeahnte Qualitäten.

Zuerst einmal: Herzlichen Glückwunsch an Julianne Moore, die vor wenigen Tagen für ihre Rolle in „Still Alice“ den schon lange verdienten Oscar gewonnen hat. Für „Maps to the Stars“ hätte sie ihn, wenn der Film nicht erst vor einigen Tagen regulär in den US-Kinos angelaufen wäre, auch bekommen können. Für die nächste Oscar-Preisverleihung dürfte Cronenbergs Film dann schon etwas zu alt sein.
Und jetzt zu David Cronenbergs „Sunset Boulevard“ (Boulevard der Dämmerung). Auch beim zweiten Sehen ist erschreckend, wie sehr „Maps to the Stars“ in der zweiten Hälfte in sich zusammenfällt. Denn anstatt bei der Hollywood-Satire zu bleiben, wird „Maps to the Stars“ über weite Strecken zu einem Familiendrama, das nicht sonderlich interessiert. Dafür sind die Charaktere zu eindimensional und zu sehr auf Satire getrimmt. Die Enthüllungen aus der Familie Weiss, die uns schockieren sollen, sind in diesen Momenten zu beliebig. Anstatt zu schockieren, lösen sie höchstens das Da-will-aber-jemand-unbedingt-ein-Tabu-brechen-Achselzucken aus. Denn im Gegensatz zu „Chinatown“, wo am Ende Privatdetektiv J. J. Gittes (Jack Nicholson) mit der Fassung ringt, gibt es in „Maps to the Stars“ nur gähnende Langeweile. In diesen Momenten wird die Filmgeschichte nicht mehr von den Charakteren, sondern nur noch vom Willen des Drehbuchautors nach einer einer weiteren Plotwendung vorangetrieben. Also gibt es eine Enttarnung (Inzest!), ein, zwei Morde, Tote und einen erschossenen Hund, dessen Tod von seinem Besitzer wirklich betrauert wird. Im Gegensatz zu all den anderen Toten.
Das ist schade. Denn gerade in der ersten Hälfte gelingen Cronenberg herrlich verdichtete Szenen aus einer sonnigen Vorhölle, in denen alles stimmt.
Das Bonusmaterial besteht hauptsächlich aus Interviews mit den Beteiligten, die vor dem Filmstart für das EPK (Eletronic Press Kit) gemacht wurden. Deshalb konzentriert es sich weniger auf das Informative, sondern mehr auf das Werbliche. Aber gerade die insgesamt gut 33 Minuten Interviewschnipsel geben auch einige Einblick in die Filmgeschichte, ohne etwas Grundlegendes zu verraten. Immerhin sollen die Interviewclips ja in Berichten über den Film verwandt werden und da wäre es blöd, wenn das Ende verraten würde.
Die beiden Featurettes sind in knapp vier Minuten angesehen und die dreizehn Minuten B-Roll sind halt B-Roll.

Maps to the Stars - DVD-Cover 4

Maps to the Stars (Maps to the Stars, Kanada/USA/Deutschland/Frankreich 2014)
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: Bruce Wagner
mit Julianne Moore, Robert Pattinson, Mia Wasikowska, John Cusack, Evan Bird, Olivia Williams, Sarah Gadon, Carrie Fisher
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

DVD
MFA
Bild: 1.85:1 (16:)
Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1, DTS HD 5.1),
Unertitel: Deutsch, SDH (Untertitel für Hörgeschädigte)
Bonusmaterial: Interviews mit David Cronenberg, Julianne Moore, Mia Wasikowska, John Cusack; Robert Pattinson, Olivia Williams, Evan Bird, Bruce Wagner, Martin Katz; B-Roll; Zwei Featurettes; Zwei TV-Spots; Trailer
Länge: 107 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Die „Maps to the Stars“-Pressekonferenz vom Toronto International Film Festival (TIFF)



Bonushinweis

Cronenberg - Verzehrt - 4

Immer noch nicht gelesen, aber David Cronenbergs erster Roman „Verzehrt“ erhielt schon einige lobende Worte und ganz schlecht kann er nicht sein. Er erzählt von einer Journalistin und einem Fotograf, die viel miteinander skypen. Sie recherchiert in Paris einen Mordfall: der berühmte Philosoph Aristide soll seine Frau ermordet haben. Er fotografiert in Budapest eine riskante Operation und verliebt sich in die Patientin.
Er drehte auch, obwohl sie nichts Ungewöhnliches zeigen, einige sehr verstörende Trailer zum Buch:

Oder, länger, diesen Kurzfilm „The Nest“:



David Cronenberg: Verzehrt
(übersetzt von Tobias Schnettler)
S. Fischer Verlag, 2014,
400 Seiten
22,99 Euro

Originalausgabe
Consumed
Hamish Hamilton (Penguin Canada Books Inc.), 2014

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Maps to the Stars“
Moviepilot über „Maps to the Stars“
Metacritic über „Maps to the Stars“
Rotten Tomatoes über „Maps to the Stars“
Wikipedia über „Maps to the Stars“ 

Meine Besprechung von Marcus Stigleggers “David Cronenberg” (2011)

Meine Besprechung von David Cronenbergs „Cosmopolis“ (Cosmopolis, Frankreich/Kanada 2012)

Meine Besprechung von David Cronenbergs “Maps to the Stars” (Maps to the Stars, Kanada/USA/Deutschland/Frankreich 2014)

David Cronenberg in der Kriminalakte

Und zum Abschluss einige Worte vom Meister. Alle gesprochen im Umfeld der Veröffentlichung von „Verzehrt“:

Er liest aus seinem Roman vor und spricht über ihn (St. Francis College, 2. Oktober 2014)

Ein Gespräch zum Roman „Verzehrt“; nicht nur über den Roman (aufgenommen Ende September in Toronto bei einer öffentlichen Prösentation; Bild und Ton sind – naja):

Und Wired hat sich ebenfalls mit David Cronenberg über seinen Roman unterhalten:

 


TV-Tipp für den 25. Februar: Das Urteil – Jeder ist käuflich

Februar 25, 2015

Kabel 1, 20.15

Dar Urteil – Jeder ist käuflich (USA 2003, Regie: Gary Fleder)

Drehbuch: Brian Koppelman, David Levien, Rick Cleveland, Matthew Chapman

LV: John Grisham: The runaway jury, 1996 (Das Urteil)

Die Witwe eines bei einem Amoklauf erschossenen Geschäftsmannes verklagt die Waffenhersteller. Die Angeklagten engagieren Rankin Fitch, ihnen die passenden Geschworenen herauszusuchen. Aber der Geschworene Nick Easter spielt sein eigenes Spiel.

Der erste gemeinsame Film der seit Jahrzehnten befreundeten Stars Gene Hackman (in seinem vorletztem Film) und Dustin Hoffman ist ein spannender Verschwörungsthriller über die Käuflichkeit des us-amerikanischen Justizsystems. Während des Drehs bemerkten die Macher, dass sie zwar einen Hackman/Hoffman-Film drehten, aber keine Hackman/Hoffman-Szene hatten. Also wurde die Toiletten-Szene geschrieben.

Das Drehbuch zu dieser gelungenen Grisham-Verfilmung war 2004 für den Edgar Allan Poe-Preis als bestes Drehbuch nominiert.

Mit John Cusack, Gene Hackman, Dustin Hoffman, Rachel Weisz, Bruce Davison, Jennifer Beals

Wiederholung: Donnerstag, 26. Februar, 02.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Das Urteil”

Homepage von John Grisham

Wikipedia über John Grisham (deutsch, englisch) und “Das Urteil” (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über John Grisham

John-Grisham-Fanseite

John Grisham in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Gary Fleders „Homefront“ (Homefront, USA 2013)


TV-Tipp für den 16. Dezember: The Ice Harvest

Dezember 16, 2014

Der einzig echte, wahre und wahrhaftige Weihnachtsfilm

Pro7 Maxx, 23.05

The Ice Harvest (USA 2005, Regie: Harold Ramis)

Drehbuch: Richard Russo, Robert Benton

LV: Scott Phillips: The Ice Harvest, 2000 (Alles in einer Nacht)

Heiligabend in Wichita, Kansas: Anwalt Charlie Arglist hat mit seinem Kumpel Vic einen Mafiaboss um zwei Millionen Dollar erleichtert. Bevor er Wichita verlassen kann, muss er noch den Weihnachtsabend überleben. Denn anscheinend wollen die Verwandtschaft, Kleingangster, eine Femme Fatale, ein Killer, sein nicht vertrauenswürdiger Mitverbrecher und der titelgebende Eissturm seinen Plan durchkreuzen.

Hochkarätig besetzte schwarze Komödie, die bei uns leider nur auf DVD veröffentlicht wurde.

Scott Phillips‘ Debütroman war für den Edgar und Hammett Preis nominiert. Das Drehbuch war auch für einen Edgar nominiert.

Mit John Cusack, Billy Bob Thornton, Connie Nielsen, Randy Quaid, Oliver Platt, Ned Bellamy

Hinweise

Homepage von Scott Phillips

Amerikanische Homepage zum Film

Rotten Tomatoes über „The Ice Harvest“


Neu im Kino/Filmkritik: David Cronenberg präsentiert die „Maps to the Stars“ mit vielen Stars

September 11, 2014

Natürlich muss in einem Film nicht alles logisch sein. Manchmal muss man halt die Logik links liegen lassen und wenn der Rest stimmt, habe ich als alter Alfred-Hitchcock-Fan kein Problem damit. Auch eine Abfolge absurder Zufälle kann ich akzeptieren. Wenn der Rest stimmt.
In David Cronenbergs neuem Film „Maps to the Stars“ gibt es eine überschaubare Zahl absurder Zufälle, aber viel zu viele vollkommen unlogische Momente; sowohl in der Realität als auch in der Fantasie und wie beide Welten miteinander zusammenhängen. Denn „Maps to the Stars“ spielt in Hollywood. Die Traumfabrik ist natürlich Thema des Films und fast alle Charaktere haben Probleme mit der Realität. Sie haben immer wieder Visionen und Geister hängen überall herum in der Stadt der Engel. Insofern zeigt Cronenberg wieder einmal eine dystopische Welt, in der Schauspieler von ihren Alpträumen verfolgt werden und sie ein gestörtes Verhältnis zu sich und ihrem Körper haben.
So will Havanna Segrand (Julianne Moore), deren Karriere vor sich hin dümpelt, in einem Biopic unbedingt ihre Mutter, zu der sie keine gute Beziehung hatte, spielen. In ihren Tagträumen wird sie von ihrem Geist verfolgt.
Auch der dreizehnjährige Jungstar Benji Weiss (Evan Bird) sieht Geister. Denn der drogensüchtige, frisch aus der Therapie entlassene Kotzbrocken glaubt, dass alle jüngeren Schauspieler ihm die Show stehlen wollen.
Seine Eltern kümmern sich, abgesehen von seiner Karriere, nicht um ihn. Sie pflegen die Fassade des heilen Familienlebens. Benjis Mutter Cristina (Olivia Williams) managt seine Karriere und damit ihr Einkommen. Sein Vater Stafford (John Cusack) ist ein gut verdienender Selbsthilfeguru mit einer TV-Show, der seine Hollywood-Patienten mit einer Gaga-Therapie therapiert, die – immerhin sind wir in einem Cronenberg-Film – an eine Vergewaltigung, bei der das Opfer Geld dafür bezahlt, erinnert.
Ihre Tochter verleugnen sie so gut, dass anscheinend niemand etwas über sie weiß. Sie wurde einfach vor einigen Jahren aus der Familie ausradiert.
Agatha (Mia Wasikowska), die diese Tochter ist, was wir allerdings erst relativ spät im Film erfahren (bis dahin ist sie nur eine junge, schüchterne Frau mit Verbrennungen), kehrt am Filmanfang aus einer geschlossenen Anstalt (auch das erfahren wir erst sehr spät und noch später erfahren wir, warum sie dort war) vom anderen Ende des Landes in einem Greyhound-Bus nach Hollywood zurück, lässt sich von einem Chaffeur (Robert Pattinson), der natürlich in Hollywood Karriere machen möchte, in einer Nobellimousine wie ein Landei, das zum ersten Mal in Hollywood ist, durch die Stadt kutschieren, steigt dann in einem billigem Motel ab und erhält zufällig eine Arbeit bei Havanna Segrand.
Bei ihren Eltern meldet sie sich nicht. Die erfahren auch nur zufällig, dass ihre Tochter wieder zurück ist.
Gerade am Anfang sieht „Maps to the Stars“ wie eine weitere Satire auf Hollywood auf, die gelungen und mit offensichtlichen Anspielungen an Meisterwerke wie Billy Wilders „Sunset Boulevard – Boulevard der Dämmerung“, Robert Altmans „The Player“ oder David Lynchs „Mulholland Drive“ anknüpft. Schon früh bewegt Cronenberg sich allerdings von der Hollywood-Satire weg zu einem Geisterfilm. Plötzlich hängen überall Geister herum und sie erscheinen auch jedem; oft ohne dass ein direkter und konkreter Bezug zu den Taten, Wünschen und Ängsten der Person, die sie sieht, erkennbar ist. Eben diese Beliebigkeit, die eine gute Szene mehr schätzt als eine sinnvolle Gesamtkonstruktion der Geschichte, lässt das Interesse schnell erlahmen. Denn ein irgendwie nachvollziehbarer Ursache-Wirkungszusammenhang ist nicht mehr zu erkennen.
Aber das ist noch nicht die letzte Drehung in dieser Geschichte, die zunächst wie ein Ensemblefilm angelegt ist. Die verschiedenen Plots laufen, ziemlich gewollt, zu einem Porträt einer dysfunktionalen und vollkommen verkorksten Familie zusammen, das allerdings wenig interessiert, weil in dem Moment nur noch ein Anything-goes-Gefühl herrscht. Entsprechend wenig schockierend fallen dann die letzten Enthüllungen der Geheimnisse der Familie Weiss aus.
Sie bestätigen nur den Eindruck, dass Regisseur David Cronenberg und Autor Bruce Wagner („Wild Palms“) nicht wussten, was sie letztendlich erzählen wollten.
Wenn man den Film allerdings als einen surrealen Traum sieht, bei dem nichts wirklich zusammenpasst, bei dem jede Erklärung von dem nächsten Bild sabotiert wird, bei dem man sich nur auf den Augenblick konzentriert, dann entwickelt er sicher ungeahnte Qualitäten.

Maps to the Stars - Plakat - 4

Maps to the Stars (Maps to the Stars, Kanada/USA/Deutschland/Frankreich 2014)
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: Bruce Wagner
mit Julianne Moore, Robert Pattinson, Mia Wasikowska, John Cusack, Evan Bird, Olivia Williams, Sarah Gadon, Carrie Fisher
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Maps to the Stars“
Moviepilot über „Maps to the Stars“
Metacritic über „Maps to the Stars“
Rotten Tomatoes über „Maps to the Stars“
Wikipedia über „Maps to the Stars“ 

Meine Besprechung von Marcus Stigleggers “David Cronenberg” (2011)

Meine Besprechung von David Cronenbergs „Cosmopolis“ (Cosmopolis, Frankreich/Kanada 2012)

Die brandaktuelle Pressekonferenz vom Toronto International Film Festival (TIFF)


DVD-Kritik: Elijah Wood spielt das „Grand Piano – Symphonie der Angst“

Juni 16, 2014

Obwohl „Grand Piano“ nicht besonders lang ist – ohne Abspann ist die Geschichte nach knapp 75 Minuten vorbei – ist der Thriller keine Minute zu lang, weil er trotz aller Spannung seine idiotische Prämisse nicht verleugnen kann.
Ein Unbekannter erpresst den Starpianisten Tom Selznick (Elijah Wood mit unangenehm starrem Blick), der nach einer fünfjährigen Konzertpause mit einem großen Orchester und einem ganz besonderem Piano vor großer Kulisse auftritt. Wenn Selznick während des Konzertes einen Spielfehler macht, eine falsche Taste anschlägt, wird er ihn erschießen. Und als Beweis für seine Ernsthaftigkeit schießt er gleich einmal, während des Konzertes, neben das Piano auf den Bühnenboden.
Selznick spielt also wirklich um sein Leben. Vor allem nachdem er das unspielbare Stück, an dem er schon einmal vor fünf Jahren scheiterte (damals ohne schießwütige Motivationshilfe), spielen soll. Gleichzeitig versucht er herauszufinden, wer der Unbekannte ist.
Das hat, wenn Selznick gleichzeitig spielt, mit dem Erpresser telefoniert und Textnachrichten verschickt, eine beträchtliche Spannung. Vor allem, solange das Motiv des Bösewichts unklar ist.
Allerdings ist die ganze Geschichte nicht besonders glaubwürdig. Ein Erpresser, der seinem Opfer Angst einjagt, um ihn zum fehlerfreien Spielen anzuleiten, hat eigentlich genau die Methode erwischt, die sein Ziel besonders gut sabotiert. Dass dann Selznick ein so guter Pianist ist, dass er während des Konzerts gleichzeitig spielt und telefoniert, auch mal schnell von der Bühne verschwindet, gehört in das Land der Fantasie, in dem sich niemand über so ein seltsames Verhalten wundert und Multitasking ein leistungssteigerndes Elixier ist.
Sowieso taugt das Motiv des Bösewichts allenfalls als schlechter MacGuffin. Seine Ziele hätte er auf vielen anderen Wegen einfacher und sicher auch erfolgreicher erreichen können.
„Grand Piano“ ist eine Übung in Suspense, bar jeglicher psychologischen Glaubwürdigkeit und Erklärungen. Ein kaltes, mechanisches Stück, das mit seiner technischen Bravour und seinem optischen Einfallsreichtum beeindruckt und auch eine Liebeserklärung an Alfred Hitchcock, den Master of Suspense ist.

Grand Piano - DVD-Cover neu

Grand Piano – Symphonie der Angst (Grand Piano, Spanien 2013)
Regie: Eugenio Mira
Drehbuch: Damien Chazelle
mit Elijah Wood, John Cusack, Kerry Bishé, Tamsin Egerton, Don McManus, Dee Wallace

DVD
Koch Media
Bild: 2.35:1 (16:9)
Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1, DTS 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Trailer
Länge: 86 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Moviepilot über „Grand Piano“
Metacritic über „Grand Piano“
Rotten Tomatoes über „Grand Piano“
Wikipedia über „Grand Piano“ 


TV-Tipp für den 16. Oktober: Mitternacht im Garten von Gut und Böse

Oktober 16, 2013

Arte, 20.15

Mitternacht im Garten von Gut und Böse (USA 1997, R.: Clint Eastwood)

Drehbuch: John Lee Hancock

LV: John Berendt: Midnight at the Garden of Good and Evil, 1994 (Mitternacht im Garten der Lüste)

Der New Yorker Reporter John Kelso soll in Savannah, Georgia, nur über die traditionelle Weihnachtsfeier eines vermögenden Antiquitätenhändlers berichten. Aber dann geschieht ein Mord und Savannah hat einen ausgewachsenen Skandal.

Bei der Verfilmung des, an der Kinokasse ziemlich untergegangenen, True-Crime-Bestsellers von John Berendt beschränkte Clint Eastwood sich auf die Regie. Er inszenierte ein langes, nicht sonderlich spannendes, in einer Gerichtsverhandlung mündendes  Opus über die Doppelmoral im Süden der USA.

„Eastwoods Faszination für gepflegte Langsamkeit [verlangt] dem Zuschauer einiges an Geduld ab. Wer sie aufbringt, wird entlohnt mit dem exotischen Sittengemälde einer bizarren Gesellschaft der obersten Tausend.“ (Angie Dullinger, AZ)

Mit John Cusack, Kevin Spacey, Jude Law, Alison Eastwood, Lady Chablis (als sie selbst)

Wiederholung: Freitag, 18. Oktober, 14.00 Uhr

Hinweise

Booknotes: Interview mit John Berendt (28. August 1997)

Metacritic über „Mitternacht im Garten von Gut und Böse“

Rotten Tomatoes über „Mitternacht im Garten von Gut und Böse“

Wikipedia über „Mitternacht im Garten von Gut und Böse“ (englisch, deutsch)

Kriminalakte: Glückwünsche zum achtzigsten Geburtstag von Clint Eastwood

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Hereafter – Das Leben danach“ (Hereafter, USA 2010)

Clint Eastwood in der Kriminalakte

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Der Butler“ dient im Weißen Haus

Oktober 10, 2013

 

Weltgeschichte durch die Augen eines Butlers. Warum nicht? Vor allem wenn der Butler im Weißen Haus arbeitet und unter sieben Präsidenten von 1957 bis 1986 diente. Also von Kennedy über Nixon bis zu Reagan. Das war ja, wie man pathetisch sagt, eine Zeit großer Veränderungen in den Vereinigten Staaten.

Und wenn dann noch Lee Daniels, der Regisseur des Oscar-prämierten Dramas „Precious“ und des interessant gescheiterten Trash-Thrillers „Pete Dexters The Paperboy“, Regie führt und viele bekannte und gute Schauspieler – die Oscar-Dichte ist enorm hoch – mitspielen, dann sollte doch wenigstens gutes Kino herauskommen.

Aber „Der Butler“ ist eigentlich eine Demonstration im Scheitern.

Beginnen wir mit den Stars, die fast alle nur ein, zwei, drei Szenen haben und wahrscheinlich auch nicht mehr Drehtage hatten, aber viel Zeit in der Maske verbringen durften: Robin Williams spielt Dwight Eisenhower, James Marsden spielt John F. Kennedy, Liev Schreiber spielt Lyndon B. Johnson, John Cusack spielt Richard Nixon, Jane Fonda spielt Nancy Reagan und Alan Rickman spielt Ronald Reagan.

Nicht gerade die Schauspieler, die einem bei einem Ähnlichkeitswettbewerb sofort einfallen würden und die alle einmal durch die Kulisse laufen dürfen.

Forest Whitaker als Butler Cecil Gaines und Oprah Winfrey als seine Ehefrau Gloria sind vor allem als junges Ehepaar viel zu alt für die Rollen. Er ist Jahrgang 1961, sie 1954. Später fällt das weniger auf, aber Whitaker spielt den älteren Cecil Gaines dann wie den Tattergreis, den wir aus den entsprechend unwitzigen Komödien kennen.

Allerdings spielt der größte Teil des Films zwischen Gaines‘ Jugend und den späten sechziger Jahren und damit vor seinem fünfzigstem Geburtstag.

Die Filmgeschichte folgt dabei chronologisch dem Leben von Cecil Gaines. Die Inspiration für Gaines war Eugene Allen (1919 – 2010) und sein Name wurde, nachdem schon Allens halbe Biographie für den Film verändert wurde, geändert, um den fiktionalen Charakter des Films zu betonen. Denn Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig, aber allein dem Sujet geschuldet und man wollte nicht auf die schönen Worte „nach einer wahren Geschichte“ verzichten.

Gaines wuchs als Sklave auf den Baumwollfeldern auf, flüchtete und erhielt schließlich 1957 eine Stelle als Butler im Weißen Haus. Diese Aufstiegsgeschichte ist auch der interessantes Teil des Films. Denn hier will Gaines noch etwas und Lee Daniels nimmt sich Zeit beim Erzählen.

Später, im Weißen Haus, versucht Gaines dann – erfolgreich – möglichst nicht aufzufallen. Denn als Butler ist man ein Diener, eine helfende Hand. Mehr nicht. Weltgeschichte, die Gaines während seiner Arbeit erlebt, taucht höchstens in Splittern auf, wenn er einen Raum betritt und sich in ihm gerade der Präsident mit einem hohen Gast oder seinem Stab unterhält. Einen Einfluss auf das Leben von Gaines hat es nicht.

Den hat schon eher sein Sohn, der als politischer Aktivist Teil des Civil Rights Movement ist, der deshalb in den Sechzigern entsprechend oft Ärger mit dem Gesetz hat und zufällig ungefähr bei jedem wichtigen Ereignis der Bürgerrechtsbewegung dabei ist. Aber nach seinen wilden Jugendjahren und Aktionen, die sein Vater alle vollständig ablehnte, fällt er plötzlich aus dem Film heraus und taucht erst am Filmende, zur Versöhnung, wieder auf.

Außerdem eilt Daniels im Weißen Haus im episodischen Sauseschritt durch die Weltgeschichte, die Familiengeschichte von Gaines, die oft die Qualität einer TV-Soap hat, und die Jahrzehnte.

Und Cecil Gaines ist als weitgehend passiver Protagonist, der nie um etwas kämpfen musste, ein rechter Langweiler, dessen Haltungslosigkeit sich auf die gesamte Geschichte überträgt.

So ist der „Der Butler“, ein Überraschungserfolg an der US-Kinokasse, nur eine stargespickte Nummernrevue, in der US-amerikanische Geschichte aus afroamerikanischer Perspektive von der rechtlosen Knechtschaft auf Baumwollfeldern bis zur Präsidentschaft von Barack Obama als langweilig-biederes, unpolitisches Ausstattungskino erzählt wird, die nicht mehr Tiefe als ein Familienfotoalbum hat und auch ungefähr genauso interessant ist.

Der Butler - Plakat

Der Butler (Lee Daniels‘ The Butler/The Butler, USA 2013)

Regie: Lee Daniels

Drehbuch: Danny Strong

LV: Will Haygood: A Butler Well Served by This Election (Zeitungsreportage, Washington Post, 2008)

mt Forest Whitaker, Oprah Winfrey, John Cusack, Jane Fonda, Cuba Gooding Jr., Terrence Howard, Lenny Kravitz, James Marsden, David Oyelowo, Vanessa Redgrave, Alan Rickman, Liev Schreiber, Robin Williams, Yaya Alafia, Colman Domingo, Nelsan Ellis, Minka Kelly, Mariah Carey, Clarence Williams III

Länge: 132 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Der Butler“

Moviepilot über „Der Butler“

Metacritic über „Der Butler“

Rotten Tomatoes über „Der Butler“

Wikipedia über „Der Butler“ 

History vs. Hollywood über „Der Butler“

Meine Besprechung von Lee Daniels‘ „Pete Dexters The Paperboy“ (The Paperboy, USA 2012)

 

 


Buchkritik & Filmkritik: „Paperboy“ – ein Roman von Pete Dexter, ein Film von Lee Daniels

Juli 17, 2013

Der Plot von „Paperboy“ klingt gut und hat sich schon in zahlreichen Büchern und Filmen bewährt: ein Fremder kommt in die Stadt und räumt auf. In Pete Dexters Roman kommen zwei Reporter in den sechziger Jahren in eine US-Kleinstadt, um den Mörder des Sheriffs zu finden. Denn sie glauben nicht, dass der zum Tode verurteilte Hillary Van Wetter der Mörder ist.

Auch die ersten Zeilen von Peter Dexters „Paperboy“ sind gut. In ihnen führt er pointiert seine Charaktere und die Konflikte ein. Thurmond Call, der ermordete Sheriff von Moat County, einem Flecken Land in den Sümpfen von Florida, war ein Mann, „der in Ausübung seines Amtes eine selbst für die Verhältnisse von Moat County unangemessen hohe Anzahl von Schwarzen umgebracht hatte“. Nachdem er einen Weißen zu Tode trampelte, wird er bestialisch ermordet und Hillary Van Wetter, ein Verwandter des Toten, einer seit Ewigkeiten in den Sümpfen lebenden Hinterwäldlersippe, wird zum Tode verurteilt.

Während er im Gefängnis sitzt, verliebt sich Charlotte Bless in ihn und will ihn freibekommen. Zwei Reporter der Miami Times, Ward James und Yardley Acheman, sollen mit ihrer Hilfe eine Reportage über ihn schreiben, die den damaligen Fall wieder aufrollt. Ward ist der eine Sohn des Herausgebers der örtlichen Tageszeitung. Jack ist sein zweiter Sohn und der Erzähler von „Paperboy“. Der Junge verdient, nachdem er kurz nach Studienbeginn wegen Vandalismus von der University of Florida exmatrikuliert wurde, sein Geld als Zeitungsausfahrer und dann als Fahrer von seinem Bruder und Yardley. Außerdem verliebt er sich in die Mittvierzigerin Charlotte, der Inbegriff eines „Heißen Fegers“, einer Frau, die Männer reihenweise den Kopf verdreht und immer den falschen Mann auswählt.

Sie beginnen den Fall aufzurollen und stoßen schnell auf einige Ungereimtheiten. Van Wetter scheint unschuldig im Gefängnis zu sitzen.

Aber der Krimiplot und das Aufdecken der kleinstädtischen Bigotterie steht nicht wirklich im Mittelpunkt von Pete Dexters mit dem Literary Award des PEN Center USA ausgezeichneten Romans.

Stattdessen geht es auch um das sexuelle Erwachen von Jack, der sich in Charlotte verliebt, die Beziehung zwischen den beiden Brüdern und zu ihrem Vater William Ward James und verschiedene kleinere Erlebnisse von Jack, die die Haupthandlung nicht voranbringen. Jedenfalls wenn man die Recherchen von Ward und Yardley als die Haupthandlung betrachtet und nicht das Leben von Ward (immerhin beginnt Dexter seinen Roman mit dem Satz „Mein Bruder Ward war einmal berühmt.“) oder die Entwicklungsgeschichte des Ich-Erzählers oder die Geschichte der Familie James. Sowieso ist der Ich-Erzähler eher ein passiver Beobachter der Recherchen als ein aktiver Teil. Wichtige Erkenntnisse erfährt er, und damit auch wir, sogar nur vom Hörensagen.

Und nach zwei Dritteln ist der Krimiplot ziemlich abgehandelt. Denn nachdem auf Seite 205 die beiden Journalisten ihre Recherche-Ergebnisse veröffentlichen, kommt Van Wetter frei – und anstatt jetzt im letzten Drittel des Romans den Krimiplot, den Dexter auch auf den vorherigen Seiten eher mitschleppte als energisch zu entwickeln, weiter voranzutreiben, lässt er ihn links liegen und erzählt zunehmend langatmig vor sich hin plätschernd von dem weiteren Leben der Hauptcharaktere. Dabei wird die Geschichte von Wards Berühmtheit durch den Artikel über Van Wetter, für den er sogar den Pulitzer-Preis erhielt, zunehmend beliebiger und langweiliger. Denn plötzlich geht es nur noch über gefühlt tausende von Seiten um die Befindlichkeiten von Jack, Ward und Yardley, aber es ist auch vollkommen unklar, welches Ende Pete Dexter ansteuert; also was er erzählen will.

Auch die Verfilmung von „Paperboy“ ist eine überraschend große Enttäuschung. Pete Dexter schrieb eine frühere Fassung des Drehbuchs. Regisseur Lee Daniels („Precious“) überarbeitete sie, so erzählt er im Bonusmaterial der DVD, und wahrscheinlich stammt die starke Betonung der Rassenkonflikte, die so im Buch nicht vorhanden ist, von ihm. Obwohl dieses Thema auch in Dexters Werk wichtig ist und dem Film eine durchaus interessante Dimension beifügt.

Indem sich stärker auf den Krimiplot konzentriert wird, unterscheidet die Filmgeschichte, die von der afroamerikanischen Haushälterin der Jansens erzählt wird, sich – zu ihrem Vorteil – kräftig vom Roman. Ebenso wird Jacks Verliebtheit in Charlotte Bless und sein damit verbundenes Coming-of-Age-Drama klarer herausgearbeitet. Es geht auch deutlicher um die damaligen Umbrüche, vulgo Rassenkonflikte, Alltagsrassismus, Homosexualität und Homophobie.

Die Besetzung, unter anderem Matthew McConaughey, Nicole Kidman, John Cusack, Scott Glenn und Ned Bellamy, ist hochkarätig und spielfreudig. Die unbekannteren Schauspieler Zac Efron und David Oyelowo, die als Jack Warden und Yardley Acheman wichtige Rollen spielen, sind ebenfalls gut. Aber sie alle werden von Nicole Kidman als Charlotte Bless und John Cusack als Hillary Van Wetter in den Schatten gestellt. Beide sind konträr zu ihrem Typ besetzt und sie werfen sich lustvoll in ihre Rollen. Sie spielen unsympathische Charaktere, die auch unsympathisch bleiben. So ist Hillary Van Wetter ein Arschloch vor dem Herrn, das sich in seiner Rolle gefällt und überhaupt nicht sympathisch sein will. Er ist einfach nur ein notgeiler, dummer, bauernschlauer Hinterwädler und ziemlich böse.

Die Locations, vor allem die Bilder aus den Sümpfen, gefallen und verleihen dem Film eine fiebrige Atmosphäre.

Aber all die Teile bleiben Splitter, die sich nie zu einem kohärentem Ganzen zusammenfügen. „Pete Dexters The Paperboy“ wird somit schnell zu einem zähen Drama irgendwo zwischen Coming-of-Age-Drama und Film Noir, das sich nie wirklich entscheiden kann, wessen Geschichte erzählt wird, weil Lee Daniels irgendwie alles erzählen will.

Letztendlich ist die Verfilmung – wie das Buch – eine große Enttäuschung. Nicht weil sie so schlecht ist, sondern weil sie so viel besser hätte sein können. Aber als Camp funktioniert der hysterisch-schwüle „The Paperboy“, mit etlichen abgedrehten Szenen (meistens mit Kidman und Cusack) prächtig.

Dexter - Paperboy

Pete Dexter: Paperboy

(übersetzt von Bernhard Robben)

Liebeskind, 2013

320 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

The Paperboy

Random House, 1995

Verfilmung

The Paperboy - DVD-Cover

Pete Dexters The Paperboy (The Paperboy, USA 2012)

Regie: Lee Daniels

Drehbuch: Pete Dexter, Lee Daniels

mit Zac Efron, Matthew McConaughey, Nicole Kidman, John Cusack, Macy Gray, David Oyelowo, Scott Glenn, Ned Bellamy

DVD

Studiocanal

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making Of, Hinter den Kulissen, Interviews mit Cast und Crew, Trailer, Wendecover

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Krimi-Couch über Pete Dexter

Englische Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Paperboy“

Metacritic über „The Paperboy“

Rotten Tomatoes über „The Paperboy“

Wikipedia über Pete Dexter (deutsch, englisch) und „The Paperboy“ 


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