Neu im Kino/Filmkritik: „Late Night – Die Show ihres Lebens“, wenn sie die nächsten Monate überlebt

August 30, 2019

Tonight with Katherine Newbury“ läuft seit gut dreißig Jahren als Late-Night-Talkshow im US-Fernsehen. Zuletzt mit sinkenden Quoten und Katherine Newbury (Emma Thompson) wird mit dem Vorwurf konfrontiert, eine Frauenhasserin zu sein. Schließlich feuerte sie in den vergangenen Jahren jede Frau, die sie jemals einstellte, kurz darauf wieder. Ihr Writers‘ Room ist eine frauenfreie Zone.

Um diesen Vorwurf zu entkräften, lässt sie Molly Patel (Mindy Kaling) einstellen. Molly hat im Comedygeschäft keinerlei Berufserfahrung, aber sie ist eine Frau und sie gehört einer Minderheit ein. Damit kann gut geworben werden. Und nach einigen Monaten wird sie, wie ihre Vorgängerinnen, entlassen.

Molly, die Newbury bewundert, stolpert an ihrem ersten Arbeitstag ungeschickt in die Besprechung von Newburys Autorenteam, das ein seit Jahren eingespieltes Team alter weißer Männer ist, die ohne große Ambitionen vor sich hin arbeiten. Molly beginnt, ausgehend von ihren Ambitionen und ihrer bisherigen Berufserfahrung als Qualitätskontrolleurin in einer Chemiefabrik, gleich mit einer Fehleranalyse und sie liefert Vorschläge zur Behebung der Fehler. Außerdem schreibt sie Witze, wie sie bisher in Newburys Show noch nicht zu hören waren. Der Weg vom Schreiben des Witzes bis zur Präsentation in der Show ist allerdings weit.

Zur gleichen Zeit eröffnet die neue Programmchefin Newbury, dass ihre Show demnächst eingestellt wird. Ein vulgärer Komödiant soll den Sendeplatz übernehmen.

Newbury, die in den letzten Jahren ihre Show auf Autopilot herunterspulte, nimmt den Kampf auf.

Late Night – Die Show ihres Lebens“ ist eine sehr unterhaltsame Komödie, die einen liebevollen Blick hinter die Kulissen der seit Ewigkeiten und immer noch männlich dominierten Late-Night-Shows wirft. Wenn Frauen in den vergangenen Jahrzehnten in den USA eine Late-Night-Show moderierten, taten sie das nur kurz.

Mitte September könnte sich das mit „A Little Late with Lilly Singh“ ändern. Diese neue Late-Night-Show wird nicht nur von einer Frau moderiert, sondern sogar von einer bekennend bisexuellen Frau. Damit ist Singh die erste Person aus der LGBT-Community, die eine Late-Night-Show moderiert. Sie ist auch nach einer fast zwanzigjährigen Pause die erste Moderatorin, deren Vorfahren nicht aus Europa kommen. Die Eltern der Kanadierin stammen aus Indien. Soviel zur Diversität in einem in den USA erfolgreichen Showsegment, das in Deutschland abgehen von der „Harald Schmidt Show“ fast unbekannt ist. .

Diese mangelnde Diversität erfuhr auch Hauptdarstellerin und Drehbuchautorin Mindy Kaling. Sie war die erste Frau im Autorenteam der Sitcom „The Office – Das Büro“. Danach erfand sie die Serie „The Mindy Project“.

Late Night“-Regisseurin Nisha Ganatra, die wie Kaling indische Vorfahren hat, inszenierte in den vergangenen Jahren vor allem Episoden für Serien wie „Transparent“, „Better Things“, „Brooklyn Nine-Nine“ und „The last Man on Earth“. Mindy Kaling lernte sie kennen, als sie eine Episode von „The Mindy Project“ inszenierte.

Die von Kaling erfundene Geschichte bewegt sich auf den vertrauten Pfaden. Die Pointen sitzen. Die Schauspieler sind spielfreudig. Und man sieht gerne über die Schwächen hinweg. Das sind das doch arg konventionelle Drehbuch, einige unplausible Stellen und die widersprüchliche Zeichnung von Katherine Newbury, die einerseits höchste Leistungen fordert, andererseits seit Jahren auf Autopilot ihre Sendung macht und keinen Kontakt zu ihren Autoren hat. Gerade das ist, wenn Menschen über Jahre auf engstem Raum zusammenarbeiten, nicht besonders glaubwürdig. Und es ist etwas merkwürdig, dass intelligente Menschen, die von ihrem Chef wie Dreck behandelt werden, sich keinen neuen Job suchen, sondern über Jahre bei ihr weiterarbeiten.

Late Night“ ist eine Feelgood-Komödie, in der arbeitende Frauen nicht den Mann fürs Leben suchen (Newbury hat ihren schon lange gefunden) und die, trotz der wenigen Frauenrollen, den Bechdel-Test besteht. Es gibt, mit der Programmchefin sogar drei wichtige Frauenrollen. Die Frauen, vor allem Newbury und Molly sprechen miteinander und sie unterhalten sich nicht über einen Mann, sondern vor allem über die Show und damit ihre Arbeit.

Late Night – Die Show ihres Lebens (Late Night, USA 2019)

Regie: Nisha Ganatra

Drehbuch: Mindy Kaling

mit Emma Thompson, Mindy Kaling, John Lithgow, Reid Scott, Hugh Dancy, Denis O’Hare, Max Casella, John Early, Paul Walter Hauser, Ike Barinholtz, Amy Ryan, Bill Maher, Seth Meyers, Jake Tapper

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Late Night“

Metacritic über „Late Night“

Rotten Tomatoes über „Late Night“

Wikipedia über „Late Night“ (deutsch, englisch)

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TV-Tipp für den 7. April: The Accountant

April 6, 2019

Pro7, 20.15

The Accountant (The Accountant, USA 2016)

Regie: Gavin O’Connor

Drehbuch: Bill Dubuque

Christian Wolff (Ben Affleck) ist Autist, Chef von „ZZZ Accounting“ und Kreditberater. Außerdem ist das auf seine Aufgaben fokussierte Mathegenie der Buchprüfer für verschiedene Verbrecherkartelle.

Für Living Robotics, einer Firma die auch Prothesen herstellt, soll er die Bücher prüfen. Ein hundertprozentig legaler Auftrag, der ihn in Teufels Küche bringt. Jetzt werden seine Fähigkeiten als Auftragskiller benötigt.

Wenn man darüber hinwegsieht, dass „The Accountant“ Humbug ist, ist Gavin O’Conner ein angenehm altmodischer Gangsterfilm gelungen, der seine Geschichte etwas intelligenter als erwartet zusammenfügt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Die Ausstrahlung des FSK-16-Films um 20.15 Uhr ist wahrscheinlich gekürzt.

mit Ben Affleck, Anna Kendrick, J. K. Simmons, Jon Bernthal, Jean Smart, Cynthia Addai-Robinson, Jeffrey Tambor, John Lithgow, Rob Treveiler, Andy Umber, Ron Prather, Susan Williams

Wiederholung: Montag, 8. April, 01.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

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Moviepilot über „The Accountant“

Metacritic über „The Accountant“

Rotten Tomatoes über „The Accountant“

Wikipedia über „The Accountant“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Gavin O’Connors „Jane got a Gun“ (Jane got a Gun, USA 2015)

Meine Besprechung von Gavin O’Connors „The Accountant“ (The Accountant, USA 2016)


Neu im Kino/Buch– und Filmkritik: Was gibt es Neues auf dem „Friedhof der Kuscheltiere“?

April 4, 2019

Stephen Kings Horrorroman „Friedhof der Kuscheltiere“ las ich als Teenager innerhalb weniger Tage während der Schule. Heute erinnere ich mich vor allem an die Hauskatze, die, nachdem sie von den Toten wiederauferstanden ist, einige richtig fiese und angsteinflößende Gruselkatze ist und dass immer wieder, mitten in der Nacht, über die im Wald liegende Holzbarriere geklettert wird.

Die Verfilmung von 1989 interessierte mich danach nicht sonderlich. Wie könnte ein Film, der damals von der Kritik nicht gerade euphorisch abgefeiert wurde, den Grusel des Romans toppen?

Irgendwann später sah ich mir die Verfilmung an und fand sie okay.

Jetzt, dreißig Jahre nach Mary Lamberts Verfilmung, für die Stephen King höchstpersönlich das Drehbuch geschrieben und eine kleine Rolle übernommen hatte, gibt es eine neue Verfilmung von Kings Roman, die gelungen eigene Akzente setzt.

Die Geschichte dürfte bekannt sein: Die Familie Creed zieht von der Großstadt nach Ludlow, einer Kleinstadt in Maine. Der Vater, Dr. Louis Creed (Jason Clarke), hat eine Stelle als Arzt im Gesundheitszentrum der Universität angenommen. Bei ihm sind seine Frau Rachel (Amy Seimetz) und ihre beiden Kinder, die achtjährige Tochter Ellie (Jeté Laurence) und ihr zweijähriger Sohn Gage (Hugo und Lucas Lavoie). Sie sind eine stinknormale, glückliche Familie. Sie freuen sich auf ihr neues Leben in der Provinz.

Kurz nach ihrer Ankunft beobachten sie eine Prozession mit Tierköpfen maskierter Kinder. Die Kinder bringen ein totes Haustier zum titelgebenden Friedhof der Kuscheltiere. Ihr Nachbar Jud Crandall (John Lithgow) erklärt ihnen, dass es diesen Friedhof schon lange gibt und dass etliche Tiere auf der vor ihrem Haus liegenden Straße von Lastern überfahren wurden.

Das nächste Opfer der Laster ist Church, die kuschelige Katze der Creeds.

Weil Ellie ihre Katze so sehr liebte, verrät Crandall Louis ein Geheimnis. Hinter dem Friedhof der Haustiere und damit hinter der Barriere aus Ästen und Buschwerk gibt es eine Grabstätte der Ureinwohner. Die dortigen Geister können Tote wieder lebendig werden lassen. Als Mann der Wissenschaft ist Louis skeptisch. Aber er begräbt Church auf der alten Grabstätte.

Und das Wunder geschieht: Church kehrt zurück. Aber sein Fell ist verfilzt und sein Wesen hat sich verändert. Er ist jetzt nicht mehr der liebe Kater.

Kurz darauf wird – und das ist eine der Veränderungen zur Vorlage – Ellie von einem Laster getötet.

Louis, der uns zuerst als vollkommen rationaler Mann präsentiert wurde, ist verzweifelt über den Verlust seiner über alles geliebten Tochter. Er ignoriert Crandalls Warnungen und bringt seine tote Tochter zu der Grabstätte im Wald. Denn warum soll etwas, das bei einer Katze funktioniert, nicht auch bei einem Menschen funktionieren?

Wie Kings Roman beginnt die Verfilmung mit dem Einzug der Creeds in ihr neues Haus. Mit ihnen entdecken wir die auf der Straße vorbeirasenden Laster, den Haustier-Fritof, die Holzbarriere und den netten Nachbarn, der die gesamte Geschichte von Ludlow kennt. All das etabliert das Regieduo Kevin Kölsch und Dennis Widmyer in den ersten Minuten. Durch ihre Inszenierung geben sie bereits eine Vorahnung auf das kommende Grauen für die glückliche Familie Creed.

Danach verlangsamen sie gekonnt das Erzähltempo. Es dauert einige Zeit bis zuerst Church und dann Ellie sterben. Und die meiste Action gibt es am Filmende, wenn Ellie ihren Eltern ihre dunkle Seite zeigt. Bis dahin ist „Friedhof der Kuscheltiere“ vor allem ein psychologisches Drama, in dem Louis zunehmend fanatisch agiert. Wahlweise wie ein religiöser Eiferer oder wie ein Alkoholiker, der die Welt nach seinen Wünschen gestalten will und dabei alle Warnungen, auch wider besseres Wissen, ignoriert.

Friedhof der Kuscheltiere“ ist eine kühl erzählte Reise in den Wahnsinn. Mit seiner Beschränkung auf wenige Drehorte (zwei Häuser, ein Wald), eine Handvoll Schauspieler (eine Familie, der Nachbar) und seiner kurzen Laufzeit (ohne Abspann keine hundert Minuten) gehört der Horrorfilm zu den Thrillern, die die Freiheiten eines niedrigen Budgets für eine sehr düstere Geschichte nutzen.und eine sehr spezielle Auffassung von einem Hollywood Ending haben.

Friedhof der Kuscheltiere (Pet Sematary, USA 2019)

Regie: Kevin Kölsch, Dennis Widmyer

Drehbuch: Jeff Buhler (nach einer Geschichte von Matt Greenberg)

LV: Stephen King: Pet Sematary, 1983 (Friedhof der Kuscheltiere)

mit Jason Clarke, Amy Seimetz, John Lithgow, Jeté Laurence, Aliyssa Levine

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Stephen King: Friedhof der Kuscheltiere

(übersetzt von Christel Wiemken)

Heyne, 2019 (Filmausgabe) (überarbeitete, vollständige Taschenbuchausgabe, mit einer 2000 geschriebenen Einleitung von Stephen King)

608 Seiten

10,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Hoffmann und Campe Verlag, 1985

Originalausgabe

Pet Sematary

Doubleday, New York 1983

Hinweise

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Moviepilot über „Friedhof der Kuscheltiere“

Metacritic über „Friedhof der Kuscheltiere“

Rotten Tomatoes über „Friedhof der Kuscheltiere“

Wikipedia über „Friedhof der Kuscheltiere“ (deutsch, englisch)

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Colorado Kid“ (The Colorado Kid, 2005)

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)

Meine Besprechung der auf Stephen Kings Novelle “The Colorado Kid” basierenden TV-Serie “Haven”

Meine Besprechung von Kimberly Peirces Stephen-King-Verfilmung “Carrie” (Carrie, USA 2013)

Meine Besprechung von Tod Williams‘ Stephen-King-Verfilmung „Puls“ (Cell, USA 2016)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Der dunkle Turm: Schwarz“ (The Dark Tower: The Gunslinger, 1982) und von Nikolaj Arcels Romanverfilmung „Der dunkle Turm“ (The dark Tower, USA 2017)

Meine Besprechung von Andy Muschiettis „Es“ (It, USA 2017)

Stephen King in der Kriminalakte, in seinem Trailer-Park und auf Europa-Tour


Neu im Kino/Filmkritik: Miss Sloane und „Die Erfindung der Wahrheit“

Juli 7, 2017

Elizabeth Sloane ist ein Star in der Lobbyisten-Branche in Washington, D. C.. Skrupel kennt sie nicht. Wenn sie einen Auftrag übernimmt, ist der Wunsch des Auftraggebers bereits Gesetz. Deshalb freut sich die Waffenlobby über ihr Engagement gegen den von ihr abgelehnten Heaton-Harris-Bill. Das ist ein parteiübergreifender Gesetzesentwurf zur stärkeren Kontrolle des Verkaufs von Schusswaffen; – okay, im heutigen Washington ist ein solcher Gesetzesvorschlag sehr fiktiv.

Mitten während der Verhandlungen zu dem Gesetz wechselt Sloane aus für ihre Kollegen und auch für uns Zuschauer nicht nachvollziehbaren Gründen die Seiten. Sie geht mit fast ihrem gesamten Team zu einer deutlich kleineren, moralisch integeren Lobby-Firma. Ab diesem Moment kämpft sie gegen ihre früheren Arbeitgeber und Kunden.

Irgendetwas muss bei ihrem Kampf für das Gesetz allerdings schief gegangen sein. Denn am Filmanfang muss sich Elizabeth Sloane in einer öffentlichen Anhörung eines Senatsuntersuchungsausschusses verteidigen. Sie soll gegen die Verhaltensregeln für Lobbyisten verstoßen haben. Dafür könnte sie mit einem Berufsverbot bestraft werden.

Während der deutsche Titel „Die Erfindung der Wahrheit“ vieldeutig ist, gibt der Originaltitel des von „Best Exotic Marigold Hotel“-Regisseur John Madden inszenierten Films schon eine eindeutige Richtung an. „Miss Sloane“ ist er und damit ist klar, dass Elizabeth Sloane, glänzend gespielt von Jessica Chastain, im Mittelpunkt des Dramas steht, das auch einen Blick hinter die Kulissen des Lobby-Geschäfts in Washington wirft.

Die mit dem Porträt von Miss Sloane verbundene Geschichte funktioniert allerdings nur bedingt. Das beginnt mit ihrem plötzlichen Jobwechsel, der so unvermittelt kommt – Rodolfo Schmidt, der Chef der Konkurrenzfirma spricht sie nachts auf offener Straße an und gibt ihr einen Zettel, dessen Inhalt wir erst am Filmende erfahren und der sie dazu bringt, die Firma zu wechseln –, dass man bei dem Wechsel des Arbeitgebers nie glaubt, dass sie wegen ihres Gewissens die Seiten wechselte. Aber einen besseren Grund findet man nicht. So bleibt dieser Wechsel bis zum Schluss eine nicht in ihrem Charakter begründete Drehbuchidee. Auch das Komplott, das zu ihrer Ladung vor den Ausschuss führte, und Miss Sloanes genialer Plan, um ihr Ziel (oder ihre Ziele) zu erreichen, enttäuschen. Von einer Meisterstrategin wäre da mehr zu erwarten gewesen.

Unklar bleibt auch, warum das Gesetz unbedingt jetzt beschlossen werden muss; – wobei Elizabeth Sloane zuerst auf den Seiten der Verhinderer, der Status-Quo-Bewahrer, kämpft. Sie haben inen guten Grund, um gegen die jetzige Verabschiedung des Gesetzes zu kämpfen. Die Befürworter des Gesetzes, die eine stärkere Waffenkontrolle wollen, könnten mit etwas zeitlichem Abstand oder über andere Wege einfach wieder versuchen, ihr Anliegen durchzusetzen. Sie haben keine Eile. Sie müssen einfach nur einige weitere Menschen von ihrem Anliegen überzeugen. Trotzdem inszeniert Madden, nach einem Drehbuch des Debütanten Jonathan Perera, einen Kampf zwischen zwei Lobbyfirmen, in dem es um jede Stimme geht. Und für jede Lobbyfirma steht ihre Existenz auf dem Spiel. Das ist nicht besonders glaubwürdig, weil eine Lobbyfirma, wie eine Werbefirma, sich normalerweise nicht sonderlich mit ihrem Produkt identifiziert. Der zentrale Konflikt wird dann einerseits furchtbar aufgeblasen als ein weltbewegendes Gesetz, während er bei genauerer und distanzierter Betrachtung eher bedeutungslos ist. Das liegt auch daran, dass der Inhalt des Gesetzes nur oberflächlich angesprochen wird. In „Die Erfindung der Wahrheit“ geht es nicht um die Frage, ob man für oder gegen Waffenkontrolle ist. Es geht um die Arbeit und die Winkelzüge von Lobbyfirmen, die teils in der Öffentlichkeit, teils in Hinterzimmern, stattfinden.

Dieser Kampf zwischen zwei Lobbyfirmen über die Verabschiedung eines Gesetzes ist nur der Vorwand für ein verschachteltes Porträt einer sehr ambitionierten Frau in einer Männerwelt, die einen fordernden Job hat, für den sie lebt. Ein Privatleben hat sie, im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen, nicht. Außer man nennt den Sex im Hotelzimmer mit einem Callboy Privatleben; – aber dann könnte man auch die Pinkelpause Privatleben nennen. Und eine Erklärung für ihren Arbeitseifer gibt es auch nicht. Jesscia Chastain verleiht dieser eiskalten, zu Empathie und Mitarbeiterführung gänzlich ungeeigneten Karrierefrau, die leicht zu einer Parodie hätte werden können, dennoch eine emotionale Tiefe.

Als Porträt von „Miss Sloane“ (Originaltitel) funktioniert „Die Erfindung der Wahrheit“ gut. Als Polit-Thriller lässt einen der kühle, in den entscheidenden Momenten zu naive und zu plakative Film dann doch etwas unbefriedigt zurück. Trotz überraschender Enthüllungen und langfristig angelegter Fallen und Finten.

Die Erfindung der Wahrheit (Miss Sloane, Frankreich/USA 2016)

Regie: John Madden

Drehbuch: Jonathan Perera

mit Jessica Chastain, Mark Strong, John Lithgow, Alison Pill, Gugu Mbatha-Raw, Michael Stuhlbarg, Sam Waterston, Jake Lacey

Länge: 133 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Die Erfindung der Wahrheit“

Metacritic über „Die Erfindung der Wahrheit“

Rotten Tomatoes über „Die Erfindung der Wahrheit“

Wikipedia über „Die Erfindung der Wahrheit“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von John Maddens Elmore-Leonard-Verfilmung „Killshot – Gnadenlose Jagd“ (Killshot, USA 2008)

Meine Besprechung von John Maddens „Eine offene Rechnung“ (The Debt, USA 2010) (ebenfalls mit Jessica Chastain)

DP/30 unterhält sich in Los Angeles im November 2016 (wenige Tage vor der US-Präsidentenwahl) mit John Madden und Jessica Chastain über den Film

Ein Publikumsgespräch mit den Schauspielern Jessica Chastain und John Lithgow, Regisseur John Madden und Autor Jonny Perera, moderiert von Jenelle Riley (Variety) (SAG-AFTRA Foudation, 5. November 2016; Ton ist am Anfang nicht so toll)


TV-Tipp für den 26. März: Schwarzer Engel/Brian De Palma

März 25, 2017

Ein Arte-Themenabend

Arte, 20.15

Schwarzer Engel (Obsession, USA 1976)

Regie: Brian De Palma

Drehbuch: Paul Schrader (Nach einer Geschichte von Paul Schrader und Brian De Palma)

Sechzehn Jahre nach der Entführung von seiner Frau und Tochter, die dabei starben, entdeckt Michael Courtland in Florenz eine Frau, die die Zwillingsschwester seiner toten Frau könnte. Sie verlieben sich ineinander, heiraten und kurz vor der Hochzeit wird sie entführt. Courtland fragt sich, ob sich jetzt alles wiederholt.

Starkes Frühwerk von De Palma, das, wie viele seiner Filme, zahlreiche Vergleiche mit dem Werk von Alfred Hitchcock provozierte. Auch weil dieses Mal Hitchcock-Komponist Bernard Herrmann („Vertigo – Aus dem Reich der Toten“) den Soundtrack komponierte und dafür posthum für den Soundtrack-Oscar nominiert wurde.

Die Story selbst; – nun ja, man sollte nicht zu viele Fragen stellen und sich dem Bilderrausch (Kamera: Vilmos Zsigmond) hingeben.

Danach drehte De Palma „Carrie – Das Satans jüngste Tochter“.

mit Cliff Robertson, Geneviève Bujold, John Lithgow, Sylvia ‚Kuumba‘ Williams, Wanda Blackman

Wiederholung: Dienstag, 4. April, 13.40 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Schwarzer Engel“

Wikipedia über „Schwarzer Engel“ (deutsch, englisch)

 

Arte, 21.50

Brian De Palma (De Palma, USA 2015)

Regie: Noah Baumbach, Jake Paltrow

Spielfilmlange Doku über Brian De Palma, in der der Regisseur ausführlich zu Wort kommt – und das ist gut so.

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Brian De Palma“

Wikipedia über „Brian De Palma“

Meine Besprechung von Noah Baumbachs „Frances Ha“ (Frances Ha, USA 2012)

Meine Besprechung von Noah Baumbachs „Gefühlt Mitte Zwanzig“ (While we’re young, USA 2014)

Meine Besprechung von Noah Baumbachs „Mistress America“ (Mistress America, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „The Accountant“: Buchhalter, Mathegenie, Killer

Oktober 20, 2016

Christian Wolff (Ben Affleck) ist Chef von „ZZZ Accounting“. Ein Firmenname, der garantiert ganz hinten im Telefonbuch steht. Er ist ein kleiner Kreditberater, der Zahlen und Steuersparmöglichkeiten schneller als ein Computer durchrechnet. Im privaten Umgang ist der Autist eher gehemmt. Der Ordnungsfreak, der jede Aufgabe zu Ende führen muss, lebt alleine.

Er ist auch ein Buchprüfer für verschiedene Verbrecherkartelle, die in den vergangenen Jahren auf seine analytischen Fähigkeiten zurückgriffen. Denn er versinkt regelrecht in den Zahlen und spürt innerhalb kürzester Zeit die Fehler und die dafür Verantwortlichen auf.

Sein neuester, sogar hundertprozentig legaler Auftrag führt ihn zu Living Robotics, einer Firma die auch Prothesen herstellt.

Dort trifft er Dana Cummings (Anna Kendrick). Ihr fielen in der Buchhaltung seltsame Buchung auf. Sie ist, wie Christian, etwas merkwürdig.

Zur gleichen Zeit erpresst Steuerfahnder Ray King (J. K. Simmons) die junge Analystin Marybeth Medina (Cynthia Addai-Robinson) den Buchhalter zu finden. In seinem Kopf müssen doch unglaubliche Informationen über das Organisierte Verbrechen, Waffenhändler und andere Verbrecherbanden und Wirtschaftskriminelle sein.

Sei wissen allerdings nicht, dass Christian von seinem strengen Vater, einem Soldaten, eine umfassende militärische Ausbildung erhielt. Christian ist auch ein im Untergrund mit mehreren Tarnidentitäten lebender Elitesoldat ohne Dienstrang, ein Scharfschütze und ein Killer, – was, immerhin will niemand einen Spielfilm sehen, in dem ein Nerd sich zwei Stunden über Zahlenkolonnen beugt, überaus nützliche Fähigkeiten für die hübsch verschachtelte Filmgeschichte sind, in der auch ein geheimnisvoller Killer Christian verfolgt.

Bill Dubuque („Der Richter – Recht oder Ehre“) springt in seinem Drehbuch zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit hin und her und mit zunehmender Laufzeit fügt sich alles, aber auch wirklich alles, wie bei einem Puzzlespiel, zu einem Bild zusammen. Die Beziehungen zwischen den Charakteren sind vielschichtiger, als es für einen Action-Thriller nötig wäre. Deshalb wirkt der Film gegen Ende etwas überkonstruiert und überladen.

Regisseur Gavin O’Connor („Das Gesetz der Ehre“) setzte diese Geschichte elegant und wuchtig um und es macht schon Spaß, zu sehen, wie sich nacheinander alles etwas intelligenter zusammenfügt als erwartet. Auch wenn einige Überraschungen schon allein aufgrund des Castings keine wirklichen Überraschungen sind und die gesamte Geschichte, wenn man über sie nachdenkt, Humbug ist.

Trotzdem, oder gerade deswegen, ist „The Accountant“ ein angenehm altmodischer Gangsterfilm, der seine Geschichte als absolut glaubwürdige und ernste Geschichte verkauft und in der Ben Affleck etwas von der Einsamkeit des eiskalten Engels umweht. In der Gestalt eines biederen Buchhalters.

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The Accountant (The Accountant, USA 2016)

Regie: Gavin O’Connor

Drehbuch: Bill Dubuque

mit Ben Affleck, Anna Kendrick, J. K. Simmons, Jon Bernthal, Jean Smart, Cynthia Addai-Robinson, Jeffrey Tambor, John Lithgow, Rob Treveiler, Andy Umber, Ron Prather, Susan Williams

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

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Moviepilot über „The Accountant“

Metacritic über „The Accountant“

Rotten Tomatoes über „The Accountant“

Wikipedia über „The Accountant“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Gavin O’Connors „Jane got a Gun“ (Jane got a Gun, USA 2015)

Ein aktuelles Gespräch mit Gavin O’Connor (maue Tonqualität)

Das schon 2011 geführte DP/30-Gespräch mit Gavin O’Connor

 


TV-Tipp für den 15. Juni: Blow Out – Der Tod löscht alle Spuren

Juni 14, 2016

Eins Plus, 22.15

Blow Out – Der Tod löscht alle Spuren (USA 1981, Regie: Brian De Palma)

Drehbuch: Brian De Palma, Bill Mesce Jr. (ungenannt)

Jack Terry ist Toningenieur für Horrorfilme. Eines Nachts beobachtet er, während er auf der Jagd nach Geräuschen ist, den tödlichen Autounfall eines Präsidentschaftskandidaten. Als er sich später sein Tonband anhört, hört er einen Schuss. Wurde der Kandidat ermordet?

Spannender Thriller von Brian De Palma, der damals eine Reihe guter Filme hintereinander inszenierte.

Der Titel erinnert an Michelangelo Antonionis auch inhaltlich sehr ähnlichen Klassiker „Blow Up“. Die Kritiker fanden (eines ihrer liebsten Hobbys) zahlreiche Hitchcock-Anleihen, die Polit-Junkies durften über die Ähnlichkeiten zu dem JFK-Attentat, Watergate und Chappaquiddick (während in dem Film der Politiker stirbt, starb in Wirklichkeit die Beifahrerin von Ted Kennedy) nachdenken, die Cineasten über das Kino und den Zusammenhang zwischen Film und Wirklichkeit sinnieren und alle über die Schlusspointe lachen. Das ist doch ziemlich viel für ein Genrewerk, das einfach nur zwei Stunden unterhalten will.

Der Fischer Film Almanach urteilte damals über den Thriller: „einer seiner spannendsten und besten Arbeiten überhaupt.“

DVD Verdict zwanzig Jahre später: “One could make an argument that Blow Out is the most underrated, overlooked film of the entire 1980s.”

Und, jaja, auch Quentin Tarantino gefällt der Film. Ist einer seiner Lieblingsfilme

mit John Travolta, Nancy Allen, John Lithgow, Dennis Franz

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Blow Out“

Wikipedia über „Blow Out“ (deutsch, englisch)

Spiegel: Filmbesprechung von Hellmuth Karasek (Heft 19/1982)

New York Times: Vincent Canby über “Blow Out” (24. Juli 1981)

DVD Verdict: Gary Militzer über “Blow Out” (21. Dezember 2001)

Fast Rewind: Simon Barber über “Blow Out” (9 von 10 Punkte)

Kameramann Garrett Brown, der die Steadicam erfand, spricht über die Dreharbeiten zu „Blow Out“

DP/30 unterhielt sich 2012 in Toronto sich mit Brian De Palma über seinem Film „Passion“ (der nicht gut ist) und auch seine vorherigen Filme

Und Josh Olson (u. a. das Drehbuch für „A History of Violence“) spricht bei „Trailers from Hell“ über „Blow Out“

 

 


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