Neu im Kino/Filmkritik und ausführlicher Lesehinweis: „Alles Geld der Welt“ hilft der Getty-Familie nicht

Februar 15, 2018

Irgendwann während des Films fragte ich mich, was eigentlich aus der Getty-Familie und ihrem Vermögen wurde. Dabei war J. Paul Getty (15. Dezember 1892 – 6. Juni 1976) einmal der reichste lebende Amerikaner und wahrscheinlich auch der reichste Mensch auf der Erde. Er war ein Öl-Tycoon und Geizkragen vor dem Herrn. Die Entführung seines sechzehnjährigen Enkels Paul Getty (bzw. genaugenommen John Paul Getty III) am 10. Juli 1973 in Rom ging um die Welt. Es war in einer Zeit als Entführungen zum Geschäft von Terrorgruppen und Verbrecherbanden gehörten, eine der wenigen Geiselnahmen, über die noch Jahre danach gesprochen wurde.

Die Gründe dafür sind offensichtlich: das Opfer, seine Familie und der Verlauf der Geiselnahme. Denn J. Paul Getty weigerte sich, das geforderte Lösegeld von 17 Millionen Dollar zu zahlen. Zuerst weil er vermutete, dass sein Enkel gar nicht entführt wurde, später weil dann alle seine Enkel entführt würden und er dafür bezahlen müsste. Nach zähen Verhandlungen, begleited von einer großen Medienöffentlichkeit, und der Zahlung eines wesentlich geringeren Lösegelds von etwa drei Millionen Dollar kam Paul Getty am 15. Dezember 1973 frei. Davor – und das ist die schlimmste Szene des Films – wurde ihm sein rechtes Ohr abgeschnitten.

In seinem neuen Film „Alles Geld der Welt“ konzentriert Ridley Scott sich, nach einem Drehbuch von David Scarpa („Die letzte Festung“, „Der Tag, an dem die Erde stillstand“), auf diese Geiselnahme ohne sie erzählerisch in den Griff zu bekommen. Weil er sich nie entscheiden kann, aus welcher Perspektive er seine Geschichte erzählen möchte, verheddert er sich schnell zwischen seinen verschiedenen Erzählsträngen. Er mäandert zwischen den Geschichten von J. Paul Getty, Paul Getty, Gail Harris, Fletcher Chace, Cinquata und der normalen Polizeiarbeit hin und her, ohne dass sich ein Hauptplot herausschält, an dem sich alle anderen Plots als Nebengeschichten orientieren könnten. Es ist auch nie klar, was Scott erzählen will. Soll „Alles Geld der Welt“ eine Meditation über Geld und Reichtum, ein Entführungsthriller, eine Familiengeschichte oder die Geschichte einer Person sein? Denn jede Person und jeder Erzählstrang könnte fast mühelos fast vollständig aus dem Film herausgeschnitten werden, ohne dass man beim restlichen Film viel verändern müsste.

Als Ensemblestück funktioniert „Alles Geld der Welt“ auch nicht. Ein gelungenes Ensemblestück hat ebenfalls einen zentralen Charakter und ein Thema, um das alle Plots und Szenen kreisen.

Scott beginnt seinen Film mit Paul Getty (Charlie Plummer). Er wird in Rom entführt und nach Kalabrien gebracht. Er ist sogar über eine große Strecke des Films der Voice-Over-Erzähler. Aber irgendwann in der Mitte des Films verstummt er.

Bis dahin hat er uns viel über den finanziellen Aufstieg seines Großvaters, die Beziehung seiner Eltern Gail Harris (Michelle Williams) und John Paul Getty II (Andrew Buchan) zu ihm und ihre desaströse Beziehung erzählt. Einiges davon ist später für die Filmgeschichte wichtig. Viele Informationen sind allerdings nur belanglose Hintergrundinformationen, die Christopher Plummer die Gelegenheit geben, an verschiedenen Orten jüngere Version von J. Paul Getty zu spielen.

1973 lebt J. Paul Getty schon seit Jahren auf seinem Landsitz Sutton Place. Dort besucht ihn Gail Harris. Sie, inzwischen geschieden, hat nicht das geforderte Lösegeld. Aber J. Paul Getty könnte das Lösegeld für seinen Lieblingsenkel mühelos bezahlen. Er lehnt ab und beauftragt seinen Sicherheitsberater, den ehemaligen CIA-Agenten Fletcher Chace (Mark Wahlberg), sich um die Entführung zu kümmern. Chace soll seinen Enkel möglichst billig, am besten ohne dass er einen Cent bezahlen muss, befreien.

Chace böte sich, wie man es von einer klassischen Privatdetektivgeschichte kennt, als Erzähler und Führer durch die seltsame Welt der Gettys zwischen unermesslichem Reichtum und emotionaler Kälte an. Aber über weite Strecken des Films lungert Chace einfach nur in dem Film herum, ohne etwas zur Handlung beizutragen. Er muss uns auch nicht die Geschichte von Gettys Vermögen erzählen. Das hat der entführte Paul Getty bereits erledigt.

Während Chace in und um Rom herum falsche Spuren verfolgt, freundet Paul Getty sich mit einem seiner Entführer an. Cinquanta (Romain Duris) versucht ihm dann auch zu helfen, während die anderen Entführer Paul Getty an höherrangige ‚Ndrangheta-Mitglieder verkaufen (Yep, Entführung war damals ein Geschäft). Die sehen Paul Getty nur als Investition, die bei Bedarf abgeschrieben werden kann.

Das alles plätschert, durchaus gut gespielt und immer wieder mit interessanten Szenen, über zwei Stunden vor sich hin, ohne dass jemals das Potential der Geschichte in irgendeine Richtung auch nur halbwegs ausgelotet wird. Denn dafür hätten Autor Scarpa und Regisseur Scott Entscheidungen treffen müssen.

Alles Geld der Welt“ ist – und das muss spätestens am Ende der Besprechung erwähnt werden – der Film, der Monate nach den Dreharbeiten, sechs Wochen vor dem Kinostart im Dezember, während die Werbemaschne schon auf Hochtouren lief, einen Darsteller ersetzte. Eine Verschiebung des Starttermins kam in dem Moment nicht in Frage. Schließlich sollte „Alles Geld der Welt“ bei der gerade anlaufenden Preisverleihungssaison einige Preise erhalten und von dem Rummel um die Nominierungen und Verleihungen profitieren. Bis jetzt gab es neun Nominierungen. Fünf, davon eine Oscar-Nominierung, für Christopher Plummer. Zwei für Ridley Scott. Außerdem ist, und das ist der zweite wichtige Grund, der gegen eine Verschiebung des Starttermins sprach, für Ende März der Start der zehnteiligen FX-Serie „Trust“ von Danny Boyle angekündigt. Sie erzählt ebenfalls die Geschichte der Getty-Entführung.

Der ersetzte Schauspieler ist Kevin Spacy. Er spielte J. Paul Getty. Als Vorwürfe gegen ihn wegen fortgesetzter sexueller Belästigung öffentlich wurden, wurden die Dreharbeiten für die letzte Staffel der erfolgreichen Netflix-Serie „House of Cards“ gestoppt. Die Macher entschlossen sich, die Staffel ohne ihn zu beenden und schrieben neue Drehbücher.

Ridley Scott veranlasste für seinen Film einen teuren Nachdreh mit Christopher Plummer als J. Paul Getty. Plummer war auch seine ursprüngliche Wunschbesetzung. Mit ihm und Gail-Harris-Darstellerin Michelle Williams und Fletcher-Chace-Darsteller Mark Wahlberg wurden die Spacey-Szenen mit Plummer innerhalb weniger Tage neu gedreht und in den Film hineingeschnitten. Der Grund für diesen radikalen und nicht unumstrittenen Schritt war, dass Scott eine objektive Betrachtung des Films wollte. Es sollte nicht über Kevin Spacey, sondern über den Film geschrieben werden. Es sollte nicht zu einem Backlash kommen, der, befeuert durch Boykott-Aufrufe, den finanziellen Erfolg des Films gefährdet.

Boykott-Aufrufe gab es nicht, aber ein finanzieller Erfolg wurde „Alles Geld der Welt“ bis jetzt auch nicht.

Alles Geld der Welt (All the Money in the World, USA 2017)

Regie: Ridley Scott

Drehbuch: David Scarpa

LV: John Pearson: All the Money in the World; Painfully Rich, 1995 (Alles Geld der Welt)

mit Michelle Williams, Christopher Plummer, Mark Wahlberg, Charlie Plummer, Romain Duris, Andrew Buchan, Timothy Hutton, Stacy Martin, Giuseppe Bonifati, Charlie Shotwell

Länge: 133 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Buchhinweis

Pünktlich zum Kinostart erschien bei HarperCollins die deutsche Ausgabe von John Pearsons Biographie über Jean Paul Getty, der seinen erste Vornamen normalerweise auf „J.“ abkürzte, auf Deutsch. Die Entführung, die im Mittelpunkt des Films steht, macht mit vierzig Seiten nur einen kleinen Teil der umfangreichen Biographie über Jean Paul Getty und seine Familie, die vom Pech verfolgte ‚Getty-Dynastie‘, aus, die nach seinem Tod wenig bis nichts von seinem Vermögen erhielt. Sein gesamtes persönliches Vermögen ging, ohne irgendeine Bedingung, an das J. Paul Getty Museum in Malibu. Das von seinem persönlichem Vermögen sauber in einem Trust getrennte Vermögen ging dann, Jahre nach seinem Tod, an einige seiner Nachkommen.

Wenn man sich die Seiten über die Entführung durchliest, hätte man Gettys Entführung auch als Schwarze Komödie oder Satire über Unfähigkeit auf verschiedenen Ebenen verfilmen können. So war Chace „wahrscheinlich jedoch der schlechteste Botschafter, den der alte Mann sich hätte aussuchen können“. Er war „ein ziemlicher Verschwörungstheoretiker“, der kein Italienisch sprach und mit den Entführen spanisch reden wollte. Die postalische Zustellung des abgeschnittenen Ohrs dauerte drei Wochen. Und die Carabinieri hätten „den Fall nicht einmal dann (…) lösen können, wenn Paul von Donald Duck gefangen gehalten worden wäre“.

John Pearson: Alles Geld der Welt

(übersetzt von Claudia Heuer)

HarperCollins, 2018

432 Seiten

14,99 Euro

Ursprünglich erschien Pearsons Buch 1995 bei Macmillan als „All the Money in the World“. 2017 erschien bei William Collins unter dem Titel „Painfully Rich“ eine erweiterte Neuausgabe.

Für die deutsche Ausgabe wurde die aktuellste Ausgabe mit einer vierseitigen Nachschrift von John Pearson zur Neuausgabe zum Filmstart genommen.

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Alles Geld der Welt“

Metacritic über „Alles Geld der Welt“

Rotten Tomatoes über „Alles Geld der Welt“

Wikipedia über „Alles Geld der Welt“ (deutsch, englisch)

 

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Prometheus” (Prometheus, USA 2012)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Exodus – Götter und Könige (Exodus – Gods and Kings, USA 2014)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Der Marsianer – Rettet Mark Watney” (The Martian, USA 2015)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Alien: Covenant“ (Alien: Covenant, USA 2017)

Ridley Scott in der Kriminalakte

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Neu im Kino/Filmkritik: Die „Legend“ der Brüder Kray

Januar 7, 2016

In England sind die Kray-Brüder legendär. Auch heute noch. Obwohl die Zwillinge Reginald ‚Reggie‘ Kray und sein Bruder Ronald ‚Ronnie‘ Kray, geboren am 24. Oktober 1933, bereits 1968 verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt wurden, schon einige Jahre tot sind. Ronnie starb am 17. März 1995. Reggie am 1. Oktober 2000.
Reggie und Ronnie Kray waren in den sechziger Jahren die Unterweltkönige im Londoner East End. Sie hielten alten Damen die Tür auf und herrschten gleichzeitig brutal über die Halb- und Unterwelt und betrieben Clubs, in denen sich die High Society traf, um etwas echte Halbweltluft zu schnuppern.
So populäre Verbrecher werden, vor allem wenn ihr Verhalten durch eine gewisse gewissenlose Unberechenbarkeit und ein pompöses öffentliches Auftreten geprägt ist, dann auch schnell in zahlreichen Gerüchten, Legenden und Erzählungen weiter popularisiert. 1972 erschien John Pearsons mit dem Edgar ausgezeichnetes, mehrfach neu aufgelegtes Sachbuch „The Profession of Violence“. 1990 drehte Peter Medak mit Gary und Martin Kemp (besser bekannt als „Spandau Ballet“) das bei uns zu unrecht ziemlich unbekannte Gangster-Biopic „Die Krays – Zwei mörderische Leben“ (The Krays).
Jetzt wagte Brian Helgeland, der, neben eigener Regiearbeiten, wie „Payback“ und „42“, auch die Drehbücher für „L. A. Confidential“ und „Mystic River“ schrieb, sich an eine neue Interpretation der Geschichte der Kray-Brüder, die vor allem als Schauspielerkino mit einer ordentlichen Portion Zeitkolorit (und einem entsprechendem Soundtrack) begeistert. Denn Tom Hardy (derzeit auch mit „The Revenant – Der Rückkehrer“ im Kino) spielt beide Brüder und manchmal kann man schon zweifeln, ob es wirklich der gleiche Schauspieler ist. Während Reggie Kray der vernünftige der beiden Brüder ist, ist Ronnie ein Psychopath, bei dem paranoide Schizophrenie diagnostiziert wurde, der am Filmanfang in einer Irrenanstalt sitzt und mit Medikamenten mit Müh und Not zu einem halbwegs funktionierendem menschlichen Wesen gemacht werden kann. Er bekennt sich auch offen zu seiner Homosexualität und er spricht unverblümt aus, was er denkt. Das ist manchmal intelligent, oft auch erschreckend einfältig und moralfrei. Brutal und gewissenlos sind beide Brüder. Eigentlich ist Ronnies Aufenthalt in einer geschlossenen Anstalt ein Segen für die Menschheit.
Aber Reggie will, dass sein Bruder in Freiheit bei ihm in London lebt. Also besticht er einige Gutachter und die beiden Brüder können ihren Stadteil unsicher machen, während die Medien sie feiern und die Polizei versucht, sie hinter Gitter zu bringen. In diesen Jahren, vor dem Hintergrund der Swinging Sixties, entstand die Legende der Kray-Brüder, in denen sich Wahrheit und mehr oder weniger erfundene Geschichten miteinander vermischten. In „Legend“ erzählt Helgeland diese erfolgreichen Gangsterjahre bis zur Verhaftung der Kray-Brüder,
Im Gegensatz zu Scott Coopers kürzlich gestartetem Gangsterbiopic „Black Mass“ über die unheilige Allianz des FBI mit dem Bostoner Gangsterboss Whitey Bulger, in dem keine Erzählhaltung erkennbar war und der Film zu einem quälend langweiligen Monument verpasster Chancen wurde, erzählt Helgeland seine Geschichte aus der Sicht von Frances Shea, die später auch Reggies Frau wurde. Sie war, wie Helgeland bei seinen Recherchen von dem Kray-Komplizen Chris Lambrianou erfuhr, „der Grund, warum wir alle in den Knast gingen“. Danach wusste Helgeland, wie er seine Geschichte über die beiden Brüder erzählen konnte. Shea erzählt auch, oft als Voice-Over, die Geschichte der beiden Brüder und ihre Beziehung zueinander.
Allerdings wirkt der Film, vielleicht auch, weil man schon im Vorspann liest, dass Amazon Prime Instant Video einer der Geldgeber ist, immer wie ein gut ausgestatteter und gut gespielter TV-Film, dessen zahlreichen Innenaufnahmen ihre wahre Heimat eher auf dem kleinen Bildschirm finden. Auch das eher gemächliche Erzähltempo, die zurückhaltende Inszenierung und dass Helgeland seine Geschichte strikt chronologisch und konzentriert auf wenige Personen erzählt, trägt zu diesem Eindruck bei.

Legend - Plakat

Legend (Legend, Großbritannien/Frankreich 2015)
Regie: Brian Helgeland
Drehbuch: Brian Helgeland
LV: John Pearson: The Profession of Violence, 1972
mit Tom Hardy, Emily Browning, David Thewlis, Christopher Eccleston, Taron Egerton, Paul Bettany, Chazz Palminteri, Tara Fitzgerald, Colin Morgan, Paul Anderson
Länge: 131 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Moviepilot über „Legend“
Metacritic über „Legend“
Rotten Tomatoes über „Legend“
Wikipedia über „Legend“ (deutsch, englisch) und die Kray-Zwillinge (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Brian Helgelands „42 – Die wahre Geschichte einer Sportlegende“ (42, USA 2013)
Brian Helgeland in der Kriminalakte


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