Neu im Kino/Filmkritik: „The Silence“ – überflüssiger B-Horror

Mai 16, 2019

In einer Höhle in den USA öffnen einige Höhlenforscher einen Hohlraum, in dem seit Jahrhunderten Lebewesen leben, die später „Avispa“ (spanisch für Wespe) genannt werden. Obwohl sie mehr wie eine missgelaunte Kreuzung aus Fledermaus und Hähnchen aussehen. Sie sehen nichts, aber sie haben ein sehr gutes Gehör und sie stürzen sich auf jedes Geräusch. Für diese Monster sind andere Lebewesen Nahrung. Sie verbreiten sich rasend schnell über die USA. Ob sie auch nach Europa, Afrika und Asien kommen, wissen wir nicht.

Schnell veröffentlicht die Regierung eine Warnung: „Schließen Sie alle Fenster und Türen. Machen Sie keine Geräusche. Fahren Sie nicht mit dem Auto. Gehen Sie nicht aus dem Haus. Bringen Sie sich in Sicherheit und verhalten Sie sich absolut still. Nehmen Sie diese Hinweise ernst und setzen Sie nicht Ihr Leben aufs Spiel!“

In diesem Moment denkt man an John Krasinskis Horrorfilm „A quiet Place“, der das Zeug zum Klassiker hat, den Kinosaal wirklich in einen quiet Place verwandelte und mindestens einen sehr interessanten Subtext hatte. All das hat der laute „The Silence“ nicht.

Außerdem inszenierte Krasinski seinen Horror-Thriller so gut, dass man erst lange nach dem Abspann über die nicht plausiblen Momente nachdachte. Zum Beispiel warum die Menschen die außerirdischen Monster nicht mit Geräuschen an bestimmte Orten lockten und dort töteten.

Immerhin tun das in „The Silence“ die Andrews‘ ab und an, aber halt nicht immer. Sie sind eine ganz normale, glückliche US-Familie. Der Vater Hugh Andrews (Stanley Tucci) ist ein Architekt. Er ist glücklich verheiratet mit Kelly (Miranda Otto). Sie haben zwei Kinder: die fast erwachsene, seit einem Unfall vor einigen Jahren taube Ally (Kiernan Shipka) und ihr zwölfjähriger Bruder Jude (Kyle Breitkopf). Kellys Mutter Lynn (Kate Trotter) lebt ebenfalls bei ihnen. Und sie haben einen Hund. Hughs bester Freund und Arbeitskollege Glen (John Corbett) begleitet sie am Anfang ihrer Reise. Denn die Andrews‘ ignorieren jede Warnung der Regierung. Sie verlassen ihr Haus und die Stadt und machen sich auf den Weg an irgendeinen Ort, der sicher vor den Avispas sein soll.

Später erfahren sie, dass es im Norden sicher sein soll, weil die Avispas Kälte nicht vertragen.

Annabelle“-Regisseur John R. Leonetti inszeniert das als Reisegeschichte, die ihre eigene Prämisse und ihre Figuren niemals ernst nimmt.

Das beginnt schon damit, dass bei vielen Gesprächen mit der gehörlosen Ally alle sich gleichzeitig in Gebärdensprache unterhalten und miteinander reden. Nur ist es vollkommen unsinnig, etwas zu sagen, wenn man es gerade mit seinen Fingern zeigt. Im wirklichen Leben tut man das nicht, weil es keinen Grund dafür gibt.

Weiter geht es damit, dass die Menschen in Massen ihre Wohnungen verlassen und mit ihren Autos die Highways blockieren. So ein Megastau sieht zwar gut aus. Aber warum die geräuschsensiblen Avispas nicht alle Autofahrer auf der Autobahn attackieren, bleibt rätselhaft. Dafür werden die Andrews‘ und Glen später auf einer Waldstraße von den Avispas angegriffen.

Sowieso reagieren die Viecher mal auf Geräusche, mal nicht. Halt wie es gerade passt.

Entsprechend sorglos verursachen die Menschen immer wieder Geräusche und unterhalten sich.

Und die Idee, dass eine Person, die nichts hört, besonders gut gegen die Tiere, die auf jedes Geräusch reagieren, kämpfen kann, ist kompletter Blödsinn. Denn Ally, die die Protagonistin sein soll, hört überhaupt nicht, welche Geräusche sie verursacht. Sie ist die am wenigsten geeignete Person, um gegen Tiere zu kämpfen, die jede Geräuschquelle hemmungslos attackieren.

Dieser laxe Umgang mit der Prämisse fällt im Film schnell auf. Durchgehend ignorieren die Macher die von ihnen aufgestellten Regeln. Sie klatschen die bekannten Dystopie-Standard-Situationen lustlos und ohne irgendein Gefühl für Stimmung und Spannung hintereinander. Und auch wenn gerade einige Menschen von den Monstern angegriffen werden, bleibt es erstaunlich unblutig. Da ist jede Folge von „The Walking Dead“ brutaler.

The Silence“ ist ein deprimierend einfallsloses B-Picture, das sogar beinharte Genre-Fans getrost ignorieren können.

The Silence (The Silence, USA/Deutschland 2018)

Regie: John R. Leonetti

Drehbuch: Shane Van Dyke, Carey Van Dyke

LV: Tim Lebbon: The Silence, 2015 (The Silence)

mit Stanley Tucci, Kiernan Shipka, Miranda Otto, Kate Trotter, John Corbett, Kyle Breitkopf, Billy MacLellan

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „The Silence“

Moviepilot über „The Silence“

Metacritic über „The Silence“

Rotten Tomatoes über „The Silence“

Wikipedia über „The Silence“

Meine Besprechung von John R. Leonettis „Annabelle“ (Annabelle, USA 2014)

Meine Besprechung von John R. Leonettis „Wish upon“ (Wish upon, USA 2017)

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Neu im Kino/Filmkritik: „Wish upon“ – wenn Wünsche in Erfüllung gehen

Juli 28, 2017

Als die siebzehnjährige Clare Shannon von ihrem Vater eine alte Spieluhr, die er im Abfall fand, geschenkt bekommt, nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Denn die Spieluhr erfüllt Wünsche (gut), verlangt aber auch einen Preis (schlecht). Als erstes wünscht Clare sich, im Spaß, dass die von ihr gehasste Schönheitskönigin, die sie ständig mobbt, verrotten solle. Der Wunsch geht in Erfüllung. Clare ist begeistert. Dass gleichzeitig ihr Hund stirbt, könnte ein Zufall sein. Also wünscht Clare sich munter weiter die üblichen Teenager-Dinge: absolute Beliebtheit in der Schule, den Schul-Schönling als Freund, Geld, undsoweiter. Dass bei jeder Wunscherfüllung jemand, den sie mag, stirbt, stört sie nicht. Es sind halt alles unglaublich seltsame Unfälle, die unwahrscheinlich sind, aber halt „Final Destination“-mäßig passieren können.

Wish upon“ ist ein vorhersehbarer, unlogischer Horrorfilm, in dem dumme Menschen dumme Dinge tun. Vor allem die Protagonistin Clare ist eine dumme Trine, die nicht einmal darüber nachdenkt, was der Zusammenhang zwischen der Box, ihren Wünschen und den Toten sein könnte. Auch als sie nach ihrem fünften Wunsch erfährt, dass die Box für ihre Wunscherfüllung einen Preis verlangt und dass die Box nach ihrem siebten Wunsch ihre Seele verlangt, wünscht sie locker-flockig weiter. Spätestens ab diesem Moment wünscht man ihr einen möglichst schnellen Tod.

Ihre Freundinnen sind auch nicht intelligenter. So ruft ihre Freundin Meredith, als sie in einem abstürzendem Fahrstuhl ist, Clare auf dem Handy an, anstatt den Notrufknopf zu drücken. Wenige Sekunden später ist sie, nachdem kurz die Fahrstuhltüren aufgehen, tot.

Als Satire auf die US-Gesellschaft und dumme, egoistische, nur an äußeren Werten interessierten Teenagern wäre „Wish upon“ vielleicht noch erträglich, aber John R. Leonetti („Annabelle“) inszeniert das alles todernst und ohne ein Gefühl für Grusel-Atmosphäre oder jugendliche Lebenswelten. „Wish upon“ wirkt wie ein liebloses Abschreibungsprojekt, für das einfach Schnipsel aus verschiedenen Filmen zusammengefügt wurden.

Wish upon (Wish upon, USA 2017)

Regie: John R. Leonetti

Drehbuch: Barbara Marshall

mit Joey King, Ki Hong Lee, Sydney Park, Shannon Purser, Elisabeth Rohm, Ryan Phillippe, Sherilyn Fenn, Mitchell Slaggert, Alice Lee, Kevin Hanchard

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 16 Jahre (weil doch etwas zu hart für eine FSK-12)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Wish upon“

Metacritic über „Wish upon“

Rotten Tomatoes über „Wish upon“

Wikipedia über „Wish upon

Meine Besprechung von John R. Leonettis „Annabelle“ (Annabelle, USA 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Annabelle“ ist keine nette Puppe

Oktober 10, 2014

In „The Conjuring – Die Heimsuchung“ war Annabelle eine Puppe, die in einem Glasschrank eingesperrt war. Sie war das eindrucksvollste Objekt im Keller der Geisterjäger Ed und Lorraine Warren.
In „Annabelle“ erfahren wir jetzt etwas mehr über die Puppe, die auch ohne Dämonenhokuspokus ziemlich gruselig aussieht. Trotzdem freut sich in den späten Sechzigern, als Charles Manson und seine Familien in der Nachbarschaft wüteten, die hochschwangere Mia Form, als ihr Mann John ihr die Puppe schenkt. Denn die Annabelle-Puppe fehlte noch in ihrer Puppensammlung.
Kurz darauf ermorden Satanisten mitten in der Nacht ihre netten Nachbarn. Anschließend dringen sie in das Haus der Forms ein. Die Polizei erschießt die Täter in ihrer Wohnung. Mia fühlt sich, auch weil es einige rätselhafte Ereignisse gibt, Unwohl in ihrer Vorstadt-Wohnung. Sie glaubt, dass Annabelle etwas damit zu tun hat. Ihr Mann wirft sie weg.
Kurz darauf ziehen sie, als umfassender Neustart, in eine riesige Mietwohnung in einem Hochhaus um. Annabelle ist in einem der Umzugkartons und Mia setzt die Puppe, jetzt hocherfreut, dass sie doch mitgekommen ist, in das Regal zu ihren anderen Puppen, die alle im Kinderzimmer stehen.
Aber auch in ihrer neuen Wohnung in Pasadena geschehen, immer wenn ihr Mann als Arzt in der Klinik arbeitet, unheimliche Dinge. Gegenstände bewegen sich. Elektrogeräte springen von alleine an. Manchmal, so erfährt sie von einer Buchhändlerin und einem Pater, sind nicht Häuser, sondern Gegenstände von Dämonen besessen und der in Annabelle lebende Dämon ist ein sehr böser Dämon, der es auf Frau und Kind abgesehen hat.
Wie schon „The Conjuring“ und die beiden „Insidious“-Filme, die alle von James Wan inszeniert wurden, ist der von ihm produzierte „Annabelle“ ein altmodischer Geisterhorrorfilm. Und während „The Conjuring“ in den Siebzigern spielte, geht es dieses Mal, optisch überzeugend, zurück in die Sechziger an die Westküste in eine WASP-Familie, weshalb auch die innige Freundschaft von Mia zur afroamerikanischen Buchhändlerin unstimmig erscheint.
Weil „Annabelle“ in jeder Beziehung an die damaligen Horrorfilme anknüpft, ist der Film sehr unblutig und es dauert, abgesehen von den Satanistenmorden, schon eine Weile, bis etwas Schreckliches passiert, wobei die Tonspur für die größten Schreckmomente sorgt. Wenn plötzlich Türen von alleine auf und zu gehen, Elektrogeräte ein Eigenleben entwickeln oder auch Geister durch die Wohnung schleichen, toben die Soundleute sich schamlos und überlaut aus.
Die Story ist spätestens seit „Rosemary’s Baby“ (mit Mia Farrow), bis auf einige, wenige Überraschungen altbekannt. Eigentlich gibt es nur zwei Überraschungen: dass bereits nach wenigen Minuten die Nachbarn ermordet werden und dass es am Ende keinen pompösen Exorzismus gibt.
Oh, und wie schlimm eine eigentlich harmlose Nähmaschine sein kann. Jedenfalls wenn man jede Sekunde erwartet, dass Mia sich in den Finger sticht.
„Annabelle“ ist ein vernachlässigbarer Horrorfilm über eine sich nie bewegende, trotzdem Angst und Schrecken verbreitende Puppe, der niemals auch nur halbwegs die Qualität von dem grandiosen „The Conjuring“ erreicht.
Und weil Annabelle am Ende des Films noch nicht bei der Familie Warren gelandet ist, kann es noch viele weitere Filme mit ihr geben, die sich wahrscheinlich im plumpen Wiederkäuen der bekannten Geschichte – Puppe kommt in Familie, schlimme Dinge geschehen, Mensch(en) sterben, Puppe verschwindet – erschöpfen.

Annabelle - Plakat

Annabelle (Annabelle, USA 2014)
Regie: John R. Leonetti
Drehbuch: Gary Dauberman
mit Annabelle Wallis, Ward Horton, Tony Amendola, Alfre Woodard, Kerry O’Malley, Brian Howe, Eric Ladin
Länge: 99 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Annabelle“
Moviepilot über „Annabelle“
Metacritic über „Annabelle“
Rotten Tomatoes über „Annabelle“
Wikipedia über „Annabelle“
History vs. Hollywood untersucht den Fall „Annabelle“


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